Tagebuch [vor 20 Jahren…]

TAGEBUCH DES ALPTRAUMS
[Von AKTUELL zu „alt“ – unveränderte Abschriften meiner Tagebücher]

My beautiful pictureAuschwitz Stammlager | Zwischenräume

SCHLUSSBEMERKUNGEN

293 Tage Untersuchungshaft lagen nun hinter mir. Unvorstellbar, dass noch 557 weitere Tage in Haft vor mir liegen würden. Alleine die Haft im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit sollte noch fast ein weiteres Jahr dauern. Anschließend landete ich erst einmal wieder in München – Stadelheim. Und zu guter Letzt dann in der Festung Landsberg, wo bereits Hitler gesessen hatte.
Polemisch fragte ich, ob die Landsberger Festungshaft dem Verfassen eines Buches gewidmet sei? Auch der eigentlich kurze Zeitraum der Strafhaft [durch Rechtskraft des Urteils] verlief weiter schlimmst-möglich: Bei Ankunft in Landsberg am Lech sagte mir der dortige Direktor, Herr Döschl: „Erwarten Sie keinerlei Erleichterungen – niemand will sich hier der Gefahr aussetzen, der Sympathie mit Ihnen oder Ihrem Denken verdächtigt zu werden!“ Und so blieb es – entgegen jeglichen Strafvollstreckungsgesetzen und Vorschriften erhielt ich keine Lockerungen, keine Haft-Erleichterungen, keinen Ausgang, keinen Urlaub. Auch wurde ich zwischen den Strafvollstreckungskammern hin und her geschoben. Letztendlich wurde ich laut Beschluss auf „Halbstrafe“ entlassen – de-facto aber erfolgte diese Freilassung erst einen Tag vor Erreichen der Verbüßung von 2/3 der Haft. Und so verlor ich wegen 24 Stunden den Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Dienstag, 29. August 1995 [293/72] – URTEILSVERKÜNDUNG ist heute für 10.00 Uhr angekündigt. Der Saal ist wieder voll von Journalisten und Schaulustigen.

Der Schock: 3 ½ Jahre [Gesamtstrafe] OHNE Bewährung!!! ENDE.

1995_08_30_BN_Tagesspiegel_Althans_Urteil

Montag, 28. August 1995 [292/73] – Der ganze Tag ist von der Vorfreude auf Dich geprägt. Ich habe auch gute Laune. Hofgang morgens früh – dann liegen und warten – es ist ja alles getan. Zu essen gibt es Linsensuppe mit Würstchen. Uwe kommt zum Umschluss: Ich merke, dass er einen Halt braucht. Wir werden nicht zum Duschen geholt, also nur „stylen“ – rasieren und so.Sehr spät erst ist es dann soweit. Aber man will mich in eine Sicherheitszelle bringen – wegen Dir. Ich mache Theater, gehe wieder hoch in meine Zelle, wieder runter und lege diverse Beschlüsse vor*1. Ich darf doch in den normalen Besucherraum. Dann endlich: DU BIST DA! Der arme Papa sitzt fast nur daneben. Von unserem Wiedersehen – dem Ersten nach sechs Monaten – brauche ich wohl nichts zu schreiben. Aber ich habe wieder hoffnung – bekomme wieder Post mit Bildern – ich liebe dich über alles. Unglaublich, was du für mich bedeutest. Wieder in der Zelle bin ich etwa eine stunde lang sehr froh – doch dann muss ich sehr stark weinen. Sehr stark und sehr kurz. Danach lege ich mich hin und schlafe ein. Um 19.00 Uhr erst wache ich wieder auf und schreibe mein Tagebuch. Danach sehe ich noch fern. Morgen könnte alles gut werden. Aber ich habe große Angst. Mein Bruder Florian wird wieder da sein…

*1 In mehreren Verfahren musste der Umgang mit Silke gerichtlich geklärt werden. Unter anderem klagte ich [erfolgreich] gegen ein Berührungsverbot. Erst danach durfte ich Silke bei Besuchen berühren, in den Arm nehmen – ihr einen Kuss geben.

Sonntag, 27. August 1995 [291/74] – Ein ganz ruhiger Tag. Obwohl ich in meinen Gefühlen im ständigen Wechsel alles vom Weinen bis laut Lachen durchlebe. Ich kann sagen, was ich will, aber ich bin mir sicher, freizukommen. Um so größer wird die Enttäuschung sein… Nach dem Hofgang frühstücke ich in ruhe. Dann gibt es „La Boum“ im Fernsehen: dieser Film war und ist ein absoluter Kult-Film für mich. Er ist aus der Zeit – vor etwa 15 Jahren – als ich zum ersten Mal „verliebt“ war. Silke – Du warst damals gerade drei!Zu Essen gibt es Wildgulasch ohne Geschmack mit Nudeln und Rotkohl. Ich schreibe noch einen brief an Detlev, meinen ehemaligen Mitgefangenen und an Dich. Danach sehe ich nur noch fern und liege herum.

Samstag, 26. August 1995 [290/75] – Heute ist erst „zweite“ Hofgangstunde – also 8.30 – 9.30 Uhr. Aber ich bin schon früh auf, esse und lese. Bis zum Mittagessen schreibe ich ein wenig. Es gibt wieder mal Kartoffeln mit Weißkäsesoße. Klaus kommt zum Umschluss. Wir reden nett von Russland und der Zukunft. Nachmittags schreibe ich noch ein wenig, liege meistens herum und träume mehr und mehr davon, nächste Woche frei zu kommen. Ich bin glücklich, dass Papa Dich noch mit nach Hannover nehmen wird. Ob der Horror bal vorbei sein wird?

Freitag, 25. August 1995 [289/76] – Zum ersten Mal seit langem ist es morgens nicht mehr ganz so heiß. Hofgang um 7.30 Uhr – danach faulenzen und fernsehen bis zum Mittagessen. Es gibt Eintopf, ganz essbar. Zum Umschluss kommt Gerd zum Würfeln, aber um 13.00 Uhr kommt der Anwalt. Er gibt mir nur kurz eine Telefonnummer, unter der ich Dich anrufen soll. Du hast sie ihm durchgegeben. Gleich danach werde ich auch schon geholt. Wir versuchen, Dich anzurufen. Pech – niemand nimmt ab. Aber heute darf ich noch einmal um 16.00 Uhr versuchen, anzurufen. Also – langes, nervöses Warten. Dann – Du bist da! Es wird ein sehr aufbauendes, wenn auch kurzes Gespräch. Du gibst mir sehr viel Kraft und Hoffnung. Ich liebe Dich – und plötzlich freue ich mich auf Dein Kommen. So liege ich herum, träume von Dir und der Tag geht dahin. Wie hast du gesagt: „Nur noch drei Mal wach werden …“

Donnerstag, 24. August 1995 [288/77] – Vormittags netter Hofgang, dann muss ich zum Neurologen. Wir unterhalten uns aber nur. Gestern habe ich mich wiegen lassen. 75kg. Danach Frühstücksgruppe – wir sehen ein Video über Albert Schweitzer. Zu essen gibt es heute Herz-Ragout mit Kartoffelbrei und Rote Beete Salat. Außerdem kommt der (alle 14 Tage mögliche) Einkauf. Zum Umschluss kommt Uwe. Anschließend geht es wieder zum Duschen, obwohl wir bereits am Montag durften. Das bedeutet also, wieder zweimal pro Woche duschen. Gut so. Nachmittags ist politische Diskussionsgruppe. Post kommt und die Nachricht, dass es morgen mit einem Telefonat klappen soll. Wie wird es sein? Nachmittags schlafe ich erst, dann schreibe ich mein Tagebuch und werte Presse aus. Ach Silke – ich habe ein schlechtes Gefühl.

Mittwoch, 23. August 1995 [287/78] – theoretisch heute Kammergerichtstermin. Der wird wohl wegen Haftfortdauer auf kommende Woche verschoben werden. Wer weiß. Noch 78 Tage – dann sitze ich bereits ein Jahr. Normaler Hofgang heute – René fehlt?! Da Montag und Dienstag viel post kam, will ich diese noch heute abarbeiten. Vormittags jedoch erst mal Quassel-Gruppe. Zu Mittag Fisch mit Kartoffeln und Curry-Soße mit einem Stückchen Ananas. Zum Umschluss gehe ich zu Lothar und leihe mir einen Kuchen. Nachmittags mache ich noch die Post und hoffe, dass diese noch im Laufe der Woche raus geht.

Dienstag, 22. August 1995 [286/1(79)] – Heute wieder halber Hofgang und dann ab zum Prozess. Der Saal ist total überfüllt – mehr al 50 Journalisten alleine dabei – tja, aber es wird nichts mit dem erwarteten Urteil. Erst einmal hagelt es wieder Beweisanträge. Überraschung! Mein Bruder Florian ist da – wir dürfen in der Pause reden. Er berichtet mir, dass mein lieber Freund Ruben*1 meinen Ex‘ besuchen wird und während seines Aufenthaltes in meiner Wohnung wohnen wird.Die beiden wollen mich besuchen. Dann – am späten Nachmittag, doch noch Plädoyer. Erst von Krause – dann mein etwa drei-stündiges Schluss-Wort. Erst um 18.00 Uhr bin ich wieder auf der Zelle. Zu essen gab es mittags Reis mit gefüllter Paprika-Schote und Soße. Was für ein Tag. Nächsten Dienstag wird das Urteil gefällt. Irgendwie ist alles möglich. Was wird geschehen?

*1 Ruben Castillo aus Miami – einer meiner engsten Freunde [leider habe ich nach dem Tod meines Partners 2006 den Kontakt verloren – sollte jemand etwas wissen, bitte ich unbedingt um Info an bealthans@t-online.de] wohnte dann jedes Jahr in meiner Wohnung. Zum Eklat kam es für den Kubaner, als ein Date am Folge-Morgen mein Foto in der Wohnung entdeckte, und total ausrastete, wie Ruben mein Freund sein könne.

Montag, 21. August 1995 [285/2 (80)] – Es ist eigentlich Donnerstag [24.8.] – aber ich habe so viel Stress gehabt, dass ich erst jetzt aufschreibe, was „grob gesehen“ in den vergangenen Tagen geschehen ist.
Also: Am Montag setze ich mich gleich nach dem Hofgang hin und schreibe weiter an meinen Beweisanträgen. Mittags – nach einer super-ekelhaften Kohlrabi-Suppe kommt der Anwalt und wir arbeiten lange am Plädoyer. Danach schreibe ich noch lange weiter bis in den Abend an Anträgen.

Sonntag, 20. August 1995 [284/3 (81)] – Heute ist der Hofgang um 8.30 Uhr – vorher frühstücke ich. Ich habe wieder sehr von Dir geträumt. Wenn du mich doch bloß noch wirklich liebst … Ich bin nervlich so fertig, denke wieder total viel an Dich. Warum machst du mir alles durch dein Verhalten noch viel schwerer? Vormittags schreibe ich Dir. Dann gibt es Essen: Rinderroulade mit Erbsen und Möhren, Kartoffeln und Soße. Den Rest des Tages verbringe ich mit fernsehen und dem Schreiben von Anträgen.

Samstag, 19. August 1995 [283/4 (82)] – Wieder haben wir sehr frühen Hofgang. Vormittags dann schreibe ich ein wenig, sehe sonst fern. Zu Essen gibt es am Mittag zwei hartgekochte Eier mit Specksoße, Kartoffeln und Sellerie-Salat. Klaus – der schon seit drei Jahren in U-Haft sitzt – kommt zum Umschluss. Wir unterhalten uns sehr nett. Nachmittags schlafe ich ein. Erst am Abend werde ich wieder wach und mache noch ein wenig Post.

Freitag, 18. August 1995 [282/5 (83)] – In zehn Tagen also kommst Du, oder? Das für heute mir zugesagte Telefonat platzt erneut, da man mich wieder einfach mal vergisst. Zu kotzen. Ich habe ein sehr ungutes Gefühl. Außerdem kommt heute auch keine Post zum Wochenende. Wieder mal alles Scheiße. Beim Hofgang am Morgen treffe ich Stefan – ein Ultra-Kommunist, der auch bei der Polit-Gruppe dabei ist. Wir unterhalten uns recht gut, aber er ist ein Spinner. Vormittags werte ich die Presse aus. Mittags gibt es Grüne-Bohnen-Eintopf. Und gleich danach kommt der Anwalt wieder. Gegen 14.00 Uhr bin ich wieder auf der Zelle, lege sehr traurig herum, da das Telefonat mit Dir wieder nicht stattfindet. Erst am Abend schreibe ich noch ein wenig. Ich will dich wiederhaben, Kind.

Donnerstag, 17. August 1995 [281/6 (84)] – Was soll man noch schreiben?! Wach um 5.00 Uhr – Auf um 6.00 Uhr – Frühstück um 7.00 Uhr – Hofgang um 7.30 Uhr.Regenbogengruppe um 9.30 Uhr – es gibt Eiskaffee. Das erste Kalte in diesem Jahr! Wir hauen uns den Bauch voll bis uns schlecht wird und spielen dazu ein lustiges Gesellschaftsspiel. Wieder in der Zelle kommt Post von Papa; dass du und er am 28. August kommen werdet. Endlich! Ich kann es gar nicht richtig glauben. Zu Essen gibt es heute Wurstgulasch mit gemischtem Gemüse und Kartoffeln. Gerd kommt zum Umschluss – wir würfeln. Aber schon kommt der Anwalt. Wir reden über das Plädoyer. Da das relativ lange dauert, bekomme ich nur noch den Schluss der politischen Gruppe mit. Wieder auf der Zelle, wurstel ich nur so herum. Ich muss mich noch rasieren. Ansonsten habe ich zu nichts Lust.

Mittwoch, 16. August 1995 [280/7 (85)] – Heute vor genau sechs Monaten begann die Münchner Überhaft. Überhaupt kommt Bewegung in die Sache, da sich der Sozialarbeiter einschaltet. Ich habe mich ein ganz wenig beruhigt. Beim Hofgang merke ich es. So werde ich in den kommenden Tagen erst einmal schwer an weiteren Beweisanträgen arbeiten. Vormittags Ablenkung durch die „Selbsthilfegruppe“. Zu essen gibt es Fisch mit Kartoffeln und Soße. Zum Umschluss kommt Gerd zum Würfeln. Am Nachmittag kommt Krause – er bringt Klarsichthüllen mit, sodass ich den ganzen Nachmittag Akten aufräumen kann. Später schreibe ich erst einmal die offene Stellungnahme gegen das Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Der Prozess wird wohl doch bis zum 29. dauern. Silke – jeden Tag hoffe ich, dass du mich (noch) liebst.

Dienstag, 15. August 1995 [279/8 (86)] – Wie jeden Tag beginnt auch der heutige Tag mit frühem Hofgang. SPIEGEL und FOCUS kommen heute. Ich lese beide, beantworte Post und schreibe auch an Dich. Den ganzen Tag über bekomme ich immer wieder Wein-Krämpfe. Ich bin nervlich sehr am Ende. So bekomme ich außer der Post nicht viel auf die Reihe. Zu essen gibt es Fleisch-Klopse mit Kraut und Kartoffeln, Umschluss mache ich mit Lothar. Die meisten meiner Mitgefangenen glauben, dass ich nach der Verurteilung erst einmal frei komme. Das wäre schön. Ich glaube es aber nicht mehr.

Montag, 14. August 1995 [278/9 (87))] – 9. Prozesstag! Man denkt ja, dass man sich nach einer gewissen Zeit an die Verhandlungstage gewöhnt hat. Aber auch heute morgen ist mir wieder kotzübel. Auch die [Anm. psychisch bedingten] Haarschuppen sind wieder eklatant. Es nervt und tut weh. Sehr früh bin ich fertig – darf wieder eine halbe Stunde mit zum Hofgang. Es regnet. Dann durch die Tunnel ins Gericht – dort wird erst der Befangenheitsantrag offiziell abgelehnt. Dann stelle ich meine letzten Beweisanträge. In der Mittagspause bin ich sehr nervös – esse nur sehr wenig. Erbsensuppe mit Wienerl. Dann hält der Staatsanwalt sein Plädoyer. Inhaltlich erschreckend schwach und haltlos. Aber – er fordert 2½ Jahre Haft + München als 3 Jahre Gesamt-Strafe und Haftfortdauer. Das könnte also noch 1½ Jahre Haft-Fortdauer bedeuten. Aber ich gehe bei Verurteilung natürlich in Revision. Wir plädieren aber erst am nächsten Dienstag. Dann wird wohl auch das Urteil gefällt. Das Schlimmste aber ist, dass man mich theoretisch (auch mit weiterer Haft) entlassen könnte. Die Hoffnung darauf wird gigantisch sein. Ich könnte von Papa und Dir quasi abgeholt werden. Aber – das wird man sicher nicht machen. Und das ist das Schlimme hier an Haft und Strafe. Relativ bald darauf, etwa gegen 14.30 Uhr, bin ich wieder in der Zelle. Es gibt noch eine Menge Post. Ansonsten schiebe ich eine „ruhige Kugel“. Abends nur noch Tagebuch schreiben.

Sonntag, 13. August 1995 [277/10 (88)] – Ich hasse Sonntage im Knast. Nach dem Hofgang um 7.30 Uhr frühstücke ich. Danach lese ich in den beiden neuen Büchern*1 – nebenbei läuft bereits der Fernseher*2. Mittags gibt es Schinkenbraten mit Kartoffeln, Soße und Rahm-Broccoli. Danach schreibe ich an Dich, aber ich muss wieder total weinen. Nachmittags schlafe ich – erst Abends schreibe ich an Papa. Ich merke, dass ich wieder ganz unten bin. Ich bin kraft- und willenlos – völlig labil. Ich habe Angst vor der Zukunft.

*1 Die beiden neuen Bücher waren „DIE SIEBTE MILLION“ von TOM SEGEV, Israel und „ENDLÖSUNG“ von GÖTZ ALY, taz Berlin.
*2 Früher habe ich fast nie fern gesehen. Erst in der Haft wurde das Gerät zum Begleiter und Gesprächspartner in der Einsamkeit. Irgendwie hat mich diese „Sucht“ nie mehr verlassen…..

Samstag, 12. August 1995 [276/11(89)] – Wieder geht es mir sehr schlecht. Ich gebe Dich wieder mal völlig auf, mache dir in Selbstgesprächen unglaubliche Vorwürfe. Als es um 7.00 Uhr Frühstück gibt, frage ich nach, wann heute Hofgang sei. Es heißt: „Wie immer.“ Dennoch müssen wir heute bis 9.45 Uhr warten, bis es los geht. Und dennoch KEINE Sonne. Der Vormittag ist so schnell vorbei. Zu essen gibt es nur Kartoffeln mit Käsequark-Soße. Zum Umschluss kommt Uwe – ein Bodybuilder und Pseudo- Rechtsextremer aus Dresden, der wegen Auftragsmord sitzt. Dafür kann man 15 Jahre kriegen – er rechnet mit 3-4. [Keine Fragen mehr] Nachmittags lese ich, rasiere ich mich, schreibe noch ein wenig und sehe – wie immer – fern.

Freitag, 11. August 1995 [275/12 (90)]– Schon daran, wie schlecht ich wieder geschlafen habe und dass ich bereits um 5.00 Uhr wach – hellwach – bin, merke ich, wie depressiv ich bin. Das ist ja auch kein Wunder. Vergeblich habe ich Dir erneut vertraut/geglaubt. Aber – Du bist wieder weder gekommen noch hast du geschrieben. Es ist zum kotzen. Wieder streite ich beim Hofgang, aggressiv wie ich bin, mit René – heute über Religion. Dann hänge ich auf der Zelle herum. Gegen 11.00 Uhr kommt der Pfarrer. Ich hatte gedacht, einen Sondersprecher [Anm. für die Besuchszeit] mit Dir bei ihm zu bekommen, sodass wir zwei statt einer Stunde hätten. Aber – KEINE Chance. So bleibt mir nur, ihn zu bitten, Papa noch einmal anzurufen und auf Dich „anzusetzen“. Du musst endlich kommen. Ich muss wieder weinen, ich bin nicht in der Lage, über Dich zu reden. Zu Essen gibt es Kohl, Kartoffeln und Fleischpflanzerl – ich esse sehr wenig. Gerd ist wieder zum Umschluss da, wir spielen „Mensch ärgere Dich nicht“. Das habe ich schon lange nicht mehr getan. Es lenkt etwas ab. Ich bin wieder total fertig wegen Dir. Außerdem hat die Psychologin mich heute wieder vergessen – wir können nicht einmal telefonieren. Das alles macht mich echt total fertig. Erst spät am Nachmittag kommt der Pfarrer noch einmal. Er hat Papa erreicht. Dieser will versuchen, Dich am Wochenende zu erreichen und einen gemeinsamen Besuch zwischen dem 21. und 25. August zu organisieren. Ob das klappt? Da ich mich auf Papa – im Gegensatz zu Dir – total verlassen kann, habe ich sehr große Hoffnung. Es geht mir wieder ein wenig besser. Dennoch merke ich, dass ich emotional wieder einmal ganz unten bin. Bei der Post ist ein ungewöhnlich lieber Brief einer mir unbekannten Person dabei. Komisch! Bis spät in die Nacht hänge ich wieder wach nutz- und sinnlos herum.

Donnerstag, 10.08.1995 [274/13 (91)] – Jeder nun beginnende Tag ist schon wieder Unrecht. Die Zeit wäre vorbei gewesen [Anm. München verurteilte mich zu 1½ Jahren Haft – da ich Erst-Strafer war, wäre eine Aussetzung zur Halbstrafe as Späteste gewesen!] – Aber die derzeitigen Haftverhältnisse ermöglichen weitere 18 Monate Haft [Anm. da das Münchner Urteil gerade erst rechtskräftig geworden war – und man eine Anrechnung der bisherigen NEUN Monate Berliner U-Haft verneinte, war ALLES OFFEN]. Das macht mich ziemlich fertig. Auch der Umstand, dass Du – wie ich für diese Woche erhofft hatte – nicht gekommen bist, obwohl Du es zugesagt hat, ist sehr niederschlagend. Deine Passivität kotzt mich total an. Und – Dich kritisieren traue ich mich auch nicht – weil Du sonst vielleicht „wegläufst“. So gut kenne ich Dich dann doch. Scheiße eben. Nach dem Hofgang – bei dem ich mich sehr aggressiv mit René unterhalte – Frühstücksgruppe. Wir reden über Urlaub und Amerika. Ich träume. Aber selbst hier ist mir heute langweilig und ich bin in Gedanken nur bei Dir. Mittags kommt unwichtige Verteidigerpost gleich von allen drei Anwälten. Zu essen gibt es Schafgulasch mit Kartoffelbrei. Und Einkauf – man regt sich darüber auf, dass ich so viele Getränke eingekauft habe. Egal – künftig kann ich wieder jede Woche etwas einkaufen. Okay. Da das Essen viel zu spät kommt, ist heute erst um 12.40 Uhr Umschluss. Lothar kommt, aber ich muss noch zum Hausbüro, zwei Bücher annehmen. Das dauert nur sehr kurz. Nach dem Umschluss mal wieder politische Gesprächsgruppe: Thema 1 – Mein Prozess; Thema 2 – Joschka Fischer und der Krieg in Jugoslawien. Es geht wieder mal heiß her. Na ja – und dann bin ich wieder in der Zelle, räume etwas auf und gammle herum. Ich lese noch in den Büchern, hoffe – morgen mit Dir telefonieren zu dürfen und schreibe noch an den Pfarrer wegen Deines Besuches. Ich liebe Dich viel zu sehr.

Mittwoch, 9. August 1995 [273/1+14 (92)] – NEUN MONATE HAFT – Theoretisch Halbstrafe München! So etwas macht sehr nachdenklich. Nach dem üblichen 7.30 Uhr Hofgang geht es zur Selbsthilfegruppe. Klaus (netter, kluger Kopf – seit DREI Jahren in U-Haft; soll u.a. viele Millionen unterschlagen haben und in einen Auftragsmord durch „Chinesen-Kalle – einem REP-Bodyguard – verwickelt sein) ist jetzt auch dabei. So wird es recht lebhaft und lustig. Danach gibt es Fisch (eine Art Fischbrei-Braten-Scheibe) mit Soße, die nach Käse schmeckt und Kartoffeln. Und heute sogar zum Nachtisch Vanille-Pudding. Gerd kommt wieder zum Umschluss. Ach ja – gestern war Aufschluss. Heute gibt es Kuchen, den ich von Klaus bekommen habe – wir würfeln mal wie „früher“ mit Mirko.
Nachmittags schreibe ich die Hoffnung ab, Dich diese Woche – wie du behauptet hattest – noch zu sehen. Du bekommst es eben nicht auf die Reihe. SEHR schade. Da ich mich mit der neuen Haftzeit beschäftige,beschließe ich, Papa erneut zu schreiben. Ich habe doch wieder sehr viel Verzweiflung im Kopf. Auch an FOCUS schreibe ich noch einen Leserbrief.

Dienstag, 8. August 1995 [272/22+14(93)] – Mein Bruder Florian hat heute Geburtstag. Für mich wird es der absolute Schlaftag. Zwar gehe ich morgens zum Hofgang und Gerd, der „Trottel“ , kommt zum Umschluss. Aber sonst läuft der Fernseher den ganzen Tag – ich liege nur herum und überlege, ob und wann Du kommen wirst. Zu Essen gab es Kohlroulade mit Kartoffeln. Sonst war absolut nichts – außer Hitze.

Montag, 7. August 1995 [272/3+14] – Nun ja – der Beitrag in SPIEGEL-TV war nicht ganz so schlimm, wie ich befürchtete. Aber – wie ich gesagt habe, ging der Schuss nach hinten los: Du bist als „die Blöde“ dargestellt worden – und sehen konnte man Dich auch zur genüge. Naja – ich werde Dir heute noch extra dazu schreiben. Ich habe gezählt – noch 94 Tage und ich sitze genau ein Jahr. Das würde eigentlich bereits 2/3 der Münchner Strafe bedeuten. Wie lange soll as noch so weitergehen? Ich habe noch eine fette Beschwerde wegen des Frisör-Termins geschrieben – weshalb muss ich derart lange warten? Wie immer beginnt der Tag mit dem Leeren des Müll um 6.30 Uhr. Frühstück (2 Scheiben Weißbrot mit Marmelade) um 7.00 Uhr – dann um 7.30 Uhr Hofgang. Um 9.00 Uhr Abgabe meiner Stellungnahme beim Urkundenbeamten. Dann sehe ich fern. Da ich noch müde von gestern bin, schlafe ich ein und wache erst zum Mittagessen wieder auf. Es gibt die taz und Post – wieder sind 20 DM in bar dabei [Anm. Test ?!] die ich abgebe.Zu Essen gibt es „Weiße Bohnen Eintopf mit Bockwurst“. Zum Umschluss kommt ein Nebbich*1. Ich habe zuvor von ihm erzählt – dumm aber Abwechslung.
Das versprochene Nachgespräch mit Dir fällt aus. Nach dem Umschluss duschen – danach – man staune – zum Frisör. Es kommt mir so vor, als wenn ich mich schon auf Deinen (angeblichen oder erhofften) Besuch vorbereiten würde. Am Nachmittag rasieren, Maniküre und fernsehen. Dann schreibe ich Dir noch.

*1 Nebbich [jüd.] für jemanden, der sehr unbedeutend ist.

AUSZUG AUS MEINEM BRIEF AN MEINE FREUNDIN ZU S P I E G E L T V:

So – gestern habe ich SPIEGEL-TV gesehen. Heute werde ich es noch einmal au VOX sehen. Tja – was soll ich sagen? Also, erst mal möchte ich vorweg feststellen, dass es längst nicht so schlimm war, wie ich befürchtet hatte. Irgendwie war es gar – nach der ganzen Hetze zuvor – fast milde Hetze. Das Zündel sich nun doch offen gegen mich gestellt hat, bedaure ich sehr, denn ich schätze ihn weiter und habe ihm vieles zu danken. Aber – das war absehbar. Auch Niemann*1 hat sich typisch verhalten. Das er so handeln würde, liegt an ihm selbst. Er tut mir leid. Und Wiesel*2 – warum dieser Trottel so einen Quatsch erzählt? Ich habe niemals auch nur einen Pfennig Geld aus Spenden privat verwendet. Auch hat mir nie einer meiner Geld-Geber solch einen Vorwurf gemacht*3. Der Quatsch mit den 20,-DM und dem Cocktail, der stammt ja eher von ihm selbst?! Wer hat denn völlig über seine Verhältnisse gelebt, dicke Autos gefahren etc.? Komisch – mir macht das alles nichts aus. Nur Du – mein Spatzelchen – Du solltest dich vor solchen Leuten nun wirklich schützen. Und – ausgerechnet die kleine Schmarotzerschlampe*4 erfrecht sich, etwas über mich zu erzählen. Mir reicht noch die Erinnerung an ihre Show mit dem kleinen Hund [Anm. ?]. Als wenn die was von Wiesel wollte außer Geld… Gelächter! Was dich betrifft, so hatte ich Dich ja gleich gewarnt: Erst stellt man Dich als blödes Dummchen hin. Und ich bin natürlich zu der 16-jährigen (!) Linken (also Dir) gegangen, weil ich bei den Schwulen Hausverbot hatte. So ein Schwachsinn – und – Du weißt es ja. Ich habe es mir verdammt schwer gemacht – und du warst 17, als wir zusammen kamen. Außerdem ist das Alter doch total o.k.. Und – von wegen, man erkennt Dich nicht – die haben Dich doch total reingelegt. Indem sie die Szene aus dem Münchner Gericht gezeigt haben, hat dich jeder erkannt. Und so werden Dich wohl noch eine Menge weiterer Journalisten und andere Personen anquatschen. Bitte ignoriere es – bitte rede nie wieder mir irgendwelchen Presseleuten. Okay? Denen hat es doch wegen der „Schwulen-Sache“ so richtig gepasst, Dich von hinten zu zeigen, mit kurzen Hosen und – Deine Stimme war auch tiefer als sonst…. Zum kotzen. Verdammt nochmal – wann wird ma uns in Ruhe lassen? Und was glaubst du, wie schlecht es mir ging, Dich zu sehen – mein Gott, wie sehr Du mir fehlst – wie weh es noch tut. Diese Szene aus dem Münchner Gericht hat mich richtig fertig gemacht. Was du im Einzelnen gesagt hast, war sehr lieb. Du fandest mich schön? Niedlich. Ob ich dir – wenn wir uns wiedersehen – überhaupt noch gefalle?
Ich hoffe sehr, dass du es schaffen wirst, sehr bald zu Besuch zu kommen. Meine Silke, ich liebe Dich ganz doll und möchte mit Dir mein künftiges Leben leben… Vergiss mich nicht – gib mich nicht auf. Wir gehören zusammen.

*1 Stephan Andreas Niemann war Mitarbeiter im DJBW und – von mir als Geschäftsführer des AVÖ in München vorgesehen. Während seiner Amts-Einführung, zu der er mit Frau und Kind im Laden wohnte, eskalierte die Gewalt. Der Druck der Gegner [Demos, Bomben u.a.] eskalierte; Niemann misstraute zudem meinem Finanz-Gebaren. Seine Vorwürfe hatten keine Substanz – führten dennoch zur Beendigung seiner Arbeit in München.
*2 Stephan Wiesel übernahm – nachdem die Übernahme des Ladens durch Niemann gescheitert und mein Arbeitsverhältnis bei Zündel beendet war, aus eigenen Mitteln [er bediente sich dazu vorrangig der finanziellen Hilfe seiner Tante] das Ladengeschäft. Angedacht war, dass er das AVÖ schließt; der Laden sollte wegen seiner Bekanntheit nun als seine Herzog-Heinrich_Buchhandlung fortgeführt werden. Was aus ihm – nach unserem gemeinsamen Berufsverbot wurde – entzieht sich meiner Kenntnis.
*3 Ilsebill Todt, Tochter des NSDAP Ministers und Leiters der Organisation Todt, war die einzige Förderin, die sich wegen des [unbegründeten] Vorwurfes des Geld-Missbrauches von mir abwandte. Zuvor hatten sie und ihre Schwester – beide in der Münchner „Hautevolee“ zu Hause, mich regelmäßig mit 500,-DM Scheinen pro Begegnung unterstützt. Eines Tages – ich hatte irgend ein besonderes Ereignis zu feiern – bekam ich von einem rumänischen Unterstützer, Julian N., mehrere Kisten Wein und Champagner [er handelte beruflich damit]. Ich lud die mir „Nahen“ ein – auch Frau Todt, die im Anschluss unterstellten [ohne mich zur rede zu stellen] – ich habe diese Getränke / Feier von Spendengeldern finanziert.
*4 Die „Schmarotzerschlampe“: So, wie die meisten „Kameraden“ damals suchte Stephan, ich und andere unsere Lebenspartner[_innen]. Stephan – der immer etwas hitzig, etwas zu korpulent und unbeherrscht war, fand irgendwann für eine Zeit lang jenes junge, unpolitische Mädchen, dass – von den Eltern abgehauen – einfach Begleiterin für eine Weile war. Zwischen den Beiden aber lief m.E. nie etwas.

Sonntag, 6. August 1995 [271/4+14] – Was soll man über einen solchen Sonntag schreiben? Es ist ein weiterer gestohlener Tag in der Blüte meines Lebens. Es ist zum Kotzen. Um 8.30 Uhr ist Hofgang. Vorher esse ich zwei Scheiben Weißbrot (Anm. gab es manchmal am Sonntag] mit Marmelade. Mittags gibt es Nudeln mit Gulasch und Wachsbohnensalat. Nachmittags esse ich eine Tafel Schokolade und abends eine Scheibe Graubrot mit Salami. Ich schreibe einen Brief an Dich und einen an das Gericht. Den Rest des Tages liege ich sinnlos auf dem Bett herum, sehe von morgens bis nachts fern, bzw. schwitze mich zu Tode. Völlig sinnlos! Abends schreibe ich noch mein Tagebuch und warte wieder mehr und mehr nervös werdend, auf SPIEGEL TV um 22.00 Uhr. Aber davon berichte ich doch erst morgen früh.

Samstag, 5. August 1995 [270/5+14] – Ich habe wieder Hoffnung wegen Dir. Aber dafür sehe ich kein Ende für die Haft. Auch heute wieder sehr früher Hofgang. Danach liege ich herum, lese, schaue fern. René hat es heute wieder geschafft, bei uns mitzulaufen. Zum Essen gibt es heute sogenannte Leberknödel – ein Bayer würde einen dafür hinrichten lassen. Dazu Kartoffelbrei mit Tomatensoße (!!!) und Superschleim-Sauerkraut. Das kann man mit der Gabel anpieksen und in einem Stück hochheben. Ekelhaft! Zum Umschluss gehe ich zu Lothar. Der spendiert einen Marmorkuchen. Wir quatschen recht nett. Er ist letzte Woche wegen des Besitzes von zwei Kilogramm Kokain zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt worden. – Lächerlich! Normal sind etwa sechs Jahre. Die Hintergründe für das lachhafte Urteil sind so brisant, dass ich sie nicht einmal niederschreiben kann. Nur ein wenig Schreiberei am Nachmittag. Ansonsten liege ich herum und schlafe ein wenig. Im Gedenken an HIROSHIMA ist die taz heute sehr dick und sehr interessant. Ich liebe dich mein Spatzelchen.

Freitag, 4. August 1995 [269/6+14] – Rechtsanwalt Krause ist im Urlaub – ich im Knast. Um 7.30 Uhr Hofgang, danach lese ich im neuen STERN. Von Papa kommt Post. Der Vormittag ist geprägt von Bauchschmerzen, weil ich Angst habe, dass es beim Telefonieren mit Dir Ärger geben wird. Deswegen esse ich auch sehr wenig – es gibt Brühnudeln. Ich zittere total. Uwe, der (mögliche) Mörder kommt zum Umschluss. Wie erwartet, werde ich kurz nach 13.00 Uhr zum Telefonat geholt. Tja – Silke, viel brauche ich hier ja nicht zu schreiben: Du hast es wieder einmal geschafft, mich auf Deine Seite zu ziehen. Du wolltest etwas „für“ mich tun. Aber der „Schuss“ wird nach hinten los gehen. Und – wahrscheinlich wirst Du auch Dein erneutes Versprechen, zu kommen, nicht einhalten. Das wäre erneut sehr schmerzhaft. Die Situation bleibt Scheiße. Alles in allem geht es mir nach dem Telefonat mit Dir aber relativ gut. Abends kommt noch die Stellungnahme von Brüning zum Befangenheitsantrag: ein Armutszeugnis. Ich werde am Wochenende meine Stellungnahme dazu fertigstellen. Abends beantworte ich bereits meine Post. Nur an Dich werde ich erst am Samstag schreiben. Abends gibt es im Fernsehen die „Rocky Horror Picture Show“ – eine gute Hilfe zum Träumen. Da ich alles auswendig kenne, singe ich alles abends laut mit. Tolle Party – was? Ist ja auch Wochenende…

Donnerstag, 3. August 1995 [268/7+14] – In einer Woche sitze ich seit genau neun Monaten. Heute geht es schon um 7.30 Uhr los, da der Prozess um 8.00 Uhr beginnt. Es wird der Auszug aus dem Zentral-Register – also die Vorstrafen – verlesen. Ich nehme dazu Stellung und stelle einen weiteren Beweisantrag: Franciszek Piper, den derzeitigen Direktor von Auschwitz zu laden. Da rückt der Staatsanwalt mit der Wahrheit raus: Ich bin angeklagt für das, was ich (laut ihm) meine – nicht für das, was ich sage. Das heißt, sie haben nichts in der Hand! Egal – Prozess-Ende. Um 9.00 Uhr bin ich schon wieder in der Zelle. Von 10.00 – 12.00 Uhr ist Frühstücksgruppe. Zu Mittag gibt es Königsberger Klopse mit Kartoffeln und Kapernsoße. Uwe kommt wieder zum Umschluss. Danach erledige ich einige Schreibarbeiten. Da kommt die Psychologin und teilt mit, dass wir morgen wieder telefonieren können. Und sie sagt, dass du heute Abend ein Interview mit Spiegel-TV machen wirst. Ich drehe innerlich durch. Ich HASSE Dich erstmals – von ganz tief innen heraus. Das ist so oder so das Letzte, ein Bruch unserer Vereinbarung. Es wird, das weiß ich, katastrophale Folgen haben. Ich möchte am liebsten nicht mehr mit Dir reden. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Es ist das Allerschlimmste, was bisher passiert ist. Du redest mich ins Gefängnis. Hast auch Du nur ein falsches Spiel gespielt? Welche rolle spielst Du? Warum tust Du mir das an … [Anmerkung 2015: Ich kann mich überhaupt nicht mehr in meine damaligen Gefühle bezüglich dieser überzogenen Verärgerung zurück versetzen? Warum war ich wütend – was befürchtete ich? Vermutlich gung es meiner damaligen Freundin genauso wie jedem, der mir nah stand: Die Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit meiner Lage brachte die Menschen dazu, alles zu tun und keine Chance oder Hoffnung unversucht zu lassen, meiner elenden Lage ein Ende zu bereiten.]

Mittwoch, 2. August 1995 [267/8+14] – Heute ist nur Erholung angesagt. Nach dem Hofgang ist Selbsthilfegruppe – nur „blablabla“. Zum Essen zurück in der Zelle gibt es Fisch mit Meerrettich-Soße und Kartoffeln. Zum Umschluss kommt Uwe – ich muss mal wieder ein paar neue Kontakte anknüpfen. Er sitzt, weil er mit anderen zusammen einen Auftragsmord für Geld begangen haben soll. Das kann 10 – 15 Jahre geben … Jaja! Na – wenigstens mal wieder eine andere Geschichte. Der Anwalt kommt noch. Aber er bleibt nur sehr kurz. Und dann geht auch dieser Tag wieder mit herumliegen und fernsehen bei der Hitze vorbei. Allein – ich schreibe noch neun Briefe.

Dienstag, 01. August 1995 [266/9+14] – Antjes Geburtstag und 7. Prozesstag! Kurz darf ich noch zum Hofgang. Dann – im Saal angekommen – ist der erste Zeuge der Chef des Bayrischen Verfassungsschutzes, Förster, der nur Scheiße erzählt. Zumindest aber wird klar, dass ich nicht mehr aktiv bin und auch/aber KEIN VS – Agent gewesen bin. Dann ist Heidi als Zeugin dran. Sie ist sehr verschüchtert. Der Richter scheißt sie gleich erst einmal an. In der Mittagspause erfahre ich, dass mein Ex‘ überraschend mitgekommen ist, und sich bereit erklärt hat, ebenfalls auszusagen. Ich bin sehr glücklich*1. Nach dem Essen (Kartoffelbrei mit Wurstgulasch und Bohnensalat) ist erst einmal Peer dran. Dann mein ehemaliger, erster schwuler Freund. Er ist fast zwei stunden als Zeuge dran. Es ist sehr bewegend – ich muss weinen. Im Anschluss stelle ich wieder versuchsweise einen Beweisantrag [genauer gesagt, ich versuche, mittels einer Erklärung mit anhängenden Beweis-Anträgen Klarheit über verwendete und miss-interpretierte Begriffe zu schaffen] – Text hier aber der Richter unterbricht mich erneut und nennt den Historiker und taz-Redakteur Götz Aly eine „dubiose Quelle rechtsextremer Propaganda“*2. Also – Befangenheitsantrag. Dieses Verhalten beweist die Haltlosigkeit der Anklage erneut. Ich habe in der Zelle – obwohl ich mit den drei Zeugen [meinen Freunden] nicht reden durfte, relativ gute Laune. Dennoch liege ich heute nur noch herum und sehe fern. Es gibt noch einen Batzen liebe Post. Sonst nichts. Wann werde ich Dich sprechen?

*1 Mein Ex‘ hatte gerade sein Studium abgeschlossen. Eigentlich wollten wir eine gemeinsame berufliche Zukunft beginnen – bereits seit mehreren Jahren hatte ich ja versucht, mir ein neues wirtschaftliches Standbein aufzubauen. Von irgendetwas musste ich ja auch ohne Gehalt von zündel künftig leben. Damit sein beruflicher Start nicht durch mich beschädigt würde, hatten wir eigentlich vereinbart, dass er im Verfahren im Hintergrund bleibt. Als absehbar wurde, dass ich keine Chance auf ein faires Verfahren hatte, entschlossen sich viele meiner Freunde und Bekannte, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Schicksal, nunmehr doch offen für mich zu kämpfen.
*2 Im Dokument [Link] kann man die DIENSTLICHE ÄUSSERUNG des Vorsitzenden Richters dazu im Wortlaut lesen.

Auschwitz

Montag, 31. Juli 1995 [265/10+14] – Noch 100 Tage, dann ich ein Jahr vorbei. Erst der Winter – dann der Frühling und jetzt der Sommer … In vier Wochen ist der auch vorbei.

Gestohlenes Leben – wie es schlimmer kaum geht!

Ob mein Bettelbrief – Du mögest doch nun endlich kommen – wohl helfen wird? Ich glaube nicht. Um 6.30 Uhr geht heute Morgen die Bettwäsche raus. (Apropos: Hatte ich geschrieben, dass ich am letzten Freitag mal wieder Grundreinigung der Zelle gemacht hatte?) Wie immer – früher Hofgang – René ist wieder dabei. Es ist ziemlich warm. So liege ich den Vormittag nur herum.Es kommt nur die Bettwäsche und die schöne, neue Uhr von Papa. Zu Essen gibt es heute Milchreis mit kalten Kirschen – lecker! Dann – gegen 14.30 Uhr – nachdem ich erstmals seit 14 Tagen wieder duschen konnte, kommt der Anwalt und wir sprechen alles durch. Peer und Heidi kommen morgen als Zeugen*1. Was das wohl wird? Der Anwalt wirkt sehr bedrückt. Er hat wohl Angst wegen des „heißen Eisens“ [Anm. Auschwitz – „Attrappe oder nicht“?!] Wieder in der Zelle, schreibe ich am Abend noch weiter an meiner Erklärung.

*1 Peer und Heidi gehörten zu meinem neuen Freundeskreis, den ich mittlerweile seit mehreren Jahren in München hatte. Sie waren mir mir und meinem damaligen Freund mit durch die Entfremdung aus der alten politischen Denke hinein in Coming-Out und die ganzen damit verbundenen, teils sehr komplizierten und schmerzhaften Momente gegangen.

Sonntag, 30. Juli 1995 [264/11+14] – Ob Du mich überhaupt noch wirklich liebst?! Wieder einmal ärgere ich mich, dass wir selbst am Sonntag um 7.30 Uhr zum Hofgang müssen. Im Anschluss lege ich mich daher auch wieder hin und schlafe durch bis zum Mittagessen. Es gibt ein winziges fettiges, rotes Stück Fleisch – angeblich Rinderbrust – mit Meerrettich-Soße und Kartoffeln. Am Nachmittag beende ich meine Post an Dich und schreibe weiter an meinen Auschwitz-Beweisanträgen. Da es sehr heiß ist, unterbreche ich immer wieder und lege mich hin. Der Fernseher läuft den ganzen Tag. Das Ganze – das will ich hier noch unbedingt notieren – ist irgendwie kein richtiges Tagebuch mehr. Ich bin unehrlich geworden, da ich Dir in meinen Berichten meine Gefühle verschweige. Aber ich bin gefühlsmäßig total am Ende – es geht nicht mehr. Ich werde auch diese regelmäßigen Notizen nur noch bis zum Urteil schreiben. Es hat ja doch keinen Sinn. Ich sitze und sitze und sitze …

Samstag, 29. Juni 1995 [263/12+14] – Ich bin total früh wach. Hofgang ist aber erst um 8.30 Uhr. René ist erstmals nicht mehr bei uns dabei sondern bei einer anderen Gruppe. Nach dem Hofgang schreibe ich die ganze Zeit an der Post. Zu Essen gibt es Ravioli – zum Glück habe ich geriebenen Parmesan-Käse gekauft. Zum ersten Mal haben die Ravioli so etwas Geschmack. Zum Umschluss kommt Lothar, später auch noch „Fuchs“, so ein richtiger Ganove. Es ist wie Reality-TV: Er soll zur sogenannten Berliner Kaiser-Bande gehören, die Unmengen von Überfällen gemacht hat und dabei nicht nur mehrere Millionen ergaunerte, sondern auch mindestens vier Menschen ermordete. Das glaubt einem keiner. Ich habe zum Einkauf einen Apfelkuchen gekauft. Den spendiere ich heute.Den ganzen Nachmittag nach dem Umschluss (war heute von 12.00 – 13.30 Uhr) schreibe ich weiter meine Post. Außer einem Brief an Dich habe ich am Abend auch alles fertig. Es ist wieder total heiß. Abends, als mir die Hand vom vielen Schreiben schon richtig weh tut, schreibe ich, wie du zuvor schon gelesen haben wirst, mein Tagebuch. Ich wünsche mir sehr, dass du mich endlich wieder mal besuchst.

Freitag, 28. Juli 1995 [262/13+14] – Nach dem Hofgang erfahre ich, dass ich nun ein „Strafer“ bin. Dennoch besteht auch die Münchner U-Haft weiter. Zudem ist als Haftende der 23. Januar 1997 [!!!] angegeben, ich verliere schon wieder die Nerven. [Anm. Hier soll auf die Verbüßung der nun rechtskräftigen Münchner Verurteilung nun nicht die zehnmonatige U-Haft aus Berlin angerechnet werden!] Sofort schreibe ich an den Münchner Anwalt Brengelmann. Das darf alles nicht wahr sein. Der Beschluss zum Uhren-Tausch [Anm. Eintauschen der kaputten Armband-Uhr gegen eine gleichwertige Neue] – einen Tag zu spät – dennoch gehe ich in die Hauskammer, um die alte Uhr austragen zu lassen. Papa hat dem Berliner Anwalt eine Neue zum Tausch gegeben. Mittags gibt es Gemüsesuppe und sehr viel, sehr liebe Post. Die Post ist so schön, dass sie mich sehr beruhigt. Um 14.00 Uhr soll ich Dich anrufen, aber Du bist schon wieder nicht da. Ich drehe innerlich wieder total durch. Warum kannst Du nicht warten?! Das kotzt mich total an. So ist der Tag doch richtig versaut. Es ist total schwül, ich schwitze wie verrückt und habe total schlechte Laune. So liege ich herum, lese ein wenig in den Akten und sehe fern. Alles Scheiße – ist doch wahr.

Donnerstag, 27. Juli 1995 [261/14+14] – Heute geht der Prozess weiter. SECHSTER Verhandlungstag. Das viele Schreiben hat mir gut getan. Heute sind mein Vater und mein Bruder wieder da. Das ist gut so. Ich kann relativ ausführlich den zweiten Teil und Rest meines Lebenslaufes ausführen. Auch wenn vieles fehlt, das Wichtigste ist gesagt. Ich fühle mich total befreit. Aber wieder einmal verliert der Richter total die Fassung wegen einer Auschwitz-Frage. Zum Kotzen. Und als „Rache“ für meine Antwort darf ich heute nicht mit Papa reden; nicht einmal „Hallo“ sagen. Das ist alles so widerlich. Dann kommt als Zeuge Herr Bank vom KVR [Kreisverwaltungsreferat München]. Er ist eigentlich o.k.. In der Mittagspause runter in eine Keller-Zelle. Es gibt Kartoffelbrei mit Pilzgulasch und Bohnensalat. Nach dem essen hören wir die ungeschnittene Original-Rede von Cottbus. 100%-ige Entlastung. Ein Skandal, dass ich dafür überhaupt angeklagt wurde. Ach ja – am Ende des Tages erfahre ich noch, dass die Staatsanwältin auch aus dem Prozess flieht [Anm. keine Erinnerung, warum!]. Außerdem bekomme ich weitere Termine bis September. Traum geplatzt, Dich noch in Deinen Ferien zu sehen. Scheiße. Am Ende des tages darf ich Papa doch noch begrüßen. Wieder in der Zelle, kommt noch der Einkauf. Getränke genug in dieser Woche. Dann noch fernsehen und schlafen.

Mittwoch, 26. Juli 1995 [260/15+14] – Den ganzen Mittwoch stehe ich noch unter dem Schock von gestern. Wie im Nebel oder Halbkoma nehme ich den Tag wahr. Ob Hofgang oder Mittagessen (Fisch mit Kartoffeln und Remoulade) oder beim kurzen erneuten Arztbesuch. Ich liege nur herum. Nachmittags befällt mich dann aber die Schreibwut. Ich beginne, an einem sehr umfangreichen Auschwitz-Beweisantrag zu arbeiten. Dieses setze ich bis fast 22.00 Uhr abends fort.

Dienstag, 25. Juli 1995 [259/16+14] Der Ehrlichkeit halber muss ich gestehen, dass heute bereits Samstag, der 29. Juli ist. Ich war zu fertig in den letzten Tagen. Daher werde ich hier nur kurze, grobe Nachträge niederschreiben. Tut mir leid. [DI] Heute kann ich nicht erst mit zum Hofgang. Heute ist bereits der 5. Verhandlungstag [Link] Als es um 8.30 Uhr durch die Kellergänge zum Gericht geht, ist auch Lothar dabei. Sein Verfahren beginnt heute. In meinem Saal geschieht das Wunder: Erstmals darf ich mich zu meiner Person äußern! Mittags gibt mir mein Anwalt Kopien eines Briefes meines Vaters an den Richter. Was da alles [u.a. über Dänemark – meinen Missbrauch*1] drin steht, macht mich völlig fertig.
Es gibt Leberkäse, Kraut und Kartoffeln zum Essen. Erst nach dem essen, als es wieder hoch in den Saal geht, kommt der „Schock“ und ich breche fast zusammen. Ich bitte um Abbruch. Da mir der Richter nicht glaubt, holt er einen Arzt/Neurologen, der mich untersucht. Zu meiner Erleichterung stellt dieser meine Verhandlungsunfähigkeit fest. Es wird abgebrochen und ich werde zurück in meine Zelle gebracht. Den Rest des Tages bin ich fast nur noch am Weinen. Es ist alles einfach zu viel. Es gibt nichts Schlimmeres.

*1 Die Tatsache, dass ich im Alter von 13 Jahren in Kopenhagen schweren Missbrauch erlebt hatte, hatte ich aus meiner Erinnerung gelöscht. Das Trauma legte sich in der Haft erst wieder frei … Ich zog darauf hin meinen Vater ins Vertrauen.

Montag, 24. Juli 1995 [wie Du siehst, immer die gleiche Scheiße: Seit 258 Tagen bin ich nun schon im Knast / in 17 Tagen sind es volle neun Monate und +7+7 Tage dauern die Fristen, bis das Kammergericht erneut eine Entscheidung zu fällen hat, wie es weitergehen soll] – Mal sehen … Morgens kommt ein Beschluss, danach besteht nun keine „Überhaft“ mehr. Nun gelte ich vermutlich als „Strafer“ – auf jeden Fall liegen nun alle Entscheidungsgewalten in Berlin. Ich sehe das positiv und habe gute Laune. Es gibt Pipi Langstrumpf im Fernsehen. Anstatt gegen 9.00 Uhr kommt der Anwalt erst nach dem Essen gegen 13.-00 Uhr. Wir besprechen uns relativ kurz. Er sieht den Beschluss sehr negativ und meint, dass ich nun nicht rauskommen werde. Er geht mittlerweile von mehr als zwei Jahren Haft alleine in Berlin aus. Als ich im Anschluss endlich wieder mit Dir telefonieren kann, bin ich mal wieder total am Ende. Halb apathisch hänge ich den Rest des Tages in der Zelle herum und weiß nicht, was werden wird.

Sonntag, 23. Juli 1995 [257/18+7+7] – Nach dem Hofgang, der heute von 8.30 – 9.30 Uhr stattfindet, schlafe ich bis zum Mittagessen. Es gibt eine Art paniertes Nackensteak mit sehr wässrigem Broccoli und Kartoffeln. Letzte Nacht bin ich vier Mal vor Eifersucht geplatzt und habe ich selbst-redend mit mir Vorwürfe gemacht. Nach dem Essen arbeite ich an diversen Zeugenladungen und Beweisanträgen für den Prozess. Dann wieder fernsehen, fernsehen – Spiegel TV bringt nicht die erwartete Geschichte über mich.

Samstag, 22. Juli 1995 [256/19+7+7] – Wieder früher Hofgang. Dann auf der Zelle lese ich etwas Thoreau [Von der Pflicht des Ungehorsam gegen den Staat] Philosophie. Später schreibe ich noch mein Tagebuch. Gegen 11.30 Uhr gibt es heute essen: Brühreis – eine Art Eintopf ohne Suppencharakter. Anschließend gehe ich zum Umschluss zu Lothar in die 4. Den Rest des Tages verbringe ich wieder mit schreiben, lesen, fernsehen und schlafen.

Freitag, 21. Juli 1995 [255/20+7+7] – Immer dasselbe. Hofgang immer zu früh, dann „Al Bundy“ gucken. Heute gibt es viel Post; es sind wieder Drohbriefe von NeoNazis dabei. Auch Zeitungen gibt es. Gegen 11.00 Uhr kommt Rechtsanwalt Krause. Wir haben eine sehr gute Lagebesprechung. Zu Essen gibt es Selleriesalat, Kartoffelbrei und Hänchenleber. Vergeblich warte ich anschließend auf unser Telefonat. Doch dann, kurz nach 14.00 Uhr werde ich doch noch geholt. Aber: Du bist wieder einmal nicht da! Kannst du nicht einmal bis 15.00 Uhr warten? Scheiße. Wir werden es am Montag noch einmal versuchen. So bin ich voll deprimiert [Anm. zum Wochenende] wieder auf der Zelle. Ich schreibe noch etwas Post und verbrauche die neuen Klarsichthüllen. Dann – wegen der Hitze – mache ich außer Fernsehen gar nichts mehr.

Donnerstag, 20. Juli 1995 [254/21+7+7] – Der Tag beginnt wie immer. Nach dem Hofgang geht es um 9.00 Uhr wieder mal zur Regenbogengruppe. Die haben heute Kirschen und Pflaumen mitgebracht. Wir unterhalten uns ganz nett bis mittags. Dann muss ich noch vor dem essen zum Optiker. Er gibt mir noch die kanadischen Kontaktlinsen wieder, die [Anm. nach Reinigung] sehr sauber wurden. Natürlich mit einer Rechnung, die ich Papa senden muss. Der Arme. Noch gestern bat er mich, zu überlegen, wie wir die „Kosten senken“*1 könnten. Zu Essen gibt es Rosenkohl-Eintopf. Kein Umschluss – stattdessen schreibe ich Papa und Dir. Ansonsten faulenze ich. Da der Einkauf endlich kommt, esse und trinke ich so einiges davon. Zahnschmerzen quälen mich abends.

*1 Da alle, meine Freunde, meine Familie, aufgrund de Tatsachen von meiner Unschuld ausgingen – aber, aufgrund der Münchner Verurteilung und des anstehende Stuttgarter Verfahrens ja noch Unklarheit weiterer Strafen drohte, musst man quasi zur Darstellung einer „günstigen Sozialprognose“ ein festes Lebensumfeld außerhalb der Haft vorweisen. Letztlich war es auch zur Beantragung der Halb- bzw. 2/3-Strafe notwendig. Wohl oder über trugen mein Vater und seine Frau über all‘ die Jahre [Es sollte letztlich ja alles bis Ende März 1996 dauern] meine nicht unerheblichen Lebenskosten. Alleine die miete der Münchner Wohnung betrug 1.800,-DM – damals sehr viel Geld. Meine Familie hätte mich NICHT unterstützt, wenn die Vorwürfe der Anklage auch nur ansatzweise berechtigt gewesen wären.

Mittwoch, 19. Juli 1995 [253/22+7+7] – Bis 7.00 Uhr schlafe ich. Dann Hofgang, ich quatsche mit René. Letzte Nacht habe ich völlig irre geträumt. Du warst „dick“ und sahst aus wie Frau Leuchter [Anm. Ehefrau von Fred Leuchter]. Ich bin aus dem Gefängnis ausgebrochen, welches in Las Vegas stand, eingerichtet war wie ein Bahnhof und in dem die Eltern meines Freundes Georg A. [alter, sehr geschätzter Schulfreund] sind die Direktoren. Total bescheuert. Und ich kann mich an jedes Detail erinnern. Vormittags lese ich Focus und Spiegel. Dann – endlich, gegen 11.00 Uhr, kommt Papa. Ach ja – das Geld darf ich ihm nicht geben – ich muss es auf mein Konto einzahlen. Papa erzählt, dass Florian und Sascha angekündigt hätten, im Falle meiner Verurteilung ihre Offizierspatente zurückgeben zu wollen. Unglaublich. Ich bin mehr als gerührt. Papa ist sehr, sehr lieb. Wieder etwas gestärkt [der Prozess endet mittags), geht es gleich zum Umschluss. Zu Lothar – aber bereits nach 30 Minuten ist Schluss. Er muss zum Verhör. So bin ich wieder alleine mir mir in der Zelle. Aber ich bin zu sehr geschlaucht, als das ich etwas tun könnte. Dank meines Vaters habe ich endlich wieder etwas eigene Schokolade. Ich futtere richtig viel davon. So vergeht der Rest des Tages ohne das ich etwas Gescheites tue. Morgen will der Anwalt kommen.

Dienstag, 18. Juli 1995 [252/23+7+7]4. Verhandlungstag LINK [Anm. Fehler im Original: „3. Tag“] Zwar kann ich morgens um 7.30 Uhr erst wieder mit zum Hofgang, werde dann aber bereits um 7.45 Uhr wieder nach oben gebracht, obwohl es erst um 8.45 Uhr losgeht. So hätte ich eigentlich den ganzen Hofgang mitmachen können … Wieder bin ich sehr aufgeregt. Vormittags ist mein Vater Zeuge. [Anm. Im Tagebuch heißt er „Papa“] Aber wie der Richter mit ihm umgeht, ist unglaublich. Später ist Andrea Hoffmann dran, die vor „schlechtem Gewissen“ gleich mit Anwalt erscheint. Sie redet nur Quatsch. Doch – endlich wird so Punkt a) der Anklage eingestellt. Dennoch sieht es zur Zeit sehr schlecht aus. Die Richter sind unglaublich befangen. In der Mittagspause bin ich derart fertig, dass ich nur weine. Auch mein Bruder Florian und sein Bundeswehrkamerad Sascha sagen aus: Ihnen hört der Richter gar nicht erst zu. Es ist alles nur noch furchtbar. In der Pause holt Richter Brüning [Anm. der Vorsitzende] den Anwalt nach vorne und fragt ihn,wie dieser darauf käme, ich käme vor dem Urteil noch Haft-verschonend frei… Davon könne keine Rede sein. Das [!] -. vor allem diese Vor-Verurteilung – machen mich total fix und fertig. Ich möchte am liebsten „sterben“… Meine Hoffnung, noch im Sommer bei Dir sein zu können, ist geplatzt. Als Papa sieht, wie fertig ich bin, beschließt er, bis morgen zu bleiben. Er wird mich noch besuchen kommen. Gegen 16.00 Uhr bin ich in der Zelle. Ich bekomme noch einen dicken Stapel Post. U.a. liegen 50,-DM in bar dabei. Das melde ich jedoch per Vormelder – ich will es Papa geben. Den Rest des Tages liege ich herum, sehe etwas fern.

Montag, 17. Juli 1995 [251/24+7+7] – Wieder bricht eine neue Woche an. Den ganzen Tag hoffe ich darauf, heute mit Dir sprechen zu können. Aber nichts geschieht. Morgens, 7.00 Uhr frühstücken, 7.30 Uhr eine Stunde Hofgang. René leiht mir eine Schokolade. Vormittags gammle ich herum; nicht einmal eine Zeitung kommt heute. Zu essen gibt es die sog. Kartoffelsuppe mit Wurst. Auch zum Umschluss habe ich heute wieder niemanden. Dann ist endlich wieder duschen – auch der Anwalt kommt. Er hat einiges vorbereitet und sagt, dass mein Vater morgen kommen wird. Den Nachmittag verbringe ich mit wenig Schreiberei, lese in den Akten und sehe fern. Außerdem habe ich zu arbeiten: den 5-Tage-Bart abrasieren. Das war’s.

Sonntag, 16. Juli 1995 [250/25+7+7] – Schon 250 Tage in Haft. Und noch mindestens weitere 17 Tage, bis der Prozess vorbei ist. Am 27. Juli beginnen Deine Ferien – ich habe weiter Prozess. Was wird nur werden. Ich habe ganz vergessen – gestern von der Autonomen-Demo vor dem Knast zu berichten. Zwar habe ich Dir gestern in einem Brief davon geschrieben; aber auch hier sei es kurz niedergeschrieben. Von etwa 14.00 – 17.00 Uhr war hier vor den Mauern der JVA Moabit eine Demo mit Scheiß-Musik. Die Redner waren hier total laut zu hören. Es war eigentlich das Übliche: Knast ist Folter; Freiheit für alle Linken und Drogensüchtigen, alle Ausländer werden hier diskriminiert (wie soll das gehen, wo doch 70% der Insassen hier Ausländer sind), und so weiter …Und dann der Höhepunkt der Kundgebung: Die Forderung, Althans hier im Knast jeden Tag die Hölle zu bereiten, ich sei der einzige, weil ich Auschwitz „leugne“, der die Haft verdiene!… Die ticken nicht mehr richtig. Naja – heute ist schon Sonntag. Ich behalte mal die Marmelade und nehme zwei Scheiben Brot. Das werde ich jetzt – bis der neue Einkauf kommt – jeden Morgen so machen. Hofgang ist um 7.30 Uhr – René ist wieder dabei. Bis 10.00 Uhr liege ich herum. Anschließend arbeite ich an meiner Auschwitz-Stellungnahme. Nur zum Mittagessen unterbreche ich. Es gibt Hähnchenschnitzel mit Kartoffeln und gemischtem Gemüse. Den ganzen Nachmittag schreibe ich fleißig weiter. Auch morgen früh werde ich das noch fortsetzen müssen. Da es regnet, wird es endlich einmal wieder ein wenig kühler. Gegen 19.00 Uhr habe ich keine Lust mehr und lege mich hin um noch bis Mitternacht fern zu sehen.

Samstag, 15. Juli 1995 [249/26+7+7] – … Und so schlafe ich morgens einfach weiter – träume weiter. Hofgang ist um 8.00 Uhr – René hat sich wieder zu uns „durchgemogelt“. Nach einer Stunde „im Kreis laufen“ bin ich total fertig, habe Gelenkschmerzen. Die neun Monate Haft machen sich immer mehr bemerkbar. So lege ich mich wieder hin und schlafe bis zum Mittagessen. Heute gibt es Spinat, zwei gekochte Eier und Kartoffeln. Ich esse viel Gemüse. Es kommt ein Brief von Brengelmann, der mir schreibt, dass ich auch nach dem Berliner Prozess weiterhin nicht aus der Haft kommen. Ich werde wahnsinnig. Die haben bei der Verrechnung der abgesessenen zeit alle nur möglichen Tricks angewandt. Nach dem essen kommt Klaus zum Umschluss. Wir unterhalten uns über Presse-Hetze usw.. Er ist sehr intelligent. Das ist angenehm. Den ganzen Nachmittag beantworte ich die Post, da ich mich morgen wieder voll auf den Prozess konzentrieren will. Später schreibe ich noch das Tagebuch der vergangenen drei Tage nach. Ich muss zur Zeit halt so viel für den Prozess schreiben, dass ich manchmal keine Lust mehr habe, dann noch mehr zu schreiben. Ob ich Dich wenigstens am Montag anrufen darf? Na – mal schauen … […]

Freitag, 14. Juli 1995 [248/27+7+7] – Ich habe mich wegen gestern wieder beruhigt. Wichtig ist es, die richtigen Beweisanträge zu formulieren. René ist wieder bei unserem Hofgang dabei. So habe ich jemanden zum reden. Vormittags schlafe ich, da ich ziemlich erschöpft von gestern bin. Es gibt Zeitschriften und schöne Post. Unter anderem sehr liebe Post von Antje und Papa und – eine riesige Überraschung – Post von Eric. Er ist einer meiner allerliebsten Freunde [Anm.: ???]. Der Kontakt zu ihm brach damals ab wegen der Lügen im Stern [Anm. ???]. Er wollte aus politischen Gründen damals keinen Kontakt mehr. Und plötzlich sehr liebe Post. Ich freue mich wahnsinnig. Mittags gibt es Kartoffelbrei mit Herzragout und eine riesige Gurke. Zum Umschluss gehe ich zu Lothar. Er spendiert einen Kuchen. Und dann passiert wieder große Scheiße: Der Anwalt kommt genau zu der zeit, als ich mit meiner Freundin telefonieren hätte sollen. Und die Psychologin hat anschließend keine Zeit mehr für mich. Wegen der 20 Minuten Anwalt platzt unser Telefonat. Ich bin total frustriert. Völlig deprimiert hänge ich wieder auf der Zelle herum – esse abends nichts. Erst um 22.50 Uhr bin ich nochmal wach und tagträume. Es gibt „La Cage aux Folles II“ – es ist so schwul, und so lieb – ich bin total begeistert. Irgendwie träume ich dann nachts total durcheinander – aber irgendwie sehr schön.

Donnerstag, 13. Juli 1995 [247/28+7+7]Dritter Verhandlungstag [Link]! Nun – auch heute darf ich wieder erst noch eine halbe Stunde an die frische Luft zum Hofgang. Um 8.00 Uhr geht es wieder auf die Zelle – ich bin heute wieder sehr aufgeregt. Um 9.00 Uhr geht es los: Ich stelle erst einmal eine ganze reihe Beweisanträge und die Ladung von Zeugen. Dann folgt die Befragung des Kameramann, Johann Feindt. Im Grunde genommen läuft die Sache gut, auch wenn er meint, er sei davon überzeugt, dass ich damals noch Neonazi war. Egal – Einiges bietet guten Ansatz für mich. Der zweite Zeuge ist der Kamera-Assistent. Er hat gar nichts zu sagen, kann gleich wieder gehen. Mittags kann ich kurz auf meine Zelle, da ich noch Akten brauche. Es gibt Fisch und Kartoffeln. Und dann die Katastrophe: Wieder KEIN Einkauf – keine Getränke – da das Geld einen Tag zu spät auf dem Konto eingegangen war. Unsäglich. Und dann, wieder im Gerichtssaal, wird es wirklich schlimm: Wir hören Tonbandaufnahmen vom Auschwitz-Besuch. Mir wird richtig schlecht vor mir selber. Ich werde erst am nächsten Dienstag dazu Stellung nehmen. Auch neue Termine gibt es. 25., 27. Juli und 1. August. Wir laden noch meinen Vater, meinen Bruder und einen Freund von ihm – da alle drei beim Besuch / Dreh im Elternhaus anwesend gewesen waren. Ob sie schon nächste Woche kommen können? Andrea Hoffmann von Ostfilm meldet sich krank. Sie muss kommen! Wieder auf der Zelle bin ich fix und fertig. Ich weine richtig dolle. Ich liege wie im Koma herum, esse mal wieder nichts mehr. So geht der tag zu Ende.

Mittwoch, 12. Juli 1995 [246/29+7+7] – Wieder blabern mich alle voll. Noch vor dem Hofgang bin ich wieder das Thema schlechthin. Um 6.45 Uhr soll ich bereits zum Hautarzt kommen. Die spinnen total – vor allem, da der Hautarzt nie vor 9.00 Uhr im Haus ist. Dann hatte ich beantragt, duschen zu können. Normalerweise ist das ja immer gegen 14.00 Uhr. Aber – der Dusch-Beamte kommt auch schon um 7.00 Uhr. Ich bin sauer – verzichte. Denn so nützt das ja nichts. Mittags bin ich dann ja eh wieder total durchgeschwitzt. Und dann klopft es: Detlev kommt sich verabschieden – er wird verlegt. WEG IST ER. Sehr schade – er ist ein feiner Kerl. Der wird mir fehlen. Aber wir werden wohl im Kontakt bleiben. Vielleicht wird für ihn jetzt alles besser. Mir wird er hier fehlen.
Vormittags erarbeite ich einen Schnittplan als Beweismittel für morgen und trage Dokumente aus den Akten zusammen. Mittags gibt es Bratwurst mit Kartoffelbrei und Kraut, zum Umschluss gehe ich zu Lothar [dem Kokain-Dealer]. Gleich im Anschluss kommt Rechtsanwalt Krause noch für über eine stunde zur Vorbereitung des morgigen Tages. Für den Rest des Tages schreibe ich an den Anträgen zu den Beweisen und Zeugen. Ich bin wieder total k.o.. Ich hoffe, so vorbereitet morgen gut durch den Tag zu kommen. Schon denke ich daran,. Am kommenden Freitag wieder mit Dir telefonieren zu können. Ich liebe Dich.

Dienstag, 11. Juli 1995 [245/30+7+7] – Das Gericht hat für heute angeblich Bohnengel geladen. Das regt mich total auf – erst einmal muss ich ja wohl gehört werden. Nun – wir werden ja sehen. Wieder kann ich noch bis 8.00 Uhr mit zum Hofgang, dann wieder hoch, nach langem weg durch Tunnel und Keller bin ich um 9.00 Uhr im Gerichtssaal. Als erstes beantrage ich, angehört zu werden, was unverschämter Weise erneut abgelehnt wird*2. Stattdessen weiter Stimmungsmache: Fast zwei Stunden lang lässt man sich Zeit, um das Münchner Urteil vorzulesen. Meine Einlassungen dazu werden erneut unterbrochen und untersagt. Protokoll, Anträge und Dokumente hier [Link]. Und dann – wir können es nicht bremsen – der Zeuge Bohnengel. Er ist sehr schwach. Ich stelle über 100 Fragen. Bei einer antwortet Bohnengel: „Die echten Gaskammern von Auschwitz sind alle zerstört worden.“ Als ich ihn darauf hinweise, dieses zu sagen sei verboten, dreht der vorsitzende Richter Brüning total durch – Befangenheitsantrag! Dann – Mittagspause – für 1½ Stunden in den Keller. Es gibt Ekel-Eintopf. Wieder oben, weiter Fragen an Bohnengel stellen. Dann noch einen Satz Beweisanträge – das war es für heute wieder. Gegen 17.00 Uhr bin ich wieder in der Zelle. Ich bin total erledigt. Liege nur erschöpft herum – sortiere nch ein wenig Papiere, mache meine Post an die Presse fertig und sehe noch ein wenig fern. Es ist furchtbar heiß.

1993_07_29_BN_Der_Teufel
Bohnengel über mich in der
Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung

Montag, 10. Juli 1995 [244/31+7+7] – Schon gegen 5.00 Uhr ist es derart heiß, dass ich aufstehe und lese. Dann, gegen 6.00 Uhr geht das Radio an – Vormelder. Kurz danach raus, gegen 7.30 Uhr Hofgang. Anschließend kommt der Sozialarbeiter – er organisiert tatsächlich eine Kopie des Artikels aus DER SPIEGEL. Der Artikel ist o.k.. Das wird morgen was geben. Mittags gibt es Nudeln mit Hack-Soße. Es kommt Post von meinem Vater und meinem Ex‘. Zum Umschluss kommt Detlev, danach endlich Duschen. In der Zelle sind etwa 40°C. Wieder oben kommt der Rechtsanwalt. Ich rede ihn richtig „tot“, so geladen bin ich. Als er geht, werde ich gleich zur Psychologin gebracht, wo ich Dich anrufen darf. Es ist ein wunderbares Telefonat. Nur – dass du dich in der Brustwarze piercen lassen willst, passt mir nicht*1. Schon geil – aber so – ohne mich? Für wen? Ich platze fast vor Eifersucht und Geilheit… In Gedanken an Sex und dich muss ich erst einmal… Sorry! Unglaublich, wie du auf mich wirkst. Nachmittags schreibe ich noch Beweisanträge und Erklärungen. So vergeht auch dieser Tag. Und morgen ist wieder Verhandlung.

*1 Bereits in der Haft wurde – da meine damalige Freundin begann, sich mehr und mehr zu piercen, das Thema Piercing zu einer sexuellen Obsession für mich. In der ersten Woche nach der Haft – die Beziehung war zerbrochen und ein Kontakt bestand nicht – ließ ich mir beide meine Brustwarzen piercen und ließ das etwa fünf Jahre so.

Sonntag, 9. Juli 1995 [243/32+7+7] – Hofgang ist heute Morgen eine Stunde später – um 8.30 Uhr. So haben wir ein ganz klein wenig Sonne. Alle reden nur noch von mir. Aber – wegen der V-Mann Gerüchte hagelt es auch eine Menge blöder Sprüche. Und nach dem Hofgang schwitze ich mich den ganzen Tag halb tot; es sind mindestens 30°C auf der Zelle. Immer wieder schreibe ich etwas an den Presse-Kommentaren. An neuen Beweisanträgen werde ich erst morgen arbeiten. Nur an Papa, meinen Ex‘ und Dich schreibe ich kurz. Zu Essen gibt es drei Klößchen (das können die Bayern natürlich viel besser) mit Schleim-Rotkohl und Mini-Braten (gut!). Nachmittags gibt es einen Film mit Nena [Anm. ich glaube „Ich will Spass“ mit Markus – NDW] – der war in meiner Jugend ein Kultfilm für mich. Tatsächlich schaffe ich es, bis zum Abend alle Artikel zu kommentieren. Also – noch Tatort gucken und Tagebuch schreiben. Morgen wird es wohl wieder spannend – und telefonieren mit Dir darf ich auch, meine Silke.

1995_07_10_V_Mann
Die V-Mann Gerüchte

Samstag, 8. Juli 1995 [242/33+7+7] – Heute ist wieder um 7.30 Uhr morgens Hofgang, nun aber ohne René. Viele geben mir noch Artikel über mich aus der Presse; das Thema bleibt auch heute Hauptgesprächsstoff. Erstmals wieder eine indirekte Bedrohung. Nach dem Hofgang wieder in der Zelle schreibe ich weiter an den Gegendarstellungen und trage das Tagebuch der letzten zwei Tage nach. Mittags gibt es Pellkartoffeln mit Käsequark. Umschluss fällt aus, da der wachhabende keinen 3er erlaubt und Detlev zu Lothar will. Den ganzen Nachmittag schreibe ich so an den Gegendarstellungen – es ist total heiß. Gegen 20.00 Uhr geht es los … In allen Nachrichten kommt die Meldung, „Althans war – laut einer SPIEGEL Meldung – Spitzenquelle des Verfassungsschutzes“. Na – das wird noch Ärger geben.

Anmerkung: Natürlich war ich zu keinem Zeitpunkt „Agent“ des Verfassungsschutzes. Ich habe aber – bedingt durch meine Arbeitsstrategie – Laden, offen und auffindbar – immer kooperativ mit den Behörden gearbeitet. Illegale oder subversive Tätigkeiten habe ich weder gebilligt noch getätigt. Mich – wegen meiner Offenheit – als „Quelle“ zu benennen, mag deshalb zutreffen. Allerdings wurde später durch den bayrischen Verfassungsschutzchef Förster in aller Deutlichkeit vor Gericht bestätigt, dass ich eben nicht als Spitzel für den VS gearbeitet habe. Im Gegenteil – man misstraute mir aufgrund meines scheinbar gefestigten und klarem ideologischen Weltbild. Zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben gab es finanzielle Angebote – weder von mir noch an mich – um Auskünfte zu erlangen.

Freitag, 07. Juli 1995 [241/34+7+7] – Natürlich bin ich nach der Medien-Hetze [Link] von gestern das Gesprächsthema in Moabit. René, der gestern noch auf eine andere Abteilung verlegt wurde, nimmt merkwürdiger weise dennoch heute Morgen an unserem Hofgang teil. So unterhalten wir uns über meinen Prozess. Am Vormittag werte ich die ersten, mir vorliegenden Hetzartikel aus. Mittags gibt es Curry-Huhn mit Kartoffelbrei. Zum Umschluss kommt Detlev. Ich leihe mir Tee von ihm, um genug zu trinken zu haben. Wir reden lange über Privates. Ich stell ihn zur Rede, warum er neulich geweint hat. Er zeigt mir Fotos seiner Kunst – gar nicht so schlecht, was er so macht. Nach dem Umschluss kommt Krause, der Anwalt, zur kurzen Lagebesprechung. Sein zu frühes Auftauchen verdirbt das Telefonat mit Silke. Als ich beim Rückgang auf die Psychologin treffe, teilt diese mir mit, dass Silke weg musste und wir so erst Montag telefonieren können. Scheiße. So verbringe ich den ganzen Nachmittag damit, die ganze Presse, die Krause angeschleppt hat, auszuwerten und Gegendarstellungen [Link] zu schreiben. Abends gibt es im Fernsehen „La Cage aux Folles“ – ich träume …
Ich schlafe erst sehr spät – gegen 2.00 Uhr morgens – ein. Ich bin sehr am schwitzen, es ist viel zu heiß. Ich muss eine aggressivere Prozesstaktik fahren…

„BERUF NEONAZI“ -PROZESS – BEGINN BERLIN

Zwanzig Jahre nach Beginn des Beginns meines Berliner Gerichtsprozesses, der mir wegen unterstellter [strafbarer!] Meinungsäußerungen eine insgesamt 3½ -jährige Haftstrafe einbrachte, veröffentliche ich die Original-Notizen und Anträge des Verfahrens, soweit ich diese rekonstruieren bzw. vorfinden konnte.
Von der Gesamtstrafe verbrachte ich über 21 Monate in Untersuchungshaft, die Entscheidung der Entlassung dauerte fast sieben Monate, sodass ich defacto 2/3 der Haft absaß, obwohl ich einen Tag vor Erreichens der 2/3 Strafe auf „Halbstrafe“ [!] laut Gerichtsbeschluss freizulassen war…
Die – auf den Verlauf bezogenen Unterlagen – Anklage, Prozess-Akten und [kommentiertes] Urteil sind hier [Link] veröffentlicht.

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Aus einem Beweis-Antrag meines Anwaltes

Donnerstag, 6. Juli 1995 [240/35+7+7] – PROZESS-BEGINN – Endlich! Ich dachte ja, dass ich vor Aufregung nicht einschlafen könnte. Aber ich sehe nicht einmal „Derrick“ zu Ende sondern schlafe vor Mitternacht ein. Doch gegen 3.00 Uhr morgens ist der Schlaf vorbei – ich bin wach. Es läuft sehr schöne Country-Musik zum Testbild. Ich bin halbwach und döse/träume vor mich hin.
Morgens um 6.00 Uhr stehe ich auf und ziehe mich an. Als mein Prozess an dritter Stelle in den Nachrichten kommt, werde ich dann doch nervöser. Nun, morgens noch einen halben Hofgang mitmachen und dann – gegen 8.00 Uhr – dann wieder hoch in die Zelle (4. Etage) um dann gegen halb Neun geholt zu werden – um 9.00 Uhr geht es los. Tatsächlich aber geht es gegen 8.30 Uhr los – erst runter in die Tunnel, die den Knast direkt mit dem Gericht verbinden. Dann dort, im Gericht, in eine winzig kleine Wartezelle mit sieben weiteren Personen. Ich habe vier dicke Aktenordner dabei. Ich bin sehr aufgeregt. Es geht enge Treppen hoch in den siebten (?) Stock. Es sind etwa 30 Journalisten – hauptsächlich junge Frauen (eindeutig dem „linken Lager“ zuzuordnen) anwesend, ansonsten wenig Publikum. Nur Stephan Wiesel erkenne ich. Reden mit dem Publikum – so wie in München – darf ich hier in Berlin aber nicht. Sitzen darf ich aber neben meinem Verteidiger, anstatt in der Angeklagten-Box. Der Prozess beginnt mit sinnlosen Thema-Abschweifungen des Richters. Ich reagiere relativ aggresiv – daher werden schon am Vormittag 15 Minuten Pause verfügt. Papa – der draußen wartet – darf zu mir kommen. Mittags ist eine volle stunde Pause – es geht wieder hinunter in die winzige Wartezelle – es gibt Bohneneintopf zu essen. Ich bin sehr überreizt. Danach wird der Film angesehen. Meinem Antrag auf Publikumseinsicht muss – da es ein absoluter Revisionsgrund wäre – stattgegeben werden. Der Saal wird mehr oder weniger umgebaut. Wieder im Haftraum – nachdem ich zuvor noch einmal länger in der Wartezelle sitzen musste – sehe ich als Aufreißer der Presse-Hetze [Anm. im TV – B1], dass die Presse meinen Vater attackiert hat und das ausschlachtet. Ich weine aus Wut und Verzweiflung über diese Hetze. Ich bin total fertig und dann sehe ich, dass auch nur der halbe Einkauf gekommen ist, da das neue Geld noch nicht auf meinem Konto ist. Keine Getränke – und das, wo in den kommenden Tagen ca. 30°C erwartet werden, der Haftraum mindestens genauso heiß sein wird. Ich schreibe noch die erste Gegenvorstellung gegen den ersten Artikel. Ich bin nervlich sehr fertig. Das Gericht will mich unglaubwürdig machen. Scheiße.

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Umstrittene „Szene“ in Auschwitz – 1992 heimlich gedreht

Mittwoch, 5. Juli 1995 [239/1 (36+7+7)] – Wie sehr habe ich darauf gewartet: MORGEN ist es endlich soweit! Morgens beim Hofgang wird geklärt, dass ich auch Morgen, vor dem Prozess, noch eine halbe Stunde mit an die frische Luft kann. Dann ist Gruppe – vielleicht überhaupt zum letzten Mal, da der Typ, der das leitet, drei wochen im Urlaub ist. Und die anderen Gruppen sind an jenen Tagen, an denen Verhandlungstage festgelegt worden sind. Wenn alles gut gehen sollte, komme ich danach ja raus. Nach der Gruppe gibt es noch Post, u.a. von Mehmet, mit dem ich in München saß. Ein lieber, aber trauriger Brief, den ich heute noch beantworten muss. Zu Essen Fisch mit Kartoffeln und Bratensoße. Detlev kommt zum Umschluss – wir unterhalten uns. Als das Thema auf Dich kommt, wir über Zukunft und Privatleben reden, weint er aus Mitgefühl. Ich gehe aber im Moment nicht darauf ein – das werde ich erst morgen tun. Er tut mir leid! Da geht – der Umschluss ist gerade vorbe – die Tür auf und die Psychologin schaut herein. „Schnell“, sagt sie, „Silke anrufen“. Oh Gott, wunderbar, ich rede mit dir. So lieb wie heute warst Du lange nicht, so wichtig vielleicht noch nie. Es ist wunderbar. Wie ein gutes Omen. Gleich danach kommt Papa [Anm. zum Besuch]. Es ist ein sehr gutes Treffen, Er bleibt über Nacht, auch wenn er morgen nur vor dem saal bleiben kann [Anm. da er später als Zeuge geladen ist]. Toll! Er baut mich sehr auf. Und an seinen Besuch schließt sich auch noch der des Anwaltes an. Es wird ein sehr langes Gespräch, auch ein sehr Gutes. Ich glaube, wir werden ein gutes Team. Hauptsache, ich bleibe ruhig und werde nicht zynisch. Es geht mir heute – dem Tag vor dem Prozess-Beginn – jedenfalls sehr gut! Auch die Klarsichthüllen (200) und die Fishermens Friends bekomme ich ausgehändigt. Und Krause bringt noch 200 Klarsichthüllen mit. So wird der Nachmittag zum großen „Hüllen-Tag“ über 300 Hüllen füllen sich und ich sortiere diese in die Aktenordner.. So viele Artikel, Briefe und Texte hatten sich schon wieder angesammelt. Abends bereie ich dann die Akten für morgen vor und schreibe Dir und Papa noch kurze Briefe aus Dankbarkeit. So Gott will, werde ich mit der Wahrheit aus der Sache heraus kommen!

Dienstag, 4. Juli 1995 [238/2 (37+7+7)] – Heute Nacht gab es ein übles Gewitter. Aber die kalte, frische Luft am Morgen tut gut. Man kann mal wieder richtig durchlüften. Hofgang. Dann – Dienstag: SPIEGEL / FOCUS Tag. Also lese ich bis zum Mittagessen. Auch ein wenig Post kommt. Aber erneut weder eine Nachricht vom Anwalt noch von der Psychologin. Aber es gibt eine gute Nachricht: Weiterer Gerichtsärger in München wird – auf Antrag der Staatsanwaltschaft – eingestellt. Obwohl: Nach der Entlassung werde ich dagegen klagen, denn ich war freigesprochen worden*1. Mittags gibt es eklige Fleischklopse mit sogenanntem bayrischen Kraut und Kartoffeln. Da Aufschluss ist, können René und Detlev ohne Probleme kommen. Wir haben „Spaß“ zusammen. Tja – das vergebliche Warten auf den Anwalt bestimmt den Nachmittag. Abends noch Post beantworten. Dann ist der Tag schon weder vorbei. [Kose-Zeilen an meine damalige Freundin …]

*1 Es ging um die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen das Münchner Verfahren, dessen Urteil [Freispruch] ich hier veröffentlicht habe:
https://althansinfo.wordpress.com/freispruch-fur-althans/

Montag, 3. Juli 1995 [237/3 (38+7+7)] – Morgens bin ich sehr früh wach. Erst geht die Post raus, dann ist Bettwäschetausch. Anschließend Hofgang und UKB (Urkundenbeamter) wegen BSM (einer Geld-Forderung aus der Freiheit). Überraschend kommen zwei Beamte des Münchner LKA wegen meines Briefes wegen der Briefbomben*1. Aber – auch wenn ich diesen Umstand positiv bewerte,es kommt zu keinem Ergebnis. Mittags kommt viel Post. Zu essen gibt es Bohneneintopf. Zum Umschluss kommt René. Wieder ist während des Umschlusses Duschen angesetzt. Nachmittags warte ich vergeblich auf den Anwalt, vergeblich auf die Psychologin – um doch noch vor dem Prozess mit Dir sprechen zu können… Innerlich hoffe ich, dass mein Vater einen weg findet, Dich am Mittwoch mit nach Berlin zu bringen. Aber wie oft habe ich mich schon aus Liebe zu Dir selbst belogen?! So beantworte ich noch die Post und schreibe einen verzweifelten Hilferuf an Dich. Gegen 20.00 Uhr gehe ich ins Bett. Immerhin – gestern bin ich schon um 16.00 Uhr ins Bett gegangen.

*1 In der Nacht vom 29. zum 30. Juni 1992 waren zwei Rohrbomben an meinem ehemaligen Ladenbüro durch Anhänger der „Roten Zellen“ platziert worden. Mehr Info hier ab Seite 9:
http://issuu.com/djbw/docs/althans_dokumentation_hass_von_link/0

Sonntag, 2. Juli 1995 [236/4 (39+7+7)] – Ich werde Dir den Rest des Tagebuchs nicht mehr zukommen lassen. Entweder liest Du es nach meiner Freilassung, nach meinem Tod oder nie. Das steht fest. Nach sehr schlimmen Alpträumen über Dich, über unsere Telefonate, über die „Zeit danach“ bin ich am Morgen fix und fertig. Selbst den Hofgang verschlafe ich fast wegen der unruhigen Nacht. Unter Tränen schreibe ich dir einen grauenhaften Brief – aber ich kann nicht anders, ich will nicht lügen – es muss raus.
Ich sehe eine Spiegel-TV Reportage über den Archipel-Gulag, die KZ der Sowjets. Mittags gibt es ranziges Hühnerfrikassee mit Reis. Nachmittags mache ich etwas Post. Ansonsten läuft der Fernseher aber ich denke nur an Dich und die qualen, die du mir bereitest.

Samstag, 1. Juli 1995 [235/5 (40+7+7)] – Jetzt ist es schon Juli. Um 6.00 Uhr stehe ich auf. Kurz danach geht der Müll raus. Ich bin total wach – Hofgang ist aber erst um 8.30 Uhr. Also klebe ich den ganzen Morgen Zeitungsartikel auf. Nach dem Hofgang, bei dem ich die ganze Zeit auf einem kleinen Flecken saß, weil dort die Sonne hin schien*1, klebe ich bis mittags weiter. Ich denke nur an Dich und bin total fertig. Mittags gibt es zwei hartgekochte Eier, von denen ich eines Detlev schenke, dazu halbgare Schwarzwurzeln und Kartoffelbrei. Ich schütte das Essen weg. Detlev und René kommen zum Umschluss. Den Rest des Tages sehe ich fern und bereite die Post vor, die ich morgen beantworten will. Ich kann heute nicht schreiben – ich krakel nur herum. Ständig überlege ich, warum Du nicht da gewesen bist? Was ist nur los… Warum habe ich immer nur Pech und weiß es auch noch vorher? Scheiße!

*1 Die Sonne erreichte unseren Hof NIE während der frühen Stunden des Hofganges. Daher der besondere Moment, einmal etwas Sonnenstrahlen zu spüren.

Freitag, 30. Juni 1995 [234/6 (41+7+7)] – Der Sommer ist voll da. Komisch. Krause ist optimistisch und glaubt, dass ich „so oder so“ nach dem Prozess erst einmal frei komme. So hat er gestern noch gesagt. Er will heute noch einmal kommen. Gestern wollte die Kammer ihn ja noch sprechen. Ob er bei seiner Meinung bleibt? Oder wird es eine neue Hiobsbotschaft geben? Hoffentlich nicht.
Morgens Hofgang – dann kurz zum Optiker. Nachkontrolle – alles o.k.. Vormittags endlich Post. Dann mittags Rahmbroccoli mit Kartoffeln und einer Art Leberkäse. Ich bekomme fast nichts herunter. Mir ist spei-übel – ein Gefühl sagt mir, dass heute noch etwas passieren wird. Zum Umschluss sind wir zu dritt: René, Detlev und ich. Der Sozialarbeiter kommt kurz vorbei – holt mich aber erst um 14.00 Uhr zum Telefonat mit Dir. Die Katastrophe tritt ein: Du bist nicht da. DU BIST NICHT DA!. Beim letzten Telefonat vor dem Prozess! Ich bin total am Ende und breche in der Zelle weinend zusammen. Wie oft habe ich das als Alptraum geträumt. Ich könnte hier seitenlange Beschimpfungen niederschreiben, aber ich muss mich derart zwingen, überhaupt zu schreiben,. Dass ich es lasse. [Ich werde sehr beleidigend…] Erst gegen 23.00 Uhr schlafe ich endlich ein.

Donnerstag, 29. Juni 1995 [233/7 (42+7+7)] – Unglaublich aber wahr: In einer Woche fängt der Berliner Prozess an. Im Moment fühle ich mich sogar relativ gut. Da ich morgens nichts zum „herausgeben“ habe, kann ich bis zum Hofgang „weiterschlafen“. Wie immer Gespräche mit Detlev und René, danach geht es zur Regenbogengruppe – Frühstücksgruppe. Vielleicht is es das letzte Mal gewesen, denn nun habe ich ja Donnerstags Prozess. Das trifft auch für die Nachmittagsgruppe zu. Obwohl das so ist, bleibe ich vorerst noch auf der Teilnehmerliste – man weiß ja nie. Mittags dazwischen, Umschluss mit René – der Einkauf ist auch schon da. Schon wieder keine Post – ob diese morgen kommt? Zu essen gibt es Hammelfleisch mit Kartoffeln – schlechte Qualität. Und dann – oh Wunder – taucht sogar der Anwalt auf.Er meint erneut, das Gericht wolle 1½ Jahre geben – dann müsste ich noch 1½ Jahre im Knast bleiben – unvorstellbar! Ich mache ihm nochmals klar, dass ich unschuldig bin. Im Grunde genommen geht es mir zur Zeit relativ gut. Nun, man wird sehen, wie es weiter geht. Ich darf jetzt nicht unüberlegt / depressiv handeln. Später erfahre ich noch, dass die Psychologin derzeit nicht da ist, und daher der neue Sozialarbeiter die Sachen in die Hand nehmen wird. Ob das klappt?

Mittwoch 28. Juni 1995 [232/8 (43+7+7)] – Morgens Hofgang, dann setze ich die Linsen ein: keine Probleme. Gleich danach zur Gruppe: Es ist jemand von der Alkoholiker-Beratung da – unsäglich, noch so eine unbefriedigte Alt-68er_in. Altlinke! Wir albern alle nur herum. Anschließend Mittagessen: Hering in Sahnesoße mit Pellkartoffeln. Nach der Gruppe sehne ich mich so richtig nach einem Bier. Der Sozialarbeiter kommt – es ist ein Neuer. Der Andere arbeitet nun anscheinend in Haus 3 – hier ist ja das Haus 1. Erst viel zu spät ist dann noch Umschluss. Detlev bringt mir einige Schach-Tricks bei. Ach ja – der Sozialarbeiter kam, da ihn der Anwalt angerufen hatte, um mitzuteilen, dass er morgen kommen wolle. Nachmittags lesen, fernsehen und rasieren. Sonst sitze ich halt nur herum. Es ist leider wieder sehr warm.

Dienstag, 27. Juni 1995 [231/9 (44+7+7)] – Mit den Linsen aufwachen klappt auch morgens ganz gut. Obwohl ich verschlafe und vergesse, die Handtücher zu tauschen. Das geht also erst wieder in einer Woche. Scheiße – ich „leihe“ mir ein Frisches von Detlev. Nach dem Hofgang wieder auf der Zelle – es gibt SPIEGEL und FOCUS – also lese ich. Mittags gibt es sehr leckere panierte Schweineleber mit grünen Bohnen und Kartoffelbrei und Soße. Dann ist Aufschluss. Wie gestern wieder keine Post. Aber beim Aufschluss ist es ganz nett. Detlev und ich gehen zu Gerhard, einem Dummschwätzer. Er kocht Spaghetti – „fishing for friends“?! (Da gehe ich nie wieder hin – langweilig). Nachmittags noch ein wenig lesen und schreiben, aber an und für sich wieder nur Langeweile. Es ist wieder sehr warm.

Montag, 26. Juni 1995 [230/10 (45+7+7)] – Nachts passiert etwas ganz merkwürdiges: Ich wache gegen 2.00 Uhr auf; ich war zuvor beim fernsehen eingeschlafen. Wach werdend höre ich US-Nachrichten (diese kommen immer Nachts im Original) und denke für einen Moment, ich sei in Freiheit. Der Bericht ist vom Gay Pride New York – da war ich letztes Jahr ja dabei mit John und Rowdy… Ich mache den Fernseher aus und träume davon und schlafe so auch wieder ein. Am Morgen geht der dicke Poststapel weg. Beim Hofgang verabrede ich mit mit Klaus, Umschluss zu machen, weil er sich mit Gesetzen gut auskennt. Vormittags hänge ich fernsehend in der Zelle herum. Mittags gibt es eklige Ravioli, wie fast jede Woche. Das Wetter ist sehr schön – leider. Wie geplant kommt Klaus zum Umschluss, doch genau da geht es zum duschen. Kaum sind wir anschließend wieder ins Gespräch vertieft, geht es zum Frisör. Naja – endlich – nach fast drei Monaten mal wieder kurze Haare. Der Schnitt ist mir zwar nicht kurz genug aber es geht so. Und – das war es schon wieder. Ich schlafe nachmittags ein – „unter uns“ fällt ja diese Woche wegen Sport eh aus [Anm. aus 2015: Kann mich gar nicht erinnern, so einen Mist in der Haft angeschaut zu haben …. Au weia!] Dafür sehe ich abends lange fern. Mit Kontaktlinsen macht das ja wieder Sinn. Aber – richtig sehen können hat ja auch Nachteile: Ich sehe wieder, in was für einem Dreck ich hier gehalten werde und erkenne auch, wie fertig mein Körper nach acht Monaten Haft bereits ist. Abends machen sich wieder Angst und Pessimismus breit, hier „nie“ wieder heraus zu kommen, Dich zu verlieren und so weiter, und so fort. Zum ersten Mal lasse ich probeweise die Linsen über Nacht im Auge – es klappt ganz gut.

Sonntag, 25. Juni 1995 [229/11 (46+7+7)] – Da der Hofgang erst um 8.30 Uhr beginnt, heißt es „ausschlafen“. Hofgang mit Detlev und René. Danach lege ich mich wieder hin und schlafe bis zum Mittagessen. Es gibt Rinderroulade mit Kartoffeln und Leipziger Allerlei. Nachmittags sehe ich fern und schreibe einen sehr langen Brief an Gerhard Mauz, den Prozessbeobachter vom Spiegel. Auch ein ganzer Satz von Post ist noch zu erledigen, so bin ich von 14.00 – 19.00 Uhr beschäftigt. Tja – außer, dass es am Nachmittag extrem heiß und schwül ist, gibt es nichts. Früh wie immer lege ich mich hin und sehe noch etwas fern. Alles, was ich schaffen wollte, ist erledigt. Noch zehn Tage bis Prozess-Beginn.

Samstag, 24. Juni 1995 [228/12 (47+7+7)] – Ich verschlafe und schaffe es gerade noch so, zum Hofgang mitzukommen, da die Tür nur etwa 60 Sekunden offen ist. Wie meistens in den letzten Tagen „streiten“ Detlev, René und ich spielerisch; das tut sehr gut. Vormittags sehe ich fern. Das macht mit den neuen Kontaktlinsen, die ich aber abends immer brav raus nehme, wieder richtig Spaß. Vor mir liegen zwölf Briefe, die bis Montag beantwortet werden wollen. Es kommt sehr verärgernde Post von Brengelmann, dass man die bisherige U-Haft nicht auf die Münchner Strafhaft anrechnen will.Das wäre dann der nächste Hammer. Ich rege mich total auf, bin stinksauer.Deshalb esse ich mittags – Pellkartoffeln mit Käsesoße – fast nichts. Zum Umschluss kommt Detlev mit seinem Schach-Spiel – das lenkt ein wenig ab. Aber er gewinnt natürlich. Egal. Den Rest des Tages schreibe ich noch an einem Teil der Briefe und sehe – wie immer – fern. Mir geht es schlecht – ich habe Wut und Bauchweh, kann es nicht loswerden. Das ärgert mich.

Freitag, 23. Juni 1995 [227/13 (48+7+7)] – Heute hat Mami [Anm. meine Stiefmutter] Geburtstag. Wieder der gleiche Tagesablauf wie immer. Nach einem ruhigen Tagesablauf gibt es mittags Rosenkohleintopf. Danach Umschluss mit René. Erst um 14.00 Uhr dann das Telefonat mit Dir. Es ist ein sehr ruhiges, liebes Gespräch. Ich bin froh, dass es Dich gibt. Das, was mir nicht passt, schreibe ich hier nieder, um es aus dem Kopf zu holen: [Es folgt emotionelles, unbedeutendes emotionelles Geplänkel] So liege ich den ganzen Freitag nur herum, träume von der Freiheit und von Dir. Ich sehe nebenbei fern, aber in meinen Gedanken bin ich in München.

Donnerstag, 22. Juni 1995 [226/14 (49+7+7)] – Noch zwei Wochen bis zum Prozess. Wie immer, 6.00 Uhr wach, aufstehen, anziehen, Müll raus, Post abgeben und dann bis 7.00 Uhr herum liegen. Dann eine stunde Hofgang. Gleich danach Regenbogengruppe. Es ist wie immer eine angenehme Atmosphäre, lockere und nette Diskussion. Kurz vor Schluss werde ich zum Optiker gerufen. Herrlich – ich bekomme meine neuen Kontaktlinsen. Was für ein super Gefühl, nach fast einem viertel Jahr wieder sehen zu können. In der Zelle ist auch noch der neue Einkauf da und sehr viel liebe Post. Mein Vater schreibt, dass du mich noch liebst, dass Ihr miteinander telefoniert habt. Ich bin sehr, sehr glücklich. Auch die Psychologin kommt vorbei – es klappt doch mit dem Telefonat am Freitag. Zu essen gibt es Putenschnitzel mit Porree und Kartoffeln. Und Nachmittags haben Detlev, René und ich erneut Dreier-Umschluss. Es folgt noch die politische Diskussionsgruppe. Heute das Thema: Reichstagsverhüllung [Anm. des Künstlerpaares Christo; dieser fand gerade statt]. Ich bin dafür. Es geht heiß her. Ich bin so glücklich über das, was Papa über Dich geschrieben hat, dass ich nichts weiter mehr tue, als fern zu sehen und an Dich zu denken. Ich liebe Dich.

Mittwoch, 21. Juni 1995 [225/15 (50+7+7)] – SONNENWENDE! Passend kam eine Karte von Detlef Glock von den Externsteinen. Na, Spatzelchen – weißt du noch – Vellexon?*1 Ich liebe Dich sehr. Wieder Hofgang wie immer – anschließend Selbsthilfegruppe ohne Sinn oder Hilfe. Mittags Fisch mit Soße, die wie Vanillesoße richt – dazu eklige Kartoffeln. Zum Umschluss kann ich zu Detlev, obwohl René schon da ist – so bleibe ich nicht alleine. Tja – von der Psychologin keine Antwort, ob ich Freitag telefonieren darf*2. Scheiße – diese Ungewissheit macht mich schon wieder fertig. Nachmittags langweile ich mich mal wieder,hänge herum und lese etwas. „Schlafen“ gehe ich wie immer sehr früh – gegen 19.00 Uhr.

*1 Vellexon ist ein Ort in Frankreich, am südlichen Ende von Elsass-Lothringen. Die dortigen Schloss-Besitzer waren Kameraden der PFNE [Parti des Forces Nouvelles et Européennes] mit dessen Vorsitzenden, dem Lehrer Claude Cornilleau ich enge freundschaftliche Kontakte pflegte. Noch 1994 waren die griechische „GOLDENE MORGENRÖTE“, die PFNE und der Kreis um mein ehemaliges AVÖ/DJBW zu einer gemeinsamen Sonnenwendfeier dort zusammen gekommen.
*2 Während der U-Haft darf man nur nach langwierigen, komplizierten Genehmigungsverfahren entweder über den Sozialarbeiter oder den Psychologen telefonieren – dann nur überwacht und ca. 10 Minuten. In der Strafhaft ist es später unterschiedlich – aber leichter.

Dienstag, 20. Juni 1995 [224/16 (51+7+7)] – Heute frische Handtücher, dann Hofgang. René hat gestern seine 5. Anklage bekommen, heute hat er die erste Verhandlung. Nach dem Hofgang Langeweile in der Zelle – aber heute gibt es SPIEGEL, FOCIUS, Zu essen gibt es Reis mit gefüllter Paprikaschote. Da heute Aufschluss ist, gehe ich in Zelle 431. Da sitzt seit ein paar Tagen Gerhard, ein unzählige Male wegen Autodiebstahl verurteilter Krimineller. Ein armer Kerl, der fast immer im Knast sitzt und nun ein wenig versucht, jemanden zu finden, der ihm zuhört. Er bemüht sich sehr, nett zu sein. Es gibt jede Menge Gerichtspost. Nach dem Aufschluss muss ich ins Hausbüro kommen. Nun habe ich extra einen Gerichtsbeschluss erwirkt, um meine Fishermens Friends zu bekommen – nun will man sie mir JVA-intern verbieten. So halte ich eine halbe Stunde lang eine Fishermens-Friends-Rede. Das darf alles nicht wahr sein. Nachmittags erkläre ich Dir wieder in einem langen Selbstgespräch, dass ich dich wiederhaben will und sehr, sehr liebe. Später schreibe ich noch ein wenig. Aber so richtig was los war heute auch wieder nichts.

Montag, 19. Juni 1995 [223/17 (52+7+7)] – Heute Morgen gebe ich wohl das dickste Briefpaket, dass ich bisher in der Haft geschrieben habe, ab. Alleine der Urkundenbeamte erhält acht Schriftstücke. Nach der vielen Schreiberei habe ich heute einen ganz legeren Tag. Die Stimmung ist etwas besser. Morgen will ich Dir einen lieben Brief schreiben. Aber – außer Hofgang und Umschluss passiert heute auch nichts. Zu essen gibt es eklige Backerbsen-Suppe mit Wurst. Ich sehe eigentlich nur fern und gehe gegen 18.00 Uhr ins Bett.

Sonntag, 18. Juni 1995 [22/18 (53+7+7)] – Heute ist wohl LOVE-PARADE… Scheiß Liebe – wirklich! Morgens 7.30 Uhr Hofgang – danach setze ich mich hin und schreibe, was noch zu schreiben ist; u.a. einen sehr langen Brief an Papa und einen kurzen an Dich, der furchtbar wird, aber ich muss es mir von der Seele schreiben… Ich kann und will nicht lügen. Den ganzen Tag über muss ich immer wieder weinen. Ich kann nicht anders. Je näher die Freiheit zu kommen scheint, umso größer die Panik, dass du mich verlassen wirst oder gar schon hast. Es ist so schlimm. Hoffentlich schafft mein Vater es, Dich hier heranzuschleppen. Meine Depressionen sind kaum noch auszuhalten. Auch die inneren Aggressionen werden schlimmer und schlimmer. Mittags gibt es Rollbraten mit gemischtem Gemüse und Reis zum Essen. Tja – für den Rest des Tages bleiben nur noch der Fernseher und die Langeweile übrig – Spatzelchen, verlass mich nicht!

Samstag, 17. Juni 1995 [221/19 (54+7+7)] – Dieser Tag war in meiner Jugend noch der „Tag der deutschen Einheit“. Jetzt ist es nichts mehr. Auch mir bedeutet es nichts mehr. Mein Gott, war das eine Horror-Nacht! Gegen 18.00 Uhr bin ich „schlafen“ gegangen. Das heißt, ins Bett und mit dir laut reden, weinen – es ging mir mal wieder total schlecht. Dei symbolisches „Einpacken“ meiner Bilder – der Alptraum wird wahr. Zwar schlafe ich gegen 21.00 Uhr ein, werde aber erst um Mitternacht, dann um 3.00 Uhr und letztendlich gänzlich um 4.30 Uhr wieder wach und rede mit Dir. Auch im Traum war alles der blanke Horror. So holst Du mich zwar vom Gefängnis ab, schläfst aber danach nicht bei mir. Um am darauf folgenden Tag kommst du gar nicht. Im Traum versuche ich, Dir aufzulauern und vieles andere. Ich quäle mich sehr – Du machst mich total fertig [Anm. Richtigerweise hätte ich schreiben müssen: „Meine Gedanken an Dich machen mich total fertig.“] Und so bleibst Du auch mein Thema beim Hofgang, der heute erst um 8.00 Uhr ist. Vormittags warte ich vergeblich auf Rechtsanwalt Krause, der nicht kommt, obwohl eine frist ansteht. Mittags gibt es Sülze mit Soße und Pellkartoffeln – essbar. Viel esse ich ohnehin nicht. Zum Umschluss kommt rené, das lenkt ein wenig ab. Wir reden über Sprachen. Aber in meinem Magen quälen mich ständig Schmerzen aus Liebeskummer. So versuche ich, mich nach dem Umschluss zu beschäftigen und schreibe bis fast 20.00 Uhr an Briefen und Schriftstücken. Ich nehme mir vor, meine Wut nur in das Tagebuch zu notieren und in Briefen an Dich nur gutes (also lügen) zu schreiben. Aber es sind anscheinend nur noch 3 – 10 Wochen – die Chancen stehen erst mal wieder gut [Anm. …freigelassen zu werden]. Ein großer Bericht in der taz kritisiert unter anderem meinen Fall als Unrecht gegen die Meinungsfreiheit. Zudem finde ich einen Paragraphen, der mir noch sehr helfen wird. Ich versuche, zu verdrängen, wie kaputt unsere liebe ist – bloß noch die restliche Haftzeit packen. Aber in Berlin einen Schuldspruch zu erhalten – das überlebe ich nicht.

Freitag, 16. Juni 1995 [220/20 (55+7+7)] – Ich habe die ganze Nacht Angst – weine – und komme erst um 3.00 Uhr morgens zur Ruhe. Ich muss hier raus. Heute morgen wirkt es erst so, als würde das Wetter nun endlich etwas besser. Aber es bleibt doch den ganzen Tag trüb. Beim Hofgang quatsche ich wie immer mit denselben. Laufen und laufen um den einzigen Baum. Gleich danach geht es noch zum Urkundenbeamten. Dann warten in der Zelle. Ich bin total auf den anruf von Dir fixiert. Zum Frühstück gibt es Rosinenbrot – das esse sogar ich. Vormittags will ich mich durch schreiben und fernsehen ablenken, doch es gelingt mir nicht. Mittags Pichelsteiner Eintopf (essbar) – aber ich bekomme nichts runter. Dann werde ich wegen meiner Beschwerde zum Knastdirektor geführt. Es ergibt sich ein sehr anständiges Gespräch. So klärt sich alles. Ich will es hier aber nicht so genau berichten, weil ich morgen noch einen extra Bericht darüber anfertigen werde. Dann, kurz nach 13.00 Uhr unser Telefonat: Es läuft scheiße. Ich möchte Dir schreiben, dass ich Dich hasse, es ist alles so richtig am Ende. Ich werde Dir nur noch zweimal vor dem Prozess schreiben und dann nach dem Urteil – wenn es nötig ist. Ich kann nicht mehr. Du könntest schreiben, aber tust es nicht. Du könntest kommen, aber machst es nicht. Begreifst du eigentlich nichts? Ich gehe vor die Hunde, verflucht noch mal. Und dann sagst Du noch, dass Du meine Bilder abgenommen hast … das fühlt sich an, als wenn Du mit mir Schluss gemacht hast. …[Es folgen weitere, lange emotionelle Ausbrüche, die hier nicht her gehören]

Donnerstag, 15. Juni 1995 [[219/21 (56+7+7)] – Ich habe zur Zeit derart viel zu schreiben, dass mir so richtig die Lust vergeht. Montag will ich aber alles fertig haben. Nun – erst einmal aufstehen und zum Hofgang. Gleich danach um 9.00 Uhr Regenbogen-Gruppe. Wir haben letztes Mal gesammelt (Briefmarken) und tatsächlich liegt ein ganzer Berg von Schoko- und Schinkenkäsecroissants auf dem Tisch. Frühstücken wie zuhause. Es entwickelt sich eine lockere, nette Gesprächsrunde. Man vergisst bis Mittags, dass man eigentlich eine Knastgruppe ist. Wieder zurück in der Zelle ist der Einkauf da. Und jede Menge Amtspost, Beschlüsse usw. Auch etwas Post ist angekommen; NS-Post dbei, unglaublich – ich werde mich natürlich Beschwerden, dass man bisher eine Menge von briefen festgehalten hatte und plötzlich solche Post durchlässt. Es ist wirklich alles WILLKÜR. Zu essen gibt es so genannte Schinkennudeln; in Wahrheit matschig gekochte Nudeln, dazu nach Abwaschwasser schmeckende Tomatensoße und ein Stück Pressschinken. Vergiss es einfach. Nachmittags kommt erst René zum Umschluss. Wir unterhalten uns angeregt über die USA. Dann ist Gruppe: sogenannte politische Weltkunde. Wir sehen einen guten Film über Manila. Es entsteht sogar eine Diskussion. Es ist sehr lebhaft und wir haben zu lachen. Umso frustrierender die Rückkehr in die Zelle. Ich schreibe noch eine ganze Menge. Abends ist mir schlecht; ich fühle unterbewusst, dass morgen irgendetwas bei unserem Telefonat schief geht.

Mittwoch, 14. Juni 1995 [218/22 (57+7+7)] – Als ich wach werde, stelle ich fest, dass sich das Wetter sehr verbessert hat. Heute wird sogar die sonne ein paar Mal ganz durchbrechen. Detlev, René und ich „streiten“ uns beim Hofgang freundschaftlich über den Jugoslawien-Krieg. Gleich im Anschluss geht es zur Selbsthilfegruppe, die wie immer schwachsinnig ist, aber einen wenigstens aus der Zelle holt. Wieder im Haftraum gibt es Kartoffeln mit Fisch und Soße. Anschließend Umschluss mit Detlev. Wir trinken Kaffee und reden eine stunde lang miteinander. Das war es schon wieder. Keine Post – nichts.

Dienstag, 13. Juni 1995 [217/23 (58+7+7)] – Heute morgen regnet es in Strömen. Ich verschlafe fast und vergesse, die Handtücher zu tauschen. Aber es klappt noch verspätet. Als es zum Hofgang geht, hat es fast aufgehört zu regnen. Also gehe ich doch entgegen meines zuvor gefassten Entschlusses mit raus. So rede ich mit Klaus, der mir erklärt, das und was ich gegen einen BGH Beschluss machen kann. Den ganzen Morgen kommt immer wieder Post, Zeitschriften usw.. Auch der Sozialarbeiter kommt. Ich darf am kommenden Freitag mit Dir telefonieren. Hurra?! Aber ich freue mich auf Deine Stimme. Mittags gibt es Winteressen: Grünkohl, Kartoffeln und Mettwurst. Schmeckt aber gut. Und vom Sommer ist ja sowieso nichts zu sehen. René kommt zum Umschluss. Nachmittags beantworte ich eine ganze Menge Post.Auch gegen die Revision schreibe ich Beschwerde an Brengelmann. Später lege ich mich hin, sehe fern und schlafe relativ früh ein.

Montag, 12. Juni 1995 [216/24 (59+7+7)] – Um 6.00 Uhr wach – kurz danach Müll und Post raus. Um 7.30 Uhr dann eine Stunde Hofgang.Auch heute ist schlechtes Wetter. Wieder in der Zelle lese ich Illustrierte, dann passiert wieder etwas total Schlimmes:
   Ich bekomme die Entscheidung wegen der Münchner Revision: Sie ist abgelehnt worden.

Ich bekomme erst einmal einen totalen Nervenzusammenbruch gefolgt von einem Weinkrampf. Das ist so demütigend. Scheiße. Was wird das bedeuten? Komme ich nun überhaupt frei? Und wann ist die Münchner Strafe vorbei? In zwei Monaten – zur Halbstrafe? Oder in fünf Monaten zu 2/3? Oder gar erst in 11 Monaten, zur Vollendung der Gesamtstrafe? Das macht mich alles total fertig. Ich schreibe Papa, dass er so schnell wie möglich kommt. Ich bräuchte jetzt wieder dich – mehr denn je – aber Du würdest auf einen Hilferuf ja weder antworten noch kommen. Ich bin völlig unten. Gestern hatte ich irgendwie schon eine Vorahnung. Einen Schuldspruch in der Berliner Sache überlebe ich nicht, dazu ist mein Ehrgefühl zu stark. Ich habe sehr, sehr große Angst. Ich kann einfach nicht mehr. Mittags gibt es Linseneintopf mit Wurst. Ich esse sehr wenig. Und zum Umschluss kommt auch keiner. Detlev ist beim Zahnarzt und René beim Anwalt. So muss ich allein mit der neuen Situation fertig werden. Ich hänge den ganzen Tag herum, zwinge mich, wenigstens ein wenig meiner Schreibarbeiten die Menschenrechtsgruppen zu bewältigen. Früh liege ich im Bett, aber das Einschlafen fällt sehr schwer.

Sonntag, 11. Juni 1995 [215/25 (60+7+7)] – Du siehst an der Kürze der Tagesprotokolle, wie langweilig Wochenenden hier sind. Sonntags gibt s ja nicht einmal Umschluss. Und ich versuche, alles zu tun, um nicht daran zu denken, was Du so am Wochenende treibst. Beim Frühstücksaufschluss um 6.30 Uhr erfahre ich, dass heute erst um 8.30 Uhr Hofgang ist. So schlafe ich noch etwas länger. Nach dem Hofgang sehe ich fern. Der Film dauert genau bis zum Mittagessen. Es gibt heute Schweinebraten mit Rotkohl und Kartoffeln. Der Rotkohl ist merkwürdig schleimig und die Kartoffeln pappig. Nachmittags wieder nur Langeweile und ein wenig Schreiberei. Tja, und nachdem ich auch an Dich geschrieben habe, jetzt diese Tagebuch-Eintragungen. Schon wieder ein Tag vorbei. In weniger als vier Wochen beginnt der Prozess. Hoffentlich wird dann alles gut. Ich bin sowieso am Ende.

Samstag, 10. Juni 1995 [214/26 (61+7+7)] – Das Wetter bleibt schlecht, dennoch gehe ich, um aus der Zelle zu kommen, morgens früh zum Hofgang. Nach dem Hofgang schreibe ich Briefe. Ich bin zu wach, um herumzuliegen. Mittags gibt es Kartoffelsuppe mit Wurst. Zum Umschluss kommt René. Weißt du, an wen der mich total erinnert? An Hendrik*1. Nur sieht er etwas anders aus und hat braune Haare. Aber er hat genau die gleiche Art zu reden und dieselbe Stimme. Nachmittags schreibe ich weiter an der Post. Bereits um 18.00 Uhr lege ich mich hin. Es ist wieder mal ein unerträglicher Hafttag. Ich weine wieder einmal sehr.

*1 Hendrik war Mitglied in der Münchner „Stammkameradschaft, das die Gruppe rund um mich und AVÖ/DJBW bildete.

Freitag, 9. Juni 1995 [213/27 (62+7+7)] – Zwar gehen mir zur Zeit sehr viele Gedanken, Gefühle und Probleme – vor allem über die „Zukunft“ unserer Beziehung – durch den Kopf, aber ich mag sie gar nicht aufschreiben. Zum einen fehlt mir die Kraft dazu. Zum anderen kommt es mir so sinnlos vor; alles dreht sich ja immer im Kreis – von ganz gut zu ganz schlecht und wieder zurück. Heute morgen beim Hofgang wird ein Türke frech zu Detlev – beide schlagen sich beinahe.Es geht nochmal gut – aber sofort trennen sich die Türken aus der Gruppe heraus. Es bricht offen auf, dass diese ganze Ruhe nur sehr oberflächlich ist und jederzeit eine Eskalation möglich ist. Danach gebe ich beim Urkundenbeamten eine Beschwerde wegen des unberechtigten Vorwurfs der Lagerns von unübersehbaren Massen rechtsextremen Materials ab. Vormittags dann Langeweile. Mittags gibt es Kohlroulade mit Kartoffeln und Soße. Erst um 12.30 Uhr ist Umschluss. Detlev kommt. Wir essen Apfelmus und labern. Nachmittags wieder Langeweile. Ich habe auch keine Lust, zu schreiben oder zu lesen. Ich denke mir den Kopf wieder heiß und liege herum. Draußen scheint es ganz schön kalt zu sein. Später also Tagebuch schreiben, Zeitungen auswerten und um 18.00 Uhr ab ins Bett.

Donnerstag, 8. Juni [212/28 (63+7+7)] – Noch vier Wochen bis zum Prozess-Beginn. Wenn doch bloß nicht jeden Tag die gleiche Scheiße ablaufen würde. Heute wieder Hofgang – ach ja, der neue Umschluss-Partner, kommt heute auch wieder. Er heißt René. Beim Hofgang rede ich mit ihm: Er war ein Jahr auf der Flucht in Los Angeles – wir schwärmen gemeinsam von L.A. und den USA. Gleich danach in der Zelle sehe ich noch fern – dann geht es zur Frühstücksgruppe. Auf meinen Vorschlag hin schauen wir einen Videofilm von Gerhard Polt: Kehraus. Es ist einer meiner Lieblingsfilme. Aber ich werde mittendrin herausgerufen. Jemand vom Hausbüro will in meinem Beisein meine Zelle sehen, weil ich angeblich „rechtsextremes Material in unüberschaubaren Mengen“ in meinem Haftraum habe.Unglaublich – kein Material dieser Art ist hier – keins! Ich wäre ja auch schön blöd, wenn dem so wäre. Ich schreibe später gleich eine Beschwerde. Mittags gibt es Post von Zündel mit Bildern vom Brandanschlag auf sein Haus. Ganz schön schlimm. Zu Essen gibt es mittags Wurstragout mit Kartoffelbrei und Bohnensalat. René kommt zum Umschluss, danach politische Gesprächsgruppe. Es geht richtig wild und lustig zu, Detlev ist auch dabei.Nachmittags lese und schreibe ich eine Menge; u.a. auch wegen einer in den Nachrichten gebrachten Meldung von zwei Toten, die selber Bomben gebaut haben und dabei umgekommen sind. Die Bomben sind gleicher Bauart wie jene, die 1992 bei mir vor dem Laden gelegen haben. Ja – das war es schon wieder für heute.

Mittwoch, 7. Juni 1995 [211/29 (64+7+7)] – Früh geht es raus, gleich nach dem Hofgang geht es zur Labergruppe. Da quatschen wir bis 11.00 Uhr – dann geht es zurück in die Zelle. Ich habe eine Vorahnung, dass irgendetwas Schlechtes passiert. Mittags gibt es Hering in Sahnesoße mit Pellkartoffeln. Weil es sehr gut schmeckt, nehme ich viel zu viel, esse aber nicht ganz auf. Zum Umschluss gehe ich mal zu Detlev in die Zelle. Er hat eine Menge selbstgemalter Bilder an der Wand, teilweise echt gut. Eines will ich sogar eines Tages einmal haben. Und dann passiert, wie ich es befürchtet habe: die Vertretung holt mich nicht zum Telefonat. Ich bin sehr unglücklich. Und – obwohl ich es befürchtet hatte – kommen mir ein paar dicke Tränen. Ich schreibe dir deswegen auch gleich noch einen Brief. Tja – das war der Tag. Es gab auch noch was Gutes: Ich hatte mich darüber beschwert, dass beim letzten Einkauf alle Äpfel faulig waren. Heute lagen neue, schöne Äpfel auf meinem Bett. Nett!

Montag, 5. Juni 1995 [209/31 (65+7)] – Wieder Feiertag, also weder Post noch Zeitungen. Aber heute gib es mittags wenigstens wieder eine stunde Umschluss. Gestern habe ich einen guten Bibelspruch für mich gefunden:

Selig sind die Verfolgungsleiden |
um der Gerechtigkeit willen |
denn Ehre ist das Himmelreich.

Gut – gell? Nun, auch heute am Pfingstmontag wieder früher Hofgang, allerdings bin ich noch ziemlich müde. Ich habe viele stunden Augenschmerzen – keine Ahnung, weshalb?! Vormittags sehe bzw. höre ich fern bis zum Mittagessen. Es gibt Hühnerfrikassee mit Spargel und Reis. Das klingt gut, entpuppt sich aber als ekelhaft mit einem Krümel Huhn. Von 12.00 – 13.30 Uhr ist Umschluss. Detlev ist da. Wie immer unterhalten wir uns gut. Bereits morgens habe ich erfahren, dass auf der Zelle 417 – meiner Nachbarzelle – seit gestern der Terrorist Weinrich*1 liegt. Jaja…*2 Als Detlev wieder weg ist, schreibe ich die „Gegenvorstellung“ gegen die 6-Monatsentscheidung*3 des Kammergerichts. Damit ist meine Post wieder auf aktuellem Stand. So faulenze ich den Rest des Tages, liege herum und sehe fern.Gegen 18.00 Uhr „gehe“ ich „schlafen“ bzw. ins Bett und sehe wie immer noch ein paar Stunden fern.

*1 Johannes Weinrich (* 21. Juli 1947 in Brakel) ist ein deutscher Terrorist und war Mitglied der Revolutionären Zellen sowie der Organisation Internationaler Revolutionäre („Carlos-Gruppe“). Er gilt als die ehemalige rechte Hand des Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, der Schakal. Seine Anschläge forderten bis zu 20 Todesopfer und es wurden etwa 100 Menschen verletzt. Weinrich wurde 1994 im Jemen verhaftet und 1995 nach Deutschland ausgeliefert. Am 17. Januar 2000 wurde er nach vierjährigem Prozess[1] für einen Anschlag auf das Kulturzentrum Maison de France vom 25. August 1983 mit einem Toten und 23 Verletzten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, wobei die besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Weinrich_%281947%29
*2 Neben Weinrich waren es der Erpresser Dagobert, ein Kokain-Großdealer, der Mörder vom Tegeler See und andere illustre Personen, mit denen ich nun meinen Alltag verbrachte. Auch Erich Mielke begegnete mir einmal, als er im Rollstuhl an mir vorbei geschoben wurde.
*3 U-Haft darf in Deutschland maximal 6 Monate dauern. Ausgenommen schwerste, glaubhafte Verbrechen, insbesondere, wenn die Unschuldsvermutung durch Geständnis „entfällt“. Meine mir unterstellte Meinungsäußerung genügte, um die Untersuchungshaft länger als sechs Monate aufrecht zu erhalten !!!

Sonntag, 4. Juni 1995 [208/32 (66+7)] – Meinen Frust über den Ablauf des heutigen Sonntags schreibe ich später in einem Brief an meinen Ex‘ nieder. Gott – ist das alles langweilig. Um 6.00 Uhr geht das Türenknallen los. Um 7.30 Uhr laufen alle für eine Stunde um den einen Baum des Hofes. Dann sitzt man morgens um 9.30 Uhr hellwach in der Zelle – also, Fernseher an und auf das Bett legen. So geht der Vormittag vorbei. Mittags gibt es Sauerbraten mit Karotten-Rahm-Gemüse und Kartoffeln (essbar). Danach setze ich mich hin und schreibe Briefe. Nachdem ich einen Kaffee getrunken habe, beschließe ich, dass es mal wieder an der Zeit ist, den Sieben-Tage-Bart zu rasieren. Und ansonsten? Abends wenigstens ein lustiger Film: SISTERS ACT. Meine Liebe zu Dir lastet hilflos auf mir – ob ich Dich am Mittwoch anrufen kann?

Samstag, 3. Juni 1995 [207/33(67+7)] – Heute ist es morgens sonnig.Also gehe ich doch wieder zum Hofgang, der erst um 8.30 Uhr beginnt. Den Vormittag verbringe ich mit Schreiben und Lesen. Zum Mittagessen gibt es Pellkartoffeln mit einer komischen Käsesoße – schmeckt aber ganz gut. Zum Umschluss überrede ich den Schließer, Detlev und Lothar mit mir zum Dreier zusammenzuschließen. Wir reden ganz nett. Ich spendiere einen der beiden Kuchen, die ich beim letzten Besuch von Papa bekommen habe. Nachmittags schreibe ich eine ganze Menge Anträge und Beschwerden und arbeite einen spannenden Artikel aus der „taz“ über Revisionismus durch. Die Wochenenden verstreichen immer besonders langsam. Tja – Pfingsten noch immer im Knast. Letzten Dienstag [Anm. beim Besuch meines Vaters] wollte ich dich so gerne wiedersehen. Nun – vielleicht klappt es wenigstens mit unserem Telefonat am kommenden Mittwoch um 15.00 Uhr.

Freitag, 2. Juni 1995 [206/34 (68+7)] – Manchmal habe ich ja gar keine Lust mehr, überhaupt noch Tagebuch zu schreiben. Ob Du das überhaupt noch alles liest? Und – es ist doch irgendwie immer das Gleiche; eine Kette aus Langeweile und Depressionen. Ach – meine liebe kleine Silke, um nichts in der Welt will ich Dich verlieren.
Seid zwei tagen war es total trüb. Heute Morgen regnet es sehr stark und es ist kalt. Deshalb gehe ich gar nicht erst zum Hofgang, sondern schlafe einfach weiter. Obwohl es nur so eine Art Halbschlaf ist, zumal ich ja morgens immer aufstehe und mich anziehe, da man ja immer wieder tagsüber gestört wird. Dann mache ich das Bett und „schlafe“ auf den decken weiter. Heute geht das so bis etwa 10.00 Uhr. Dann sehe ich fern. Post von Papa kommt. Er ist genauso fertig wie ich selber. Ich werde schon immer nervöser wegen unseres heutigen Telefonats, es gibt ja nur wieder schlechte Nachrichten. Mittags gibt es eis mit Fischsoße, ich esse fast nichts. Der Umschluss beginnt zu spät: als Detlev kommt, werde ich schon zum Telefonat geholt. So bleibt Detlev allein in meiner Zelle. Wir können aber noch 10 Minuten nach dem Telefonat miteinander reden. Du hast mir wieder einmal sehr zu verstehen gegeben, dass Du mich noch liebst. Ich will und muss es glauben, um die Haft zu überstehen. Ob ich wohl im Sommer endgültig freikommen werde? Ich will wieder zu Dir. Nachmittags schreibe ich eine ganze Menge Post. Ich liebe Dich, Silke. Abends läuft im Fernsehen FRANTIC – mein Lieblingsfilm.

Donnerstag, 1. Juni 1995 [205/35(69+7)] – Diesen Monat ist Sommeranfang. Dieser Tag war der letzte Bericht im Mai-Tagebuch [Anm. Der Monat Mai ist verschollen]. Deshalb gleich weiter.

1993_Althans_in_DER_MUENCHNER

MAI 1995 – Aus bisher unklarer Situation sind die Tagebuch-Aufzeichnungen für den gesamten Mai nicht auffindbar.
Es kann sein, dass diese verloren gegangen sind.
Weiter geht es erst am 1. Juni 1995.

Montag, 1. Mai 1995 [174/66 (100+7] Acht Tage bis zur Halbzeit] ZWEI-JAHRES-JUBILÄUM UNSERES KENNENLERNENS! Vor zwei Jahren nahm ich als Gast-[Anm. -Redner] an einer 1. Mai – Kundgebung des NB – Nationalen Blocks teil. Wir gerieten mit einer Gruppe von ca. 40 Personen [Anm. es waren eher 80] in einen Kessel mehrerer hundert Linker und Ausländer [Anm. am Schluss dürften es etwa 3.000 Gegendemonstranten gewesen sein] Dazwischen auch ein junges Mädchen [Anm. mit kurzen, orange gefärbten Haaren], das kräftig „Althans – Arschloch“ mit-schrie. Das warst Du. [Anm. Ich sagte beim ersten Augenkontakt: „Ach – wie niedlich“] Ein halbes Jahr später bin ich total in Dich verknallt gewesen. Seit langem liebe ich dich wirklich. […] Was wird die Zukunft bringen? Wie wird es ausgehen mit uns? Ob Du wieder zu mir zurückkehren wirst? Ob wir glücklich werden?

Sonntag, 30. April 1995 [173/67 (101+7) Neun Tage bis zur Halbjahresfrist] – Heute ist Sonntag, also ausschlafen. Erst gegen 11.00 Uhr stehe ich auf., ziehe mich an und schon gibt es Essen: Rinderroulade, Kartoffeln, Leipziger Allerlei und Soße. Sven schickt eine Tafel Schokolade mit. Schön, denn ich habe nur noch ein paar Milky-Ways. Umschluss gibt es heute ja keinen. Mittags höre ich etwas klassische Musik und schreibe an Papa, meinen Ex‘ und vor allem an Dich. Nachmittags bis nachts wieder das Übliche: Schlafen, dösen, fernsehen, etwas Zeitung lesen. Ich will hier endlich raus.

Samstag, 29. April 1995 [172/68 (102+7)] Das Zählen, „bis Du kommst“ kann ich mir ja sparen – wann wirst Du mich besuchen, wann endlich schreiben?] – Also, wie immer, erst einmal den Müll raus. Es ist kurz nach 6.00 Uhr. Dann runter zum Hofgang. Ich quatsche mit Sven und Detlev. Der Brief vom Anwalt gibt mir so viel Hoffnung. Man wird sehen. Ich habe Dir ja noch gar nicht erzählt, was ich in der Nacht vor unserem Telefonat geträumt habe:Ich war wieder bei Dir und hatte Dich im Arm. Du hast geweint, mein T-Shirt wurde an Hals und Brust richtig nass. Und dann bin ich plötzlich aufgewacht. Es war gegen 4.00 Uhr morgens – und ich war richtig glücklich. Denn – ich war Dir so fühlbar nah. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass auch Du von mir geträumt hast ?! Nach einem mit Lesen und Schlafen verbrachten Vormittag gibt es Essen, sogenannte Speckeier. Das sind zwei hartgekochte Eier in einer sämigen Soße mit Speckwürfeln und Kartoffelbrei. Dazu Selleriesalat in Glibber. Danach kommt Mirko. Wir quatschen die ganze Zeit. Den Rest des Tages liege ich herum, sehe fern, schlafe oder langweile mich. Wie sonst auch.

Freitag, 28. April 1995 [171/69 (103+7)4] – Gleich nach dem Erwachen bin ich wieder total aggressiv auf Dich. Ob Du überhaupt da sein wirst, wenn ich anrufe? Weil der Trottel, der heute Morgen als Schließer arbeitet, sich weigert, die Post anzunehmen, gehe ich entgegen meines ursprünglichen Planes wieder zum Hofgang und werfe die Post selber [Anm. in den Hausbriefkasten] ein. Ich quatsche mit sven, der heult, weil seine Freundin gestern da war. Ich könnte heulen, weil Du nicht da bist. Nach dem Hofgang zum Urkundenbeamten. Dann schlafe ich bis zum Mittagessen. Es gibt Bohneneintopf. Ich habe schon Bauchschmerzen wegen der Aufregung um den Anruf. Aber erst ist Umschluss. Ich gehe zu Mirko. Wir würfeln. Er bietet mir ein Stück eines total ekligen Erdbeerkuchens an. Der ist derart süß, dass sich einem die Zehennägel hochklappen. Dann kommt die Psychologin. Also hoch in ihr Büro zum anrufen. Du bist da! Und Du bist sehr lieb am Telefon. Und Du gibst mir den Glauben und die Kraft wieder. Ich glaube Dir sogar, dass Du dieses Mal wirklich schreibst. Als Du mir sagst, Du hast mehrfach geschrieben, aber die Briefe nicht abgeschickt, bin ich sehr glücklich. Aber ich mache mir große Sorgen um Deine schule und bin sehr unglücklich, Dich am kommenden Dienstag wieder nicht sehen zu können. Echt zum kotzen. Nach dem Telefonat quatsche ich noch kurz mit Mirko. Wieder in der Zelle, werde ich zum Anwalt geholt, der mir wegen der erhofften Entlassung ein Schreiben [Anm. von ihm] übergibt. Es ist sehr gut geschrieben. Dann bin ich wieder allein auf der Zelle, mache etwas Bürokram, liege herum und träume von Dir. Wann werden wir uns endlich wieder in die Arme nehmen können?! Den restlichen Abend verbringe ich fernsehend. Ich nehme die Kontaktlinsen heraus. Sie sind total hin. Ich kann mit ihnen gar nicht mehr lesen.

Donnerstag, 27. April 1995 [170/70(104+7)5] – Der Tag wird wieder einmal beherrscht von meiner Verzweiflung, Dass der Grund der ausbleibenden Post von Dir das Aus unserer Beziehung sei. Nachdem ich gestern Nacht noch lange darüber nachgedacht habe, stehe ich heute morgen müde auf und gehe zum Hofgang, wo mir Sven erzählt, alleine letzte Woche in sieben Tagen acht Briefe von seiner Freundin bekommen zu haben. Tja – das ist Liebe. Kurz nach 9.00 Uhr geht es zur Regenbogengruppe – auf dem Weg gebe ich noch das Schreiben an das Münchner Gericht ab. Heute gibt es in der Gruppe „türkisches Frühstück“ – Käse, Oliven, Salami u.s.w., lauter leckere Sachen. Es ist nett, wir quatschen einfach nur so und schlagen uns den Bauch voll. Eine gute Ablenkung vom Alltag. Mittags verzichte ich deshalb auf das Essen. Detlev kommt zum Umschluss. Ich mache richtigen Filterkaffee – den letzten. Nachmittags kommt wieder ein Brief von Papa. Er hat wegen meiner Freilassung nach München geschrieben. Könntest Du ja auch tun, aber du schreibst ja nicht einmal mir. Das ist so gemein. Am Nachmittag schlafe ich noch etwas – der Einkauf kommt – dann lese ich zeitung, schreibe noch ein wenig und rasiere mich. Gegen 20.00 Uhr lege ich mich hin. Das war der Tag. […]

HEUTE – am 26. April 2015 fand ich diesen Film, kurzer Ausschnitt:
Interview mit Bela Ewald Althans nach seiner Verurteilung 1993 von Stefan Georg Troller / Veröffentlicht am 27. Jan. 2015 / Stammt aus dem Dokumentarfilm „Deutschlandreise“ von 1992/93 – Kannte ich bisher gar nicht.

Das Gespräch wurde zu Beginn des Münchner Prozesses gedreht, der übersprochene Kommentar verdreht Zusammenhänge: Der „vorherige“ Freispruch war zwar thematisch (wie so oft zuvor) aber in einem ganz anderen Verfahren erfolgt. Die Urteilsbegründung zum Freispruch kann man hier nachlesen:
https://althansinfo.wordpress.com/freispruch-fur-althans/

Mittwoch, 26. April 1995 [169/71 (noch 105 Tage: Ende der Münchner Halbstrafe / 112 Tage: Ende der Frist des Münchner Haftbefehls / 6 Tage, bis voraussichtlich Du und Papa kommen)]*1 – Gestern Abend habe ich wieder große Wut und Verzweiflung um Dich verspürt. Ich kann es nicht verkraften, dass du mir nicht schreibst. Du hast mit der Liebe zu mir doch auch eine Pflicht übernommen. Die Pflicht, mir beizustehen. Wenn Du das nicht begreifst, ist das sehr, sehr schlimm – ansonsten musst Du doch irgendwie lügen oder mich nicht mehr lieben, und das wäre katastrophal. Tja, scheiße auch. Nun, wie es heute war, willst du wissen?Ich gehe morgens zum Hofgang, danach zum Hautarzt. Die Allergie klingt ab. Nach dem Arzt geht es zur Selbsthilfegruppe. Der Typ [Anm. der die Gruppe leitet] ist wirklich ein Schwachkopf, und die Gruppe selbst bringt überhaupt nichts – außer, das man aus der Zelle kommt. Gleich nach der Gruppe Fisch, Kartoffeln, Dillsoße + Dany plus Sahne. Zum Umschluss zum Würfeln zu Mirko. Ausgerechnet während des Umschlusses kommt der Anwalt kurz vorbei. Der Hammer: In Kanada lief ein Film – vermutlich auch in den USA – in dem man mich u.a. mit dem Oklahoma-Attentat in Verbindung bringen will. Das darf alles nicht wahr sein. Ein US-Fernsehsender will darüber jetzt ein Interview mit mir machen. Die drehen jetzt völlig durch.
Dadurch, das ich am Nachmittag etwas schlafe, klingt die Wut über diesen Zwischenfall etwas ab. Ich schreibe Abends eine schriftliche Begründung zur Aufhebung des Münchner Haftbefehls. Die werde ich morgen einreichen. Tja – dann ist es 21.30 Uhr, das war es mal wieder. Heute mittag bekam ich die Nachricht, am Freitag tatsächlich wieder bei Dir anrufen zu dürfen. Auch eine Karte meines Vaters kam, auf der er seinen Besuch nun für den 2. Mai ankündigt. Wieder herrschen Angst und Hoffnung zugleich in mir: Wirst Du auch kommen?

*1 Die Verurteilung war ja noch nicht einmal rechtskräftig – und Haftbefehl darf normalerweise maximal sechs Monate dauern.

Dienstag, 25. April 1995 [168/72 (15)7] – Nächste Dienstag könnte es sein, dass du kommst. Aber aus der Post meines Vaters entnehme ich,dass es eventuell noch platzen kann, da er keine Zeit hat.Hoffentlich erreiche ich Dich am Freitag. Hoffentlich sehe ich Dich bald. Wie erwartet, soll ich mich morgens für den angeblichen Termin fertig machen.Aber um 7.00 Uhr klärt sich der Irrtum auf.So gehe ich ganz normal zum Hofgang, dann zurück in die Zelle. Um 9.00 Uhr wieder „Politik-Gruppe“ im GBZ. Sinnlose, teils lustige Diskussionen über Demokratie. Wieder auf der Zelle Zeitungen lesen und auswerten, u.a. Focus und Spiegel. Zu essen gibt es zwei Frikadellen mit sogenanntem bayrischen Kraut (Weißkohl gekocht – heißt wohl so, weil er nicht sehr schmeckt, um die Berliner gegen die Bayern aufzuhetzen…) und, natürlich: Kartoffeln. Am Nachmittag ist Aufschluss! Die Tür ist offen. Aber ich bin alleine, weil Mirko Skat spielen will; Detlev und Sven spielen Schach. Sven kann ja sonst, da er auf einer Begegnungszelle liegt, nie am Umschluss teilnehmen. Und die anderen interessieren mich nicht.
AN DIESER STELLE IST EIN ZEITUNGSARTIKEL IM ORIGINAL EINGEKLEBT: „Tatmotiv Verzweiflung“ – Lebenslange Haft für Brandstifter! Darauf beziehen sich die folgenden Ausführungen:
Jetzt erst einmal Deine Neugier befriedigen: Sicherlich hast Du Dich schon gefragt, weshalb ich hier diesen Zeitungsartikel eingeklebt habe?! Nun, ganz einfach. Der Typ, der hier verurteilt wurde, ist der Hausarbeiter auf meiner Etage, d.h. Er teilt das Essen aus und sammelt den Müll ein. Nachmittags liege ich auf dem Bett, dass fast eine Stunde voll im Sonnenstrahl steht. Ich döse, sehe fern und schreibe ein paar Briefe. Auch einen an Dich wegen des ersten Mai.Da kennen wir uns ja nun genau zwei Jahre. […] So geht der Tag vorbei. Nichts besonderes passiert.

Montag, 24. April 1995 [167/73(16)8] – Weil es so schön warm ist, stehe ich wieder brav um 5.30 Uhr auf und gebe um 6.00 Uhr den Müll und die Post raus. Um 7.30 Uhr zum Hofgang. Dort werde ich weggeholt mit der Bemerkung, ich hätte morgen Termin (?!). Ich wundere mich, freue mich dann jedoch, weil ich hoffe, es sei die Haftprüfung, vielleicht sogar die Entlassung. Ich denke dieses und jenes – habe große Hoffnungen. Wegen des Termins darf ich zum Frisör, lasse mir aber nur ein wenig nachschneiden. Wieder in der Zelle bekomme ich 13 Briefe, u.a. hat mir Michi*1 nette Sachen zum Geburtstag geschrieben. Warum aber hat er über Dich schreibend das Wort „Freundin“ unterstrichen und dahinter ein Fragezeichen gesetzt? […] Ich hoffe, am kommenden Freitag wieder mit Dir telefonieren zu können. Ich will nur deinen Worten Glauben schenken. Mittags gibt es Erbsensuppe mit Wiener Würstchen. Mirko kommt zum Umschluss und bringt eine Mandarinchentorte mit. Wir würfeln und schwitzen – wieder ist es total heiß. Dann kommt Rechtsanwalt Krause und sagt mir, dass ich morgen keinen Termin habe.Überhaupt – noch immer ist nichts entschieden.Nun – so brechen alle Hoffnungen bereits heute wieder zusammen. Abends schreibe ich eine Stellungnahme zum Staatsanwaltschaftsbrief an das Kammergericht wegen der Aufhebung meines Berliner Haftbefehles. Außer – dass heute noch duschen und Bettwäsche wechseln anstand, war nichts los. Der Tag endet wieder mit fernsehen.

*1 Michael Huber war in der Münchner „Stammkameradschaft“. Er kam eigentlich aus der links-autonomen Szene und gehörte zum engeren Freundeskreis.

Sonntag, 23. April 1995 [166/74 (17)9] – Weil es am Sonntag keinen Umschluss mehr gibt und schon früh die Sonne*1 scheint, stehe ich früh auf und gehe mit zum Hofgang*2. Es folgt ein langweiliger Vormittag. Schinkenbraten mit Rahmbroccoli und Kartoffeln am Mittag, dann wieder Langeweile am Nachmittag. Die Hitze im Haftraum ist unerträglich. Abends schreibe ich eine Reihe von Briefen. Tja – so toll ist das hier.

*1 Die Sonne schien leider niemals auf den Gefängnishof selbst – morgens, wenn wir Hofgang hatten. Dem entgegen knallte sie später im Sommer derart auf das Gebäude, dass der Haftraum sich auf fast 40°C erwärmte. Das führte bei vielen zum Kollaps – man kämpfte dagegen an, indem man nasse Handtücher vor das Fenster hing und/oder das Wasser am Waschbecken durchgehend laufen ließ.
*2 Anmerkung 2015: Zu keinem Moment scheine ich notiert zu haben, dass ich längere Zeit u.a. mit Arno Funke, der als Erpresser „DAGOBERT“,eine gewisse Berühmtheit erlangte, gemeinsam meine Runden drehte.

Samstag, 22. April 1995 [165/75 (18)10] – Morgens stehe ich brav zum Hofgang auf, der heute erst um 8.30 Uhr beginnt. Wieder auf der Zelle sehe ich fern und werte Zeitungen aus. Es kommt ein blöder Brief von [Anm. meinem Münchner Anwalt] Brengelmann, der sich gegen eine Haftprüfung ausspricht. Was das wieder soll?! Nun – jetzt erst einmal Berlin abwarten.Mittags gibt es Kartoffelsuppe. Zum Umschluss kommt Detlev. Ich koche echten Filterkaffee. Dann lege ich mich in der heißen Sonne hin und döse. Gegen 18.00 Uhr stehe ich auf und will etwas Post schreiben. Ich habe aber keine richtige Lust. So gammel ich den Abend durch, lege mich wieder hin, schlafe oder sehe fern. Toller Tag, nicht wahr?

Freitag, 21. April 1995 [164/76 (19)11] – Guten Morgen. Scheiße, ich bin ja noch immer im Knast – alleine. Hallo Spatzl, leider hast Du Ostern ja wieder nicht geschrieben. Die einzige Post, die heute noch kommt, ist vom Anwalt. Aber sie baut mich ziemlich auf. Es könnte dieses Mal wirklich mit meiner Entlassung klappen. Nun, mal abwarten. Es tut sich jedenfalls etwas. Ich schlafe bis zum Mittagessen. Es gibt Kohlroulade mit Kartoffeln. Schmeckt nicht. Danach nehme ich nicht am Umschluss teil, sondern döse weiter. Der Tag vergeht mit fernsehen und Zeitung lesen.

Donnerstag, 20. April 1995 [Hitler-Geburtstag / 163/77 (20)] – Wenn ich doch endlich hier heraus gelassen werden könnte. In 12 Tagen kommt mein Vater – vielleicht auch Du?! Heute am Abend bin ich richtig K.O.. Morgens erst einmal zum Hofgang. Sven erzählt, dass er schon in vier Wochen Prozess hat. Danach wird er wohl nach hause können. Dealer habens eben gut. Nun – ab heute wechselt er auf eine Begegnungszelle. Dann hat er zwar keinen Umschluss mehr (z.B. mit mir), aber er ist dann vor allem auch nicht mehr alleine. Nach dem Hofgang schaue ich erst einmal „Wickie“. Dann geht es zum ersten Mal zu einer neuen Gruppe, der „Regenbogengruppe“. Ich kann es nicht fassen: Da steht ein herrlich gedeckter Ostertisch: Kaffee, Tee, Schokolade – sogar kleine, süße Geschenke. Es ist einfach ein nettes Zusammensein, reden, Kaffee trinken. Nett. Zwischendurch muss ich zum Hausbüro. Es wurde bei der Razzia vorgestern doch etwas – ohne meinem Wissen – beschlagnahmt: Ein Foto mit einer NS-Karikatur, was zwischen all‘ den Akten war. (Von dem Bild wusste ich gar nicht – ist aber auch egal, dann sollen sie es zu meiner Habe*1 in der Kammer tun. Ich brauche es ja jetzt nicht.) Das andere ist (mal wieder) der Leuchter-Report*2, den ich als Verteidigungsunterlage gerade erst richterlich*3 genehmigt bekommen hatte. Nun, da schreibe ich gleich eine Beschwerde und einen Antrag ans Kammergericht. So nicht! Na ja, den bekomme ich sicherlich umgehend zurück. Mittags gibt es Wurstgulasch und Bohnensalat. Ausnahmsweise können mal wieder detlev und Mirko zusammen zum Umschluss kommen. Wir lachen viel und trinken echten Filterkaffee von Papa. Dann geht es – weil es Freitags keine Gruppen mehr gibt – noch zur PG – POLITISCHE GRUPPE. Es wird ein sehr reger Streit zwischen Arnulf und mir [Anm. auf der einen Seite] und der restlichen Gruppe, die einfach keine Ahnung von Politik hat. Ach ja – Mittags schaffe ich es nicht einmal mehr, rechtzeitig zum Augenarzt zu kommen. Ich sehe halt zu, dass ich mir hier noch neue Kontaktlinsen machen lassen kann. Erst um 16.00 Uhr bin ich wieder auf der Zelle. Ich mache meine Presseauswertung, schreibe noch, nachdem ich erfahren habe, dass Papa am 2. Mai kommen will, an ihn und Dich, damit Du mitkommen kannst. Nun erst mal 12 Tage Hoffnung, Dich zu sehen. Tja – dann ist der Tag vorbei. Ach – den Einkauf gab es auch noch. Nun noch einen Western gucken und an Dich denken […].

*1 Die Habe in der Kammer sind die Dinge, die verwahrt werden, weil sie gegen die Hausordnung der JVA verstoßen. Die „Kammer“ ist das Logistik-Zentrum für Wäsche u.s.w.
*2 Leuchter-Report: Im Verfahren gegen Ernst Zündel beauftragte dieser den einzigen auffindbaren Konstrukteur von Gaskammern, Fred Leuchter aus Boston, MA, die als Gaskammern ausgewiesenen Gebäude in diversen Konzentrationslagern zu untersuchen. Der Bericht löste eine riesige, bis heute nicht abgeschlossene Kontroverse aus und führte in erheblichen Teilen zur Umdeutung und Neufassung der „offiziellen“ Geschichtsschreibung.
*3 Cover des Leuchter-Berichtes, der durch den Vorsitzenden Richter Brüning beschlagnahmt wurde, der Aufhebungsbescheid nach Widerspruch durch mich des Kammergerichtes Berlin und ein, als Beweis vorgelegtes, vom Gericht aber abgelehntes Schreiben des Bundesministers der Justiz können hier eingesehen werden:

Mittwoch, 19. April 1995 [162/78 (21)] – Ich stehe um 5.30 Uhr auf, gebe um 6.00 Uhr die Post raus und schlafe dann bis 7.00 Uhr weiter. Dann gehe ich zum Hofgang. Sven fehlt: Haftprüfung. Um 8.00 Uhr muss ich zum Hautarzt, mal wieder wegen meinem Rücken. Aber der Arzt beruhigt mich. Die Sache ist verheilt. Er stellt jedoch eine, durch Stress bedingte Kränkung fest, vor allem am Hals, gegen die ich eine salbe bekomme. Ich erfahre, dass der Knast derzeit von Läusen heimgesucht wird, zur Zeit Haus II. Ich bin zwar Haus I, aber die Gefahr bleibt. Danach geht es noch zum Urkundenbeamten wegen des Antrages auf Haftprüfung München. Dann liege ich wieder herum, bekomme Post und Zeitungen. Mittags Fisch mit Soße und Kartoffeln. Die Schließerin, die genauso aussieht, wie Frau Weckert*1, bittet mich, mal wieder den Seelenretter bei Sven zu spielen. Weil ja gestern auch mein „Glückstag“ war. Du nicht da u.s.w.. Nun – so spielt das Leben. Wieder in der Zelle, werte ich Zeitungen von Ostern, gestern und heute aus und erledige etwas Post. Außerdem versuche ich, einen Telefon-Termin für den 28.04. mit Dir zu bekommen. Ob Du wenigstens jetzt mal schreibst?

*1 Ingrid Weckert:
Entgegen des WIKI-Eintrages http://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Weckert, der Frau Weckert in krudem Zwielicht dastehen lässt, lernte ich die gegenüber meiner Münchner Wohnung lebende Historikerin, die unter anderem in Israel studiert hat, als sensible, qualifizierte und wissenschaftlich arbeitende Person kennen.
1990 veröffentlichte ich im AVÖ ihre sensationellen Enthüllungen über die Zusammenarbeit zwischen NS-Organisationen und jüdisch-zionistischen Gruppen zur Förderung der Auswanderung in Deutschland lebender Juden in das britische Mandatsgebiet Palestina „Auswanderung der Juden aus dem III. Reich“. Diese, in einer Auflage von 2.500 Exemplaren erschienene Schrift wurde – auch nach mehrfacher Beschlagnahme – weder indiziert noch verboten. Eine überarbeitete, deutlich erweiterte Version, II. Auflage scheint in Deutschland nur noch im Internet verfügbar zu sein.

Dienstag, 18. April 1995 [161/79 (22)] – Heute um 12.00 Uhr sollt Ihr kommen. In 23 Tagen läuft meine 6-Monatsfrist ab [Anm. höchste U-Haft-Dauer, hahaha …]. Ich will hier endlich raus.
Was für ein beschissener Tag: Ja – ich gestehe es Dir gleich vorweg. Dass du nicht kommen konntest, belastet mich wahnsinnig. Aber es ist sehr gut, zu wissen, dass Du kommen wolltest. Und – sorry – ich bin glücklich, dass du traurig warst, als mein Ex‘ Dir riet, nicht mitzufahren, da keine Besuchserlaubnis für Dich vorlag.Er hat es dann zwar noch geschafft, aber ich hätte Dir zuvor auch abgeraten. Hätte ich erfahren,. Dass du in Berlin bist ohne mich sehen zu dürfen, das hätte mich total gequält. Nun – wie war der Tag?: Ich werde sehr früh wach, stehe auf, gebe Post und Müll aus dem Haftraum. Ich esse einen Erdbeerquark und trinke einen Kaffee. Dann gehe ich zum Hofgang. Wieder oben, beginne ich, langsam immer aufgeregter zu werden. Mein Magen hängt mir bald in den Knien. Aber, ich kann nicht herumsitzen,. Laufe stattdessen in der 2×4 Meter-Zelle hin und her. Und – wie das so ist – wenn, dann kommt es richtig dick. Razzia. Ich muss raus, runter, mich nackt ausziehen. Totale Durchsuchung. Dann – für eine Stunde in der Leerzelle – den meine wird gefilzt. Natürlich findet man nichts. Es kommt eine Menge Post, Zeitungen. Zu Essen gibt es Milchreis mit Kirschen. Ich nehme sehr viel, esse aber nichts.Ich würde nichts herunter bekommen. Dann steht im Brief meines Vaters, er und mein Bruder Florian kämen heute?! Ich werde verrückt – was ist mit B* [Anm. meinem Ex‘] und Dir?Und – tatsächlich – nichts passiert um 12.00 Uhr. Ich bin fertig, gehe zum Umschluss zu Mirko zum würfeln. Ich trinke noch einen Kaffee, dann wieder in die Zelle.Es wird 14.00 Uhr – nichts geschieht. Auch um 14.30 Uhr hat sich noch nichts getan. Die Hoffnungen verquicken sich mit Fantasie. Ich denke, dass ich heute raus komme und Ihr alle da seid.Doch dann holt mich die Realität ein – kurz vor 15.00 Uhr werde ich geholt. Es ist mein Ex‘ – alleine. Ich bin irgendwie unter Schock – aber ich weine nicht. Wir reden halt mal über alles, was sonst so los ist.Vor allem kann ich Wäsche tauschen. Tja – ich hatte mich richtig „schön“ gemacht für Dich. Wieder auf der Zelle schreibe ich sofort einen Eilbrief an Dich. Auch an Papa und die Richterin schreibe ich in der Hoffnung, dass Papa und du dann in zwei wochen kommen könnt. Ich muss dich doch endlich wiedersehen und fühlen. Tja – und dann liege ich wieder so herum und immer wieder sage ich: „Ich fasse es nicht – ich fasse es nicht.“ Uns bleibt nichts erspart. Die Qualen sind so schmerzhaft, dass sie nicht einmal mehr weh tun. Bitte komm bald. Bitte!

Oster-Montag, 17. April 1995 [160/80 (23/1)] – Auch heute schlafe ich bis 11.00 Uhr. Kurz nachdem ich aufgestanden bin, gibt es Mittagessen, ein Stück echte Butter dazu (weil Ostern ist) und ein weißes Mousse aux Chocolat. Die Mahlzeit besteht aus Rahm-Karotten mit Wassergeschmack, Sauerbraten (vermutlich Känguru), (super)saure Soße und Kartoffeln.Ich denke, wenn ich frei bin, werde ich nie wieder Kartoffeln essen. Zum Umschluss gehe ich zu Mirko. Wir futtern Negerküsse [Anm. das heißt ja inzwischen „farbige Mitbürgerküsse_innen“] Mann, waren die dick, Mann. Apropos – viel lieber würde ich dich küssen. Nun – morgen ist es soweit. Stell Dir vor ich könnte mit Euch nach hause fahren… Den Rest des Tages sehe ich halt wieder fern. Auch das beginnt mich immer mehr zu langweilen. Ich gehe schon gegen 19.00 Uhr ins Bett, „freue“ mich auf dich/Euch und liege so herum.

Sonntag, 16. April 1995 [159/81 (24/2)] – Übermorgen bist du da, geliebtes Spatzelchen. „Frohe Ostern“. Mirko schenkt mir Kekse, Detlev hat eine lustige Karte gemalt. Beides finde ich erst gegen 11.00 Uhr, weil ich morgens erst mal weiter schlafe. Da heute kein Umschluss ist, schreibe ich Dir [Silke], meinem Ex‘ und meinem Vater Briefe. Mittags esse ich undefinierbares Fleisch mit Kartoffeln und Rotkohl. Den Rest des Tages genieße ich das relativ gute Fernsehprogramm. Die Sonne, die Nachmittags wieder herrlich scheint, fühlt sich auf meiner Haut so an, als wollte sie mich hier raus ziehen. Mittags weine ich aus Verzweiflung.Aber irgendwie habe ich insgesamt relativ gute Laune. Ich liebe Dich.

Samstag, 15. April 1995 [158/82 (25/3)] – Manchmal – so wie heute – habe ich gar keine Lust mehr, die tägliche Langeweile aufzuschreiben. Außerdem habe ich sowieso nur wieder schlechte Nachrichten: Die Stuttgarter wollen auf Teufel komm raus das Verfahren gegen mich noch durchziehen. Es ist zum wahnsinnig werden. Die Tatvorwürfe sind aus den Jahren 1983 – 1987, also teilweise 12 Jahre alt. Die ticken nicht mehr richtig. Naja – was sonst so los war? Ich habe bis 11.00 Uhr geschlafen – ach ja, richtig – morgens war ich jedoch beim Hofgang, dann brachte Mirko eine halbe Pflaumentorte, die ich beim Umschluss mit Sven verspeist habe. Mittags gab es Bohnensuppe und Quarkspeise. Am Nachmittag sehe ich fern und schlafe. Es ist mal wieder alles soo langweilig. Ach ja. Ich probiere noch eine Haftprüfung in München – mal sehen, wie die reagieren.

Freitag, 14. April 1995 [157/83 (26/4)] – In vier Tagen werde ich Dich sehen. Ich werde, um nicht unnötig Zeit zu verlieren, in München Haftprüfung beantragen, das müsste dort ja nach zwei Monaten nun auch möglich sein. Da heute Karfreitag, also Feiertag ist, drehe ich mich beim ersten Aufschluss morgens nur um. Ich habe schön geträumt, ich bin froh über Deinen und B’s [Anm. mein Ex‘] Optimismus, dass ich in den nächsten Wochen frei komme. Um 11.30 Uhr werde ich dadurch wach, dass schon Mittagessen ausgeteilt wird. Schnell springe ich aus dem Bett, ziehe etwas an und schon geht die Tür auf. Es gibt Fisch mit Soße und Kartoffeln und eine riesige saure Gurke, die ich als erstes noch im Halbschlaf esse. Mir wird fast schlecht. Beim anschließenden Umschluss kommt Mirko, dem ich von Dir vorschwärme. Er hat Ananas-Kuchen gemacht. Dann würfeln wir. Nachmittags, ab 13.30 Uhr bin ich wieder alleine, sehe fern, sonne mich – soweit die sonne durch das Stanzblech kommt, was noch vor den doppelten Gitterstabreihen sitzt. Ich betreibe Körperpflege – rasieren und so. Abends schreibe ich noch Tagebuch. Das, was du jetzt liest. Dann – gegen 21.00 Uhr lege ich mich schlafen.

Donnerstag, 13. April 1995 [156/84(27/5)] – Eine heutige Entlassung wäre die letzte Chance gewesen, Ostern noch bei dir zu sein. Aber ich sollte das Träumen lassen. Allerdings kommen die Gerichte nach dem 9. Mai, also in vier Wochen, in Bedrängnis. Mal sehen, was ich machen kann. Seit 10 Tagen hängt die seit sechs Monaten erhoffte Haftverschonung [Anm. als Beschluss] vor mir an der Wand – und dennoch sitze ich. Verflucht noch mal. Aber – noch ist es ja nicht klar gegen mich entschieden. Die Zeit, die vergeht, zählt für uns. Morgens gehe ich erstmal nicht zum Hofgang sondern schlafe weiter. Gegen 10.00 Uhr wache ich auf und ärgere mich erst einmal, „Wickie“ verpasst zu haben. Aber da ich gegen 10.30 Uhr wieder bei dir anrufen darf, mache ich mich frisch und laufe nervös in der Zelle auf und ab. Dabei läuft die Flimmerkiste – aber ich bin total nervös und laufe auf den drei möglichen Metern herum.Um 11.45 Uhr gibt es Essen: Kohl, Kartoffeln und Klopse. Ich esse ein paar Löffel, dann schütte ich alles weg – zu aufgeregt bin ich. Dann – endlich – kurz nach 12.00 Uhr werde ich geholt. Wir rufen bei Dir an und du bist da. Wieder einmal gelingt Dir das Unbegreifliche:Du machst mich total glücklich. Im Gegensatz zum letzten Mal ist es ein total schönes Telefonat. Deine stimme klingt zauberhaft lieb und Du sagst mir, dass ich Dir sehr fehle. Ich bin sehr glücklich. Besonders, weil auch Du am Dienstag kommen wirst. Während ich mit Dir spreche, stelle ich mir vor, wie Du ganz verwuschelt in deinem Bett sitzt. Wie sehr würde ich jetzt gerne mit unter Deine Decke krabbeln. Ich liebe dich – es ist schön, dass es Dich gibt. Nach dem Telefonat mit Dir gehe ich zum Umschluss zu Sven. Aber erst nachdem ich wieder auf der Zelle bin, freue ich mich über Dich. Ich werde jetzt leicht über Ostern kommen. Den Rest des Tages verbringe ich fernsehend und dösend.

Mittwoch, 12. April 1995 [155/85]28 Tage bis zur Halbjahresfrist! Dann ist es hier Freiheitsberaubung! Ach ja – und in sechs Tagen kommt B* [Anm. mein Ex]. Du auch? Hoffentlich.
Da ich gestern Nacht erst um 2.00 Uhr einschlief, bin ich todmüde, als der Tag beginnt. Dennoch werde ich früh wach, gebe Post und Müll raus und gehe, trotz der Müdigkeit, mit zum Hofgang. Danach schaue ich „Wickie“ – kurz danach geht es zur Selbsthilfegruppe. Sinnlos – aber wenigstens sitzt man nicht auf der Zelle. Ich erfahre zudem, dass mein Berliner Haftbefehl quasi ungültig ist und ich nunmehr nur wegen des Münchner Haftbefehls weiterhin sitze. Ich muss dringend mit Krause sprechen, der vermutlich ohnehin noch in dieser Woche kommen will. Nach dem essen „Brühnudeln“, einer Art Eintopf, darf ich Dich erneut anrufen. Aber nur deine Mutter ist da. Ich darf es gegen 14.00 Uhr noch einmal versuchen. [… zum Respekt des Schutzes der Persönlichkeit meiner Ex-Freundin lasse ich entsprechende, mich nicht betreffende Sätze aus.] Auch beim 2. Anruf erreiche ich dich nicht. Morgen um 10.30 Uhr darf ich es noch einmal versuchen. Du bist so merkwürdig schwierig. Nun hast du mich langsam aus deinem Leben „verdrängt“ – das belastet mich sehr. Mein Ex hat geschrieben, dass er nächsten Dienstag kommt, und den Antrag für Dich mit gestellt hat. Wirst du kommen? Das wäre eine Chance. Eine Chance Dich zu sehen. Zum Umschluss bin ich bei Mirko zum Würfeln, er hat Kirschkuchen gemacht. Naja – Nachmittags wieder liegen, lesen, Zeitungen auswerten, fernsehen und den Tag durchbringen. Todlangweilig!

Dienstag, 11. April 1995 [154/86] – Aufstehen, Handtücher-Tausch, Hofgang. Wieder in der Zelle, endlich Strom, Kaffee und „Wickie“. SPIEGEL, Focus, Tango lesen – dann sehr traurige Post von Papa. Eine verspätete Geburtstagskarte von Zündel kommt auch noch an. Mittags gibt es Herzragout mit Kartoffelbrei und Gurkensalat. Beim Umschluss bin ich bei Sven, der wieder nur flennt. Langsam nervt es mich, zumal er heute auch noch zickig ist. Morgen gehe ich zum Torte-Essen zu Mirko und dann werde ich mal wieder mit Detlev Umschluss machen. Mit dem kann man wenigstens lachen. Um 15.00 Uhr holt mich die Psychologin, damit ich Dich anrufen kann. Du bist nicht da! Ich hatte so sehr darauf gehofft – nun, da Du Ferien hast. Und – morgen darf ich es erneut versuchen. Hoffentlich erwische ich Dich dann zuhause. Denn, allzu oft kann ich es nicht probieren. Ich werde ja sehen. Ach ja – der Einkauf kommt heute auch noch, und Papa hat wieder geld überwiesen. Prima.
Seit einer Woche hängt der Beschluss über die Haftverschonung hier – und ich komme nicht raus. Scheiße.
Nachmittags hänge ich halt wieder herum und am Abend schreibe ich ein (sehr) wenig.Hoffentlich erreiche ich dich morgen.

Montag, 10. April 1995 [153/87] – Ob ich es glaube oder nicht, ich wünsche mir, diese Woche – noch vor Ostern – Haftverschonung zu bekommen und frei gelassen zu werden, um mir dann – Dich – zurückzuholen. Nun, heute ist wieder mal der typische Knast-Tag. Um 6.00 Uhr aufstehen, Um 6.00 Uhr aufstehen, den Müll und die Post raus geben, heute ist auch Bettwäsche-Tausch. Frühstück nehme ich wie immer nicht. Stattdessen esse ich einen Jogurt und mache mir einen Kaffee. Dann gehe ich zum Hofgang. Sven ist wieder total am weinen – weint sich bei der Schließerin aus. Ich habe später Mühe, sie zu beruhigen, damit Sven keinen „roten Punkt“ bekommt, was bedeuten würde, dass die ganze Nacht über immer wieder Licht von außen in der Zelle gemacht werden würde um wegen Selbstmordgefahr zu kontrollieren. Und das hilft sowieso nicht – im Gegenteil – es macht nervlich total fertig. Ich hatte das ja die ersten drei Monate. Nach dem Hofgang schaue ich Wickie und irgendwelche anderen Filme. Um 11.30 Uhr gibt es Mittagessen: Weiße-Bohnen-Eintopf, recht essbar. Dann gehe ich zu Sven zum Umschluss, um ihn wieder etwas aufzubauen. Lächerlich – denn dabei bin ich selber emotional total am Ende. Post kommt heute keine – Zeitungen wie immer. Nachmittags bin ich mal wieder fertig und weine total. Ach Silke – ich will dich nicht verlieren. Morgens bin ich zur Zeit glücklich, dass ich dich habe – Abends sterbe ich vor Angst, Dich zu verlieren. Hoffentlich klappt das mit der Haftverschonung. Und dann bastelt auch noch Abends einer am Strom: Drei Mal bricht der Strom zusammen, wenn er dann ausfällt , wirft einen die „Ruhe“ zurück in die Realität und lässt einem mit voller Wucht die decke auf den Kopf fallen.

Sonntag, 9. April 1995 [152/88] – Heute schlafe ich aus, erst um 11.00 Uhr stehe ich auf. Kurz danach gibt es Essen: Kartoffeln, Grünkohl und Schinkenbraten – danach einen Fruchtquark. Schmeckt recht gut. Überhaupt habe ich in letzter Zeit wieder etwas zugenommen. Den ganzen Tag will ich Dir schreiben. Zum ersten Mal weiß ich nicht so richtig, was und wie. Ich liebe Dich doch so sehr … Ich muss hier raus, damit ich endlich die Wahrheit erfahre. Nachmittags also herumliegen und fernsehen. Ich rasiere mich mal wieder und schreibe etwas Post. Umschluss gibt es heute ja nicht.
Am nächsten Wochenende ist Ostern. Diese Woche hast du Ferien und – wenn alles bei uns gut wäre – würdest du mich besuchen kommen. Aber, das wird wohl nicht passieren. Welche „Not-Lüge“ wirst du mir wohl erzählen, wenn ich Dich anrufe?

Samstag, 8. April 1995 [151/89] – Ich kann mich mit den Schilderungen kurz halten. Wie immer gehe ich zum Hofgang, der heute erst von 9.30 – 10.30 Uhr stattfindet, sitze traurig herum, schreibe ein paar Briefe. Zum Essen gibt es Ravioli und einen Dany. Zum Umschluss gehe ich zu Sven. Er ist nur am weinen. Ich lasse es ihn nicht merken, wie schlecht es mir geht – hat er doch wenigstens eine Freundin, die draußen um ihn kämpft. Du gehst aus und schreibst mir nicht. Gar nicht. Ich werde mich wohl auch damit anfreunden müssen, dass du nicht zu Besuch kommen wirst. Ich weiß, dass ich – wenn ich entlassen werde – einfach nach hause fahren werde, ohne Dich anzurufen. Zu wissen, dass Du nicht mehr mit mir schläfst, dass wir nicht mehr zusammen sind, dass alle meine Träume nur Lügen und Illusionen sind, ist zu hart. Wenn es mit Dir aus ist, wird die Einsamkeit draußen noch schlimmer als hier im Gefängnis sein.

Freitag, 7. April 1995 [150/90] – Seit 150 Tagen im Knast. Das darf nicht wahr sein. Und das – OHNE verurteilt zu sein. Wie geht das wohl weiter? Die schlimmste Strafe bisher ist ohnehin das Zerbrechen unserer Beziehung. Ich mache mir nur noch etwas vor.
Wie immer also um 6.00 Uhr Müll raus, um 7.00 Uhr zum Hofgang. Vormittags verarbeite ich die restlichen Zeitungsartikel, mittags gibt es Eintopf. Da Mittags weiter keine Post von Dir kommt, legt sich wieder der Druck von Depressionen auf mein Denken. Nach dem Mittagessen ist Umschluss anstatt Sonntag. Ich muss aber noch zur Gruppe in der GBZ. Es ist die Gruppe „Politische Diskussion“. Aber es ist einfach nur ein Quatsch-Club, Arnulf ist da – und seit heute auch Mirko. Dann, wieder in der Zelle, weine ich, da ich mir sicher bin, dass es mit uns aus ist. Motivationslos liege ich herum, sehe – bzw. höre – fern.
Was nützt Haftverschonung, wenn sie einerseits nicht rechtskräftig ist, andererseits ausgehebelt wird, da München ja einen zweiten Haftbefehl erließ…

Donnerstag, 6. April 1995 [149/91] – Liebes Spatzelchen, meine Sorgen um dich werden immer größer, bestärkt durch meinen Anwalt, der heute kam und von einem Telefonat. Dass er mit Deiner Mutter geführt hat, berichtete.Er bringt mir Klarsichthüllen mit aber keine Neuigkeiten. Morgens stehe ich zwar um 6.00 Uhr auf, gehe jedoch nicht mit zum Hofgang. Um 9.00 Uhr kommt der neue Einkauf – endlich wieder Jogurt. Ich sehe morgens fern, esse Mittags fast nichts, weil mich meine Gedanken um Dich aufzehren. Es gibt sogenanntes Gulasch (ohne Fleisch) mit Kartoffelbrei und Bohnensalat. Dann Umschluss mit Mirko und Detlev. Wir essen Ananas-Torte, die Mirko gemacht hat. Die beiden trösten mich etwas wegen Dir. Dennoch liegen meine Gefühle wie ein dicker Klumpen in meinem Bauch. Auch kommt – wie erwartet – ja wieder keine Post von Dir. Scheiße – echt Scheiße. Hoffentlich komme ich bald raus, um Gewissheit zu erlangen. Es geht so nicht weiter. Nun – wie immer – lesen, schreiben, fernsehen. Heute kann ich zudem die angesammelten Artikel aufkleben und archivieren. Super. Gegen 20.00 Uhr, wie immer, ins Bett. Ob Du mich noch willst?

Mittwoch, 5. April 1995 [148/92] – Mit der Hoffnung kommt die Angst. Schon bald könnte ich frei sein, aber je mehr ich an Dich denke, umso sicherer bin ich, dass es mit uns aus ist, dass du mich verstoßen hast aus Deinem Herzen. Ich bin sehr unglücklich darüber. Nun – noch ist es nicht soweit. Morgens um 6.00 Uhr stehe ich auf. Beim Hofgang rede ich mit Sven, der sehr fertig ist, weil seine Freundin ihn nicht besuchen darf. Auch Detlev und Mirko versuchen, ihn zu trösten. Nach dem Hofgang sehe ich fern. Dann geht es zur selbsthilfegruppe. Ich denke immer an die Möglichkeit, raus zu kommen. So bin ich in der gruppe recht ruhig und öre lieber zu. Nach der gruppe Mittagessen: Fisch und Kartoffeln. Die Psychologin ruft mich und verspricht mir, dass wir nächste Woche wieder telefonieren können. Sie hat Mitleid mit meiner verzwickten Situation. Nach dem essen gehe ich zu Sven, der nur weint. Als der Umschluss vorbei ist, sehe ich fern, schreibe ein paar Briefe und lasse den Tag verstreichen. Ich bin sehr deprimiert und sicher, dass es mit Dir nichts mehr wird.

Dienstag, 4. April 1995 [146/93] – Heute sollte der Prozess anfangen. Die wollten mich hier [Anm. in der JVA] mit Gewalt vorführen, nur weil ich nicht ab-geladen wurde. Der Irrtum klärt sich erst gegen 8.00 Uhr auf – während ich beim Hofgang bin. Nach dem Hofgang gehe ich meinen Antrag auf Haftprüfung (vorerst) zurücknehmen [Anm. da Haftverschonung angeordnet wurde]. Dann zum Augenarzt, wo ich ca. eine Stunde warten muss. Ich will neue Kontaktlinsen haben, die auch bewilligt werden. Nur bis der Optiker kommt, kann wieder dauern. Dann wieder auf die Zelle: Zeitung lesen, Kaffee trinken und Mittagessen. Es gibt Leberkäse, Kohlgemüse und Kartoffeln. Dann kommt ein Osterpaket von Papa – total lieb und schnell – ich freue mich sehr. Endlich – nach fast zehn Wochen wieder mal „Fishermens Friends“. Ja – jetzt sind wieder ein paar feine Sachen da. (Hoffentlich schickst Du jetzt jein zweites Paket mehr – falls ich nicht frei gelassen werde, brauche ich es bestimmt noch im Sommer.) Zum Umschluss gehe ich noch einmal zu Sven, der total am heulen ist. Er hat erfahren, dass seine Freundin ihn wegen des Verdachtes auf Mittäterschaft / Verdunklungsgefahr nicht besuchen darf. Das würde mich auch völlig fertig machen. Ich versuche, ihm etwas Hoffnung zu machen. Armer Kerl. Später bin ich dann halt wieder auf meiner Zelle, habe relativ gute Laune – esse sogar mal wieder Abendbrot. Es gibt Geflügel-Salat, lecker – von Pfennig. Frage mich mal später, dann erzähle ich Dir die „Pfennig-Geschichte“ – sehr lustig. [Anm. eine alte Jugendstory] Tja – im Moment sitze ich hier nur irgendwie in der Zelle herum, hoffe auf Glück und Gnade und darauf, noch vor Ostern frei zu kommen. Ach Silke, wann Du wohl schreibst? Dafür reiße ich Dir eh‘ noch den Kopf ab. Aber ich nähe ihn Dir wieder an. Ich liebe Dich ja. Ich finde noch immer, dass wir beide wahnsinnig gut zusammen passen. Der Gedanke, vielleicht bald wieder mit Dir zu schlafen, macht mich richtig verrückt…

Montag, 3. April 1995 [145/94] – Morgens um 6.00 Uhr stehe ich auf, gebe Müll, Post und Anträge raus. Um 7.00 Uhr wieder zum Hofgang, wo mich der diensthabende Beamte fragt, ob ich wegen des morgigen Prozess-Beginns noch zum Frisör will. Nanu? Nein – sage ich. Um 9.00 Uhr gehe ich zum Urkundenbeamten wegen des Antrages auf erneute Haftprüfung. Wieder in der Zelle werte ich Zeitungen aus. Mittags gibt es Linsensuppe mit Bockwurst. Danach gehe ich zu Sven zum Umschluss. Gegen 16.00 Uhr kommt plötzlich der Anwalt.
Der Hammer: HAFTVERSCHONUNG!
Aber – die Staatsanwaltschaft hat Beschwerde eingelegt. Ich komme also noch nicht raus. Krause meint, dass es aber zu meinen Gunsten laufen wird. Nur – dann habe ich noch immer den Münchner Haftbefehl am Arsch. Nur, wenn die dort auch eine Haftverschonung akzeptieren würden, käme ich frei. Wenn alles sehr gut geht, bin ich in zwei Wochen bei Dir, meine Silke. Aber ob alles gut läuft? Ich glaube es nicht. Aber dennoch habe ich recht gute Laune. Innerlich ist die Freiheit plötzlich so nah, dass ich fast Angst habe. Wenn es mit Dir doch aus ist? Der Gedanke – alleine in meiner Wohnung zu sitzen … ?! Ich möchte am liebsten, wenn ich in München ankomme, erst Dein Zimmer sehen (kontrollieren), ob meine Bilder alle noch hängen – (…)?! Ich weiß, dass ich Dich fragen werde, ob Du mit jemand anderem geschlafen hast…
Ich habe Angst, dass Du nicht gleich bei mir einziehen wirst, usw. Tja – „leicht“ wird es dann noch lange nicht, Ich liebe dich, werde Dich bitten, neu mit mir anzufangen oder ansonsten auf Dich warten. Und du? Ja – ich habe große angst, freizukommen und Dich verloren zu haben.

Sonntag, 2. April 1995 [144/95] – Liebe Silke,in Gedanken zumindest bin ich auch heute bei Dir, gleich 2x schreibe ich Dir – und dann, da Sonntag ist, schlafe ich bis 10.00 Uhr, dann stehe ich auf und sehe fern. Mittags gibt es Schwineschnipsel (ja – Mini-Schnitzel) mit Rahmbroccoli und Kartoffeln. Schmeckt aber ganz gut. Danach kommt mirko zum Würfeln; den Nachmittag sehe ich wieder fern und mache etwas Post – u.a. stelle ich auch einen neuen Antrag auf Haftprüfung. Hoffnungen mache ich mir im Moment jedoch keine.

Samstag, 1. April 1995 [143/96] – Ich werde entlassen.

APRIL, APRIL

Obwohl ich ja gestern mit Dir telefonieren konnte, bin ich bereits am frühen Morgen traurig. Es enttäuscht mich irgendwie, dass du wegen der Verlobung nicht gleich ja gesagt hast. Zweifelst du doch derart an mir? Oder liebst du mich doch nicht mehr… Wahrscheinlich hast du dir so ein Ereignis viel schöner vorgestellt und willst bei so einer wichtigen Sache mit mir zusammen sein. Ich mache mir wohl wieder nur etwas vor. Ich habe ganz vergessen, zu erzählen, dass ich hier nun auch an der Gruppe „politischer Gesprächskreis“ teilnehme. Eine Gruppe, die immer Freitag nach dem Essen stattfindet, was gut ist – weil es Freitags keinen Umschluss gibt. Da war ich also gestern und habe etwa 50% der gesamtzeit geredet – aber das war lustig. Und – Arnulf Priem ist auch wieder dabei.Nun – ich gehe auch wieder zum Hofgang und rede mit dem Neuen [Anm. Sven], der erst einmal bitterlich weint. Aber – sein Anwalt war schon da – es tut sich was. Ein anderer Mitgefangener erzählt mir, dass er meint, die terminverlegung in meiner Sache sei rechtswidrig. Dagegen könne ich Beschwerde beim BGH einlegen und hätte große Aussicht auf Erfolg. Außerdem sei erneut Haftprüfung zu beantragen. […] Also – Morgens raus zum Hofgang, dann sehe ich in der Zelle fern, mittags esse ich eine Mini-Portion widerliche Suppe. Zum Umschluss gehe ich zu Sven, damit der sich mal richtig bei mir leer quatschen kann. Ich gebe ihm einen Saft und etwas Kaffee.Jetzt kann ich das tun, was damals Günter in Stadelheim für mich getan hat. Ich erinnere mich noch genau daran, wie gut mir damals seine Hilfe tat. Auch Sven freut sich sehr. Sein Haftraum ist noch sehr unpersönlich. Diese Gefühle, die er jetzt hat – oh ja, ich erinnere mich genau. Und – wie ich bei Dir – immer, wenn er von seiner Freundin spricht, muss er weinen. Tja – so hatte er heute etwas Abwechslung. Danach heißt es wieder, liegen, denken, Tageszeitungen lesen, fernsehen und schreiben. Ich habe keine große Lust zu irgendetwas. Mein Vater hat mir gestern einen lieben,aber herzzerreißenden Brief geschrieben. Es ist furchtbar, wie sehr er leidet. Ob Du auch leidest? Ich will es ja nicht – aber andererseits wäre es irgendwie „schön“, wenn du auch noch ab und zu um mich weinen würdest…

Freitag, 31. März 1995 [142/4] – Tja, schön wäre es, wenn es nur noch vier Tage bis zur Verhandlung gewesen wären. Die zweite Zahl in der Klammer ist die Anzahl der tage bis zum Prozess-Beginn. Dieser ist laut eines Beschlusses, der heute kam, nun auf den 6. Juli festgesetzt worden. Die neuen Zahlen also: [In U-Haft seit 142 Tagen / bis zum Prozess noch 97 Tage] Noch 97 Tage, mein Schatz – ich könnte echt durchdrehen. Wenn Du nur sehen würdest, wie extrem ich mit meinen Gefühlen auf solche Dinge reagiere?! Es ist zum kotzen. Und Du? Warum nur beschreibst du mir nicht Deine Gefühle. Deine Post wäre wie Medizin – ich bin krank, aber du gibst mir diese nicht. Ich weiß, dass du nicht gerne schreibst – aber das tut mir furchtbar weh.
Morgens stehe ich früh auf und gehe mit zum Hofgang, weil ich bereits früh wieder schwere Depressionen habe. Beim Hofgang ruft mich die Schließerin und stellt mir einen neuen Gefangenen vor. Sven, 25, sitzt erst seit zwei Tagen im Gefängnis. Er hat Drogen genommen und verkauft. Das ist schon pervers: Ich, der völlig fertig ist, soll jemand anderem helfen. Aber – irgendwie tut es mir gut…
Ich hatte gehofft, dass ich noch mit Dir telefonieren darf, da ich Dir vom Skandal des Prozess-Aufschubs erzählen wollte. Mittags gibt es Leber, Kartoffelbrei und Salat. Ich esse sehr wenig. Gegen 15.00 Uhr passiert das kleine wunder – der Sozialarbeiter lässt mich bei Dir anrufen. Du bist sehr kalt am telefon. Als wenn jemand neben Dir sitzt, der nichts von uns wissen soll…Kein Wort, dass du mich liebst – jedes Wort muss ich Dir „aus der Nase ziehen“. Du bist gegen eine Verlobung – im November wolltest du mich noch heiraten. Mein Herz ist wie gelähmt. Anscheinend also noch fast vier Monate Haft, bis der Prozess überhaupt beginnt?! […] Der Tag bleibt öde. Ich sehe fern und schlafe gegen 22.00 Uhr ein.

Donnerstag, 30. März 1995 [141/5] – Ja, es ist immer dasselbe hier am Morgen. Gegen 9.00 Uhr geht es heute zum Urkundenbeamten, danach sehe ich schon morgens fern. So geht der Vormittag vorbei – zu Mittag gibt es Rosenkohl-Eintopf. Der Sozialarbeiter kommt vorbei und meint tatsächlich, wegen des Streites im Februar hätte ich mich noch zu entschuldigen. Unglaublich! Na – ob der mir morgen ein Telefonat mit Dir erlauben wird? Dann kommt Post. Dabei – der Hammer:
Alle April-Termine [Anm. der Prozessbeginn war – nach 20 Wochen U-Haft – auf den 3. April 1995 terminiert worden] sind wegen eines PKK-Prozesses abgesagt worden und der Prozess ist auf – jetzt halte Dich fest – JULI verschoben!
Beim Umschluss mit Mirko rege ich mich total auf. Die wollen mich wirklich nur fertig machen. Mirko hat wieder einen Kuchen gemacht, wie an meinem Geburtstag. Noch während des Umschlusses aber darf ich zur Hausleitung wegen meiner Befürchtungen von gestern. Aber die haben sich ja wohl erst mal erledigt. Erst als ich wieder alleine auf der Zelle bin, wird mir klar, was passiert ist! Ich werde wohl noch weitere vier Monate unschuldig in U-Haft sitzen, getrennt von Dir, getrennt von Sommer, Freiheit, Arbeit. Sie wollen mir das Rückgrat brechen. Nochmal 100 Tage bis überhaupt erst angeklagt wird. Ich muss zum ersten Mal wieder total weinen. Ich bin mal wieder völlig am ende. Ich schreibe an meine Verteidiger, an Silke, an meinen Vater und meinen Ex‘. Warum habe ich so unwahrscheinlich viel Pech? Wenn der Prozess erst im Juli beginnt, habe ich in der Münchner Sache [Anm. die noch nicht einmal rechtskräftig ist] bereits „Halbstrafe“ abgesessen und könnte dann theoretisch nach einem Freispruch sofort nach hause. Aber – nochmal 10.000 DM, die mein Vater stemmen müsste, um meine Wohnung = Sozialprognose zu erhalten? Nochmals 100 Tage, an denen Du – Silke – ohne mich auskommen musst? Ohne mich zu vergessen? Ich weine wieder.Aber ich werde kämpfen, alles tun, um endlich frei zu kommen. Ich werde wieder Haftprüfungen beantragen. Außerdem kann ich nach 6 Monaten U-Haft, also Ende April, eine Haft-Überprüfung durch den BGH beantragen. Aber dennoch – das darf alles nicht wahr sein….

Mittwoch, 29. März 1995 [140/6] – Ich stehe wieder gegen 6.00 Uhr auf, ziehe mich an, gebe Müll, Post und Anträge raus. Dann mache ich das Bett, esse einen Jogurt und trinke einen Iso-Star, wie jeden der letzten Morgen. Anschließend lege ich mich wieder auf der Tagesdecke hin. Um 9.30 Uhr geht es heute wieder zur „Selbsthilfe-Gruppe“, zu der auch Arnulf Priem immer kommt. Heute kommen zwei junge Frauen, die Jura studieren, zum Gespräch. Es ist ganz interessant. Nach der Gruppe berichtet Arnulf mir, dass sein Staatsanwalt ihm mitgeteilt hat, dass es bei meinem Prozess-Beginn am Dienstag von „linker Seite“ Probleme geben könne. Ich wiederum „gestehe“ ihm, dass ein Teil der Gerüchte [Anm. „schwul“] über mich wahr ist – ich will nicht, dass er es erst aus den Medien erfährt. Er reagiert total locker – es ist ihm eigentlich egal. Mittags gibt es Reis mit Fischsoße – danach kommt Mirko zum Würfeln während des Umschluss. Nachmittags bekomme ich ziemliche Panik um Deine Sicherheit. Gerade – weil Du ja auch die Antifa-Zeitung [Anm. Ich meine, es war „Blick nach Rechts“] abonniert hast. Ich schreibe deshalb an die Haftrichterin, an die Gefängnisleitung und den blöden Sozialarbeiter wegen Maßnahmen zu Deinem Schutz bzw. einem Telefonat [Anm. einer Genehmigung dafür] am kommenden Freitag. Ob es klappt? Wer weiß… Am besten, Du kommst nicht – es könnte wirklich gefährlich werden. Abends kann ich nicht einschlafen. Ich bin aufgeregt, weil der Prozess endlich startet. Wenn ich einen Freispruch erziele, ist die Freiheit sehr nah.

Dienstag, 28. März 1995 [139/7] – Noch genau eine Woche, dann geht der Berliner Prozess los. Ich penne morgens einfach weiter, stehe gegen 10.00 Uhr auf. Heute gibt es fast 20 Briefe […] das meiste ist Geburtstagspost [Anm. der Geburtstag war am 23.03. – die Zensur lässt sich Zeit…] So freue ich mich denn und beantworte gleich einige Briefe. Aber ich verspüre keine große Lust, allzu viel zu schreiben. Dienstag ist im Knast „Spiegel-Tag“. Mittags Hack-Kloß mit Kartoffeln und Wirsing. Ich esse relativ viel – vor allem Gemüse. Mirko kommt zum Umschluss. Nachmittags schreibe ich noch etwas und sehe fern. Auch Dir – meine Silke – schreibe ich noch schnell einen Brief. Der Rückschein des letzten Briefes an Dich kam auch heute an – ich bin froh, dass sich der Grund des Briefes erledigt hatte. Ich bin froh, dass es Dich gibt.

Montag, 27. März 1995 [138/8] – Um 6.00 Uhr Post und Abfall raus. Dann liege ich, halb wach, halb schlafend, bis zum Mittagessen herum. Es gibt sog. Kartoffelsuppe – anschließend kommt Detlev zum Umschluss. Morgens macht es wegen der Zeitumstellung gar keinen Spaß mehr, raus zu gehen, denn es ist ja eigentlich 6.00 – 7.00 Uhr – also dunkel und kalt. Außerdem hat das Wetter durchgedreht, es hat geschneit. Keine Post – viel Langeweile, fernsehen, und der Tag ist wieder vorbei. Seit Längerem gehe ich um 20.00 Uhr ins Bett. Fernsehen bis zum Einschlafen – heute erst um 2.00 Uhr morgens.

Sonntag, 26. März 1995 [137/9] – Heute schlafe ich gleich bis zum Mittagessen. Also stehe ich erst um 11.30 Uhr auf. Heute gibt es Reis, Hähnchenschnitzel und Leipziger Allerlei – es schmeckt gut. Mirko kommt zum Würfeln. Danach sehe ich fern, schreibe Dir und meinen Eltern und schlafe etwas. Abends wieder fernsehen. Ich bin richtig relaxed – will halt endlich raus aus dem Knast. Noch neun Tage bis zum Prozess. Mir wird es dann wohl noch einmal richtig schlecht gehen. Aber ich muss und will gewinnen. Ich bin unschuldig.

Samstag, 25. März 1995 [136/10] – Ich habe so fest geschlafen, dass ich am Morgen alles verpasst habe. Um ca. 10.00 Uhr werde ich wach, stehe auf und lese die Zeitungen, die kommen. Mittags gibt es Spinat, Kartoffeln und zwei gekochte Eier. Danach kommt Mirko, dem ich erst mal von Dir vorschwärme. Nachmittags beantworte ich einen ganzen Stapel Geburtstagspost, Abends sehe ich fern. Ich kann es nicht erwarten, frei zu kommen und Dich wieder zu sehen.

Freitag, 24. März 1995 [135/11] – Um 6.00 Uhr stehe ich auf und habe gute Laune. Ich esse einen Quark und gehe um 7.30 Uhr eine Stunde mit zum Hofgang.
Dort bekomme ich von einem Beamten die Klarsichthüllen. Also verbringe ich den Vormittag mit dem einsortieren von Materialien. Ich sehe etwas fern und erhalte diverse Zeitungen von heute, die ich auswerte. Dann gibt es Essen. Erstmals seit langem habe ich Appetit, es gibt Herz in Soße, Kartoffelbrei und eine Gewürzgurke. Und dann kommt Post – mit dabei der so lange ersehnte lange Brief von Dir. Du schimpfst nur mit mir, und genau das macht mich so glücklich, denn Du argumentierst aus einer Position heraus, in der unsere Beziehung als selbstverständliche Voraussetzung gilt. Ich bin so glücklich, dass wir zusammen sind. Ich liebe Dich. Ich habe sehr gute Laune, sehe den ganzen Nachmittag und Abend fern und träume von Dir.

Donnerstag, 23. März 1995 [134/12] – Ausgerechnet Blatt 13 der neuen Knast-Papier-Blätter: „Happy Bithday to me“. Mein liebes Spatzelchen – ohne Dich ist dieser Tag eher ein Todestag – ein Scheiß-Tag. Papa kommt heute. Ob ich etwas von Dir erfahren werde? Ich habe Angst. Die Zeit, wenn die Post kommt (ca. 10.00 – 14.00 Uhr) ist schlimmer als Zahnarzt. Meine Magenschmerzen sind furchtbar. Um 6.00 Uhr aufgestanden, angezogen, Post (ein Brief an Dich) und Müll raus gegeben. Um 6.30 Uhr laufen mir schon wieder die Tränen. Ich esse einen Jogurt und lege mich anschließend wieder hin. Um 7.30 Uhr will ich zum Hofgang gehen, Detlev, Mirko und Klaus, der mutmaßliche Killer vom „Chinesen-Kalle“, der 12 Jahre bekommen und und drei Zellen weiter sitzt, singen „Happy Birthday“ – dann gehen wir gemeinsam runter. Wieder in der Zelle lese ich und warte auf den Einkauf, der gegen 9.00 Uhr kommt. Dann lege ich mich hin und bin traurig. Post kommt für mich heute gar keine. Naja – das hatte ich auch fast so erwartet. Um 12.00 Uhr gibt es Fisch und Kartoffeln. Ausnahmsweise dürfen heute Mirko und Detlev beide zusammen zum Umschluss zu mir kommen. Mirko hat eine Pfirsich-Vanille-Pudding-Torte „gebacken“, die wir uns komplett reinziehen. Es ist richtig nett. Detlev zeigt mir einen Brief, den er aus Mitleid für mich an Dich geschrieben hat und fragt, ob er ihn an Dich schicken darf. Er ist sehr lieb geschrieben – ich stimme zu. Komisch – und er sitzt, weil er seine Freundin geschlagen hat und diese ihn wegen versuchten Totschlags angezeigt hat. Sie hat zwei Kinder von ihm; die beiden haben sich längst wieder versöhnt. Aber es kommt zur Verhandlung, da es ein „Offizialdelikt“ ist. Detlev rechnet mit 3-4 Jahren Haft. Ja – so sieht das aus. Um 13.30 Uhr ist der Besuch vorbei – um 14.30 Uhr kommt endlich Papa. Wir nehmen uns lange in den Arm und müssen beide weinen. Zuerst nerve ich ihn natürlich damit, dass du dich nicht mehr meldest. Wir haben heute endlich einmal eine ganze Stunde Besuchszeit [Anm. im Gruppen-Besucherraum] Zeit. Papa ist so lieb, aber er wirkt auch sehr hilflos. Mami wird jetzt im April zur Kur fahren, Papa hat große Schwierigkeiten damit. Er fürchtet sich sicherlich vor dem alleine-sein zu Hause. Ist ja auch komisch: Erst zog ich vor 12 Jahren aus. Dann, vor sechs Jahren mein Bruder und nun – nach 17 ½ Jahren, starb Moritz, der Hund. Das Haus ist leer geworden und irgendwie merken meine Eltern, das sie alt geworden sind. Beide arbeiten noch immer sehr hart. Beide werden bald in Rente / Pension gehen.Und – inzwischen haben sie ja auch vier Enkelkinder. Papa schenkt mir – mit dem Wäschetausch – eine sehr schöne Hose und zwei super Hemden. Gegen 15.30 Uhr sehe ich plötzlich auf die Uhr: Oh Gott – Silke wartet – wenn überhaupt – bis 15.30 Uhr, schießt es mir durch den Kopf. Aber – eigentlich, so meine Überzeugung – wirst Du eh nicht warten… Nach dem Besuch meines Vaters muss ich aber erst noch zur Verwaltung, da ich wieder einmal die Klarsichthüllen, die ich genehmigt bekommen habe, nicht ausgehändigt bekomme. Nach kurzer Vorsprache bekomme ich sie doch. Die Psychologin erwartet mich schon unten und nimmt mich schnell zu sich mit nach oben.Um 15.45 Uhr ist es soweit! „Ja, Moment – ich verbinde…“ Ich kann es nicht fassen: Du bist da! Du bist nicht nur da – Du sagst, Du bist für mich da. Du liebst mich … ich habe mich wie ein totaler Idiot benommen. All‘ meine angst und Panik waren dumm von mir. Wie konnte ich mich nur in diese dinge so hinein steigern? Das muss der Knastkoller sein, von dem jeder spricht. Oh Gott – Ich bin so glücklich…
……………………………………………………………………………………………………Bussi.
(Ich habe die Zeile frei gelassen, weil ich so schöne Worte, wie ich sie jetzt gerade bräuchte, gar nicht finde, um auszudrücken, was ich empfinde) Das Telefonat mit dir war das schönste, was ich in dieser Situation zum Geburtstag bekommen konnte. Du liebst mich – ich bin so glücklich. [es folgt eine kurze erotische Privat-Episode, hier nicht veröffentlicht] „Happy Birthday!“

Mittwoch, 22. März 1995 [133/13/1] – Gestern Nacht hatte ich wieder einen totalen Nervenzusammenbruch. Ich habe mir, nachdem ich fast zehn Stunden durchgeheult hatte, zum ersten Mal „den Strick“ nehmen wollen, hatte die Schlinge schon am Hals und stand am Fenster. Ich habe mich vor mir geekelt! Warum nehme ich nicht meine ganze Kraft zusammen,kämpfe um meinen Freispruch und sehe Dich dann draußen und bitte Dich dann, zu mir zurück zu kommen?! Ich glaube, dass du mich nur verdrängst, aber mich noch immer liebst. Um 6.00 Uhr stehe ich auf. Um 7.00 Uhr gehe ich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder zum Hofgang, nachdem ich zuvor schon wieder wegen Dir geweint habe. Wieder oben, ist mir schwindelig, ich habe etwas Muskelkater, so wenig habe ich mich in der letzten Zeit bewegt. Vormittags lese ich FOCUS, Mittags esse ich eine Bratwurst mit etwas Wirsing und Kartoffelpüree. Den ganzen Tag weine ich – auch beim Umschluss, zu dem Mirko kommt. Wieder etwas Post, aber nichts von Dir. […] Um 16.00 Uhr kommt die Psychologin und sagt, dass sie mir morgen helfen will, bei Dir anzurufen.Ich glaube nicht, dass du erreichbar sein wirst. Oder Du bist da und gehst nicht ans Telefon. Aber alleine die Hoffnung gibt mir etwas Kraft. So kann ich Nachmittags die Befangenheitsanträge gegen Frau Scharnick [Haft-Richterin] und die beiden anderen Richter schreiben. Das wäre also auch erledigt. Abends sehe ich fern und träume davon, wieder mit dir zu schlafen. Morgen ist mein 29. Geburtstag. Du gratulierst nicht einmal. Denkst du wohl noch an Deinen 18. Geburtstag im letzten Oktober?

Dienstag 21. März 1995 [132/14/2] – Wenn der Prozess in zwei Wochen anfängt – komm bloß nicht mit „Deinem Neuen“. Das überlebe ich nicht. Die vergangene Nacht war erneut die totale Hölle. Immer wieder haben mich Weinkrämpfe geschüttelt. Erst gegen 3.00 Uhr morgens schlief ich ein. Morgens um 7.00 Uhr habe ich schon wieder wie ein Schlosshund geheult. [wieder lasse ich einen dokumentarisch unbedeutenden, sich inhaltlich ohnehin wiederholenden Teil Emotionen bezogen auf die damalige Beziehung weg] Zu Essen gab es Karotten-Kartoffel-Eintopf. Umschluss mit Mirko. Ansonsten rumliegen und an Dich – Silke – denken. Ich hoffe so sehr auf ein Wunder. Heute ist Frühlingsanfang.

Montag, 20. März 1995 [131/15/3] – Ich kann es nicht fassen, dass Du mir so etwas zum Geburtstag antust – wieder keine Post von Dir. Ich weine mich noch kaputt. Was ist bloß geschehen, dass du dich nicht meldest?… Anstatt mein Tagebuch vollzuschreiben, was Du vielleicht nie mehr weiter lesen wirst, habe ich Dir heute lieber wieder direkt geschrieben. Ich stehe um 6.00 Uhr auf, Müll und Post weg, Radio an, dann lege ich mich wieder angezogen auf das Bett. Jedes Mal, wenn ich wach bin, weine ich sofort – ich fühle mich richtig krank. Die Magenschmerzen werden immer schlimmer, ich kann mich nicht einmal mehr auf das Lesen konzentrieren. Ablenken funktioniert nicht mehr. Inzwischen habe ich riesige Angst, dass du mir – wenn Du schreibst – mitteilst, dass es tatsächlich aus ist. Ich will durchdrehen. Ich bin total am ende. Gegen 10.00 Uhr geht es zum duschen. Danach fange ich mit dem Brief an Dich an. Mittags esse ich eine Mini-Portion Nudeln mit Hack-Soße. Am Abend esse ich nichts. Ich will nicht mehr. Mit Detlev rede ich auch nur noch von Dir. Den ganzen Nachmittag liege ich herum, weine, schreibe weiter am Brief an Dich und liege wieder herum.Ich will Dich wieder haben. Ich bin völlig verzweifelt. Wenigstens den letzten Brief an das Kammergericht wegen Einstellung des Verfahrens schreibe ich noch. Gestern habe ich wieder bis 4.00 Uhr morgens wach gelegen und meinen Kopfkeil vollgeheult. Ich würde wenigstens gerne wieder einschlafen können. Mensch – wenn dieser Alptraum doch ein Ende fände. Draußen könnte ich wenigstens um Dich kämpfen… […]

Sonntag, 19. März 1995 [130/16/4] – Liebe Maus, Du scheinst mir das furchtbarste Geschenk meines Lebens zum Geburtstag zu machen – das Ende Deiner Liebe*1. Und ich entdecke die ungewöhnlichste Seite meiner Person an mir: ich will Dir verzeihen, wenn es wegen eines anderen war; ich will Dich unbedingt wiederhaben – ich will Dich nicht verlieren. Ach Maus – weißt Du überhaupt, wie schön unser Wiedersehen werden wird, wenn ich rauskomme, wir uns wiedersehen? Immerhin musst du zugeben, dass wir am bisherigen Höhepunkt unserer Liebe auseinander gerissen wurden. Und denk doch mal nach – vergleiche Deine jetzige Affaire mit unserer Liebe?! War das denn nicht alles, was du dir wünschen kannst? Und – wenn nicht – warum hast du es dann so lange gewollt? Ich muss Dir noch wieder von einem Traum der letzten Nacht berichten: Ich erinnere mich zwar wieder nur an den Schluss, aber lies selbst: Ich wollte auf einer Rolltreppe nach oben ins Erdgeschoss – und fuhr immer höher und höher, bis ich merkte, dass ich viel zu hoch gefahren war, da ich mich schon in der sechsten Etage befand. In einer Art Panik fuhr ich also wieder abwärts, laufe auf der Rolltreppe, schiebe Leute immer aggressiver beiseite und renne am Schluss fast. Im Erdgeschoss angekommen wartetest Du, ich nahm Dich ganz fest an mich drückend in meinen Arm, sehe herunter in Dein Gesicht in deine blauen Augen, die ich so sehr liebe. Du siehst mich an und sagst, dass Du mich doch liebst. – Dann werde ich wach. Ich muss zum Glück aber nicht gleich wieder weinen. Es ist 7.30 Uhr morgens – ich mache das Radio an, liege bis zum Mittagessen (Schweinebraten, Knödel und Rotkohl)wach und halbwach auf dem Bett. Ich denke nur an Dich – tagträume, doch noch gute Nachrichten von Dir zu bekommen. […] Zum Umschluss kommt Detlev,und jetzt weine ich, weil ich so todunglücklich bin. Nachmittags wieder nur rumliegen, fernsehen, lesen und immer wieder weinen, weil ich die ganze verfluchte Zeit nur an Dich denke.
Am 1. Mai kennen wir uns genau zwei Jahre – sechs Monate hast du um mich gekämpft, ein Jahr waren wir glücklich. Es wurde – trotz einiger Probleme – immer schöner mit Dir. Du bist ein Teil von mir geworden. Und nun soll das durch sechs Monate (unschuldiger) Haft alles vorbei sein?

*1 Die Magie der Liebe befähigt, Dinge zu fühlen, ie sind – ohne von ihnen zu wissen. Tatsächlich gab es eine solche Affaire – tatsächlich brach die innere Bindung auf eine Art in dieser Zeit. Es war eine zu schwere Last. Dass die Gefühle nie ganz brachen, zeigte sich in den Jahren nach der Haft. Bis heute besteht zwischen Silke und mir eine innige innere Bindung.

Samstag, 18. März [129/17/5] – Und ich dachte schon, das war der schlimmste Tag. Die Nacht war wieder der Horror. Erst gegen 3.00 Uhr eingeschlafen, den Morgen voll verpennt. Aufgewacht, als ich Dich im Traum endlich finde und Du sagst: „Ja – es tut Dir leid, aber es gibt einen anderen….“ Der Tag beginnt mit riesigem Geheule von mir, ich bin völlig am Ende. Verteidigerpost kommt, die auch wieder nur deprimierend ist. Es kann passieren, dass ich gleich noch ein Jahr im Knast bleiben muss*1. Mittags ekelhafte Suppe – ich esse eine Miniportion. Heute morgen habe ich zum ersten Mal die Zelle richtig geputzt. War nach 8 Wochen auch dringend nötig*2. Ich denke seit gestern wieder über die Möglichkeit eines Selbstmordes nach. Ich bin halt fix und fertig. Aber – ich werde diesen letzten Schritt nicht gehen – obwohl ich mich innerlich danach „sehne“… Nein – sehnen tue ich mich eigentlich nach Freiheit und nach Dir. Ich denke die ganze Zeit, wie es sein wird, wenn ich rauskomme, wir uns gegenüberstehen. Denn – aufeinandertreffen werden wir ja sicherlich. Ich werde alles versuchen, um mit Dir zu schlafen… Gerne will ich Dich wiederhaben – warum hast du nicht durchgehalten? Vor wenigen Monaten wolltest Du mich noch heiraten. Jetzt bin ich soweit, Dich heiraten zu wollen, aber du bist weg, nicht mehr für mich da. Alles – meine Gefühle – mein Sex – alles ist bei Dir. Silke – bitte komm zu mir zurück – bitte. Nach dem Mittagessen gehe ich zu Mirko zum spielen, ab 14.30 Uhr wieder alleine in der Zelle. Ich rasiere mich. Dann heißt es wieder rumsitzen, fernsehen, lesen, langweilen und Sehnsucht / Herzschmerz. Gegen 20.00 Uhr lege ich mich hin, sehe aber bis 2.00 Uhr fern. Immer denke ich an Dich – immer wieder muss ich weinen…

*1 Wegen des wiederaufgenommenen Stuttgarter „Bewegungs-Verfahrens“, in dem man in der ersten Runde ja auch 31/2 Jahre für mich gefordert hatte, und der damit verbundenen Unklarheit, wann dieses gegen mich verhandelt werden könne, stand ein etwaiger zweiter Über-Haftbefehl im Raum. Daraus würde schlussendlich jedoch nichts – nachdem die vier Hauptangeklagten gegen Geld-Busse und Bewährungsstrafen ein „Geständnis“ abgelegt, bzw. einen entsprechenden „Deal“ eingegangen waren, wurden die anderen Verfahren – auch das meine – wegen Geringfügigkeit eingestellt.
*2 Generell habe ich meinen Haftraum immer sehr ordentlich und aufgeräumt gehalten.

Freitag, 17. März 1995 [128/18/6]Erstmals werde ich den kompletten Tages-Eintrag nicht veröffentlichen! Es ist eine einzige Schimpfkanonade gegen Silke – basierend auf der Haft-bedingten Wahrnehmungsverschiebung. Ich bin an einem psychischen Tiefpunkt – aus heutiger Sicht ist der Text aber unbedeutend, wenngleich böse und verbittert – und doch nur emotionell bedingt.

Donnerstag, 16, März 1995 [127/19/7] – Liebe Silke, die ganze Nacht habe ich nicht schlafen können. Erst am Morgen gegen 7.00 Uhr schlafe ich ein. Erst um 11.00 Uhr werde ich durch Lieferung des Einkaufs wieder wach. Mein Geld ist alle – ich bekomme nur die Hälfte der bestellten Dinge. Deshalb will ich einen Konto-Auszug anfordern, was sich jedoch erledigt, da bei der Post schon einer dabei ist. Ich habe von meinem Vater wieder Geld aufgebucht bekommen. Von meinem Ex‘ kommt ein Brief vom 9. März – er ist auf dem weg nach New York. Die andere Post ist vom 13. März – wieder nichts von Dir. Ich bin erledigt. Meine Depressionen erreichen den tiefsten Punkt seit Weihnachten. Bereits gestern Nacht war ich so irre, dass ich mir einbildete, Du seist anwesend. Ich habe meinen Kopf in Deinen Schoss gelegt und Du hast ihn gestreichelt. Mittags gibt es viel zu scharfe Bohnensuppe. Zum Umschluss kommt Mirko. Ich kann mich kaum noch auf ihn konzentrieren. Ich denke nur noch daran, dass es mit Dir wohl aus ist, und Du es mir nicht sagst. Ich versuche, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen, bin total am Weinen – schreibe Dir wieder einen Brief mit Rückschein, um wenigstens zu erfahren, dass er angekommen ist. Und ich füge einen Rückumschlag bei! Eigentlich eine Schande, dass alles so kaputt ist. Das ist der schlimmste Hafttag seit Weihnachten. Ich muss am Nachmittag noch einige Briefe schreiben – sitze herum und werde wahnsinnig … In sechs Wochen bin ich wahrscheinlich frei und Du weg!

Mittwoch, 15. März 1994 [126/20/8] – Liebe Silke, letzte Nacht war fast Vollmond. Ich konnte erst gegen 4.00 Uhr morgens einschlafen. Vorher habe ich wieder nur sinnlos die wand angestarrt oder geweint – ich hätte nie gedacht, einmal so fertig zu sein. Um 5.30 Uhr war ich schon wieder wach. Ich habe den sehr harten Brief an Dich abgeschickt, wollte dann den ganzen Tag im Bett verbleiben. Aber: Um 9.00 Uhr mal wieder Zellen-Razzia! Mir ist so schlecht, dass ich fast brechen muss. Den ganzen Tag friere ich und fühle mich saudreckig. Ich gehe auch nicht zur Gruppe, in der ich Arnold treffen würde*1. Mittags esse ich eine Mini-Portion Fisch & Kartoffeln. Schmeckt widerlich. Detlev kommt zum Umschluss und erzählt mir, dass der Zellennachbar aus meiner anderen Nebenzelle, als er rauskam, feststellen musste, dass seine Freundin ihn samt Kind verlassen hatte und auch noch Auto und Möbel mitgenommen hatte. Er meint, dass du wohl auch weg sein wirst, wenn ich rauskomme. Post kommt heute gleich
gar keine. Warum Du mir nicht schreibst? Also frage ich schriftlich bei Dir an, ob Du wenigstens an meinem Geburtstag dann mal eine stunde an mich verschwenden magst … Scheiße – ich weiß noch nicht einmal, ob ich den Mut haben werde, Dich anzurufen?! Denn ich will die „Wahrheit“ nicht wissen, wenn diese so ist, wie ich vermute. So schreibe ich diese Zeilen an Dich um 15.00 Uhr nachmittags. Ich bin wohl ein Schlappschwanz. Alle meine Träume mit Dir gehen kaputt. Warum liebe ich Dich? Warum quält mich das Schicksal so?

*1 Nachdem einige Wochen zuvor die Untersuchungsrichterin die Trennung von Priem und mir (aus rein politischen Motiven bzw. Unterstellungen) veranlasst hatte, waren wir durch Anmeldung und Aufnahme in eine der Sozial-Gruppen der Ziegner-Stiftung wieder regelmäßig 1x pro Woche beieinander.

Dienstag, 14. März 1995 [125/21/9] – Ich schlafe bis 10.00 Uhr – dann gibt es Zeitungen. Als dann auch Post – aber wieder nichts von Dir – kommt, bekomme ich fast einen Schock. 14. März – schon zwei Briefe hatte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt von Dir erhofft, nicht einmal einen habe ich erhalten. Nicht einmal eine verdammte Postkarte. Du quälst mich! Warum nur? Mittags wieder den üblichen Schweinefrass – Kohl, Bouletten und Kartoffeln. Mirko kommt zum Umschluss – er hat Würfel bekommen. So spielen wir Pasch bzw. Yatzee, wie man in Bayern sagt. Und? Das war es schon wieder. Ich sehe hilflos meine liebe zu Dir sterben. Der Knast wird endgültig zur Hölle.

Montag, 13. März 1995 [124/22/10] – Die dritte Zahl habe ich auf 10 korrigiert, da Papa erst am 23. März [Anm. meinem Geburtstag] kommen will. Letzte Nacht habe ich einen sehr langen und merkwürdigen Traum gehabt. Ich kann mich sogar recht gut daran erinnern. Und – obwohl es ein ziemliches Durcheinander war – war es doch sehr schön, denn es ging die ganze Zeit um Dich, mein Schatz. Wir waren in einer Stadt am bummeln; es war eine Stadt, die sich aus all‘ den Erinnerungen vieler Städte zusammensetzte, in denen ich war. So war es gleichzeitig San Francisco, Paris, Split, Brüssel, Athen, München und Antwerpen. Am genauesten erinnere ich mich daran, dass ich hinter die stehend, mit meinen Händen Dein liebes, schönes Gesicht streichle – dabei mit meinen Daumen vo Deinen Ohrläppchen an Deinen Hals herunterfahre. Meine Hände gleiten über deinen Busen. Ich habe im Traum ganz genau Deine Brust gefühlt. Ach – wie schön wäre es, wenn das Wirklichkeit wäre. Aber ich bin hier und du bist weit weg. Morgens um 9.00 Uhr muss ich aufstehen, um einen Widerspruch beim Urkundenbeamten abzugeben. Dann lege ich mich bis zum Mittagessen wieder hin. Es gibt widerlichen Karotten-Bohnen-Eintopf – ich schütte fast alles weg. Keiner kommt zum Umschluss – kein Brief von Dir. Ich bin wie in Trance – Wut und Verzweiflung sind die mich zu Dir beherrschenden Gefühle. Ein kleines Wunder geschieht noch: Ich darf endlich zum Frisör. Ich lasse mir die haare komplett auf 2mm abschneiden – vorne bleibt ein kleiner „Puschel“, den ich wie ein Psychobilly style. Albern aber kurz. Bis zum Prozess-Beginn werde ich so einen ordentlichen Haarschnitt haben. Dass du nicht schreibst, macht mich richtig krank. Ich liege herum und lasse mich von der Flimmerkiste berieseln. Gegen 22.00 Uhr schlafe ich ein.

Sonntag, 12. März 1995 [123/23/12] – Meine liebe Maus, den heutigen Tag habe ich erst zum Mittagessen begonnen. Es gab Reis und Hühnerfrikassee. Du würdest staunen, von was für Mini-Portionen ich hier mittlerweile lebe. Aber ich bekomme inzwischen nicht mehr viel herunter. Gestern Abend habe ich einen Film über Knast gesehen „Bad Boys“ – den hättest du sehen sollen. Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie hart das Leben hier drinnen ist – wie schlimm diese Trennung vom Leben draußen und von Dir ist. Ich habe gestern wieder an die Mütze gedacht, die ich im Dezember von Dir wollte. Komisch, aber solche Nebensachen werden hier so wichtig. Beim Telefonat mit Dir vor deinem Besuch hattest Du gesagt, Du hättest mir neue schwarze Socken gekauft. Bei der Wäsche waren dann nicht einmal die alten von mir dabei. Stattdessen eine mir fremde Männer-Unterhose (nicht neu). Was glaubst du, was mir deswegen alleine schon alles durch den Kopf ging?! Und – von Dir höre ich ja nichts. Maus – wenn nicht bald ein Wunder geschieht, und du mich deine nähe und Liebe spüren lässt, wird unsere Beziehung sterben. Zum Umschluss, nach dem essen, kam Detlev, der zu mir sagte, ich solle Dir keine Vorwürfe machen, da ich Dich viel zu sehr liebe. Ich verbringe den langen Nachmittag mit Schreiben und Fernsehen. Es gibt einen Film über meine Lieblingsinsel Key West. Ich schmelze dahin. Ach Du – ich möchte Dir diese Insel so gerne zeigen. Ich bekomme jedoch immer mehr angst vor dem Erhalt unserer Beziehung, fange an, durch Verdrängen Probleme zu lösen… Halte mich fest, meine Maus. Sei für mich da – bleibe mir treu. Dann will ich alles tun, um Dich glücklich zu machen. Ich fordere viel – aber ich gebe alles.

Samstag, 11. März 1995 [122/24/13] – Guten Abend, Silke. Der Samstag ist fast vorbei. Während du ausgehst, gehe ich fast vor die Hunde. Im Traum ergreife ich Deine kleinen weichen, weißen Hände und küsse sie. Warum nur verstehst Du mich nicht? Die Leere, die bei mir entsteht, ist so furchtbar. Aber ich kann nichts dagegen tun. Die Revisionsbegründung von Brengelmann [Anm. zum Münchner Prozess] kam heute. Sie ist sehr gut. Meine Laune hat sich dadurch etwas gebessert. Den Morgen habe ich verschlafen. Erst um 11.00 Uhr bin ich aufgestanden, habe Zeitung gelesen und dann gab es auch schon Mittagessen: Kartoffelbrei mit Schwarzwurzeln, zwei Eier und einen Jogurt. Mirko kam zum Umschluss. Ich habe anschließend bis Abends fern gesehen und an meinen Vater geschrieben. Tja – und dann wieder eine dieser scheiss-einsamen Nächte. Ich denke manchmal, wenn ich rauskomme und Dich nicht mehr habe, werde ich mir jede Woche dann nur noch die Birne zu saufen (tue ich natürlich nicht) Durch Dein Fehlen und Nicht-Schreiben kommt es mir so vor, als hättest Du mit mir Schluss gemacht. Scheiße. Sorry.

Freitag, 10. März 1995 [121/25/14] – (…) Um 6.00 Uhr stehe ich auf, gebe die Post und die neue Einkaufsliste raus. Da es heute Rosinen-Brot gibt, esse ich heute sogar Frühstück und gehe dann zum Hofgang, wo ich ein wenig mit Detlev und Mirko labere. Am Morgen arbeite ich weiter an dem dicken Holocaust-Buch. Je näher die Zeit kommt, zu der die Post kommt, um so aufgeregter werde ich. Ich weiß, dass es mir dreckig gehen wird, wenn wieder kein Brief von Dir kommt. Ich habe Magenschmerzen, ja sogar Zähneklappern. Dann kommt das essen: Broccoli, Kartoffeln und eine Art Leberkäse – und die Post. Es ist nichts von Silke dabei – ich meine, von Dir. Ich schreibe schon automatisch in der dritten Person. Ich weine total, schütte einen großen Teil des Essens weg und schreibe einen bitter-bösen Brief an Dich. Warum tust Du nichts für mich? Warum „bist du nicht da“? Rauskommen und Dich nicht mehr zu haben – das wird langsam zum schlimmsten Alptraum für mich. Ich will nicht an die Scheiß-Idee denken, nach hause zu kommen und nicht mit Dir zu sein – Dich nicht mehr zu spüren, Deinen Flaum an Ohren und Nacken anknabbern zu können. Bin ich es Dir denn nicht wert, etwas aktiv zu tun, ? Alles geht in mir kaputt – alles! Die Beziehung zu Dir wird immer mehr zur Qual. Ich habe Angst, dass ich mich später – unterbewusst – dafür „revanchieren“ werde, indem ich Dich dann nicht mehr will, weil Du jetzt, wo ich Dich total brauche, nie „da“ bist. Deine Verdrängung [Anm. die Verdrängung von Dir] beginnt, Zerstörung unserer Beziehung zu werden. Das Gericht hat gewonnen. Warum geht es mir so? Ich bin fix und fertig.

Donnerstag, 9. März 1995 [122/26/15] – Wann kommt endlich dein Brief? Ich werde schon wieder wahnsinnig… Diesen Satz habe ich noch gestern Abend geschrieben. Aber meine Hoffnung erfüllt sich auch heute nicht. Post von Papa kommt, die er am Montag, 6.3. abgeschickt hat. Mittags gibt es Kartoffeln mit einer ekelhaften Fleisch- und Karottensoße. Ich erhalte einen Beschluss vom Gericht, ass mir Post nicht ausgehändigt wird, weil diese den „Massenmord an der Jugend im 3. Reich leugnet“*1. Zum Umschluss kommt Detlev. Den Rest des Tages arbeite ich a Buch*2 von Prof. Arno Mayer*3 (700 Seiten) und sehe fern. Ich bin sehr deprimiert, dass Du nicht schreibst.

*1 Den Beschluss mit dem Schreibfehler füge ich als Dokument noch nach.
*2 Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die „Endlösung“. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-498-04333-1
*3 Arno J. Mayer (Arno Joseph Mayer; * 19. Juni 1926 in Luxemburg) floh mit seiner Familie als 14-Jähriger vor den Nationalsozialisten in die USA, deren Staatsbürgerschaft er 1944 erwarb und ist heute ein US-amerikanischer Historiker mit Schwerpunkten in moderner europäischer Geschichte, Geschichte der Diplomatie und im Zweiten Weltkrieg als Endstadium des „zweiten Dreißigjährigen Krieges“ von 1914 bis 1945. Er lehrte an der Wesleyan University (1952–1953), an der Brandeis University (1954–1958), an der Harvard University (1958–1961) und ab 1961 an der Princeton University.
Die beiden von Mayer 1984 und 1989 in Deutschland erschienenen Bücher – Adelsmacht und Bürgertum und Der Krieg als Kreuzzug – sind anders als z. B. in Frankreich nur noch in Bibliotheken und antiquarisch zugänglich. Hier sei Der Krieg als Kreuzzug grob umrissen:
Mayer spricht im Zusammenhang mit der jüdischen Katastrophe im „Dritten Reich“ davon, dass sie „aus ihrem säkularen geschichtlichen Bedingungszusammenhang“ herausgelöst und „zu einem Bestandteil der vorsehungsgesteuerten Geschichte des jüdischen Volkes“ gemacht wurde. Das habe „bleibenden und salbungsvollen Ausdruck in dem religiös überfrachteten Begriff ‚Holocaust‘ gefunden […]. Die allmählich Gestalt annehmende Holocaust-Mythologie, die zu einer idée force geworden ist, hat aus den eindringlichen und transparenten Erinnerungen von Überlebenden einen kollektiven, normativen Erinnerungstopos zusammengestückelt, der ein kritisches und kontextbezogenes Nachdenken über die jüdische Tragödie nicht eben fördert.“

Mittwoch, 8. März 1995 [119/27/16] – In der letzten Zeit habe ich richtig Hunger, aber ich versuche, das Essen dennoch einzuschränken, denn ich glaube, dass ich aus Langeweile esse. Und – Gutes gibt es eh‘ erst wieder in der Freiheit. Neulich, vor zwei tagen, habe ich jedoch die Beherrschung verloren und die ganzen zehn Duplo gegessen, die ich noch hatte. Naja – muss mal sein. Jetzt gibt es erst wieder ab Donnerstag was Süßes – dieses Mal Milky-Way. Aber jetzt will ich dir noch schnell den heutigen Tagesablauf verraten: Mittags gab es Fisch mit Dillsoße und Kartoffeln, bis Mittag habe ich gelesen. Danach wieder mit Mirko „M.ä.D.n.“ gespielt. Dann gab der Anwalt und brachte zwei gute und drei nicht so wichtige Bücher aus meinem, bei ihm liegenden Paket mit. So habe ich nachmittags wieder nur gelesen und fern gesehen. Ach Maus, wie gern möchte ich wieder bei Dir sein.

Dienstag, 7. März 1995 [118/28/17] – Habe ich Dir schon einmal von meiner Schlaftradition im Knast erzählt? Sicher nicht, denn ich habe sie auch erst hier in meiner Einzelzelle erfunden. Sie funktioniert etwa so: Um 5.30 Uhr geht von außen in der Zelle das Licht an, eine halbe Stunde später das Radio und der Wecker in der russischen Uhr, die ich dabei habe. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde zum Augen öffnen gebraucht habe, stehe ich um 6.00 Uhr auf und mache mein Bett. Das bedeutet, ich lege die Decken glatt, schüttele das Kissen [Anm. den Kopfkeil] auf und lüfte. Wenn der Müll und die Post weg ist, lege ich mich wieder hin. Dieses Mal auf die Bettdecke, aber unter die extra Wolldecke, die ich noch darüber als Tagesdecke habe. Ab 11.00 Uhr lege ich auch diese Decke ordentlich hin und lege mich dann nur noch auf die Decken. Abends gehe ich immer so gegen 20.00 Uhr unter beide Decken, also ins Bett. Heute war es auch ungefähr so, nur dass um 11.00 Uhr der Anwalt Krause kam und wir zusammen noch den Rest des [Anm. Bohnengel-]Filmes ansahen. Zu Essen gab es zähe Leber mit Bohnen und Kartoffelpüree. Zum Umschluss kam Mirko, wir haben „M.ä.D.n.“ gespielt. Tja – den Rest des Tages habe ich etwas Post geschrieben, gelesen und natürlich die Glotze angestarrt. Ich vermisse Dich so sehr.

Montag, 6. März 1995 [117/29/18] – Ab heute werde ich die Schreibform ändern.
Seit dem letzten Besuch von Dir – meine geliebte Silke – habe ich wieder sehr viel Hoffnung in eine gemeinsame Zukunft für uns beide. Weil ich dich liebe, will ich Dir erzählen, was ich denke und tue. So wird das Tagebuch nunmehr ein langer Brief an Dich.
Meine liebe Silke, heute morgen wache ich um 5.30 Uhr, als das Licht angeht, aus einem merkwürdigen Traum auf: Ich kann mich an nichts erinnern, außer, dass alles sehr chaotisch war. Nur die letzte Szene – so merkwürdig sie ist – blieb mir klar vor meinen Augen: Ich liege im Bett, Du liegst am Boden davor auf einer Decke. Ich will Deinen Bauch küssen, aber du bist ganz platt. So mache ich einen Nippel an Deinem Bauchnabel auf, wie bei einer Luftmatratze, und puste Dich auf. Ich mache die Öffnung zu, bin zufrieden und küsse Deinen Bauch…“ Da werde ich wach. Ist das nicht ein komischer Traum?
Um 6.00 Uhr Post raus, Anträge abgeben und den Müll leeren. Dann esse ich einen Jogurt und lege mich wieder hin. Ich schlafe bis zum Mittagessen. Dann muss ich zum Urkundenbeamten, da ich eine Frage habe. Beim Umschluss geht es für eine Stunde zu Mirko. (Zu Essen gab es Ravioli – eklig) Den Rest des Tages verbringe ich wieder mit dem Lesen der Zeitungen, Fernsehen*1 und ein wenig schreiben. Ach Schatz – andauernd sehe ich dich vor mir, nehme Dich in den arm und küsse Dich … Glaub an mich – ich liebe Dich sehr, sehr, sehr…

*1 In der Zwischenzeit – in denen meine Aufzeichnungen fehlen, ist ein schwarz-weiß Fernseher mit Zimmerantenne genehmigt und von meiner Mutter organisiert worden. Er wird mir bis zum Ende des Aufenthaltes in der Berliner Haft Ablenkung bringen.

HAFT
Für mich gezeichnet
von meinem Moabit-Zellen-Nachbarn Detlef

LEIDER FEHLEN
DIE TAGEBUCH-EINTRAGUNGEN

VOM 18. FEB. – 6. MÄRZ 1995

In den Tagen der fehlenden Tagebuch-Eintragungen ging es mir psychisch extrem schlecht. Es mag sein, dass die Seiten verloren gingen – es ist aber durchaus möglich, dass ich in diesen Tagen gar keine Aufzeichnungen verfasst habe.
Zum alltäglichen Haft-Alltag sei noch angemerkt, dass ich in der Zeit meiner Untersuchungshaft immer nach dem aufstehen mein Bett gemacht habe, meinen Haftraum sehr sauber gehalten habe und so viel wie möglich versuchte, etwa durch Lesen und Schreiben, Struktur im Tagesablauf zu halten. Ich verhielt mich – so wurde es später auch bestätigt – immer korrekt und höflich gegenüber allen.
Am Hofgang – der in meiner Abteilung leider immer ganz früh morgens, vor Beginn des möglichen Einfalls von Sonnenlicht im zu der Station gehörenden Hof stattfand – nahm ich ebenfalls regelmäßig teil, um frische Luft zu haben.

Samstag, 18. Februar 1995 [102/45] – Noch 11 Tage, bis Silke und mein Ex‘ zusammen zum Besuch kommen. Ich habe große Angst vor den Schmerzen, die das Treffen mit sich bringen wird. Ich wache um 5.00 Uhr morgens auf. Ich träume jede Nacht denselben Traum: Ein völliges Chaos – Menschen aus meinem Leben verwirren sich zu einer Geschichte, jedes Mal etwas anders, aber jedes Mal endet der Traum mit meiner verzweifelten Suche nach Silke, die unerreichbar ist, die ich verpasse, die nicht da ist…
Der Sonntag ist wie jeder Tag, nur – ich bleibe bis 10.00 Uhr liegen, weine bereits sehr früh am Morgen. Mittags ekelhafter Eintopf mit Wurst. Zum Umschluss kommt Mirko. Wir spielen „Mensch ärgere Dich nicht“ – ich bin froh, mich bei jemandem leerquatschen zu können. Später merke ich, dass ich wieder etwas klarer im Kopf bin. Ich arbeite nachmittags an der Presse-Auswertung und meiner Post. Ich habe Angst, wenn die Hetze, von „wg. schwul…“ losgeht, dass Silke das nicht aushält. Ich liebe sie.

„Hörst Du – Spatzelchen – „schwul“ – ja – oder nein, das ist Quatsch! „Bi“?
Egal! – Ich liebe Dich über alles – ich will Dich! Ich muss das alles aber klarstellen / erklären, um wieder freizukommen.
Verstehe mich – halte es aus! BITTE!!!“

Anmerkung: Heute [2015] betrachte ich Sexualität als besonders intime Kommunikation. Auch – wenn ich mich gut fühle, Abstand zum Vergangenen gefunden zu haben und gerne ein schwuler Mann bin, denke ich, dass ich letztendlich durchaus bei gegebener Nähe zu einer Frau auch mit dieser eine intime Beziehung führen könnte.

Freitag, 17. Februar 1995 [101/46] – Ich gebe den Brief morgens ab. Aber am Mittag werden alle Illusionen völlig zerstört. Das Bayrische OLG hat Haftbefehl wegen Fluchtgefahr erlassen. Ich werde wohl das nächste Jahr nicht mehr freikommen. Mittags bekam ich zuvor noch sehr liebe Post von Silke und fühlte mich sehr glücklich. Auch mein Ex‘ schrieb sehr lieb. Aber jetzt ist alles aus! Morgens war duschen. Als ich abends in der Zelle bin, bin ich völlig erledigt. Jetzt kann ich nur noch alles tun, um erst mal die Berliner Sache gut hinter mich zu bringen. Dann wird sich alles weitere zeigen. Ich werde Silke am 1. März [Anm. bei ihrem geplanten Besuch] alles erklären müssen.Ich bin nur noch am Weinen. AUS!

Donnerstag, 16. Februar 1995 [100. Hafttag/47 Tage bis zum Berliner Prozess] – Das Übliche. Zum Glück ist die Arztsache [Anm. ???] vorbei. Aber, da es heute noch nicht zum duschen geht, kann ich noch keine frischen Klamotten anziehen. Der neue Einkauf kommt. Ansonsten mache ich noch ein wenig Presse-Auswertung. Zum Umschluss nach dem Mittagessen kommt Detlev von nebenan. Zu Essen gibt es Wursteintopf mit Kartoffelbrei. Danach bekomme ich die bisher wohl größten Depressionen seit ich in Haft bin. So beschließe ich, erneut an das Gericht zu schreiben. Ich habe beschlossen, die Sache mit meinem „Schwulsein“ zu outen. „Schwul“ ist ja auch Quatsch, denn ich bin seit über einem Jahr mit Silke zusammen. Ich liebe sie über alles und auch der Sex ist geil. Sie füllt mich in jeder Hinsicht total aus. Mein Herz, meine Gefühle (aber auch mein „Trieb“) gehören nur ihr. Ich habe Angst davor, wie Papa reagieren wird*1. Auch um Zündel*2 mache ich mir Sorgen. Und Silke*3 wird, wenn das durch die Presse*4 geht, fertig gemacht werden. Ich bin völlig am Ende*5 und gehe bereits um 17.00 Uhr schlafen.

*1 Die Reaktion meines Vaters, aber auch alle Reaktionen in der Familie waren vollkommen unkompliziert: Ob „schwul“ oder nicht – vollkommen egal: Wichtig allein für meine Eltern, die später auch meinen neuen Partner Laszlo voll annahmen, war und ist bis heute, dass ich glücklich bin.
*2 Auch wenn ich mich selbst aus der Politik zurücknahm, weil die Strukturen meines bisherigen politischen Umfeldes mit meinen persönlichen Entwicklungen unvereinbar wurden, war es eigentlich meine Absicht, privat mit Zündel in freundschaftlicher Verbindung zu bleiben. Zündel hatte mich schwer beeindruckt und letztlich viel dazu beigetragen, dass ich meine eigene Freiheit fand. Auch ich hatte viel für ihn getan – dass beide letztlich durch den Erfolg der Zusammenarbeit auf das Schwerste mit dem Rechtsempfinden seiner Zeit strafrechtlich kollidierten, bleibt tragisch. Für Zündel schien es vor seinen Freundeskreisen scheinbar nicht erträglich, den Kontakt zu behalten – zudem nutze er das aufkommende [unwahre] Gerücht, ich sei ein „Agent“ gewesen, um sich von mir zu distanzieren. Der Kontakt brach während der Haft ab.
*3 Silke, die aus einem linken Umfeld kam, hatte insgesamt keine Probleme mit der „Schwulensache“ – natürlich hatte sie die, in solchen Konstellationen üblichen und verständlichen Sorgen – könnte er „rückfällig“ werden ….?! Zerbrochen ist die Beziehung dennoch – aber nicht deshalb sondern wegen der Länge der Haft. Man hatte sich auseinandergelebt – nach knapp drei Monaten nach meiner Entlassung verließ ich München,. Weil ich das leben in Silkes nähe ohne sie nicht mehr aushielt. Zudem traf ich in jenen Tagen bereits Laszlo, mit dem ich bis an dessen Lebensende gemeinsam meinen weg ging.
*4 Gegner und Medien behandelten mein „öffentliches Bild“ längst in einer Art, die über Jagd bis Rufmord zu bezeichnen wäre. „Schwul“ war da nur ein willkommenes weiteres Kübelchen Dreck, um den angeblichen „neuen Führer“ zu demontieren. Pervers, mit dem gesellschaftlichen Vorurteil kokettierend zu schädigen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit mir, der ich es mir in allen meinen aussagen und Handlungen niemals leicht gemacht hatte, fiel natürlich aus.
*5 Wie viele Menschen und deren Familien verzweifeln, ja – zerbrechen bis heute am schwierigen psycho-sozialen Prozess des so genannten „Coming-Out“. Umso komplizierter und weiter war natürlich der Weg und die Entscheidung, auf dem „Höhepunkt“ meiner politischen tätigkeit diese totale Wandlung zu beginnen und auszuhalten.

Mittwoch, 15. Februar 1995 [99/48] – Heute soll eigentlich Tante Ortrud zu Besuch kommen. Na, mal sehen, was das wird. Erst mal der übliche Tagesablauf, nur morgens muss ich – weil ich noch zum Hautarzt muss, bis 9.30 Uhr warten. Ab 2. März soll die Haut zusätzlich noch bestrahlt werden. Mittags gibt es Fisch-Frikadellen. Dann tatsächlich Besuch: Es sind Tante Ortrud und Tante Edeltraud. Sie dürfen [Anm. obwohl beide über 70, und aus Bremen und Hamburg extra angereist] nur 30 Minuten bleiben. Aber die Zeit vergeht langsam. Zum Glück bringen sie etwas Wäsche mit. Endlich! Wir reden über dieses und jenes. Wieder oben, darf Marko noch eine halbe Stunde zum Umschluss kommen. Es gibt eine Menge Post, unter anderem von der taz. Abends bin ich wieder nur am Weinen – schreibe aber noch eine Reihe Briefe. Bereits um 19.00 Uhr gehe ich ins Bett.

Dienstag, 14. Februar 1995 [98/49] – Endlich – weniger als 50 Tage bis zum Berliner Prozess. Ich habe da eine Idee… Morgens geht es um 7.00 Uhr wieder zum Einreiben. Dann, um 9.30 Uhr geht es zum Augenarzt, was gar nichts bringt, danach um 10.00 Uhr ruft Brengelmann bei meinem Sozialarbeiter an, damit ich mit ihm reden kann. Er nimmt mir alle Illusionen – das Urteil steht – es geht nur noch um Aussetzung der strafe zur Bewährung – JA oder NEIN?! Obwohl lauter Unwahrheiten im Urteil stehen, ist es rechtlich nicht anfechtbar. Unglaublich! Na – dann werde ich wohl 11/2 Jahre sitzen. Das wird Silke wohl nicht durchstehen. Ich bin total am Ende. Mittags Kohlrabi-Eintopf und etwas Post. Zum ersten Mal auch von Annett [Anm. meiner Schwester] (…). Beim Umschluss darf mein üblicher Besuch nicht kommen, da heute Aufschluss*1 ist. So kommt Detlev*2 aus der Nebenzelle. Er sitzt, weil er seine Ex-Freundin zusammengeschlagen hat.Er wird dafür wohl so vier Jahre kriegen. Wir reden ein wenig. Das lenkt ab. Danach wieder sense. Eine Dose Fisch zum Abendessen. Ich lese über das Verschwinden von 65 Milliarden DM im SPIEGEL . Ich sitze, weil ich solche Leute als „mieses, dreckiges Bourgeoise-Pack“*3 bezeichnet habe. Unglaublich. Abends schreibe ich noch ein paar Briefe.

*1 Im Gegensatz zum Umschluss, bei dem man sich für eine Stunde mit einem Mitgefangenen der eigenen Station in einer der beiden Zellen zusammenlegen kann, um zu reden, Karten zu spielen oder sonst was … ist der Aufschluss dann „offene Zellentüren“ auf der ganzen Abteilung. Aus Sicherheitsgründen nehme ich aber in Absprache mit der JVA nicht am Aufschluss teil.
*2 Detlev zeichnete das, diesem Abschnitt der Tagebücher zugeordnete Bild – siehe oben….
*3 Für genau diese Aussage wurde ich im Berliner verfahren später tatsächlich wegen „Verunglimpfung der Bundesrepublik Deutschland“ verurteilt. Das Urteil, die Urteilsbegründung und meinen Kommentar findet man hier: http://issuu.com/djbw/docs/althans_urteil

Montag, 13. Februar 1995 [97/50] – 6.00 Uhr Post und Müll, 7.00 Uhr Sanitäter zum Rücken einreiben, 7.30 Uhr Frühstück, 8.30 Uhr – Urkundenbeamter, 9.00 Uhr GBZ-Gruppe zum Thema „Was passiert im Strafvollzug“.Ein netter Sozialarbeiter. Mittags gibt es Milchreis mit heißen Kirschen – ich nehme eine riesige Portion, lecker. Heute gehe ich zum Umschluss zu Mirko. Dann kommt ein Sozialarbeiter und motzt herum, weil er mit mir das Telefonat mit Brengelmann machen muss. Er organisiert es für morgen um 10.00 Uhr. Die Psychologin schaut auch noch für ein paar Minuten herein. Auch sie ist mit ihren Gedanken woanders. Dann kommt auch noch Krause, was gut ist, denn so kann dieser noch Brengelmann anfaxen. Da er wieder Klarsichthüllen mitbringt, beschäftige ich mich bis abends mit dem Einsortieren von Zeitungsartikeln. Gegen 21.00 Uhr abends schreibe ich noch Tagebuch von gestern und heute. Noch 50 Tage bis zum Prozess, ich habe also erst 2/3 der U-Haft hinter mir – sogar noch nicht ganz. Ich bin innerlich sehr kaputt, denn ich werde mein „Schwul-Sein“ outen. Ich habe Angst vor Papas‘, Ernsts‘ [Anm. Zündel], B.s‘ [Anm. meinem Ex‘] und Silkes Reaktionen… Aber ich kann und will nicht mehr! Nur noch raus hier. Egal!

Sonntag, 12. Februar 1995 [96/52] – Heute Morgen schlafe ich einfach weiter als gegen 7.00 Uhr das Frühstücksbrot kommt.Erst gegen 10.00 Uhr erhebe ich mich zum Kaffee trinken. Ich werde wach, weil ich mich so über den Schwachsinn und die Heuchelei des katholischen Gottesdienstes aufregen muss, der über den Lautsprecher in die Zellen übertragen wird. Mittags gibt es Rinderbraten, alte Kartoffeln und Karotten-Gemüse. Ich esse sehr wenig. Dann passiert etwas herrliches: Beim Umschluss kommt der Typ, zu dem ich gestern wollte, hierher. Er heißt Mirko, ist aus (ehemalig) Ost-Berlin und sitzt, weil er 1.500 Ecstasy-Pillen aus den Niederlanden nach Deutschland eingeführt hat. Dafür hat er 2½ Jahre bekommen. Er ist so ein richtiger kleiner Gauner, aber ein netter Kerl. Endlich jemand zum Reden. Der Umschluss dauert 1½ Stunden. Anschließend setze ich mich an meinen Revisionstext für Brengelmann und werde Abends wieder von unerträglichen Depressionen geplagt. Wieder liege ich schon um 21.00 Uhr im Bett – aber ich stehe noch einmal auf um Silke ein Gedicht zu schreiben: „ Grausame Träume!“. Ich denke, ich werde diese Tage wohl auch an Ernst Zündel schreiben.

Samstag, 11. Februar 1995 [95/53] – Der Tag verläuft wie immer. Ich freue mich auf den Umschluss. Aber der platzt, weil ich nicht weiß, in welcher Zelle der Typ ist, zu dem ich wollte [hatten wir beim Hofgang verabredet).Mittags gibt es sehr leckere Bohnensuppe und Vanille-Pudding. Ich schreibe wieder dieses und jenes – ach ja, [Anm. der Anwalt] Krause kommt auch noch für eine Stunde vorbei. Er bringt endlich 200 Klarsichthüllen, die ich allerdings sofort alle aufbrauche. Auch ein Strafgesetzbuch (StGB) habe ich nun endlich. Gestern Abend bin ich wieder aufgestanden und habe einen sehr langen Brief an Silke geschrieben. Ich sehe langsam alles kaputt gehen. Ich werde ab 10. März, falls weiter alles schief geht, wieder in den Hungerstreik gehen. Wir werden ja sehen…

Freitag, 10. Februar 1995 [94/54] – Die ganze Scheiße geht also weiter. Morgens muss ich zum Arzt; mein Rücken wird nicht besser. Weder kommt die Psychologin, noch erhalte ich Post. Zum Mittagessen gibt es Reis und Fisch. Ich gebe die „Hand-zu-Hand“-Behandlung auf und gehe zum ersten Mal mit der Abteilung duschen.Ich will nicht mehr alleine sein. Außerdem bin ich so ire und kaufe einen Fernseher. Ich will nicht mehr die ganze Zeit nur an den Prozess denken müssen. Ein sagenhafter, mich entlastender Artikel [Anm. zum Thema Revisionismus] steht heute in der taz. Ich schreibe an [Anm. die Untersuchungsrichterin] Frau Scharnick. Ich muss im März raus um zu arbeiten.

Donnerstag, 9. Februar 1995 [93/55] – Heute bin ich ¼ Jahr im Gefängnis! (seit 93 Tagen in Haft, noch 55 Tage bis zum Prozess) 2. Haftprüfung! Der Tag verläuft genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe: Die üblichen Abläufe des Tages, zum Mittagessen Klopse (Bouletten) und eine Menge Post. Ich sterbe vor Aufregung. Dann – Mittags von 13.00 – 16.00 Uhr Haftprüfung – alles geht schief. Ich bin sehr gefasst, erst, als ich wieder in der Zelle bin (Einkauf ist inzwischen auch gekommen], weine ich noch sehr und lege mich dann um 19.30 Uhr hin. Ich probiere, wie es sich anfühlt, in einer Plastiktüte zu ersticken… Aber, als ich keine Luft mehr bekomme, gebe ich auf. Nein – das Leben werde ich mir wohl nicht nehmen – ich lebe viel zu gerne. Aber noch ein paar Monate Knast, und draußen wird alles hin sein. Silke weg – Arbeit weg – Wohnung weg.Wie wird das nur weitergehen?

Mittwoch, 8. Februar 1995 [92/56] – Derselbe Ablauf wie immer – nur heute morgen werde ich zweimal vergeblich zum Arzt geschickt. Beim zweiten Gang vermute ich, dass eventuell der Anwalt gemeint war – aber der kommt mal wieder nicht. Mittags gibt es Nudel-Eintopf. Eine Menge Post kommt auch – vor allem ein weiterer Brief von Silke. Ich freue mich sehr. Auch ihre Mutter hat geschrieben. Von Günther aus Stadelheim, der mir damals den Kaffee geschenkt hatte, ist auch ein Brief dabei. Dann geht es zu einer weiteren GBZ-Gruppe. Heute: Wohnungserhalt in der Haft – Beratung. Wieder einmal eine aussichtslose Werbeveranstaltung irgendeiner Stiftung. Abends Jagdwurst (Abends heißt hier immer 15.00 Uhr – dann ist Einschluss). Ich versuche, soweit wie möglich mit der revision fertig zu werden, denn wenn es morgen schief läuft – und nach meinen bisherigen Erfahrungen wird es schief laufen – werde ich anschließend zu fertig sein um noch sachlich zu argumentieren.
Andererseits – unvorstellbar, wenn es gut geht. Ich denke oft an Mehmet T., der einmal gesagt hat: „Du wirst wohl bis zum Prozess sitzen und dann kommst Du raus – weil, wenn Du draußen bist, kommst du nicht wieder hinein!“ Das wäre schön. Aber raus will ich lieber morgen kommen als in acht Wochen. Und dann – ab zu Silke.

Dienstag, 7. Februar 1995 [91/57] – 5.00/6.00/6.10/7.00 Uhr – siehe oben. Dann Tagebuch von gestern schreiben, herumsitzen, auf den Anwalt warten. Ich male, wie gestern, ein paar Tabellen und Statistiken. Mittags kommt die Psychologin kurz vorbei. Zu Essen gibt es Rindsleber (sehr lecker) mit Kartoffelbrei und Soße – dazu Gurkensalat. Danach warte ich den Rest des Tages vergeblich auf Post und Anwalt. Bin Abends wieder sehr am Weinen. Ich schreibe noch einige Seiten an meiner [Anm. Münchner] Revision. Ansonsten liege ich wieder herum und hoffe, dass ich Haftverschonung bekomme. Abends gibt es Eiersalat und drei Apfelsinen.

Montag, 6. Februar 1995 [90/58] -5.30 Uhr Licht, 6.30 Uhr Radio an, 6.10 Uhr Müll und Post raus, 7.00 Uhr Frühstück – wie immer halt. Dann bis 9.00 Uhr weiterschlafen. Anschließend zu einer neuen Gruppe im GBZ: Schuldner-Beratung – endlich einmal eine interessante Sache. Nach der Gruppe kommt Post, u.a. eine ärgerliche Sache: „Beschluss über die Anhaltung meiner englischen Post verbunden mit dem Hinweis, dass ich überhaupt den Umfang meines Postaufkommens einzuschränken habe. [Anm. Beschluss wird hier noch im Original verlinkt] Mittags kommt der für die Zeitungs-Anlieferung zuständige Beamte und entschuldigt sich sehr nett für das Ausbleiben meiner bestellten SZ-Wochenend-Ausgabe. Zu Mittag gibt es serbische Bohnensuppe, allerdings mit ungekochten Bohnen. Ich schreibe und lese, liege herum, weine andauernd und ärgere mich furchtbar über meine andauernde U-Haft. Es erscheint mir völlig klar, dass ich das Verfahren gewinnen werde. Wenn ich doch bloß Haftverschonung bekäme. Abends Käse. Bereits um 21.00 Uhr lege ich misch hin zum schlafen.

Sonntag, 5. Februar 1995 – (13. Sonntag in Haft. Ab jetzt werde ich den Aufwärts- bzw. Abwärts-Cowntdown zum Datum dazu notieren, d.h. Tage der U-Haft / Tage bis zum Prozess) [89/59] Ich verbringe den gesamten Sonntag mit Herumliegen, versuche – Zeit zu verschlafen. Zwischendurch Essen – Mittags Kassler, Grünkohl und Kartoffeln, Abends Zungenwurst und Obstquark. Ich lese etwas Machiavelli und schreibe ein wenig an der Revisionsbegründung München – aber ich bin sehr nervös und unkonzentriert wegen des 9. Februar. Ich weine morgens wieder sehr – bin nachmittags dadurch aber etwas gelöster.

Samstag, 4. Februar 1995 – Noch sechs Tage [Anm. bis zur Haftprüfung] oder noch 60 Tage [Anm. bis zum Prozess] in Haft, dass ist hier die Frage!?! Wie fast immer in der letzten Zeit stehe ich um 5.30 Uhr auf, ziehe mich an, gebe um 6.00 Uhr den Müll heraus (Sa. keine Post) und nehme dann um 7.00 Uhr Frühstück entgegen. Dann lege ich mich noch einmal etwas hin und schlafe sehr tief. Gegen 10.00 Uhr kommt Krause für eine Stunde und zerstört mir erst einmal die Hoffnung auf Freilassung. Ich zerstöre ihm dafür den Glauben, in Sachen „Auschwitz-Lüge“ schuldig zu sein. Er wirkt etwas verblüfft. Aber ich bin innerlich natürlich wieder ganz unten. Auf der Zelle weine ich erst einmal wieder bitterlich. Mittags gibt es Ravioli. Dann liege ich herum und denke wieder nach. Es ist immer dasselbe! Ich schreibe an Papa, meinen Ex‘ und an Silke usw. – bin mal wieder völlig fertig. Die SZ kommt nicht, nur die BZ und die taz. Mosler*1 soll in Stuttgart „gestanden“ haben*2. Sollte das der Fall sein, werde ich ihn anzeigen…*3. Mir reicht es langsam wirklich. Ich will hier raus. 6 Tage oder 60 Tage – das ist hier die Frage; ich sitze heute seit genau 88 Tagen. Ich werde wohl auch meinen Geburtstag [Anm. 23.03.1966] in Haft verbringen müssen. Schade, dass ich keinen Fernseher mehr auf der Zelle habe. Das war immer eine gute Ablenkung.

*1 Jürgen Mosler übernahm nach der Spaltung der „Bewegung“ die Führung der Anti-Kühnen-Gruppe, zu der auch ich wechselte.
*2 Im Stuttgarter „Bewegungsverfahren“ wurde eine wild zusammengewürfelte Gruppe Angeklagter, unter anderem auch Mosler und ich, beschuldigt, die Kühnen-Gruppe ANS/NA nach ihrem Verbot fortgesetzt / aufrecht erhalten zu haben. Absurd – denn es war ja eine Gruppe von Leuten, die nur eines gemeinsam hatten: Gegnerschaft zu Michael Kühnen. Nach mehr als 120 Verhandlungstagen war das erste Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit eines der Richter / Beisitzer geplatzt. Um einem erneuten jahrelangen Prozess zu verhindern, machte die Staatsanwaltschaft mit den vier „Hauptangeklagten“ einen Deal: Geständnis gegen Bewährungsstrafe bzw. Geldstrafe. Das Verfahren gegen weitere Angeklagte, auch mich wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. So endete eines der größten Mammut-Verfahren in der Geschichte der BRD, welches Menschen wie mich drei Jahre lang zum „Beruf Angeklagter“ gemacht hatte und so natürlich auch einen weit früheren Schluss mit der politischen Karriere zunichte machte!
*3 Ich zeigte Mosler natürlich nicht an.

Freitag, 3. Februar 1995 – Ich habe gut geschlafen, stehe gleich morgens auf und frühstücke. Gegen 9.00 Uhr geht es zur GBZ zur Gruppe „Juristische Beratung“.Aber jede Frage, die ich habe und stelle, kann der Sozialarbeiter nicht beantworten. Kurz vor Schluss der Gruppe werde ich erneut zum Anwalt gerufen. Es ist Dr. Stübing, den ich wegen der derzeitigen Lage erst einmal ganz zurückstelle. Zurück auf der Zelle gibt es erst einmal sehr viel Post, vor allem ENDLICH einen Brief von Silke! Ich drehe fast durch vor Freude. Die Psychologin kommt kurz. Wir haben ein sehr nettes, kurzes Gespräch. Mittags gibt es Gemüsesuppe und Sozialarbeiter. Dieser bucht 11,00 DM von meinem Konto ab. Um 14.00 Uhr dann ist es soweit: Silke anrufen. Besetzt! Dann – endlich ist die Leitung frei. Sie ist am Telefon – oh Gott, diese Stimme, wie sehr ich sie liebe. Zum Glück vergeht die Zeit wie in Zeitlupe. Ich bin sehr glücklich, endlich mit ihr gesprochen zu haben. Mit dem, was sie sagt, übertrifft sie alle meine Erwartungen. Ich hoffe sehr auf die Haftprüfung, lese nachmittags Zeitung und schreibe einige Briefe. Der hochgedrehte Irrsinn über einen „Auschwitz-Freispruch“ in Hamburg zerstört mir meine Hoffnungen. Der Tag geht schwer zu Ende – ich bin zu ausgeschlafen und denke zu sehr an die Freiheit.

Donnerstag, 2. Februar 1995 – Ich habe sehr schlecht geschlafen. Wie immer derselbe morgendliche Ablauf – um 10.00 Uhr frühstücke ich. Vormittags lese ich – zum Mittagessen gibt es Königsberger Klopse mit Rote Beete und Kartoffeln. Aus Sicherheit werde ich anschließend zum Einzel-Duschen geführt. Übrigens – im Gegenteil zu München sind die Duschen hier super und die Räume gut geheizt. Die ganze Zeit bin ich sehr niedergeschlagen. Mittags kommt die Psychologin. Sie ist sehr nett. Wir sprechen darüber, dass ich bei Silke anrufen darf und über vieles andere. Dann, gegen 16.00 Uhr kommt überraschend Rechtsanwalt Krause und bringt überraschende Neuigkeiten: Nun, anstatt acht, bzw. 3 – sollen nur noch zwei Verhandlungstage stattfinden. Terminiert wurde nun auf den 4. und 5. April. Nächste Haftprüfung wird am 9. Februar um 13.00 Uhr sein. Er meint, ich habe Chancen, raus zu kommen. Ich bin wie verwandelt, habe gute Laune und Appetit. Am Samstag wird er zum Arbeiten wiederkommen. Wenn das bloß alles so klappt… Morgens kam der neue Einkauf. Als ich wieder in der Zelle bin, mache ich mich gleich über die Schokolade her.Post gab es heute keine. Ich lege mich hin und schlafe tief und fest ein – erst gegen 19.30 Uhr werde ich wieder wach. Ich setze mich hin und schreibe noch etwas Tagebuch. Die Post an meine Eltern verschiebe ich auf das bevorstehende Wochenende. Ich hoffe sehr auf ein Wunder bzw. auf ein wenig Gerechtigkeit in der nächsten Woche.

Jetzt geht es wieder normal weiter: Mittwoch, 1. Februar 1995 – Auf dieser Etage geht um 5.00 Uhr das Licht in der Zelle an. Wenn man es so eingestellt hat, folgt um 6.00 Uhr das Radio, dann gleich Abgabe Müll und Post – gegen 7.00 Uhr Frühstück = Brot. Ich versuche, weiter zu schlafen, aber immer wieder ist irgendetwas. So stehe ich gegen 9.00 Uhr doch auf und trinke Kaffee. Da kommt ein Beamter und sagt:„Infogruppe im GBZ“. Aber gleichzeitig kommt eine andere Beamtin und sagt, ich müsse erst zum Hautarzt. Nun lerne ich auch gleich „Hand zu Hand“ kennen. Ich werde zum Arzt gebracht, warte nur sehr kurz mit weiteren „Hand zu Hand“-Personen und komme dann gleich dran. Ich bekomme Duschzeug für die Haut und soll zudem eine Woche lang Tabletten nehmen. Der Arzt meint, es sähe sonst gut aus. Na prima. Wieder oben, gibt es zum ersten Mal Zeitungen: taz,. SZ, BZ. Die werde ich jetzt [Anm. da ich sie kostenpflichtig abonniert habe – es gibt preislich geminderte Gefangenen-Abos] den ganzen Februar durch bekommen, zuzüglich Stern, Focus, Spiegel. Mittags gibt es Fisch mit Kartoffeln und Soße. Ich esse fast nur Fisch, da ich Kartoffeln echt nicht mehr sehen kann. Dann warte ich auf Papas angekündigten Besuch. Der Anwalt war morgens ja nicht mehr gekommen. Aber auf Papa ist Verlass. Er kommt um 14.15 Uhr und bleibt eine Stunde. Er hat eine Hose für mich von Mutti und Sachen von Antje [Anm. Kleidung] mitgebracht. Das Treffen ist eher traurig. Papa ist sehr überreizt. Er tut mir mehr leid*1 als ich mir selbst. Er spricht gut von Silke. Aber – als er weg ist, bin ich restlos am Ende. Ich weine die ganze Zeit. Gefühlt ist mal wieder „alles aus“. Ich schreibe einen sehr langen Brief an Silke und beschließe, zu versuchen, sie am Freitag anzurufen. Zum Abendessen gibt es Salami.

*1 Mein Vater http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Conrad_Althans stand meinem politischen Handeln immer sehr kritisch gegenüber. Er hat sein Leben dem verbeamteten sozialen Dienst an der bundesdeutschen Gesellschaft gewidmet. Er und seine Frau (meine Stiefmutter) hatten mich beim Dreh zum Film, der nun zu meiner ersten Inhaftierung geführt hatte, ja tatkräftig unterstützt, wissend, dass das Ziel genau das Gegenteil dessen gewesen war, was nun herausgekommen war. Mit dem Umgang mit mir wurde sein Verhältnis zu Rechtsstaat und Demokratie schwer beschädigt.

STERN_Althans_1991

Montag, 30. Januar 1995 – 6.00 Uhr, Frühstück und Post, Müll und Bettwäsche. Dann weiterschlafen bis 8.00 Uhr.
[Anmerkung: Hier entsteht etwas Chaos in meinen Aufzeichnungen – laut Vermerk „Das ist ja alles Dienstag, also heute – Montag folgt dann auf der nächsten Seite“]

Dann kommt [Anm. Dienstag 31. Jan.’95] die Station-Beamtin wegen meiner Meldung bezüglich der Drohungen. Etwas später, ich frühstücke und lese, kommt der Dienstleiter und spricht mich nochmals an wegen Isolation von den Mitgefangenen.Ich lese weiter. Schon vor dem Mittagessen (Leberkäse, Kartoffeln, saures Sauerkraut) gibt es heute Post. Dabei auch endlich eine Genehmigung für ein Telefonat mit Silke. Aber ich habe Angst, sie anzurufen*1. Komisch – jetzt, wo ich es darf, traue ich mich nicht. Ich will abwarten, bis sie geschrieben hat. Nach dem Mittagessen döse ich herum, schreibe und lese, hoffe auf weitere Post und dass der Anwalt kommt. Wie erwartet werde ich auch heute wieder, nun bereits von drei Personen gemeinschaftlich, bedroht: dieses Mal mit Vergewaltigung beim Duschen und Mord. Ich beginne, hierüber ein genaues Protokoll zu führen. Zum Abendessen gibt es Vollkornbrötchen und eine Dose Fisch. Ich bin traurig, weil wieder keine Post von Silke gekommen ist. Warum nur?

Also: Erst einmal der Nachtrag von GESTERN:
Montag, 30. Januar 1995 – Gegen 8.00 Uhr morgens kommt der Dienstleiter und erklärt mir, dass die Trennung von Arnulf Priem und mir durch die Staatsanwaltschaft von Priem angeordnet wurde. Aber – ich muss heute in eine andere Zelle; Arnulf kommt zurück in die Begegnungszelle. So geschieht es. Ca. 2 Stunden später beginne ich, zu packen und Arnulf, wieder einzuziehen. Da muss ich zum Anwalt. Es ist jedoch nicht Krause sondern Dr. Stübing, der mir eine ganz neue Strategie vorschlägt. Aufgrund dessen stelle ich noch am selben Abend erneut Antrag auf Haftprüfung. Nach dem Anwaltsgespräch erlaubt mir der zuständige Beamte, noch ein letztes Mal mit Arnulf zusammen Mittag essen zu dürfen: Eintopf. Dann geht es auf die neue Zelle: von C-329 auf A-416. Es ist eine Stromzelle (also MIT Steckdose), sehr dreckig – Einzelzelle. Na ja – egal. Beim Einzug kommen mir die Mitgefangenen der Abteilung A-4 auf dem Weg zum Duschen entgegen. Einer – vermutlich Türke – erkennt mich und sagt, er freue sich, mich zu sehen, und nun werde ich meines Lebens nicht mehr froh werden. Ich lache ihn an und beantrage sogleich Isolation von den Mitgefangenen. Mittags werde ich zur ersten GBZ Gruppe geholt: Meditation.Es entpuppt sich als das, was ich vermutet hatte: vollkommen hilfloser Schwachsinn. Es war für mich das erste und letzte Mal. Abends gibt es hervorragenden Schimmel-Käse. Ich schreibe die zweite Hälfte meiner DENKSCHRIFT:

Grundlage der erneuten Haftprüfung, aber auch er mutmaßlich erneut folgenden Haftbeschwerde [Anm. der zweiten Instanz]. Ich freue mich, dass ich den Text fertig bekomme.

*1 Telefonieren darf man, nach Vorlage einer Ausnahme-Genehmigung dann wahlweise über den Pfarrer, den Sozialarbeiter oder den Psychologen. Die Zeit ist sehr begrenzt.

Samstag, 28. Januar 1995 – 6.00 Uhr Müll abgeben,. 7.00 Uhr neue Marmelade und Brot, erst gegen 9.00 Uhr geht es zum duschen (erst heute, da ich wegen meiner Haut am Mittwoch ja beim Arzt war). Wieder oben liege ich herum und höre ich Radio. Es gibt ja das Wandradio (ein Programm), besser als nichts. Mittags gibt es zwei hartgekochte Eier, guten Spinat und Kartoffeln. Ich kann bald keine Kartoffeln mehr sehen. Nach dem Essen schreibe ich an meiner Post. Die Ruhe – ja, Leere – durch die Verlegung von Arnulf ist Scheiße. Mal sehen, ob wir Montag dagegen etwas machen können. Um 14.30 Uhr Abendbrot, Käse. Ich verbringe den Tag mit Radio hören, herumliegen, lesen und schreiben, denken und schlafen. Na klasse.

Freitag, 27. Januar 1995 – 6.00 Uhr Müll, 7.00 Uhr Frühstück, 7.30 Uhr Sanitäter wegen Rücken, 8.30 Uhr Kaffee trinken, 8.45 Uhr zum ersten Mal, seitdem ich auf dieser Zelle bin, Hofgang [Anm. ist täglich, aber man muss nicht gehen], auch Arnulf geht mit raus. Es ist kalt und regnet, der Hof ist sehr klein und die Stunde dauert zu lange. Dann kommt endlich der Anwalt, den ich morgens durch den Sozialarbeiter hatte anrufen lassen. Er bringt Kopien der Akten, hat jedoch alles andere vergessen und verspricht, am Montag noch einmal zu kommen. Ob das wohl klappt?Zu Mittag gibt es Gemüsesuppe. Anschließend bekomme ich wieder sehr viel Post. Ein Brief von Christian Worch ist vom Gericht angehalten worden. Aber ein Brief von meinem Ex‘ ist dabei. Darüber freue ich mich. Abends, also um 15.00 Uhr, gibt es eine Scheibe Kassler, Brot und ein paar Äpfel. Ich arbeite an den Antworten der Post und sehe fern. Es ist 18.30 Uhr als bei Arnulf die Zellentür aufgeht: Nachtverlegung! Auf Anordnung seiner zuständigen Staatsanwaltschaft werden wir getrennt. Er kommt gegenüber auf eine Einzelzelle. Absoluter Terror*1 – er ist, genau wie ich, absolut niedergeschlagen. Innerhalb der folgenden zwei Stunden zieht er aus. Neben all‘ den Annehmlichkeiten,wie dem Verlust von Radio-Recorder, Fernseher, Vorräte,Filterkaffee usw. ist die psychische Qual natürlich erheblich. Gut – wir sind sehr verschieden, haben sehr unterschiedliche Ansichten – aber doch auch irgendwie eine Menge Gemeinsames. So haben wir uns gegenseitig geistig sehr viel Heimat geben können. Als die Tür zu geht, ist die Leere geradezu erdrückend. Ich möchte weinen, aber es geht nicht. Ich bin zum ersten Mal seit ewiger Zeit allein. Um meine Verzweiflung abzubauen, arbeite ich noch bis um 23.00 Uhr das Licht von außen abgeschaltet wird, an meinen Unterlagen. Die Akten sprechen so klar für mich, dass ich nachts wach werde, weil ich von meiner Entlassung geträumt habe. Nun bin ich also wieder die ganze Zeit alleine mit meinen Gedanken: an das kommende Verfahren, an die schwierige Lage meiner Beziehung und an die Sehnsucht nach Freiheit.

*1 Natürlich erfolgte die Trennung, um zwei vermeintliche Gesinnungsgenossen zu separieren. Die gegen uns bestehenden Vorwürfe hatten ja nichts miteinander zu tun. Und – erst in der Haft hatten wir, die wir ja nur von „außen“ betrachtet „zusammen gehören“, uns kennen gelernt. Auch hart, dass man Arnulf Priem den Vorteil der Begegnungszelle genommen hat.

Donnerstag, 26. Januar 1995 – 6.00 Uhr, Müll und Anträge raus geben, 6.30 Uhr zum Sanitäter zum Einreiben des Rückens. 7.17 Uhr, Frühstücksbrot und Käse. Ich schlafe bis 12.00 Uhr, zu Mittag gibt es undefinierbares Gemüse, Kartoffeln und eine Boulette (schlecht) mit Soße. Es gibt keine Post für mich – von Silke sowieso nicht – ich hänge herum, schreibe ein wenig an meinen Prozess-Unterlagen herum. Abends gibt es Roggenbrötchen. Ich schau fern und hoffe, dass dieser Scheißtag bald vorbei ist. Zum ersten Mal seit langem habe ich nicht von Silke geträumt, auch die Gedanken am Tag sind mit Leere und Verbitterung gefüllt. Arnulf bekommt wieder sechs oder sieben Briefe und Karten von seiner Freundin. Was die sich alles zu sagen haben?! Daniela, seine Freundin, kommt, so wie sein Anwalt, zu Besuch – sie bringt ihm einen Verlobungsring mit. Die beiden werden am 20.03. heiraten. So ist das Leben – ich habe wohl wieder mal Pech.

Mittwoch, 25. Januar 1995 – 6.00 Uhr aufstehen. Ich habe keinen Müll abzugeben, dadurch ist die Zellentür derart schnell wieder zu, dass ich nicht einmal Anträge abgeben kann. Also – Knopf drücken – eine halbe stunde später kommt noch einmal jemand. Arnulf ist schon wach – ich lege mich wieder hin. Um 8.00 Uhr stehe ich wieder auf. Wir frühstücken. Um 8.45 Uhr gehe ich zum Arzt. Heute abduschen auf der Seuchenstation zwischen zwei Rumänen, die entlaust werden. Ich habe solch starke Kopfschmerzen, dass ich erstmals um ein Aspirin bitte und es nehme. Auf dem Weg nach oben kommt jemand von der Kammer: Ich darf endlich meine Dreckwäsche an Silke abschicken. Wieder oben gibt es Kartoffeln mit Paprikasoße und eine Fischmehlfrikadelle. Dazu Jogurt. Ich bekomme sehr viel Post. 19 Briefe, davon einige unzensiert. Warum, weiß ich nicht. Wieder nichts von Silke. Zum Glück kommt der Pfarrer vorbei. Er ruft bei Silke an. Diese erzählt ihm (was er mir ausrichtet), sie habe gestern geschrieben. Mir platzt der Kragen und ich schreibe den bösesten Brief, den ich ihr je geschrieben habe. Ich bin total am Ende. Weil es mir so weh tut, „heule“ ich mich bei meiner Mutter schriftlich aus. Zum Abendessen Sülze. Wieder war der Anwalt nicht da. Anstaltsintern hat jemand dafür gesorgt, dass ich an GBZ-Gruppen teilnehmen darf: Spielen, Meditation u.a. Da hat man wenigstens was zu tun. Abends neun Briefe und mehrere Anträge schreiben. Das war es dann wieder. Ach ja – die Wäsche, die Mutti gekauft hat, ist schon gestohlen, hat mich nie erreicht.

Dienstag, 24. Januar 1995 – 6.00 Uhr Müll & Handtücher, 7.00 Uhr Frühstück, weiterschlafen, 9.00 Uhr zum Arzt: 1 ½ stunden warten, dann 60 Sekunden einreiben. Wieder hoch, diverse Post und diverse Beschlüsse erhalten (siehe Postliste). Mittags Kartoffeln mit Apfel/Leber-Soße, dazu Mandarinchen und Milch. Nachmittags wieder vergeblich auf den Anwalt warten, geschweige denn, einen Brief von Silke. Dafür sehr liebe Post von Antje. Der Einkauf kommt auch schon heute. Zum Abendessen Putenfleisch-Salat. Arnulf hatte seinen Anwalt da: auch nichts Neues außer Akteneinsicht. Abends schreibe ich acht Briefe, hänge herum und sehe fern. Ich will, dass silke mir endlich schreibt. Warum tut sie es nur nicht?

Montag, 23. Januar 1995 – das letzte gelbe Blatt ist voll. Und das letzte Kapitel somit zu Ende. Von nun an werde ich kürzer schreiben.

TEIL VI

Gestern habe ich das letzte Blatt von den zwei Blöcken verbraucht, auf denen ich am 11. November 1994 – nach meiner Verhaftung am 9.11.’94 begann, mein Gefängnis-Tagebuch zu schreiben. Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange in Haft bleiben würde. Diese Notizen entstehen an meinem 77. Hafttag in U-Haft. Ich bin mehr denn je überzeugt von meiner absoluten Unschuld. Die Motivation, weiter an diesem Tagebuch zu schreiben, fehlt mir derzeit völlig, da die Aufzeichnungen im Tausch mit denen meiner großen Liebe Silke stattfinden sollten. Sie hat mir zu Anfang sehr wenig geschrieben; seit 22.12.’94 habe ich nichts mehr von ihr gehört. So weiß ich nicht, ob ich nur an eine wand schreibe, so grau wie dieses Anstaltspapier oder ob Silke sich endlich wieder melden wird. Ich werde also vorerst für niemanden schreiben. Dazu verwende ich, wie gesagt, das Papier aus dem Gefängnis. Die gelben Blöcke hatte ich auf dem New Yorker Flughafen „La Guardia“ gekauft, weil ich im Oktober [1994], als ich dort sechs Stunden Aufenthalt hatte, darauf mein Vorwort für das Horst-Dreßler-Andreß-Buch schreiben wollte. Dazu kam es dann aber nicht mehr.

Montag, 23. Januar 1995 – 6.00 Uhr, Müll abgeben, Frühstück entgegen nehmen. Bis 9.00 Uhr schreibe ich an meinen Unterlagen. Dann soll ich zum Arzt kommen; endlich was gegen meine Flechte. Es scheint ein sehr starkes Mittel zu sein, denn ich bekomme es nicht mit, sondern soll die nächsten drei Tage runter zum Arzt kommen zum Einreiben. Als ich hoch komme, streite ich kurz mit Arnulf um nichts, ist aber gleich vorbei. Da ich frisch eingecremt bin kann ich nicht mit zum Duschen. Zu Mittag gibt es Nudeln mit Gemüse und Fleischsoße aber ohne Geschmack. Ich warte den ganzen Tag vergeblich auf den Anwalt und Post von Silke. Ich rege mich sehr auf – sie begreift nicht, wie sehr mir das weh tut! Ich freue mich wegen meiner Wut nicht einmal über Post von Danny. Irgendjemand hat mir „Tango“ abonniert, eine totale Scheißzeitung. Ich hoffe bis 16.00 Uhr auf Post und Anwalt. Abendessen ist Käse im wahrsten Sinne des Wortes. Ich schreibe noch an Frau Kroeger, Horst (ihren Sohn) und Michael Hammer. Dann übersetze ich noch einen Artikel von Collins*1 für meinen Prozess, schreibe Anträge und diese Zeilen.
Silke – hier endet vorerst das Tagebuch. Ich weiß seit fast sechs Wochen*2 nicht, was mit Dir los ist. Auch diese Seiten werden Dich an der Zensur vorbei geschleust erreichen. Was immer auch geschieht, versprich mir wenigstens, diese Tagebücher vorerst niemand anderem zu zeigen/zu geben und sie für mich zu verwahren. (…)

*1 Raymond Doug Collins, (8 September 1920 – 29 September 2001) nach Kanada ausgewanderter Brite, Journalist. Unter anderem entlarvte er 1953 im Calgary Herald die „Geschichte des George Dupre als Schwindel. In den 90ern schrieb er wohlwollend über das Zündelverfahren. Mehr: http://en.wikipedia.org/wiki/Doug_Collins_%28journalist%29
*2 Sechs Wochen ist wohl etwas zu hoch gegriffen, den unmittelbar vor Weihnachten hatte Silke mich noch besucht. Auch ein Weihnachtspaket – dem aber kein Brief beigelegt werden darf – kam an. Nun – es kam, wie es kommen musste – die lange Inhaftierung zerstörte die Beziehung. Nicht einmal eine Begegnung fand nach meiner Freilassung statt, sodass ich es in München nicht mehr aushielt. Ich verließ nach wenigen Monaten Deutschland und begegnete recht zeitnah bereits im Sommer 1997 Laszlo Lothar Schreiber, mit dem ich fast zehn Jahre bis zu seinem Tod zusammen blieb.

Sonntag, 22. Januar 1995 – 75. Hafttag (letzte gelbe Seite) Als ich um 6.00 Uhr durch den Aufschluss geweckt werde, steht Arnulf schon bereit, um das Frühstück entgegen zu nehmen. Ich drehe mich also um und schlafe weiter bis 11.00 Uhr. Komisch, ich habe die ganze Nacht von Wiesel*1 geträumt.

Herzog Heinrich Stefan Wiesel
Stephan Wiesel

Ich trinke Kaffee und Birnensaft, esse eine Banane. Schon gibt es Mittagessen; bitteren Rosenkohl-Rahm, trockene Kartoffeln und ein winziges Stück Rinderbraten, zäh – und Jogurt zum Nachtisch. Ich esse, setze mich danach hin und notiere meine Aktenzeichen der Notizen zu den Akten um. Erst gegen 14.00 Uhr steht Arnulf auf und isst. Wir sehen fern – nebenbei schreibe ich an meiner Verteidigung. Es wäre ja gelacht, wenn es nicht gelänge, auch den Auschwitz-Vorwurf zu kippen… Später putze ich mal richtig gründlich die Zelle mit Wischen usw. Zum Abendessen dann Brot und Jagdwurst. Abends sehe ich fern. Mein Vorhaben, noch einen englischen Text ins Deutsche zu übersetzen, verschiebe ich auf später.

*1 Stephan Wiesel war Mitglied des DJBW und Nachmieter des ehemaligen AVÖ – das er in HERZOG HEINRICH BUCHHANDLUNG umbenannt, nun als Ladengeschäft führen wollte. Im Rahmen der Beendigung meiner Arbeit für zündel sollte so das Begonnene Fortsetzung finden. Es kam anders: Wiesel und ich erhielten beide BERUFSVERBOT.

Althans_Berufsverbot_Bild
Komplette Dokumentation: http://issuu.com/djbw/docs/1993_09_01_berufsverbot_komplett/0

Samstag, 21. Januar 1995 – Der Tag wird genauso langweilig wie gestern.Morgens bin ich zu müde, den Müll abzugeben. Zum Frühstück gibt es zwei Mal neue Marmelade und Graubrot. Gestern Abend – glaube ich – gab es noch Semmeln. Aber heute Morgen schlafe ich durch bis zum Mittagessen. Arnulf ist recht gereizt, ich aber auch – und so streiten wir uns wegen Nichtigkeiten. Um bessere Laune aufkommen zu lassen, koche ich nach dem Mittagessen (Gemüseeintopf mit Wurst) einen Pudding, der jedoch misslingt, da der Tauschsieder nicht heiß genug wird. Herumliegen, fernsehen, lesen – ansonsten Frust und Langeweile. Zum Abendessen gibt es dann noch Käse (Emmentaler), zum Glück habe ich noch etwas von der türkischen Wurst. Der Anwalt tauchte entgegen seiner Aussage ja auch wieder nicht auf. Das ärgert mich besonders, da ich das Wochenende mit dem Bearbeiten der [Anm. erbetenen] Fotokopien verbringen wollte. Ich zwinge mich, mein Tagebuch nachzutragen, habe aber keinen Spaß dabei – warum schreibe ich den Schmarren überhaupt auf?

Z_Tagebuch
„Gelbe Seiten“

Freitag, 20. Januar 1995 – Dieses ist das letzte gelbe Blatt. Das Tagebuch werde ich nun wohl anders und kürzer schreiben. Silke hat meine Idee, dasselbe draußen zu tun, leider nicht angenommen. Apropos Silke: Ich stelle fest, dass ich ihre Fotos inzwischen vermutlich öfter geküsst habe als sie selbst. Es wäre lustig wenn es nicht so traurig wäre. Tatsächlich gelingt es mir nach zwei Stunden Schlaf, um 6.00 Uhr aufzustehen, Müll zu leeren, die neue Einkaufsliste und diverse Anträge und Post abzugeben und Brot und Jogurt anzunehmen. Aber dann lege ich mich wieder hin und schlafe bis 11.00 Uhr weiter, esse den Jogurt und trinke einen Kaffee. Schon gibt es Mittagessen; Kartoffelbrei mit einer Art Hühnerfleisch und Karotten-Gemüse und Soße. Wir essen, dann liegen wir wieder herum. Zweimal kommt Post, aber beides Male nichts von Silke. Jetzt heißt es wieder bis Montag warten.
Ein Brief von Frau Kroeger vom 13. Januar ist dabei – von dem Tag, an dem Silke angeblich dem Pfarrer versprochen hat, angeblich sofort zu schreiben. Ich bin mal wieder total fertig und sauer, schreibe einen bitterbösen Brief an sie, den ich auch noch sofort einwerfe. Ich nehme die Kontaktlinsen heraus, hänge den ganzen Rest des Tages nur herum, schreibe kurz das Zeug für den Anwalt. Ansonsten mache ich nichts. Zum Abendessen um 15.00 Uhr gibt es Leberwurst, die ich sowieso nicht mag. Abends sehen wir zwei Western, danach unterhalten wir uns wieder bis 3.00 Uhr morgens (über Sex, Frauen, Freundin usw.). Angeblich ist es Arnulf heute gelungen, Silke heute zu kontaktieren. Aber ich glaube nichts mehr, bevor ich es nicht schriftlich habe. Was nur los ist?

Donnerstag, 19. Januar 1995 – Entgegen meiner Annahme, wegen der Alpträume von letzter Nacht schlecht zu schlafen, schlafe ich schnell ein und träume sogar gut von Silke. Sie gibt mir im Traum einen vier Seiten langen Brief. Es ist ein Liebesgeständnis. So wache ich Morgens relativ gut gelaunt auf, leere den Müll und nehme Weißbrot und neue Margarine an. Dann lege ich mich wieder hin und schlafe bis 11.00 Uhr weiter. Arnulf steht gegen 10.00 Uhr auf und geht zum Malkurs. Ich frühstücke etwas. Dann kommt Arnulf zurück und schon gibt es Mittagessen. So eine Art chinesische Reis-Pfanne; schmeckt sehr gut. Dann kommt mein Anwalt, bringt das gewünschte Büromaterial mit und gute Nachrichten:

Frau Scharnick*1 ist nicht die Vorsitzende in meinem Hauptverfahren, sondern ein Richter*2. Außerdem ist in diesem Moment erneute Haftprüfung möglich. Aber erst will Krause eine Neu-Formulierung der Anklage erreichen*3. Krause hofft, mich in ca. 14 Tagen aus der Haft holen zu können, denn es gibt auch schlechte Nachrichten: Das Hauptverfahren selbst wird erst frühestens Ende März / Anfang April beginnen können, das kann auch Mai oder später bedeuten. Jedenfalls schreibe ich diese Dinge später gleich dem anderen Anwalt und bitte ihn, erst einmal noch abzuwarten, ob und was Krause erreicht. Zurück vom Anwalt, der zwar Büromaterial mitgebracht, diverse, benötigte Kopien aber vergessen hat, geht es gleich zum Frisör, Haare abschneiden. Danach kommt noch etwas Post und der Einkauf, den ich hier jeden Freitag für ca. 100,-DM machen kann [Anm. Ach so … ]. Also endlich wieder Saft, Instant-Kaffee, Seife, Schokolade u.s.w. Ich sortiere die Einkäufe in den Schrank und setze mich hin, um das liegengebliebene Material in Klarsichthüllen und Ordner zu sortieren. Zum Abendessen gibt es eine Dose Fisch.Da Arnulf Oliven, und ich Schafskäse und türkische Salami gekauft habe, ergänzen wir dieses zum Abendbrot und es wird geradezu kulinarisch gut. Abends sehe ich noch fern und als wir zu Bett gehen unterhalten Arnulf und ich uns noch bis 4.00 Uhr morgens über alte gemeinsame Erlebnisse und Bekannte.

*1 Frau Scharnick blieb U-Haft-Richterin. Sie war es, die OHNE notwendige Ermittlungen oder Antrag der anklagenden Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen mich erließ – letztlich nur, um mich „aus dem Verkehr zu ziehen“.
*2 Der Richter wurde Richter Brüning. Der Richter, der in meinem Verfahren Gerüchten zu Folge einen persönlichen Konflikt [sein Sohn soll Neo-Nazi sein!] ausfocht, war derselbe Richter, der bei Erich Honecker, den er frei ließ, Gnade vor recht ergehen ließ. Dem entgegen verurteilte er mich später – in der Urteilsbegründung mit überschlagender Stimme ausrufend [Zitat wörtlich!] „Der Angeklagte ist schlimmer als die Mörder von Solingen und Mölln!“ zu sechs Monaten mehr, als die Staatsanwaltschaft überhaupt gefordert hatte!!!
*3 Eine Neu-Formulierung schien aus prozessualer Sicht nunmehr geboten, da auch diverse neue Kammer-Gerichtsbescheide die Gesamtlage neu bewerteten. Allein – sie erfolgte nicht.

Mittwoch, 18. Januar 1995 – Heute, 1871, gründete Otto von Bismarck im Spiegelsaal von Versailles das II. Deutsche Reich  Ich beginne heute, das vorletzte gelbe Blatt*1. Diese Form des Tagebuchs findet damit wohl ihr Ende. Ich werde um 6.30 Uhr aus dem Bett gerissen. Ich habe furchtbar geträumt, alles durcheinander, eine wirre Mischung aus allem,Schillerschule*2, Elternhaus, Gefängnis usw., immer auf der Suche nach Silke, immer verpasste ich sie. Das Träumen hat die Struktur eines Alptraums, der aus lauter Wahrheiten zusammengesetzt ist, ich kann mich bis zum Abend genau an alles erinnern: „Als ich Silke finde, sie trägt eine braune Lederjacke und eine beige Hose, telefoniert sie mit Gaith*3 und amüsiert sich köstlich. Zuerst reagiert sie gar nicht auf mein Erscheinen. Erst nach einer Weile legt sie auf und setzt sich neben mich. …“ Doch da endet der Traum.
Wach – hoch – Büchertausch – Anträge und Post abgeben, dann Frühstück, also Brot. Anschließend lege ich mich wieder hin und versuche erfolglos, weiter zu träumen. Gegen 9.00 Uhr stehe ich auf und muss ins Hausbüro wegen Sondereinkauf*4. Alles geht in Ordnung. Dann geht es weiter in die Krankenabteilung, um beim Arzt wegen meiner Salbe nachzuhaken. Aber – außer der Info, ich hätte in der kommenden Woche einen Termin beim Hautarzt haben werde, gibt es jedoch nichts. Ich gehe wieder hoch, frühstücke – Arnulf geht zu einer Selbsthilfegruppe.*5 Ich erhalte die Info, dass die Sachen von Mutti noch immer verschwunden sind. Dann werde ich zum Anwalt gerufen. Aber es ist nicht Krause, sondern ein anderer Anwalt, den ich auf die aussetzung des Haftbefehls ansetzen will. Sein Name: Dr. Stübing. Mal sehen, ob das was wird. Im Gegensatz zu Krause ist er mir sympathisch. Wir unterhalten uns fast zwei Stunden. Danach kommen Arnulf und ich fast zeitgleich in die Zelle zurück. Zu mittag gibt es Kartoffel-Kürbis-Gratin mit Fisch. Wir essen, dann geht Arnulf zurück zur Selbsthilfegruppe. Ich warte vergeblich auf Krause, stattdessen kommt Post. Unter anderem ist „Der Fürst“ von Machiavelli dabei – ich freue mich, denn mit diesem Philosophen wollte ich mich schon lange befassen. So lese ich bis Arnulf kommt. Dann koche ich einen Tee und setze mich an die heutige Schreibarbeit. Zwischendurch kommt Abendessen: Brot, Apfelsinen (angefault) und Blutwurst. Aber erst schreibe ich bis 19.00 Uhr weiter. Dann esse ich zu Abend. Wieder ein wenig fernsehen, mit Arnulf quatschen – wir verstehen uns sehr gut. Wir sind in manchen Dingen total verschieden, in anderen wieder unglaublich ähnlich. Wieder keine Post von Silke, obwohl sie Freitag, 13.01. schreiben wollte. Was ist nur los? Abends arbeite ich mich noch etwas an den Beweisanträgen und Verteidigerpost. Hoffentlich kommt Krause morgen.
Ich habe heute das erste Mal eingesehen, dass ich noch viel mehr als alles von Silke will. [Anm. gekürzte und geänderte Formulierung] Wir hegen gemeinsam den Wunsch nach einem Kind.
*1 Die – im US Format DinC4 – Blöcke hatte ich mir noch aus Kanada mitgebracht. Eine Woche vor Beginn des Münchner Prozesses war ich ja erst noch zur Prozessvorbereitung des Münchner Verfahrens in Toronto und anschließend zum Kraft tanken auf Key West, Florida gewesen.
*2 Schiller-Gymnasium war meine erste Oberschule in Hannover. Später wechselte ich auf das Bismarck-Gymnasium.
*3 Gaith, Manfred – ehemalig Stammkameradschaft München, ANS von Kühnen, dann NB – Nationaler Block, weiter in Treue zu Kühnen. Durch die gemeinsame Organisation der Rudolf Hess Gedenk-Märsche hatten wir zusammen zu tun.
*4 Da ich den Einkauf verpasst habe, wird mir auf Antrag gestattet, von Eigenmitteln einzukaufen. In Moabit sind es meiner Erinnerung nach ca. 147,-DM per 14 Tage.
*5 Auch die Untersuchungshaftanstalt bietet zur „Erleichterung“ der Haft diverse, aber sehr begrenzte Freizeit-Angebote an. So gibt es etwa von der Berliner Ziegner-Stiftung eine „Spiele-Gruppe“. Eigentlich nur dazu da, um ein paar Stunden aus der Zelle zu kommen und in kleinem Kreis mit anderen Gefangenen und Sozialarbeitern ein wenig Ablenkung zu finden.

Dienstag, 17. Januar 1995 – Ich habe vergessen, dazuzuschreiben, dass am 14. der 30. Geburtstag meiner Schwester war. Wie immer um 5.45 Uhr Licht, um 6.00 Uhr Müll, Handtücher-Tausch*1, Briefe und Anträge abgeben. Ich stehe erst gegen 9.00 Uhr auf, dann nehme ich etwas Brot und Kaffee zu mir. Da kommt eine Beamtin zu mir wegen des Antrages auf Herausgabe der Fotos. 20 von ihnen bekomme ich auf der Kammer*2. Wieder oben, geht es gleich weiter. Mutti (meine richtige Mutter, die in Berlin lebt) ist zu Besuch gekommen. Wir sitzen uns 30 Minuten (mit Berührungsverbot*3) gegenüber*4. Ich bin sehr aufgeregt, habe ich sie doch fast zwei Jahre nicht gesehen. Sie meint, Krause käme heute auch noch – er kommt dann jedoch nicht.Als der Besuch vorbei ist, muss ich erst noch warten, da die Wäsche, die meine Mutter für mich mitgebracht hat, verschwunden ist. Dafür ist mein Kontoauszug gekommen, das Geld ist also da. Zum Essen gibt es Bratwurst, Kartoffeln und Blumenkohl. Wieder kommen fünf Briefe – wieder keiner von Silke dabei. Scheiße. Den Nachmittag bis 18.00 Uhr verschlafe ich. Abends gibt es Brötchen mit Fleischsalat und einen Liter Milch. Dann schreibe ich weiter Briefe und Anträge [Anm. für das Verfahren]. Ich bin zwar etwas abgelenkt von Silke, aber sehr traurig, denn ich habe von meinen Eltern die Nachricht vom Tode von Moritz [Drops vom Goldrain], unserem Rauhaardackel erhalten. Er wurde 16 Jahre und 9 Tage alt und starb am 27. Dezember; ein sehr langes Hundeleben. Er liegt nun in unserem Garten begraben.
Auch Arnulf ist heute sehr schweigsam. Er ist sehr niedergeschlagen; wieder keine Post. Sonst kommt auch für ihn immer recht viel. So bleibt es ein relativ ruhiger Abend. Hier enden meine Nachträge. Sie sind flüchtiger als sonst ausgefallen. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob Silke den letzten Teil der Tagebücher bis zum 27. Dezember erhielt. Ob sie Weihnachten um mich weinte? Ob sie Silvester überhaupt noch an mich dachte? Und wenn – warum mache ich ihr deshalb Vorwürfe? Es ist eben das Mädchen meines Lebens – die oder keine – das fühle ich, dass weiß ich. Deswegen die Schmerzen in meiner Seele, meinem Magen, meinem Herz. Silke…

*1 Siehe Abbildung Tagebucheintrag 13. Januar 1995
*2 Erst hieß es 10 Fotos sind auf dem Haftraum erlaubt. Nun bekomme ich zwanzig Bilder – mein Mitgefangener hat fast 150 Bilder in seinem Zellen-Bestand. Jaja…
*3 Das für meinen gesamten Besuch, auch Silke, in Berlin ausgesprochene Berührungsverbot musste ich erst per Klage aufheben lassen. Im Verlauf der U-Haft und folgenden Strafhaft sollten unendliche weitere Klagen alleine wegen der schweren Verletzungen meiner Rechte im Gefängnis folgen. Post in ausländischer Sprache bekam ich nicht, Post war zu viel, Porto wurde nicht ausgehändigt und so weiter.
*4 Erst einige Monate später durfte ich im normalen Haftraum (großer Besuchsraum mit etwa 20 Parteien und deren Angehörigen) meinen Besuch treffen und umarmen. Nun saß ich erst einmal in einem 4qm großen Raum, der in der Mitte per Tisch und hochstehendem Brett geteilt war.

Montag, 16. Januar 1995 – Um 6.00 Uhr werde ich wach. Das Licht brennt schon. Schnell den Müll ausleeren, die Post einwerfen, Anträge abgeben. Etwas später gibt es Brot und Margarine. Nach dem Frühstück lese ich einige Unterlagen. Um 9.45 Uhr geht es zum Duschen*1. Endlich – das erste Mal seit 11 Tagen. Ich dusche lange und gründlich. Danach erst einmal Kaffee trinken.
Zu Mittag gibt es Linseneintopf (lecker) mit Wienerl (eklig). Aber ich bekomme nichts herunter, weil ich schon wieder an Silke denke, ihr schreibe und die Depressionen immer schlimmer werden.Dass ich mich gar nicht konzentrieren kann, zeigt die Tatsache, dass ich z.B. nicht einmal ordentlich Tagebuch schreiben kann. Alles andere habe ich übersehen oder schon in Briefen geschrieben. Zum Beispiel habe ich vergessen, zu notieren, dass in der vorherigen Zelle so viele Porno-Mädchen an der Wand hingen, dass ich es nicht fertig brachte, Silkes Bild aufzuhängen. Auch notierte ich nicht,. Dass der evangelische Pfarrer bei Silke angerufen hatte. Ich bekam die schlechte Info, dass sie wegen der Schule nicht wisse, wann sie käme. Das zog mich noch mehr herunter. Mittags gab es wieder ca. 10 Briefe, an deren Beantwortung ich mich gleich mache. Zum Abendessen dann gibt es guten Käse und Brot. Wiederum verbringe ich den Abend mit Schreiben, Herumliegen, Nachdenken, Fernsehen – ich will hier raus.

*1 Duschen findet pro Woche abteilungsweise statt. Man geht gemeinsam in den Keller, wo die Wasserzufuhr sehr an die etwa von den Duschräumen (sic‘!) in Majdanek erinnern.

Sonntag, 15. Januar 1995 – Erst um 6.00 Uhr geht heute das Licht an,frisches Brot gibt es um 6.30 Uhr, dann lege ich mich wieder hin und verschlafe den Hofgang. Erst gegen 10.00 Uhr frühstücken Arnulf und ich gemeinsam. Zum Mittagessen gibt es Nudeln mit Hacksoße und Rotkohl. Und zwei Jogurt. Der Sonntag vergeht durch eine Mischung aus unterhalten, fernsehen, Briefe beantworten (ich erledige alle 40 Briefe) und Anträge schreiben. Nachmittags lege ich mich ein wenig hin. Arnulf macht als Überraschung einen belegten Tortenboden mit Pflaumen. Wir essen die Torte komplett auf. Abends gibt es nur zwei traurige Scheiben Jagdwurst und Brot. Ich trinke meine letzte Dose Cola aus München und schaue lange fern.Ich bin psychisch total fertig, denke die ganze Zeit an Silke (…) und warum sie mir nicht schreibt…

Samstag, 14. Januar 1995 -5.45 Uhr Licht geht an. 6.30 Uhr, Brot zum Frühstück, heißes Wasser und es gibt neue Marmelade (letztes Mal Kirsche, heute Pflaumenmus). Ich bleibe auf, frühstücke und beginne, die beiden Aktenordner, die Krause mitgebracht hatte, durchzuarbeiten. Anschließend beginne ich, die Post zu beantworten und notwendige Anträge zu schreiben. Gegen 10.00 Uhr – der Hofgang, an dem ich nicht teilgenommen habe (er ist hier auf dieser Abteilung immer von 8.45 – 9.45 Uhr) – steht Arnulf auf. Also zweites, kleines Frühstück. Dann vergeht der ganze Samstag mit Unterhaltungen und dem Abarbeiten der Post. Ich bin die ganze Zeit sehr depressiv. Arnulf hat solche Mengen von Fotos und Briefen seiner Freundin, dass sie allgegenwärtig ist, so dass ich fast eifersüchtig werden könnte. Das Schreiben an Silke fällt mir deshalb auch besonders schwer, ich will am liebsten mit ihr streiten.
Den ganzen Nachmittag scheint die Sonne in die Zelle. Mittags gibt es (süßes) Sauerkraut mit Blutwurst und Kartoffeln. Ich bekomme kaum einen Bissen herunter. Abends eine Dose Fisch in Tomatensoße – billigste Qualität – die Soße ist rotes Wasser. Abends legt sich Arnulf sehr früh hin, ich dagegen sehe bis 1.00 Uhr fern*1. Als ich mich hinlege, steht er wieder auf und schaut bis 3.00 Uhr weiter Fernsehen. Ich denke nur an Silke und bin völlig unten.

*1 Während der Untersuchungshaft dürfen (1995) Inhaftierte in den meisten Bundesländern einen Fernseher auf der Zelle haben. Erst nach einer Verurteilung wird dieser dann eingezogen, und – etwa in Bayern – dann im Laufe der Strafhaft, nach einem Jahr, wieder – bei guter Führung – als Erleichterung an den Gefangenen ausgehändigt.

Freitag, 13. Januar 1995 – Um 5.30 Uhr geht Licht und Radio in der Zelle an – kurz danach wird die Zelle zur „Lebend-Kontrolle“ geöffnet. Um 6.00 Uhr Müll, Anträge, Post raus, um 6.30 Uhr frisches Weißbrot, Kaffee, der nach Tinte schmeckt, sowie heißes Wasser. Gegen 7.30 Uhr kommt ein Wärter*1 und teilt mir mit, ich könne heute Mittag bereits umziehen. Na, das ging ja schnell! Erst einmal ist Hofgang. Eine ganze stunde, zum ersten Mal seit Langem. Das Gebäude sieht von innen aus wie Magdeburg aber es ist wie ein Stern mit fünf Zacken gebaut. A-B-C-D-E-Flügel, vier Etagen und ein Keller, ich bin im dritten Stock. Auf jeder Seite [Anm. eines Ganges im Flügel einer Etage] gibt es ca. 20 Zellen, also 60 – 80 Gefangene pro Abteilung [Anm. schätze ich]. Zwischen den Gebäudeflügeln sind kleine, gepflegte Höfe. Die Weg-Strecke um die je in der Mitte liegende Grünfläche beträgt etwa 100 Meter. Es gibt viele Zäune und Mauern, überall, die

JVA_Moabit
JVA Moabit von oben

ich auf der Zeichnung weglasse. Nach dem Hofgang wechsle ich vom D- auf den C-Flügel, wo mich Arnulf W. Priem herzlich empfängt. (Wir beschließen, die Tatsache, dass wir nun zusammen auf einer Zelle [Anm. siehe nächstes Bild] liegen, nach außen hin geheim zu halten …) Da es Mittagessen, Porree-Eintopf – ganz o.k. – gibt,gehe ich erst danach*2 wieder herunter in die Kammer, wo ich meine gesamten Sachen wiederbekomme. Nur meine Fotos wollen sie mir nicht geben. Angeblich darf man nur 10 Stück auf dem Haftraum haben. Auch Rasierschaum ist verboten. Na prima! Alles andere bekomme ich.

JVA_Moabit_Begegnungszelle
Begegnungs-Zelle JVA Moabit

Alle, die auf der Kammer arbeiten, wissen, wer ich bin. Einer [Anm. der Beamten] sagt: „Althans ist der anständigste Gefangene, den Moabit hat.“ Das ganze Klima hier ist um einiges freundlicher als in München, auch wenn der Knast um einiges dreckiger ist. Als ich alle meine Sachen auf der Zelle habe, bekomme ich über 40 Briefe ausgehändigt. Da werde ich ja am Wochenende viel zu tun haben. Arnulf hat eine Menge Lebensmittel, Süßwaren etc. auf seiner Zelle, sogar einen Fernseher und einen Kassetten-Recorder. Jede Woche erhält er mindestens zehn Briefe von seiner Freundin. Bei all‘ meiner Post ist nicht einmal eine Karte von Silke dabei – nichts. Ich beginne wieder, gefühlsmäßig total abzustürzen. Auch Arnulf ist relativ deprimiert. Natürlich verbringen wir den ersten Abend viel redend bis 2.00 Uhr Morgens. Aber auch fernsehen muss ich mal wieder. Ich richte mich in der Zelle ein. Es gibt auch eine Schreibmaschine, einen Tauchsieder, Filterkaffee und das Licht kann man selber an und aus machen. Wenn ein Schließer, fast immer eine Frau (und sehr freundlich) etwas will, klopft sie vorher sogar an die Tür. Als ich Abends endlich schlafen gehe, erwische ich mich dabei, wie ich dem großen Bild von Silke, dass gleich neben meinem Bett hängt, einen intimen Kuss zu geben. [(…) Gedanken über Silke] Noch lange kann ich nicht einschlafen. Na – wenigstens sind vor dem Fenster nur noch zwei [Anm. Reihen/Arten] Gitter, im ersten Stock waren es noch vier.

*1 besagter „Kamerad Über“; siehe Eintrag von gestern
*2 „gehe ich“ bedeutet immer, man wird aufgeschlossen und von einem Schließer gebracht! Alleine geht man nirgends wohin. Die Ausdrucksform wählt man instinktiv zur inneren Wahrung der Selbstwürde.

Donnerstag, 12. Januar 1995 – 6.30 Uhr, Licht an, Frühstück: je vier Scheiben Weißbrot, dazu 40g Diät-Margarine und 10g Marmelade. Dann Bettwäsche abgeben und wieder bis 10.00 Uhr warten. Erst dann geht es wieder zur Aufnahme. Aber erst nach 30 Minuten kommt der Erste zur Durchleuchtung. Ich bin der fünfte. „Durchleuchten“ bedeutet: völlig nackt ausziehen, Körpergröße messen, angeblich 194cm (sind aber 196cm), in den Arsch gucken lassen, ob man was schmuggelt, Untersuchung auf Narben, Tattoos etc.. Es sind vier Beamte anwesend. Dann [Anm. wieder anziehen und] unterschreiben von diversen Formularen, u.a. wegen Arbeit, wegen Geld. Dann wieder zurück in die Wartezelle, nach weiteren 15 Minuten zum Aufnahme-Arzt.Dort wieder 30 Minuten warten, der Aufnahme-Arzt stellt nur Fragen über Krankheiten, Medikamente usw. Im Anschluss erneut warten, dann zur Ärztin, wiegen (ich wiege wieder 88kg, habe also wieder 6kg zugelegt), Blutdruck etc.. Ich weigere mich erneut, Blutprobe, Kotprobe und Röntgenaufnahmen abzugeben.Außerdem lasse ich schriftlich vermerken, dass die Selbstmordabsicht unwahr ist. Erst nachdem ich meine Weigerung schriftlich ausgesprochen habe, eröffnet mir die Ärztin, dass ich deswegen nun weder arbeiten noch an Sportgruppen mitmachen dürfe. Nun ja – ist mir egal. Anschließend erklärt mir die Ärztin:
„Sie müssen wissen, dass Sie, wenn Sie sich nicht untersuchen lassen, für den Fall, dass Sie an Tuberkulose oder ähnlichem erkranken, hier nicht versichert sind. Und – da wir ein Massenquartier sind und hier viele infizierte Ausländer sind – ist eine Infektionsgefahr hier sehr hoch.“
(Na prima, nicht wahr? Ich werde also sehr aufpassen.) Die JVA Moabit ist ohnehin ziemlich dreckig. Als nächstes geht es in den Keller in die Kammer, wo ich nun endlich alle meine Sachen wiederbekommen soll. Als ich als Dritter drankomme, Ronny war der Erste, sagt mir einer, dass das bei den vielen Sachen wohl zwei Stunden dauern wird. Aber da kommt die Nachricht, dass mein Anwalt [Anm. Axel Krause] da ist. Also nehme ich nur meinen Berliner Ordner unter den Arm und will hoch gehen. Da nimmt mich jemand beiseite und flüstert mir zu*1, Arnulf W. Priem*2 habe gehört,dass ich heute hier einträfe.Er sei auf Zelle C328*3. Diese sei eine Begegnungszelle, durch einen Durchgang mit der derzeitig leerstehenden Zelle C329 verbunden. Ich solle morgen früh gleich meine Verlegung beantragen. Er – Priem – würde das gleiche tun.*4.
Zum letzten Mal sehe ich Ronny nochmal durch eine Glastür, rufe ihm zu, dass wir uns wohl – wenn – erst draußen wiedersehen werden*5, da ich nun auf eine andere Zelle kommen werde. Ich gehe nach oben in den Bereich, wo die Sprechzimmer für die Anwälte sind. Dort treffe ich endlich auf Herrn Krause. Ich weiß noch nicht so recht, was ich von ihm halten soll. Er zweifelt an einem guten Ausgang des Verfahrens und hat auch ansonsten einige Ansichten, die mir nicht passen. Ich halte ihm ca. eine Stunde lang ein Referat „Wer ich bin – was ich will“. Um 14.30 Uhr geht er – will Montag oder Dienstag wieder kommen. Er lässt mir zwei Ordner Akten (fünf Teilakten) da, die ich wegen des Kopierwunsches durcharbeiten soll. Ich weiß noch nicht so recht?! Es geht zurück in die Kammer, wo ich jedoch nur mein Handgepäck vom Transport zurück bekomme und die Sachen, die ich von der Anstalt erhalte, wie Bettzeug (blau/weiß kariert – immer!) Geschirr (zum ersten Mal richtiges Geschirr und Besteck), Handtücher etc. Anschließend geht es auf die Zelle, wo ich auf Thomas treffe, der wegen Bandenbildung, Urkundenfälschung und Betrug hier ist. Er ist Mitte dreißig, wirkt sehr depressiv, ruhig, nett und anscheinend auch sehr ordentlich.
(Die folgenden Einträge schreibe ich erst am Montag, 16. Januar auf. Am 14. hatte meine Schwester, die in Berlin lebt, 30. Geburtstag. Da ich ihre Adresse nicht dabei habe, konnte ich ihr aus Berlin nicht einmal schreiben.) Wir – Thomas und ich – unterhalten uns über die Gegebenheiten in Berlin und noch am Abend schreibe ich eine ganze Reihe neuer Anträge. Diese – wie auch die Post – werde ich künftig in einem Ein- und Ausgangsheft notieren. Ich beziehe das obere Bett [Anm. der neuen Doppelzelle mit Etagenbett]. Zum ersten Mal gibt es wieder (löslichen) Kaffee und etwas Süßes. Dann kommt Abendbrot. Für jeden eine dicke Scheibe Käse und gutes Brot. Pro Woche gibt es hier nur 1x Marmelade*6 und 1x Margarine*7. Wir unterhalten uns noch lange. Gegen 23.00 Uhr, nachdem ich noch etwas Tagebuch geschrieben habe, gehe ich schlafen.

*1 In Wahrheit nahm mich der ältere Beamte aus der höheren Führungsschicht nicht beiseite, sondern zog sich kurz gemeinsam mit mir in einen Einzelraum zurück. Dort schüttelte er mir erst einmal herzlich die Hand, dann salutierte er mit „deutschem Gruß“ und sagte: „Heil Hitler – ich bin Mitglied Nr. xxx der NSDAP/AO. Hier nennt man mich „Kamerad Über“ – das steht für „Überbringer“. Wenn Du etwas brauchst, von hier oder draußen, kannst Du mir Bescheid geben.“ Ich reagierte sehr zurückhaltend, da ich einerseits mit der AO nichts zu tun haben wollte, andererseits auch die Gefahr einer Falle [VS] vermutete. Doch das Angebot der Zusammenlegung nahm ich an – und der Beamte hatte genug Macht, um die Anträge anstaltsintern durchzusetzen.
*2 Arnulf Priem ist eine schillernde Führungsfigur der Berliner Neo-Nationalsozialistischen Szene. Ich kannte ihn flüchtig von vielen gemeinsamen bundesweiten Veranstaltungen. Der aus dem Rockermilieu [Vandalen] stammende Priem, mit seinem langen Haar und Stirnbinde mit Totenkopf, war mir immer ein sympathischer „Raufbold“ – wenn auch nicht von meinem Schlage.
*3 Das Kerngebäude der JVA Moabit in ein klassischer Sternbau mit fünf Flügeln [gute Fotos hier: http://bigbandmethod.com/wp-content/uploads/jva1.jpg – für den Blog, des zum Bild gehörenden enthaltenen Text, den ich nicht gelesen habe, übernehme ich weder Wertung noch Verantwortung] – jeder Flügel hat einen Buchstaben A-B-C-D-E, jede Etage eine Nummer: E=0 – 1 – 2 – 3 – 4.
*4 Solche Bitten kann man generell aussprechen – ein Anspruch darauf besteht natürlich nicht.
*5 Freundschaften und Versprechen im Gefängnis entstehen unter dem Eindruck der psychischen Belastungen, der intimen Nähe und dem unterbewussten Versuch, „Normalität“ zu wahren. Ich habe tatsächlich nur zwei Menschen, die ich in der Haft traf, je wiedergesehen – auch diese Kontakte aber sind mittlerweile verloren gegangen.
*6 Es gab die kleinen Zentis-Markenprodukte. Immer wechselnde Sorten.
*7 Auf Margarine habe ich in der Haft komplett verzichtet und es bis heute beibehalten, weder Margarine noch Butter auf Brot zu streichen.

Mittwoch, 11. Januar 1995 – Warum, weiß ich nicht, aber um 5.00 Uhr kommt der Pfarrer in unsere Zelle, schaut sich um – für Sekunden geht das Licht an, dann ist der Spuk vorbei. Was das sollte, weiß ich nicht. Um 6.00 Uhr gibt es Graubrot, Himbeermarmelade (gut) und Pfefferminztee zum Frühstück. Um 6.30 Uhr müssen wir die Bettwäsche abgeben. Danach lege ich mich angezogen nochmals für drei Stunden hin.Der 17jährige erhält seinen Haftbefehl und entpuppt sich als weiterer, sehr trauriger Fall: Er hat mit einem Anderen zusammen mit einem Baseballschläger auf einem Spielplatz eine Gruppe Kinder überfallen, um einem 13jährigen die Lederjacke zu klauen. Das fasse ich mal wieder nicht. Das haben „die“*1 von ihrem Konsumterror. Widerlich. Und der Junge wird dafür zwei Jahre im Knast verschwinden. Helfen wird das auch nicht… Eine Tracht Prügel wäre besser gewesen. Nun ja – trauriges Deutschland. Also, 9.30 Uhr geht es los. Es hat über Nacht geschneit. Da wird die fahrt wohl wieder dauern. Die Beamten in Brandenburg waren nett – das JVA-Gebäude stammt aus dem III. Reich. Das „Lustige“ aber ist: Erich Honecker hat hier auch schon gesessen. Die drei Jugendlichen werden von uns getrennt, „Kai aus der Kiste“, Ronny und ich gehen zum Bus.Da taucht hinter uns der Opa wieder auf, mit dem wir in Magdeburg zusammen lagen und der damals im Schubbus nach Gera gekotzt hatte. Wir hattten noch gescherzt, er käme zu uns in die 4er-Zelle. Er geht uns allen längst mit seiner Bettelei auf die nerven. Wir drängeln uns schnell vor, rennen durch den Bus und blockieren den vierten Sitz mit unserem Gepäck, knallen dann von innen die Zellentür derart fest selber zu, dass das Schloss ins Loch fällt. Dabei sind wir total am Lachen. Im Moment fühle ich mich ein wenig wie auf „Klassenreise“ mit einem sehr billigen Reiseunternehmer. Ein Beamter schaut zwar noch einmal bei uns herein, hat aber angesichts des Erscheinungsbildes des alten Zigeuners Verständnis für unser Verhalten. Los geht es. Wir fahren – nach einer halben Stunde ist die Landschaft wie verändert – die Sonne scheint. Es sieht – da kein Schnee mehr liegt – aus, wie ein wunderschöner Herbsttag. Auf der fahrt nach Potsdam, wo es zunächst hin geht, erzählt uns „Kai aus der Kiste“, wo er welche Straftaten geplant oder durchgeführt hat, welche Fluchtwege er kennt, usw. Lauter Verrückte! Der Kerl hat 2 ½ Jahre wegen Raub hinter sich, kommt raus, macht einen Raubüberfall,fliegt nach Gran Canaria, macht 4 Wochen Urlaub, kommt zurück und wird nun 3-5 Jahre sitzen.Schade – er ist ein netter und [Anm. eigentlich] intelligenter junger Mensch. Nach 1 ½ Stunden kommen wir in Potsdam an.Dort geht es in eine Wartezelle. Nach erneuter über eine stunde Warterei dann in den Berliner Bus. Eine knappe Stunde später erreichen wir dann endlich Berlin. Nur noch Ronny und ich sind bei einander, „Kai aus der Kiste“ geht nach Plötzensee. MOABIT: Wir kommen zuerst erneut in eine Wartezelle, Moabit, Haus 1.
. Erst nach zwei stunden geht es weiter. Wir sind nun 16 Mann, werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Nach Fragen dürfen Ronny und ich in derselben Gruppe bleiben. Da es inzwischen etwa 13.00 Uhr ist, gibt es erst einmal Mittagessen. Fisch mit Kartoffeln, dazu eine kalte Curry-Remouladensoße mit Obst, schmeckt gut. Nach dem Essen dann in einen Raum zum Fotografieren und dann in die Aufnahme.
Dort muss man erst einmal alles abgeben. Nur die Uhr und mein Zeug für die Kontaktlinsen darf ich behalten. In der Aufnahme arbeitet eine Frau*2, die mir sagt, dass ich mit Ronny zusammen auf eine Zelle komme. Gut – nicht alleine – und nicht mit einem der Unangenehmen anderen zusammen. Als ich in die Zelle komme, große Freude – und ein Radio (mit EINEM Programm) in der Wand.Zum Abendessen gutes Weißbrot und richtiges Vollkornbrot, dazu Eier- und Paprikasalat*3. Der Hausarbeiter bringt uns sogar noch eine ganze Kanne Tee, obwohl es eigentlich nur je eine Tasse Kaffee (der Ekelhafteste von allen bisher) gibt. Wir futtern und spielen dann noch bis 21.00 Uhr mit den Ekelkarten. Ronny bringt mir 17+4 bei. Da er keine Papers [Anm. zum Rauchen] mehr hat, reißt er ein paar Seiten aus einem Buch, dreht sich Tüten, de wie Riesenjoints aussehen und stopft diese mit Tabak. Abends erzählt er mir viel von sich: Er arbeitet im Allgäu als Maurer. Wenn wir wieder frei sind, will er mich besuchen kommen. Am 23. Januar kommt er wohl frei kommen. Er ist wegen Körperverletzung angeklagt – so wie er es schildert, es klingt glaubwürdig, scheint er unschuldig. Er ist 27 Jahre alt und hat zwei Söhne (3+1). Das Licht wird um 23.00 Uhr gelöscht, Radio*4 habe ich schon eine halbe Stunde vorher aus gemacht.

*1 Mit „die“ meine ich das „Establishment“.
*2 In der Untersuchungs-Haftanstalt Berlin-Moabit arbeiten sehr viele weibliche Schließerinnen, was sich sehr positiv auf die Atmosphäre und den Umgang aller untereinander auswirkt. Die Frauen sind resolut aber sehr freundlich.
*3 Guter echten PFENNING-Salat.
*4 Das Radio gehört in Moabit zur Zellenausstattung. Es gibt EINEN Sender – über dasselbe, in der Wand eingelassene Gerät werden Durchsagen allgemeiner Art gemacht. Um 23.00 oder 24.00 Uhr wird das Radio bis 6.00 Uhr morgens von außen abgeschaltet.

Dienstag, 10. Januar 1995 – Transport! Heute geht es von Magdeburg weiter nach Brandenburg. Um 6.00 Uhr Morgens legt man Graubrot und Harzer Roller Käse in die Zelle als Frühstück, um 7.00 Uhr kommt ein anderer Wecken.Um 7.10 Uhr kommt er zurück und brüllt aus Leibeskräften herum: „Raus, der Bus fährt…“ usw.
Ich sage: „Das war ja wohl das letzte Mal, dass Sie mich hier anbrüllen, oder?“
Er fragt: „Was wollen Sie?“
„Ohne mich“, sage ich darauf, „fährt der Bus eh nicht ab. Im Übrigen bin ich U-Häftling, Sie haben mich nicht anzuschreien, sonst gibt es sofort eine Dienstaufsichtsbeschwerde!“
Der Typ verzieht sich. Als wir dann zum Check-Out gehen, fällt Andy aus Versehen sein Geschirr auf die Füße des zuvor Schreienden. Dann werden wir durchsucht und gehen vorerst mit ca. 30 Personen weiter in eine Wartezelle, dann in den Bus. „Kai aus der Kiste“, wie Ronny inzwischen bei uns heißt, Andy und ich kommen in eine 4er-Zelle. Den Alten werden wir geschickt los. Die fahrt nach Brandenburg dauert nur gut 1 ½ Stunden, kurz nach 9.00 Uhr sind wir bereits dort. Wir werden zuerst von Andy getrennt, der hier bleiben wird. In einer erneuten Sechs-Mann-Zelle ist nur noch Ronny von den „alten Zellengenossen“ mit dabei. Da wir mit 8 Personen auf der Zelle sind, sollen zwei Personen später den Raum wechseln. Also gehen Ronny und ich um 11.00 Uhr in eine andere Zelle. Erst sind wir alleine – dann geht die Tür auf und „Kai aus der Kiste“ kommt herein. Hinzu kommt der Typ, der mir gestern die Story von den 12.000 € erzählt hatte. Er heißt Rainer und ist in Begleitung eines Zweiten, Sebastian.Beide haben das Geld zusammen in ihrem Heim geklaut. Dann waren sie in Nürnberg im Puff (4.000,- €) und sind weiter nach Freiburg. Dort wurden sie Mitte Dezember festgenommen. Jetzt sind sie auf dem Transport nach Luckau bei Cottbus. Beide sind erst 18 Jahre alt.Zu Mittag gibt es Salzkartoffeln (im wahrsten Sinne des Wortes) mit Spinat (braun, nicht grün) und zwei gekochte Eier. Mann wird satt.Nach dem Mittagessen wird André, ein kleiner „Steppke“ mit in die Zelle geschoben.Er sieht aus wie 14, ist aber 17, sitzt wegen Raub. Er ist ein typischer „Brandenburger Rechtsradikaler“. Später erzählt er, dass auch er ein Heimkind ist und bereits zum zweiten Mal im Knast ist.Wir legen uns hin bis zum Abendessen. Es gibt zwei verschiedene Scheiben Wurst, eine mit Knoblauch. Auch das Brot schmeckt richtig gut,dazu drei Kannen Pfefferminztee. Wir essen, unterhalten uns, ich schreibe Tagebuch von gestern und heute. Es wird 22.00 Uhrabends, als wir zu Bett gehen.
In der Vollzugsordnung steht: „Der Gefangene hat ein ständiges Hunger- und Kältegefühl zu verspüren…“ [jaja]*1
(Der kleine André sieht beim Schlafen wie Alain*2 aus. Komisch – und „Kai aus der Kiste“ ist die dicke, kleine Doppelgänger-Version von Christian Worch*3, André hat original den gleichen Dialekt und dieselbe Stimmlage wie Frank Hübner*4.)

*1 Das Zitat wird ohne Gewähr kolportiert.
*2 Alain Colmena, damals Amsterdam, war weg-begleitender Freund meiner Selbstfindung. Der Franzose, der fließend Deutsch spricht, konfrontierte mich während meines Coming-Outs mit S/M, eigener Positionen des „Aktiv/Passiv“. Vor allem aber prägten mich seine philosophischen Hinweise. Durch ihn entdeckte und las ich das Gesamtwerk Michel Foucaults, Schriften von George Bataille u.a.
*3 Worch, Hamburg, wesentliche Führungsfigur des Neo-Nationalsozialismus der BRD. Ehemalig engster Vertrauter von Michael Kühnen. Initiator der Rudolf-Hess-Gedenkmärsche, heute Parteigründer „DIE RECHTE“.
*4 Frank Hübner, Cottbus – Gründer der inzwischen verbotenen „Deutschen Alternative – DA“.

Montag, 9. Januar 1995 – Noch immer in Magdeburg auf „Schub“: Wieder schleicht morgens jemand in die Zelle, um Frühstück auf den Tisch zu legen – Weißbrot, die eklige Mettwurst, heute auch den widerlichen Knastkaffee und Panzerfett [Anm. Margarine] Wir stehen aber erst gegen 11.00 Uhr auf; der [Anm. eigene Instant-]Kaffe ist alle, also den anderen probieren. Zum Mittag gibt es die gleiche Suppe mit Huhn wie vor drei Tagen, anstatt mit Reis mit Graupen. Sie schmeckt sehr schleimig. Jeder bekommt außerdem eine Mini-Clementine. Dann natürlich wieder herumliegen und fernsehen (14.00 – 16.00 Uhr)Anschließend Abendessen. Süßer Quark, der sehr gut schmeckt, natürlich zu wenig Kiwis, sehr sauer, aber gute Qualität, Tee, der wie Medizin schmeckt und schon wieder die Mettwurst. Dann wieder fernsehen. Der Alte [Anm. aus unserer Zelle], der neben mir sitzt, ein Anarcho mit einer Halskrause. Ich frage ihn, wo er sich verletzt hat. Als Antwort erzählt er mir sein Leben – in einem Zeitungsartikel kann ich zuerst den Grund seiner Halskrause entnehmen. Er, mit 22 [???], seine Freundin, 22 (schwanger], ein Freund, 16 und dessen Freundin, 15, fahren in einem geklauten Auto zu einem Konsum und lösten durch das Zertrümmern der Schaufensterscheibe den Alarm aus. Da die Angestellten noch da waren, flohen die vier. Aber als die Alarmanlage ausging, kehrten sie wieder zurück und es kam zu einem Handgemenge zwischen den Tätern und den Angestellten. Erneuter Rückzug. Beim dritten Anlauf schlugen de vier zu und stahlen eine Menge Alkohol, Zigaretten u.a.. Wiederum verschwanden die vier und – mittlerweile traf die Polizei vor Ort ein – kehrten erneut zum Tatort zurück. Jemand erkannte den Wagen, eine wilde Verfolgungsjagd entbrannte,während der Fahrt bewarfen die Verfolgten die Polizei mit dem Diebesgut.Dabei verlor der Fahrer, der natürlich keinen Führerschein besaß, bei 140km/h die Kontrolle über den Wagen und krachte gegen einen Baum. So bekam der Typ aus Magdeburg seine Halskrause, die anderen liegen auf der Intensivstation. Er erzählt mir, dass er auf einem Bauernhof Tierpfleger gelernt hat. Nach der Wende dann wurde er arbeitslos, beging einen bewaffneten Raubüberfall.Er bekam nach sieben Monaten U-Haft eine Strafe von zwei Jahren und vier Monaten und kam sofort nach der Verurteilung frei. Der Rest der Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Dort stahl er mehrere Autos, kam wieder ins Gefängnis, und wurde nach einigen Monaten erneut auf Bewährung entlassen. Er schnappte sich seine (seit ihrem 11. Lebensjahr vom eigenen Vater mißbrauchte) Freundin, haute ab, brach in diverse Ferienhäuser ein, um dort zu wohnen und beging die zuvor beschriebene Tat.Ist das nicht traurig?
Später sitzt noch ein sich selbst als „Rechter“ bezeichnender Typ neben mir. Der ist genauso traurig: Er hat 12.000 DM geklaut und durchgebracht. Nach dem Fernsehen kommt es zur ersten Schikane durch einen Beamten:Beim Zurückgehen in die Zellen schickt uns der Wachtl mit den Stühlen [Anm. die man von der Zelle zum Fernsehraum mitnimmt] einen langen Umweg entlang, weil die Gittertüren,die zwischen den Gängen vor den Zellen die Brücken zwischen den beiden Seiten abtrennen, schon zu sind. Man muss sich die Räume so richtig wie aus einem Hollywood-Film vorstellen. Wir gehen also herum, warten vor unserer Zelle. Da folgt der Wärter und schließt grinsend die Brückentür auf und lässt uns in die Zelle. Heißes Wasser gibt es auch nicht, weil wir zu spät dran seien. Wir regen uns auf. Auch mein Antrag wegen des Term,ins am 11. in München ist vom Sozialarbeiter nicht bearbeitet worden. Auf der Zelle fällt mir ein, dass ich noch so ca. 2/3 l Orangensaft [Anm. Tetra-Pack] habe. Das ist allerdings zu wenig für sechs Personen.Ich spiele mit Andy MauMau mit den zerfleddertsten Karten, die ich je gesehen habe. Erst nach ewiger Zeit gehen die anderen (…) ins Bett. Ich unterhalte mich noch bis 3.00 Uhr morgens mit Andy – er ist ein sehr netter Kerl, der – weil er irgendwie nie eine Chance im Leben bekam – sich nun alles selber verpatzt hat. In wenigen Wochen ist bei ihm „Bergfest“ (so nennt man unter Gefangenen das Erreichen der Hälfte der Strafe), er hat noch drei Jahre vor sich…

Sonntag, 8. Januar 1995 – 9.00 Uhr: Gestern war mein 60. Hafttag.Silke – ob Du mich noch willst?Ich schreibe erst einmal einen Antrag für den Sozialarbeiter wegen eines Gerichtstermins am 11. Januar [Anm. Zivilsache – den ich nicht wahrnehmen kann] damit die nicht [Anm. wegen Nicht-Erscheinen] noch einen Haftbefehl erlassen. Der Alte hat Wasser geholt und blökt, wir mögen aufstehen, was wir aber erst gegen 11.00 Uhr tun. Es besteht wieder die Möglichkeit, zu duschen. Alle – außer Andy und mir – gehen nicht. […] Andy hält wohl einiges von mir. Er ist sehr esoterisch eingestellt. Ich erzähle ihm so einiges über Geomantie*1, Professor Machalett und den Externsteinen. Morgens gibt es wiederdie ekelhafte Mettwurst, Mittags Kartoffeln, Schnitzel, Leipziger allerlei mit Soße, ich esse eine riesige Portion – es schmeckt recht gut. Danach zwei Clementinen. Ach – heute Morgen gab es noch Äpfel. Wie immer 14.00 – 16.30 Uhr und 18.00 – 21.30 Uhr Fernsehen – dieses Mal Tatort: Ohne Ende! Zum Abend gibt es Streichkäse, Tomaten und Schinken, wieder wird man eigentlich richtig satt. Erst nach dem Tatort schreibe ich das Tagebuch der letzten drei Tage. Ich will noch einen Brief an Micki aus der Stadelheimer Zelle, und einen An Rechtsanwalt Krause schreiben, damit ich Silke und Papa eventuell schon am 14. Januar sehe. Ob sie Annett*2 mitbringen?

*1 Geomantie oder Geomantik (altgriechisch: γῆ [ɡɛː] „Erde“ und μαντεία [mantaia] „Weissagung“, also in etwa Weissagung aus der Erde) ist in der Esoterik eine Form des Hellsehens, bei der Markierungen und Muster in der Erde oder Sand, Steine und Boden zum Einsatz kommen. Mehr: http://de.wikipedia.org/wiki/Geomantie
*2 Annett ist meine, um ein Jahr ältere Schwester. Seit meinem ersten Lebensjahr von mir getrennt,. Haben wir immer ein gutes Verhältnis gehabt. Sie lebte zum damaligen Zeitpunkt in Berlin.

Samstag, 7. Januar 1995 – 10.00 Uhr: einer fragt, ob wir duschen gehen wollen. Keiner geht – nur Ronny holt heißes Wasser. Langsam pulen wir uns aus den Betten und frühstücken: heute gibt es zum Weißbrot für jeden 2x Marmelade wie im Hotel in so kleinen Döschen. Wir sitzen Kaffee-trinkend bis zum Mittagessen herum, Es gibt Eintopf: Hühnerfleisch (mit Knochen), diverse Gemüse und Reis. Die Suppe sieht ganz grau aus, schmeckt aber recht gut. Der Knast ist ziemlich deprimierend – den hat bestimmt noch nie ein Minister gesehen. Die Hälfte der Wachleute läuft einfach in Zivil herum. Merkwürdig. Wieder jeder zwei Mini-Clementinen zum Nachtisch. (Heute Morgen gab es sogar für jeden einen Jogurt.) Abends dann Graubrot, Pfefferminz-Tee, je zwei kleine Tomaten, ein Stück Käse und eine Scheibe Mortadella-Wurst. Danach – so wie gestern und davor – von 14.00 – 16.30 Uhr und von 18.00 – 21.30 Uhr fernsehen. Es gibt einen James Bond (ohne Ende – das scheint hier Teil der Strafe zu sein…) Und dann wieder quatschen bis 0.30 Uhr.

Freitag, 6. Januar 1995 – „Feiertag“ (Heilige 3 Könige) Wenn ich an Stadelheim denke, war das recht luxuriös im Vergleich zu diesen anderen Gefängnissen. Ich bin froh, dass ich wieder aus Gera weg bin.Wenn ich an Gera denke, muss ich irgendwie lachen: das war wie in einem „billigen Horrorfilm“ – als wenn man bei der Adams-Family Aufnahme gefunden hätte: der Arzt wie das Butler-Monster, der Schließer sah aus wie Onkel Fester, dann eine ganz kleine Wärterin [Anm. körperlich] – richtig merkwürdig. Aber der Magdeburger Knast ist noch viel, viel schlimmer. Es ist der traurige Drecksbau schlechthin. Es zieht an allen Ecken und Enden. Wir sechs verstehen uns soweit gut. Geweckt wird hier morgens gar nicht. Gegen 9.00 Uhr kommt nur der Schließer herein und legt eine Tüte mit sechs Stück „Butter“ (Panzerfett – weiß), sechs Stück Wurst und ein Brot auf den Tisch. Gegen 10.00 Uhr ist Hofgang oder wir dürfen ersatzweise duschen. Der Duschraum ist super-kalt und das Wasser kommt so schlaff aus den Hähnen, dass es fast direkt an der Wand entlangläuft. Nach dem Duschen auf die Zelle. Rasieren geht wegen des relativ kleinen Spiegels nicht.

Spiegel_Magdeburg
Gegen 12.00 Uhr das Mittagessen – Nudeln mit Wasserketchup und einer 0,5cm dicken, gebratenen Wurstscheibe. Danach dürfen wir von 14.00 – 16.30 Uhr fernsehen, um 17.00 Uhr gibt es Wurstsalat aus absolutem Müll und für jeden ein Ei.Außerdem zwei winzige Mandarinchen. Dazu den ganzen Tag lang schwarzen Nescafé. Von 18.00 – 21.30 Uhr wieder Fernsehen, man verpasst also das Ende des Filmes. (Heute: „Nicht ohne meine Tochter“) Später erklären mir die anderen noch einige Tricks, wie man Krankheiten bekommt oder vortäuscht*1, zum Beispiel:
1) Eine Tube Zahncreme essen = am nächsten Tag sicher Fieber.
2) Ein Stück Seife zwischen Ober- und Unterarm klemmen, zusammenbinden – am nächsten Morgen, beim raschen Auseinander-Machen des Armes bricht dieser garantiert.
3) Streichholz zwischen die Finger, draufschlagen = der Finger bricht.
4) Eine gekochte Kartoffel in die Kniekehle – Bein zusammenbinden = am nächsten Morgen Fieber.
5) Zahncreme auf die Pulsadern = man pisst ins Bett.
Unglaublich, was es alles für Tricks gibt. [Anm. Ich habe natürlich ohne Angabe auf Gewähr das notiert, was mir die mitgefangenen berichteten …] Alkohol macht man hier aus Weißbrot (eingeweicht) , dazu die rote Knastmarmelade, das Ganze auf die Heizung – nach drei tagen hat das ganze ca. 7-8% Alkohol. So lernt man auch im Knast fürs Leben. Die Deutschen spielen bis 1.00 Uhr nachts noch Scat. Memet [Anm. aus Stadelheim] hätte sich gefreut.

*1 Die Verlegung in die Krankenstation gilt in der Haft als die „bessere“ Situation. Außerdem wollen sich viele gefangene der Arbeit oder – hoffend – so dem Vollzug selbst entziehen.

Donnerstag, 5. Januar 1995 – Gegen 6.30 Uhr gäbe es wieder Frühstück – natürlich weiterschlafen. Aber um 9.30 Uhr heißt es, Sachen packen wegen der Abfahrt, obwohl diese erst um 13.00 Uhr sein soll. Also, anziehen, packen – duschen dürfen wir nicht mehr. Dann mit 12 Personen im Fernsehraum warten – die Luft ist wieder mal klasse. Wir gucken einen Film mit Arnold Schwarzenegger (Red Heat) der recht unterhaltsam ist. Danach gibt es einen weiteren völlig schwachsinnigen Actionfilm, den wir sowieso nur noch zur Hälfte sehen. Während des ersten Films kommt der Sozialarbeiter noch einmal, wünscht mir viel Glück und teilt mir mit, dass ich erst am kommenden Mittwoch in Berlin ankommen werde. Während des zweiten Films gibt einen Porree-Kartoffel-Rindfleisch-Eintopf und eine Banane zum Mittagessen. Um 12.30 Uhr geht es runter, wir treffen noch auf ein paar Andere, dann ab in den neuen Schubbus. Ich gehe mit meiner Kiste alleine auf eine 2-Mann-Zelle (60x90cm) mit winzigem Fenster (10cm hoch – 40cm breit). Der Raum ist ca. 175cm hoch – ich bin zwar 12kg leichter geworden, aber noch immer 196cm lang. Ich bekomme mal wieder völlige Depressionen, denke die ganze Zeit, dass ich bestimmt noch ein Jahr in Haft bleibe und deshalb sicher Silke verlieren werde. Ich bin total am Ende, immer wieder muss ich weinen. Draußen ist herrlicher Sonnenschein. Es ist alles so Scheiße. Zuerst gibt es noch ein Futterpaket: Apfel, Knäckebrot, ½ l Saft, Weißbrot. Der erste Anlaufpunkt ist Halle, Saale. Der Knast ist Original KZ. Die Plattenbau-Blöcke, die Zäune, aber auch die verwaisten Wachtürme, grauenhaft. Wer hätte je gedacht, dass ich 1995, sechs Jahre nach dem Fall der Mauer, für den ich mich ja nun sehr eingesetzt hatte, nun iun einen Ostknast kommen würde, in dem sich nichts – aber auch nichts verändert hat?! Als politischer Gefangener fahre ich 50 Jahre nach Kriegsende durch meine Vaterstadt. Vielleicht wäre ich in dieser Stadt aufgewachsen, wäre die Geschichte anders gelaufen? Wenn mein Vater von diesem „Besuch“ erfährt, wird er völlig fertig sein. Meine Oma, die ich sehr lieb hatte, ist hier beerdigt. Verzweifelt denke ich schon jetzt die ganze Zeit an mein Plädoyer für Berlin.Was auch kommt, ich werde – wenn das hier vorbei ist – von draußen international klagen, in Genf, in Den Haag, in New York. Was hier gelaufen ist, ist ein absoluter Verstoß gegen die „Bill of Rights“. Ich werde auch mit Krause darüber reden, ob mein Vater den Staat, bzw. Ostfilm etc. verklagen soll. Hätte der staat den Film nicht finanziert, die Staats-Anwaltschaft den Film verboten, Bohnengel aber vor allem den Film nicht so gedreht [Anm. geschnitten],wäre ich ja überhaupt nicht angeklagt worden. Eine Verurteilung dürfte alleine aus diesen Gründen nie passieren. Nach halle geht es weiter nach Dessau. Ob der „alte Dessauer“ sich so etwas hätte vorstellen können?! Das alles ist der Witz! Gegen 18.00 Uhr kommen wir in Magdeburg an. Hier werden wir das ganze Wochenende bleiben müssen. Anscheinend geht es am Dienstag weiter nach Brandenburg, und dann am Mittwoch endlich nach Berlin-Moabit. Hochsicherheitsknast. Nun sind wir erst einmal in Magdeburg. Der Knast sieht aus wie eine Hollywood-Kulisse mit den Gängen vor den Zellen, den Treppen, Netzen und Gittern. Das Gebäude stammt aus der Kaiserzeit, das Inventar ist noch schlechter als in Gera, aber es gibt Fenster. Die Decken und das Bettzeug sind als M.d.I. (Ministerium des Innern !) ausgewiesen, das Geschirr ist aus Plastik. Der Knast ist kalt und es gibt wieder kein warmes Wasser. Wir werden zu sechst auf eine Zelle gelegt.. Der Alte aus der Türkei ist wieder dabei, Wassili, der Rumäne aus Gera, hinzu kommen Kai,22, der gerade einige Jahre Jugendhaft wegen Raub abgesessen hat, und nun wegen Raub erneut für einige Jahre einfahren soll; Ronny aus Thüringen ist wegen Körperverletzung in U-Haft. Der sechste ist Andy, ein netter Kerl aus Brandenburg. Er hat drei von sechs Jahren in Bayreuth hinter sich wegen Hi-Jacking (er hat mit vorgehaltener Waffe Leute aus deren Autos gejagt, um mit diesen Fahrzeugen herumzufahren). Er muss wegen einer Aussage nach Berlin. Es ist das erste Mal seit zwei Jahren, dass er aus Bayreuth raus gekommen ist. Er weiß gleich, wer ich bin. Seine Ansichten sind klasse. Abends dürfen wir noch bis 21.00 Uhr Fernsehen gucken. Dann sitzen wir bis 1.00Uhr in der Zelle zusammen.

JVA_Brandenburg
Die 6-Personen-Zelle in Magdeburg

Jeder berichtet ein wenig von sich und aus seinem Leben. Wir lachen viel. Über das Wochenende werde ich wohl gut abgelenkt sein. Diese Ablenkung von den Depressionen tut gut. Und die Jungs haben Kaffee dabei, eines der wichtigsten Lebenselixiere hier drinnen. Nachts entpuppt sich das Bett als steinhart. Es ist 10cm kürzer als ich selbst.Ganz zu schweigen von der decke, die mir bis zum Knie geht. Hier sind die Wachtel [Anm. Knastjargon für Schließer] recht umgänglich. Hier gibt es kein Video – dafür 2x am Tag Fernsehen. Ach, in der Zelle zieht es natürlich wieder wie Hechtsuppe.
[Der Tagebucheintrag schließt mal wieder mit persönlichen Worten an Silke.]

Mittwoch, 4. Januar 1995 – Würde ich es nicht aufschreiben, ich wüsste es nicht: Morgen sind es zwei Monate, die ich im Gefängnis bin. Naja – es fehlt noch eine knappe Woche. Am nächsten Dienstag werde ich wohl in Berlin sein. Gestern Abend um 18.00 Uhr konnte ich endlich den Antrag wegen des Sozialarbeiters abgeben. Wassili (mein Mitgefangener) hat mir noch ein paar „Schwänke“ aus seiner Jugendzeit erzählt. Er spricht nur sehr schlecht Deutsch. Er war mit 20 schon in einem rumänischen Gefängnis inhaftiert, in dem die Securitate [Anm. rumänischer Geheimdienst unter den Kommunisten des Nikolai Ceaucescu] so richtig gefoltert hat. 30 Mann pro Zelle, Appell, Fußketten usw.. Er erzählt mir, dass jeder zweite dort absolut geistesbehindert war – viele wurden es während der Gefangenschaft wegen des stupiden Alltags über Jahre – bei vielen waren es einfach ihr Alkoholproblem oder das ihrer Eltern. Wassili war auch bei einem Gefängnisaufstand dabei, bei dem es viele Tote gab. Kaum war er in Deutschland, saß er bald wieder ein, dieses Mal 10 Monate in Stralsund. Dort fühlte er sich wie im Hotel.Für ihn scheint es völlig normal zu sein, andauernd im Gefängnis zu sein. Seine Mafiabande kümmert sich ja um alles. Er ist ein armer, verlorener Krimineller. Sein Traum ist es, nach Belgien oder Spanien zu kommen, da hat er je eine Gruppe Freunde, die dort als „Hütchen-Spieler“ das „große Geld“ machen.
Ich lege mich hin und schaffe es tatsächlich,trotz langer Perioden des Wachliegens und immer wieder weinend, bis nächsten Mittag um 11.00 Uhr so auszuharren und herumzuliegen. Dann trinke ich den vorletzten Orangensaft und esse die letzte Kinderschokolade. Ich bemerke, dass die Pilzinfektion sich scheinbar verschlimmert hat. Da geht die Tür auf (morgens um 6.30 Uhr war sie schon einmal offen, es gab dasselbe Frühstück wie gestern, aber ich habe es verschlafen) – der Sozialarbeiter. Er erkennt meinen Namen und ist recht nett, will meinen Anwalt anrufen. Er ist stutzig, weil ich nicht als Untersuchungs-, sondern als Strafgefangener geführt werde! (Das klärt sich später jedoch als Irrtum auf.) Zum Mittagessen gibt es Fisch, Kartoffelbrei mit Soße und richtig frischen grünen Salat (eine Riesenportion). Das Essen ist wirklich gut. Dann, um 14.00 Uhr, wieder drei Stunden Fernsehen. Ich werde aber unmittelbar zum Sozialarbeiter gerufen. Dieser bietet mir erst einmal einen richtigen [Anm. Filter-]Kaffee an und sagt, dass er mit Rechtsanwalt Krause telefoniert habe, und dieser auch wiederum meinen Vater, und dieser wiederum Silke informieren werde. Außerdem will Krause ein Fax herschicken, aus dem einiges klar werden soll. Ein anderer Mann kommt hinein und stellt sich als der JVA Direktor vor. Es ist der Beschluss des Kammergerichts (auch 4. Kammer) über die Abweisung meiner Haftbeschwerde vom 29.12.1994. Nun ja – es ärgert mich zwar noch immer – aber ich hatte es ja doch so erwartet. Die Argumentation ist erneut geradezu irrsinnig: Nun begründet man die Fluchtgefahr mit der Münchner Verurteilung [Anm. dort hatte man gerade ausführlich im Urteil erklärt, warum KEINE Fluchtgefahr bestünde] Andererseits bestätigt man [Anm. nun erstmals zuvor geleugnete] sehr starke soziale Bindungen zu Silke und zu meinen Eltern. Außerdem wird aus meinem [Anm. in der Berliner Anhörung] geäußerten Wunsch, Russisch studieren zu wollen,nun die erklärte Absicht [Anm. und Nachweis, ich wolle mich dorthin absetzen]. Unglaublich – ich habe mich selber hereingelegt. Alle diese Beschlüsse sind so eindeutig auf meine „mehrjährige“ Verurteilung ausgerichtet, dass ich mich frage, wozu ich eigentlich noch vor Gericht gestellt werde. Ich bin total am Ende, denn auch der reine bürokratische Ablauf bis zur Bundesverfassungsbeschwerde würde mindestens 11/2 Jahre dauern, d.h. Ich komme hier die nächsten 18 Monate nicht mehr raus. Klasse Rechtsstaat. Ich muss jetzt sehen, ob ich durch den Vorschlag meines Ex‘ [Anm. unterzuvermieten], die Wohnung so lange halten kann – wenn ich so lange in Haft bleibe, habe ich Silke sicher verloren. Das aber bleibt das Allerschlimmste. Ich muss das Berliner Verfahren gewinnen, wenn ich meine liebe retten will. Alles will ich dafür versuchen; aber wenn ich es nicht schaffe: der Verlust meiner Liebe bedeutet den völligen Tod für mein Herz. Ich habe nur ein einziges Mal zuvor so geliebt. Und Silke ist meine Lebensentscheidung. Wenn ich sie nicht bekomme, wird diesbezüglich nichts mehr gut. Ich glaube, dass meine Eltern es jetzt in der Hand haben, mitzuwirken, wie die Sache enden wird. Im Gespräch mit dem Gefängnisdirektor und dem Sozialarbeiter drücken mir beide ihr Bedauern aus: beide glauben an Redefreiheit und halten mich für unschuldig, auch wenn sie anderer Überzeugung sind. Sie beide glauben aber auch, dass ich hart gestraft werde (aus politischen Gründen). Man bestätigt mir übrigens im Gespräch, dass dieser Knast hier ein Stasi-Gefängnis im Original-Zustand ist. Ich gehe nach 1 ½ Stunden wieder hoch, kann noch den 2. Film mit ansehen, einen Schwachsinn mit Chuck Norris. Dann gibt es Abendbrot – Wurst, Brot, roten Tee und eine Banane. Morgen geht es gegen Mittag wohl weiter nach Magdeburg. Gegen 19.00 Uhr schreibe ich diese Zeilen. Dann heißt es wieder rumliegen, rumliegen, rumliegen…

Dienstag, 3. Januar 1995 – 6.30 Uhr gibt es Frühstück. Antragsformulare habe ich noch nicht erhalten. Das Frühstück, was ich gar nicht erst annehme, besteht aus „Muckefuck“ ohne Milch, steinhartem Weißbrot, Orangenmarmelade und Butter [Anm. Margarine]. Wir liegen weiter bis 8.30 Uhr herum, dann ist Hofgang. Der „Hof“ ist von drei Seiten vom Gebäude selbst (5 Etagen) umzingelt. An der vierten Seite ist eine 10 Meter hohe Mauer. Der Hof selbst ist höchstens 10 x 25 Meter groß. Wir sind nur 4 Personen am Laufen. Es ist so nasskalt, dass wir nach 30 Minuten wieder auf die Zellen gehen. Die JVA Gera ist das allerletzte. Dagegen war Stadelheim das Paradies. Nach dem Hofgang können wir duschen, ich verzichte lieber gleich. Hoffentlich ist die Zeit hier bald vorbei. Zum Mittagessen, was es hier erst um 13.00 Uhr gibt, erhalten wir Bohnengemüse, Kartoffeln, ein Fleischpflanzerl (mit Fleisch) mit Soße und einen Jogurt. Schmeckt ziemlich gut. Danach wiede dösen. Von 14.00 – 17.00 Uhr dürfen wir fernsehen. Erst Nachrichten, dann zwei völlig schwachsinnige Gewaltfilme [Anm. Action-Filme], beide amerikanisch, einer über Soldaten, einer über Karate. Zum kotzen. Aber besser, als auf der Zelle rumhängen. Da die Filme total schwachsinnig sind, bin ich mit meinen Gedanken die ganze Zeit ganz woanders. Das schlägt sich auf meinen Gefühlszustand nieder. Wieder auf der Zelle muss ich total weinen, sehe draußen alles vor die Hunde gehen, Silke verlieren usw. Ich gehe hier drinnen einfach kaputt. Ich bekomme endlich Antragsformulare, schreibe einen Antrag für den Sozialarbeiter weil ich mit Rechtsanwalt Krause telefonieren will. Ich will endlich wissen, was in Berlin los ist. Die Ungewissheit ist furchtbar. Die 18 Monate von München, die 3 ½ Jahre von Stuttgart*1 die die Stuttgarter Staatsanwaltschaft mir reinknallen will, und die Jahre, die Berlin meint, mir anhängen zu müssen*2: ich sehe wieder einmal eine Gesamtstrafe von 3-5 Jahren*3 vor mir. Das darf doch nicht wahr sein: wegen nichts*4! Eine Strafe wegen angeblicher Fortsetzung der Kühnen-Gruppe*5, eine, weil ich andere Revisionisten zu Wort kommen ließ, nd eine – weil ein anderer mit Steuergeldern einen Film über/gegen mich gemacht hat… Das gibt es einfach nicht. Ich bin innerlich am Ende. Vielleicht male ich nur furchtbar schwarz. Aber ich weiß, wenn ich nur ein Jahr hier drinnen bin, wären Wohnung und Silke weg – alles, was mir etwas bedeutet, wäre verloren. Ich möchte tot sein.
Ich habe mein ganzes Leben lang offen und ehrlich meine Ansichten vertreten. Ich habe nie Gewalt verherrlicht, und ich habe den Reizen meiner Generation (z.B. Drogen, Waffen …) etwas abgewinnen können. Ich war immer für Andere da, war immer der gebende. Jetzt, nachdem die Medien mich zum Teufel aufgeblasen haben, bringt mich mein „Propaganda-Doppelgänger“ um. Ich habe nur noch Irre und Ignoranten um mich herum, die geradezu geil darauf sind, mich zu zerstören. (Ich werde sicherheitshalber in den nächsten Tagen mein Testament machen). Es gelingt der Obrigkeit, mich zu zerstören, weil ich eben nicht der bin, für den man mich hält. Wäre ich ein fanatischer Mensch, könnte ich hassen. Dann wäre das hier alles leicht zu ertragen, zwei Jahre [Anm. Freiheitsentzug] wären nichts. Aber ich habe gerade zwei Jahre gebraucht, um bis zu meinem heutigen Leben zu gelangen. Und jetzt wird alles kaputt gemacht – einfach alles.
Es ist 18.00 Uhr – der Tag ist vorbei. Ich bin übrigens auf der Doppelzelle wieder mit dem Rumänen von gestern vom Schubbus zusammen. Er hat mir erzählt, das der Opa von gestern – kaum war ich in einer Einzelkabine untergebracht – alles vollgekotzt hatte. Der Rumäne sitzt für Bandenkriminalität. Er hat 5 Punkte auf der Hand tätowiert. Er ist 24 Jahre alt, das Tatoo ist das Zeichen seiner Mafia-Gruppe, die ihn hier nun mit Geld, Fernseher, Anwalt usw. versorgt. Er wurde schon zu 16 Monaten verurteilt, hat aber einen weiteren Prozess in Frankfurt/Oder, wo er sich wegen 8 Raubüberfällen, Einbrüchen, Tresor-Aufbrüche zu verantworten hat. Er rechnet mit zwei Jahren – davon dann Halbstrafe und Abschiebung. Genüsslich erzählt er, dass er dem Typ, der ihn anscheinend verpfiffen hat, das Haus samt Familie abbrennen wird. Tja – wäre ich kriminell geworden, hätte ich wohl mit Milde rechnen können. Aber ich wollte ja Gutes. Und das ist heutzutage nicht mehr gefragt. Scheiße!

*1 Im Frühjahr war das Stuttgarter Verfahren, bei dem die Anklage für mich 3 ½ Jahre wegen Verstoß gegen das Vereinigungsverbot gefordert hatte, geplatzt. Im Wiederaufnahmeverfahren 1995 / 1996 wurde das Verfahren gegen mich wegen Geringfügigkeit eingestellt. Drei Jahre lang stand ich in dieser Sache über 120 Verhandlungstage in Stuttgart vor Gericht.
*2 Die Berliner Justiz verurteile mich zu 3 ½ Jahren Haft, obwohl der Staatsanwalt 3 Jahre gefordert hatte. Normalerweise werden in Verfahren Urteile gesprochen, die zwischen der höchsten und niedrigsten Strafmaßforderung liegen. Der verurteilende richter Brüning begründete seine Erhöhung der Strafe damit, dass [Zitat!] „…der Angeklagte schlimmer als die Mörder von Mölln und Solingen sei!“
*3 Wäre ich widerborstig geblieben, hätte sich eine Gesamtfreiheitsstrafe aus den unter *4 beschriebenen Delikten von über ACHT Jahren (!!!) ergeben können – Totschlag oder ein Banküberfall wäre milder geahndet worden.
*4 Alle „Straftaten“ setzten sich aus politischen Handlungen zusammen: Vereinigungsverbot, Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, Verunglimpfung der Bundesrepublik, Verwenden verfassungswidriger Symbole – alles „Gesinnungstaten“ – keinerlei Gewalt- oder Straftaten mit kriminellem Hintergrund.
*5 ANS – Aktionsfront Nationaler Sozialisten; wurde verboten, bevor ich hätte Mitglied werden können – nach zwei Jahren „Gefolgschaft“ zur Person Kühnen trennte ich mich 1985 von ihm.

Montag, 2. Januar 1995 – 6.15 Uhr wecken, um 6.50 Uhr muss alles gepackt sein. Ich esse noch die letzten Kekse von Silke und trinke einen Kaffee. Dann geht es los: Bettwäsche abgeben, 2x Butterbrote mit Aufschnitt, rein in einen großen Knastbus mit 4er-Kabinen und schmalen Sehschlitzen als Fenster. Ich bin nur mit jemandem aus Schweinfurt zusammen, der als Leiter einer Drückerkolonne arbeitet und wegen des Nicht-Bezahlen von Unterhaltsleistungen einsitzt. Der Bus ist relativ neu und sauber.Um 10.00 Uhr Stopp in der JVA Weißenfels, um 11.00 Uhr in der JVA Ansbach, um 12.00 Uhr in Nürnberg. Dort heißt es erst mal aussteigen, in eine Wartezelle. Dann in eine andere Wartezelle, um 14.00 Uhr geht es weiter. Die Warterei ist erträglich. Zum letzten Mal spreche ich mit Dimitri, dem Krim-Russen [Anm. der auch auf „Schub“ ist]. Bei der Abfahrt gibt es erneut Wurstbrote, die ich gar nicht erst annehme, da die anderen schon total trocken waren. Es geht nach Bayreuth – unterwegs bricht das Schneechaos aus, wir stehen fast nur. Der Bus ist sehr viel älter, ich sitze mit einem Zigeuner-Opa und einem Rumänen in einer weit kleineren Zelle. Es ist so heiß, dass der Alte fast stirbt. Aber dafür haben wir Musik. Die ganze Zeit also etwas Unterhaltung. Die Fahrt von Nürnberg nach Bayreuth dauert wegen des schlechten Wetters fast 3 ½ Stunden. In Bayreuth dürfen wir kurz an die frische Luft, zur Weiterreise werde ich alleine in eine Zweierzelle gesteckt. Ich kann nicht schlafen, denke die ganze Zeit nach. Ich bin wieder einmal total deprimiert. Es geht weiter über die JVA Hof nach Gera. Dort ist für heute Endstation. Ich erfahre, dass es erst am Donnerstag weitergehen wird, und zwar nach Magdeburg. Die ticken nicht richtig. In Gera werden wir erst einmal total durchsucht. So etwas sinnloses. In der Wartezelle schreibe ich erst einmal mein Tagebuch. Ich bin sehr schlecht gelaunt – sehe mich mal wieder die nächsten drei Jahre im Knast. Mal sehen, ob ich wenigstens von hier aus Krause anrufen kann, um zu erfahren, was in Berlin abgeht.
Auf der Zelle trifft mich erst einmal der Schlag! Original Stasi-Haft! Ein ehemaliger DDR’ler bestätigt mir dieses. Wieder eine 2×5 Meter-Zelle, ein Doppelbett mit total durchhängenden Stahlnetzmaschen, man kann sich nicht bewegen, ein paar stinkende Uralt-Möbel, Plastikgeschirr und eine 50x50cm kalte Heizung. Das „Fenster“ besteht aus doppelt gemauerten Glasbausteinen. Man kann gerade erkennen, dass draußen Tag ist, Die Glasbausteine innen sind im unteren Drittel offen, die Außen im oberen Drittel. Das Ganze ist offen, also herrschen in der Zelle Außentemperaturen. Es gibt totalen Durchzug. Soweit man es überhaupt erkennen kann, sind ganz außen vor dem Fenster auch noch Gitterstäbe angebracht. Die Zellenwände sind total beschmiert. Abends gibt es Original-DDR-Tee [Anm. KOTZ] Um 20.00 Uhr lege ich mich hin. Die Abwechslung zwischen Dösen und Schlafen dauert bis 6.30 Uhr morgens.

Sonntag, 1. Januar 1995 – Das neue Jahr hal also (in Stadelheim) begonnen. Erst um 8.00 Uhr werden wir heute geweckt, ich schlafe jedoch bis 10.00 Uhr weiter. Ich trinke drei Tassen Kaffee und esse ein paar Kekse von der Prinzenrolle. Dann, um 11.00 Uhr gibt es eine ungenießbare Spargelcreme-Suppe, die ich gleich weg schütte. Auch der Rinderbraten schmeckt wieder einmal nur wie Schuhsohle, der Semmelknödel… – na, lassen wir das. Nur der grüne Salat ist essbar. Nach dem Essen meint der Berliner Hausarbeiter, dass man mich wohl nicht freilassen wird, da das, was man mit mir derzeit macht, eigentlich Freiheitsberaubung ist. Und wer will dafür schon die Verantwortung übernehmen. Solche Gedanken machen mich wieder völlig fertig. So liege ich hier und glaube, die nächsten 2-3 Jahre nicht mehr frei zu kommen. Aber das geht doch nicht…*1 Der Schließer kommt, mein Antrag für ein Buchpaket wurde genehmigt. Er wird mir aber erst in Berlin ausgehändigt. Was den Besuchsantrag für Fr/Sa für Silke betrifft, ist dieser abgelehnt worden, weil sie erst am 22.12. dagewesen ist. So ein Quatsch – deswegen hatte ich den Antrag ja gestellt – nun wird sie extra nach Berlin kommen müssen, um mich zu sehen. Die Bürokratie bringt mich noch um – wenigstens erfahre ich es erst im Nachhinein. Ich döse bis ca. 14.00 Uhr, dann ist Hofgang. Dort treffe ich den Pfarrer, der mit meinem Vater telefoniert hat. Laut diesem ist in Berlin noch nichts entschieden worden. Ich habe gleich wieder gute Laune. Bin gespannt, was Papa mir über diesen Anruf berichten wird. Um 14.30 Uhr kommen die anderen, meine alte Abteilung, auf den Hof nebenan. Wir rufen uns „alles Gute“ zu. Ich sehe nochmal Schmidt, den SPD’ler, der mir gestern auch alles Gute wünschte, Mehmet, Memet, Ali, Tom und Selami. Komisch – irgendwie wie eine alte Clique. Ich spreche mit dem Wärter, ein Abschiedsgeschenk an meine alten Zellengenossen übergeben zu dürfen: 1x Marlboro, 1x Schokolade, 1x Würstchen, 1x Chips aus dem Päckchen von Silke von gestern. Gerade weil es von ihr ist und mir so wichtig ist, möchte ich den anderen etwas davon abgeben. Auch sie hatten ja alles, was sie bekamen, mit mir geteilt. Sie sollen Ali und Rainer Würstel abgeben. Hofgang also vorbei, die anderen noch einmal von der ferne gesehen, die Post eingeworfen – zum Abendbrot gibt es Brot und Kochschinken (essbar). Ich futtere noch Schokobons und schreibe mein Tagebuch. Es ist 18.00 Uhr. In 14 Stunden werde ich diesen Knast endlich verlassen. Ich habe schon halbwegs gepackt. Die Hoffnung, auf dem Transport oder gleich in Berlin entlassen zu werden, wird mich in den nächsten Tagen wieder beherrschen. Sonst werde ich ja endlich den Berliner Rechtsanwalt kennenlernen und ihn mal kräftig in den Arsch treten. Hoffentlich werden Papa und Silke weiterhin alles

*1 Eine Kette von unglücklichen Zufällen, Inkompetenz, zeitgeschichtlicher Moment und böswilliger Intrigen sollte tatsächlich dazu führen, dass ich erst 28 Monate später wieder in Freiheit war.
unternehmen was möglich ist und bald schon vor Ort auftauchen. Ich bin unschuldig und will endlich aus dieser schwachsinnigen Haft raus. Abends erzählt mir Abu seine ganze Lebensgeschichte. Er ist im Gaza-Streifen aufgewachsen. Es ist erschütternd, was er über die israelisch-palästinensische Tragödie berichtet. Er ist ein armer Kerl. Weil er nicht zwischen die Fronten von Muslimen und Juden geraten wollte, ging er als Asylant nach Deutschland. Was den Konflikt angeht, scheint er auch weit gesünder zu denken als die meisten Deutschen. Hier in Deutschland gerät er durch ein Verhängnis in einen Konflikt mit der Polizei – sechs Schüsse in die Füße. Er wird nie wieder richtig laufen können, nie wieder normal arbeiten können. Als um 22.00 Uhr das Licht abgeschaltet wird, liege ich noch lange wach und denke über alles nach.

Z_31

Samstag, 31. Dezember 1994 – SILVESTER! – der letzte Tag des Jahres. Der Name stammt übrigens von Papst Silvester I, der ca. 300 n. Chr. In Rom regiert hat. Um 6.45 Uhr geht das Licht in der Zelle an. Ich krieche unter die Decke. Um 7.00 Uhr Kaffee und Wasser, wir wollen nichts. Abu*1 bekommt seine Schmerztabletten. Um 8.00 Uhr dann duschen – ich schlafe jedoch bis 9.30 Uhr weiter, dann stehe ich auf und trinke einen Kaffee. Die Prinzenrolle [Anm. aus dem Päckchen von Silke] wird mein „Frühstück“ der kommenden Tage sein. Gestern habe ich noch eine Kinderschokolade und ein Ü-Ei gegessen. Darin befand sich eine Sonne. Heute mache ich wieder ein Ü-Ei auf. Dieses Mal ist ein „Happy-Hippo“ mit Telefon darin. Die erste Schachtel Marlboro tausche ich gegen eine halbe „Bombe“ [Anm. Glas löslicher Kaffee] Das sind hier halt die Preise [Anm. unter den Gefangenen]. Aber Abus Kaffee geht zu-ende. Dann gibt es Mittagessen: ein Bein von einem Tier. Aber ich kann beim besten willen nicht identifizieren, von welchem. Ich beiße es an, aber es ist so zäh und ekelhaft, dass ich mein Vorhaben, es zu essen, aufgebe. Vorher gab es eine Nudelsuppe, essbar – zur Keule ein Blatt Salat, das ich ebenso verspeise wie den Kartoffelsalat. Anschließend trinke ich einen Tee.
Dann male ich für Silke eine Skizze meiner neuen Zelle [siehe Abbildung], und schreibe endlich mein Tagebuch bis zu dieser Zeile weiter. Da der Hofgang erst um 14.00 Uhr beginnt, lege ich mich wieder etwas hin. Von 12.00 – 15.00 Uhr bin ich ohnehin sehr nervös, weil es die letzte Chance in München wäre, Silke noch einmal zu sehen. Aber ich glaube nicht, dass sie noch einmal kommt. Das wäre ja auch zu schön. Irgendwie bin ich froh, dass es nun am Montag nach Berlin geht. Ich will nie wieder zurück nach Stadelheim kommen. Ich liege bis zum Hofgang, döse und höre Musik. Um 14.00 Uhr dann Hofgang. Ich unterhalte mich mit dem Russen. Er heißt Dimitri, sitzt sechs Monate wegen Fahren ohne Führerschein und Trunkenheit am Steuer. Er ist sehr nett. Er erzählt von Russland, wir haben eine gute Unterhaltung. Er war früher Olympia-Schwimmer. Memet sieht mich vom gegenüber liegenden Gebäude und ruft mir Grüße und ein gutes neues Jahr zu. [Anm. Nachname, hab ich hier nicht veröffentlicht, bedeutet „frische Rose“ auf türkisch] Um 15.00 Uhr endet der Hofgang aber auch die Besuchszeit. Ich werde Silke dieses Jahr nicht mehr sehen. Wenn ich nächste Woche nicht freikomme, glaube ich, verliert sie ihre Ausbildung, weil sie durch die Besuche bei mir zu viele Fehltage haben wird. Was wird sie heute Abend machen? Alkohol, Silvester… [Anm. Eifersuchtsgedanken …] Ich werde lange warten müssen, bis ich sie wieder küssen kann. Morgen beginnt ein neues Jahr. Silke, ich wünsche Dir alles, alles Gute von ganzem Herzen. Zum Abendessen gibt es Hering in Sahnesoße – sieht ganz gut aus. Da geht um 16.00 Uhr noch einmal die Tür auf: der evangelische Pfarrer. Wäre er gestern gekommen, hätte ich Silke vielleicht noch heute gesehen. Ich erzähle dem Pfarrer von meiner Situation und er verspricht mir, noch heute meinen Vater anzurufen um herauszubekommen, was in Berlin los ist und von meinem bevorstehenden Transport zu berichten. Ich merke, wie dünn das Eis meiner guten Laune über meiner Verzweiflung liegt,es fällt mir schwer, über diese dinge zu sprechen, meine Situation ist zu absurd. Der Geistliche sagt mir zu, er werde mir morgen vom Ergebnis des Telefonats berichten. Ich werde ja sehen. Ich merke schon, es ist ein anderer Pfarrer als der, den ich sprechen wollte.[Anm. ?!]
Falls das Kammergericht sich für meine Freilassung aussprechen sollte, so versichert er mir, würde ich auch auf dem Transport unterwegs sofort entlassen werden. Aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass sich bereits etwas Neues, Schreckliches zusammenbraut – ein neuer Haftbefehl oder so-etwas ähnliches…
Während ich mein Heringsfilet in Sahnesoße esse, erzählt mir Abu viel über die Beweggründe, weshalb er zum Christentum wechselte. Er erzählt mir aber auch viel über die orthodoxen Juden in Israel und bestätigt, was ich längst weiß. Es wird ein langes Gespräch. Erst gegen 18.30 Uhr fange ich an, die beiden langen Briefe an Antje und meine Eltern zu schreiben. An Silke schreibe ich erst nächstes Jahr wieder – aber das beginnt ja bereits in ein paar Stunden. Seit 18.00 Uhr dreht draußen alles durch: Hunderte von Gefangenen schreien wie Irre herum, alles, was brennen kann [Anm. vor allem Toilettenpapier], aber auch alles was klirrt, wird aus den Fenstern geworfen. Radios laufen überlaut, die Blechteller werden an den Gittern entlang geschabt, ein Wahnsinnskrach und vom Hof her stinkt es hier in der Zelle furchtbar verbrannt. Weil ich dennoch gerade so gut im Schreibfluss bin, schreibe ich doch noch an Silke. Um 20.30 Uhr bin ich damit fertig. Noch dreieinhalb Stunden, und das Jahr ist vorbei. .

„B. [Anm. mein Ex‘], Silke, Mami, Papa, Florian, Ernst, Stephan, Stefan,Daniel, Arnulf, Lothar, Antje, John,Rowdy, Hardy, Hans, Rob, Alain, Marcel, Steve, Martin, Martijn, Arno, Hannelore, Gustav, Frau Brückner, Damjanka, Tante Ortrud, Tante Edeltraud, Eugen, Ruben, Peer, Robert, Frank, Jirka, Frau Kroeger, Leo, Uwe, Johannes, Julio, Tom, David, Jamie, Edith, Erika, Od, Carola, Christl, Steve, Dale, Chip, Cedrik, Hanne, Michi, Mutti, Annett, Erb,Gottfried, Christian, Dima, Anatolij, Mehmet, Memet, Micki, Anja, Hans, Peter, Peter, Peter, Markus, Olav, Kevin, Kyle, Günter, Markus,Danny, die Wardas, Rainer …. Ihr seid so die Ersten, die mir spontan einfallen.Euch und allen anderen wünsche ich alles Gute im neuen Jahr. Es ist toll, Euch alle zu kennen. Denkt an mich, wie auch ich an Euch denke. General McArthur sagte schon: „I WILL RETURN!“

Hiermit enden die Eintragungen meines Gefängnistagebuchs im Jahr 1994. Ich bin seit 53 Tagen in Haft. Ich bin unschuldig. Ich reihe mich ein in eine unzählige Reihe von Menschen, die verfolgt wurden und werden, weil sie für eine neue, bessere Welt kämpften und kämpfen. Wer weiß, wie die Zukunft wird. Im Moment beherrscht mich einzig und allein der Wunsch, wieder frei zu kommen.

SILVESTER NACHT: Nachdem ich um 20.30 Uhr sogar bereits den Brief an Silke, den ich erst im neuen Jahr schreiben wollte, fertig hatte, habe ich weiter mit Abu gequatscht. Er ist ziemlich fertig von seinen Verletzungen und der auch ihn plagenden Ungewissheit. Auch er*2 scheint draußen so gut wie niemanden zu haben. Die Zeit bis Mitternacht schien unendlich. Der Krach draußen war etwas weniger geworden. Eigentlich wollte ich die Würstchen [Anm. irgendwoher organisiert, mit dem Tauchsieder von Abu] warm machen, aber irgendwie hatte ich keinen Appetit. Anstatt, dass wie erwartet, um 22.00 Uhr das Licht ausgeht, geschah quasi das Gegenteil: draußen in der Mitte der Höfe steht eine Kirche [Anm. eher eine Kapelle]. Von dort begann total laut mit krächzenden Lautsprechern die Übertragung der Radio-Gong-Silvester-Party. Über tausend Leute aus den Zellen zum Hof hingen an ihren Fenstergittern. Es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm, brennende Decken und Klorollen fliegen, Schuhe, Hosen, Gläser, überall – tausende von Papierschnipseln… Geschrei, Feuer – wohin man sieht, es wirkte, als wenn Panik ausbricht – aber irgendwie auch lächerlich. So stehen Abu und ich auch auf dem Bett [Anm. das Fenster ist zu hoch …] und beobachten fassungslos das Gejohle. Bis 0.00 Uhr wird es immer lauter,um Mitternacht überstrahlt das Ganze nur noch das Feuerwerk [Anm. draußen] – tausend Stahlteller rasseln an den Gitterstäben. Wahnsinn. Ich habe als Überraschung „Knast-Champagner“ kalt [Anm. auf die Fensterbank] gestellt. Um 23.59 Uhr öffne ich die Coladosen und wir stoßen an. Aber zuerst beuge ich mich herab zum Foto von Silke, was längst wieder neben meinem Kopfkissen an der wand hängt, und küsse es. Alles Gute zum neuen Jahr. Bis etwa 1.00 Uhr morgens dauert dass nun rasch abklingende Spektakel noch, dann geht endlich das Licht aus. Abu hat schlechte Laune; ich schlafe schnell ein. Silvester war lange nicht so schmerzhaft wie Weihnachten, aber ich habe auch nicht zu sehr darüber nachgedacht. Ich werde das alles anschließend nachholen.

*1 Abu ist ein Bestandteil männlicher arabischer Beinamen (kunya) mit der Bedeutung „Vater von“. http://de.wikipedia.org/wiki/Abu_%28Beiname%29

*2 Sehr viele meiner Mitgefangenen hatten niemanden oder verloren ihre Bindungen nach draußen relativ schnell. Auch in dieser Hinsicht war mein starkes, treues und riesiges soziales Umfeld eine beeindruckende Ausnahme.

Freitag, 30. Dezember 1994 – 7.00 Uhr wecken – ich will weiter schlafen, werde aber um 7.30 Uhr geweckt. Es ist also wahr – es geht los. Ich habe relativ gute Laune, setzt sich doch etwas in Bewegung. Und irgendwie glaube ich, noch vor dem Schub entlassen zu werden. Da ich drei Tage Einsamkeit vor mir habe, habe ich gestern beschlossen, jeden Tag einen Brief jeweils an Antje, Papa und Silke zu schreiben.Es ist mittlerweile eine Menge Material zusammengekommen: 11 Ordner, vier Tüten Material, eine große Kiste und ein paar Klamotten. Also fünf Mal zur Kammer laufen. Ich brauche nur drei Mal gehen, da mir zwei sogenannte Hausarbeiter helfen dürfen. Als ich zum letzten Mal hochgehe zur alten Abteilung, frage ich den Dienstleiter, Herrn Buderus, ob ich wenigstens Silvester noch einmal in der alten Zelle schlafen kann. Das wird jedoch abgelehnt. Ich erhalte aber die Zusage, dass ich Silvester nicht alleine in einer Zelle sitzen werde. Dann heißt es Abschied nehmen. Komisch – wir haben fast zwei Monate auf allerengstem Raum zusammen gelebt. Wir haben uns irgendwie lieb gewonnen. Es kommt zu einem herzlichen Abschied, wir nehmen uns fest in die Arme und Mehmet läuft sogar eine Träne über das Gesicht. Sie wollen mir nach Berlin schreiben und auch ich verspreche, ihnen von meinem weiteren Schicksal zu berichten. Wie wird ihr Weg wohl weitergehen? Achmedi aus Sarajewo, der seit 90 Tagen bereits auf seine Abschiebung wartet,und noch immer nicht weiß, wann diese stattfindet und wohin es gehen wird? Nach Ex-Jugoslawien sicher nicht?! Vielleicht nach Frankreich …
Mehmet, der wegen versuchtem Totschlag an seiner Frau zu 3 Jahren und 10 Monaten verurteilt wurde, hat, nachdem ihm „Halbstrafen-Regelung“ zugesagt wurde, seine Revision zurück genommen. In zwei Monaten wird seine frau das erste gemeinsame Kind bekommen, wenn er 50.000,-DM Kaution hinterlegt, darf er für drei Monate rauskommen aus dem Vollzug. Er wird nach NRW verlegt werden und in drei Monaten in den offenen Vollzug kommen. Memet wird sich im März wegen der 200g Heroin verantworten müssen. Obwohl er ein richtiger Krimineller ist, ist auch er mir über die Zeit lieb geworden. Er ist es auch, der sich die größten Sorgen um meine Zukunft macht, gibt mir noch viele Regeln und Warnungen mit auf den Weg. Er wird mit einer Strafe von 2-5 Jahren zu rechnen haben, und danach – wenn es schlecht für ihn läuft – in die Türkei abgeschoben werden. Rainer wird wohl in einem halben Jahr wieder frei sein, und die anderen ? … Wir werden uns aus den Augen verlieren. Viele von unserem Gang (89 Leute) verabschieden sich noch sehr herzlich, besonders die Türken, der Kurde von der PKK und der Slowake. Als ich den letzten Gang mache, drückt mir auch der Dienstleiter fest die Hand, wünscht mir alles Gute, viel Glück. Unten treffe ich noch Günter vom 4. Stock. So kann ich mich auch bei ihm noch bedanken für die Hilfe und die moralische Rückendeckung hier drinnen. Da erfahre ich, dass neue Wäsche und ein Weihnachtspäckchen von Silke für mich angekommen sind. Ich bin „überglücklich“. Es geht zur Kammer, wo ich 1x Handgepäck für den Transport zusammenpacke. Alles andere packe ich dort sorgfältig in zwei Kartons. Einer wird wohl mit dem Transport mitgehen, der andere – der mit den Ordnern – per Post nachgeschickt werden. In der Kammer erfahre ich, dass mein Anwalt da ist. Herrlich, auch das hat also geklappt. Ich lege also gleich die Dreckwäsche beiseite, damit Brengelmann diese und meine aktuellen Tagebuchblätter an Silke weitergeben kann. Von der Kammer also gleich zum Anwalt. Es ist der Kollege von B., Rechtsanwalt Meier, der mir zwar noch immer keine Neuigkeiten aus Berlin bringt, aber die Revision dabei hat und mir verspricht, Silke zu kontaktieren, damit diese morgen noch kommen kann. Der Termin ist schnell vorbei, dann geht es ab auf meine neue Abteilung. Ich komme zuerst auf eine Einzelzelle, werde dann aber auf eine Doppelzelle verlegt. Ich gebe noch schnell die Dreckwäsche ab in der Hoffnung, dass der Anwalt diese noch bekommt. Hoffentlich wird das mit der Kontaktaufnahme zu Silke auch noch funktionieren. Zurück zu meiner Verlegung: Bisher war ich im Westbau, Geschoss bzw. Abteilung III., also WB GIII., Raum 301. Nun bin ich auf Transport im Erdgeschoss, also = = T-021. Als ich meine neue Zelle sehe, graut mir schon, auch die Ruhe, das fehlende Radio, bedroht mich. Noch einmal muss ich zum Dienstleiter und bekomme mein Weihnachtspaket von Silke. Ich reiße unauffällig die Ecke mit ihrem Gruß vom Paketaufkleber ab, die Inhaltsliste wird einbehalten, nur eine Tafel Kinderschokolade wird zur Kontrolle geöffnet. Ich nehme alles mit in die Zelle. Der Gedanke, dass Silke ihr weniges Geld für mich ausgibt, treibt mir wieder Tränen in die Augen. Aber – was immer sie geschickt hat, ist gut, denn sie hat es für mich gekauft. Ich habe nur noch die graue Plastikkiste [Anm. eine große Postsortierkiste] als Handgepäck. In ihr verstaue ich meinen neuen Schatz. Kaum in der neuen Zelle, ist schon von 9.50 – 10.50 Uhr Hofgang auf dem neuen Hof. Er ist genauso angelegt wie der alte, nur spiegelverkehrt. Ich unterhalte mich mit einem schwarzen, der auf Abschiebung nach Südafrika wartet. Wir sprechen Französisch. Auch einen Russen von der Halbinsel Krim lerne ich kennen. Der sieht so richtig wie ein Verbrecher aus. Zu Mittag gibt es dann Tomatensuppe mit Reis, dann Kartoffeln mit Fisch und Salat. Der Fisch riecht nach Tod. Nach dem essen lerne ich meinen neuen Zellengenossen kennen. Jachjar, aber er wird Abu genannt. Er ist israelischer Staatsbürger, aber ich glaube, er ist Palästinenser. Es stellt sich aber heraus, dass er Beduine ist und als Asylant nach Deutschland kam. Grund ist sein Wechsel, aus einer muslimischen Familie stammend, ist er zum Christentum (Zeugen Jehovas) gewechselt – so seine Geschichte. Er berichtet, dass darauf nach muslimischem Glauben er Tod stünde, weshalb er nach Deutschland geflohen sei. Abu geht an einer Krücke. Bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei, so berichtet er, sei er von der Polizei angeschossen worden, in beide Beine. Nun sitzt er schon seit 11 Monaten in U-Haft, damit er vor der Verhandlung gesund ist. Man hängt ihm 118 Fälle (Diebstahl usw.) an. Er ist sehr verzweifelt,will viel reden und leidet sichtlich an starken Schmerzen. Das Schönste ist, er hat ein Radio, einen Tauchsieder und Kaffee dabei. Meinen Tauchsieder hatte ich als Abschiedsgeschenk bei den anderen zurück gelassen. Ich fühle mich richtig gerettet. Abu ist sehr reinlich, fängt sofort an, zu putzen. Wir reden lange miteinander. Dann gibt es um 15.00 Uhr Abendessen – Käse und Brot. Gute Nacht. Ich trage den gestrigen und heutigen Tag im Tagebuch nach, dann esse ich. Abu erzählt, dass er Maler ist und wohl auch noch eine Klage wegen versuchtem Totschlag zu erwarten hat. Er wird am Mittwoch nach Erding verlegt. Ich soll am Montag auf Reisen nach Berlin gehen. Der Sanitäter bringt mir noch eine salbe für die Reise und meint, dass ich bereits Ende der kommenden Woche in Berlin ankommen werde. Wir werden ja sehen. Ich will mich nur ein wenig hinlegen, werde aber erst gegen 21.30 Uhr wieder wach. Ich wollte noch ein wenig schreiben, aber die Zeit wird bereits knapp [Anm. da das Licht um 22.00 Uhr von außen abgeschaltet werden wird], also lieber noch schnell eincremen, Zähne putzen und ab ins Bett. Abu schläft, so kann ich endlich mal in Ruhe auf Toilette gehen*1. Um 22.00 Uhr ist es dunkel in der Zelle …

*1 Siehe Skizze – der Bello – Knastbegriff für das Klo – steht mitten im Raum.

Donnerstag, 29. Dezember 1994 – Es ist merkwürdig: der Tag selber ist unendlich und will einfach nicht vorübergehen. Jede Stunde zieht sich quälend dahin, jeder Tag ist eine furchtbare Berg- und Talfahrt der Gefühle. Aber wenn ich überlege, dass ich jetzt schon fast zwei Monate hier drin bin, … Die Verhaftung kommt mir noch immer so vor, als habe sie erst gestern stattgefunden. Und – wenn die Entlassung endlich da wäre kommt einem die Zeit dazwischen wohl sehr kurz vor. Und doch: draußen wird sich viel verändert haben. Noch nie haben sich Freunde und Gefühle so klar verdeutlicht wie jetzt. Erst hier habe ich begriffen, was mir meine Eltern bedeuten. Für Silke hatte ich mich ja (erst) kurz vor der Verhaftung ganz entschieden. Deshalb ist gerade jetzt die Trennung von ihr zur besonderen Qual geworden. Ich hoffe so sehr, dass sie mir treu bleibt; dass sie so sehr Meins sei will, wie ich für sie da sein will. 7.00 Uhr wecken – ich schlafe weiter, da mich de Idee vom Hofgang um 7.40 – 8.40 Uhr erneut nicht gerade begeistert. Erst um 9.00 Uhr stehe ich auf und gehe mit zum Duschen. Heute ist wieder Zelle putzen angesagt, aber es ist heute nicht meine Aufgabe. Um 10.00 Uhr werden wir für eine Stunde eingeschlossen, ich lese ein paar alte Zeitungen. Um 11.00 Uhr gibt es Mittagessen, Reis mit „Whiskas-Soße“ und Salat. Das war bestimmt echtes Katzenfutter, was da als Fleischbeilage in der Soße war! Hatte ich berichtet, dass ich meine Sonnenbrille bekommen hatte? Anstatt dass der Anwalt kommt, bekomme ich eine Menge Briefe heute: zwei von Antje, einer von Tante Ortrud, einer von den Müllers aus Mainz,ein Schreiben vom Gericht, eine Karte aus den USA, ein Brief aus den USA, eine Karte von Edith aus Toronto, eine Karte von Bob, dem großen rothaarigen schotten, der vor zwei Jahren beim Rudolf-Hess-Marsch dabei gewesen war. Ich glaube, dass war alles. Am Nachmittag beantworte ich die ganze Post und schreibe auch noch an Papa und Silke. Der Anwalt war wieder nicht da. Ich weiß noch immer nicht, was passiert ist. Um 15.30 Uhr erfahre ich, dass ich noch morgen in eine Transportzelle verlegt werde, um dort alleine, ohne Licht, ohne Radio, und ohne Andere , Silvester verbringen zu müssen, da ich am Montag auf „Schub“, also Transport nach Berlin gehen werde. Der Transport kann ohne weiteres bis zu zwei Wochen dauern. Ich bin wieder völlig am Ende. Das bedeutet, Silke wieder vier Wochen nicht zu sehen. Was ist mit der Entlassung? Was ist mit dem Anwalt? Ich muss Dreckwäsche loswerden und neue Wäsche bekommen… Ich nehme Abschied von Rainer aus der Nebenzelle und von Werner von der Etagenbücherei. Dann lege ich mich hin. Um 21.00 Uhr stehe ich wieder auf . Mehmet, Memet und Achmedi [Micki] und ich sitzen ein letztes Mal beim Abendessen zusammen. Dann spielen wir bis 2.00 Uhr morgens noch „Mensch ärgere Dich nicht“ (ab jetzt nenne ich das nur noch MÄDN). Die Stimmung ist gedrückt, vor allem, weil ich ja die nächsten drei Tage auf der anderen Seite des Hofes sitzen werde, also eigentlich noch „dabei“ bin. Um 16.00 Uhr ruft der Dienstleiter doch noch für mich beim Anwalt an, damit dieser noch kommt. Dennoch schreibe ich erneut einen gleichlautenden Antrag sowie einen Antrag auf Extra-Erlaubnis für Silke, schon am Samstag kommen zu dürfen. Ob ich sie noch sehen werde? Ich lege mich hin und schlafe relativ schnell ein.

Mittwoch, 28. Dezember 1994 – 50. Hafttag – UNSCHULDIG !!! Wie jeder Tag wird auch dieser von Hoffnungen und Enttäuschungen beherrscht sein. Um 7.00 Uhr wecken, ich gebe die Anträge ab, um 7.15 Uhr ist Bettwäschewechsel, dann Schlafen bis 8.30 Uhr. Um 8.40 Uhr ist Hofgang, ich gehe nicht mit sondern putze stattdessen ein wenig die Zelle. Um 9.30 Uhr geht es erneut wieder wegen der Sonnenbrille zur Kammer. Endlich – ich bekomme sie, meine Sonnenbrille; am 50. Hafttag. Es regnet zum ersten Mal. Als ich zurück komme, schlägt mir Mehmet spaßeshalber auf die Brust und trifft die Sonnenbrille, die beinahe zerbricht. Zum Mittagessen gibt es Leberkäse, der sehr gut schmeckt – deshalb auch nur sehr wenig. Dazu Kartoffelsalat und Chinakohlsalat aus dessen Strunken. Nach dem Essen liege ich herum und hoffe, dass der Anwalt kommt und mich endlich darüber aufklärt, was hier eigentlich gespielt wird. Aber es wird 15.00 Uhr ohne dass etwas geschieht außer dass ich erneut ein Fax von den REP-Idioten [Anm. Republikaner] und eine Postkarte von Tante Ortrud bekomme. Ich freue mich nicht einmal, mir geht es psychisch wieder zum kotzen. Gegen 16.00 Uhr erfahre ich noch, dass der Antrag zur Genehmigung einer Buchpaketmarke nach Berlin geschickt werden muss. Zum Abendessen gibt es Hefeklopse, eine Art kalte Dampfnudel. Schmecken aber recht gut. Dazu eine Kanne Vanillesoße, die im Vergleich zu allem anderen Scheiß richtig köstlich schmeckt. Eigentlich will ich zum 50. Hafttag ein Essay über die Haft schreiben – einen guten Titel habe ich schon im Kopf: „Lebendig begraben!“ Denn genau das macht man mit mir hier. Es handelt sich um totalen Psychoterror. Aber mir geht es zu schlecht. Dass der Anwalt wieder nicht da war und ich den Pfarrer nicht erreichen kann, macht mich schon wieder wahnsinnig. Ich denke die ganze Zeit nur darüber nach, was wohl werden wird. Diese Angst, Silke doch noch zu verlieren, dass irgendetwas geschieht, sie irgendwas macht … alle diese Gedanken quälen mich wieder. Um mit dem Denken aufzuhören, beginnen wir um 16.30 Uhr „Mensch ärgere Dich nicht“ zu spielen. Erst um 23.00 Uhr hören wir wieder auf. Ich schreibe noch diese Zeilen über den heutigen Tag, dann gehe ich schlafen. Ich bin so am Ende, ich will, dass Silke mich in den Arm nimmt, will mit ihr kuscheln, mich irgendwo verkriechen … Wann hat das alles hier bloß ein Ende?!
Falls Brengelmann morgen kommt, muss er unbedingt Silke Bescheid sagen, dass sie noch am kommenden Montag kommt. Ich brauche eine doppelte Portion Wäsche. Ich denke, falls ich nicht rauskomme, sollte ich möglichst schnell nach Berlin kommen um an der Quelle des Unglücks zu sein. So werde ich meinen „ersten Einzug in Berlin“ in Handschellen haben. Ob ich wohl die Kraft haben werde, wenn die Stunde der Befreiung kommt – und sie wird kommen – noch einmal nach Berlin zu gehen? Meine Kleine hat an meiner Seite so große Opfer zu bringen – ob sie durchhalten wird? Ich will es wohl, aber ich bin ja geradezu unerträglich! Und – soweit richtig – auch ich habe ganz schön Angst vor der Pflicht einer Lebensbeziehung; hätte ich doch nie geglaubt, dass mir dieses Glück – Silke – je eröffnet würde.

Dienstag, 27. Dezember 1994 – Heute geht der „Alltag“ wieder los. Um 7.00 Uhr werde ich erst einmal einen Antrag auf Telefonat mit Rechtsanwalt Krause, Berlin, und einen für Fotokopien abgeben, auch zum Sanitäter werde ich mich erneut anmelden. Meine Flecken am Rücken sind um nichts besser geworden, meine ich zumindest. Der Arzt soll sich das ansehen. Außerdem werde ich wieder versuchen, an meine Sonnenbrille und an den evangelischen Pfarrer heranzukommen. Ich weiß zwar nicht, wie er heißt, aber das finde ich heraus. Er kann eventuell helfen, dass Silke wenigstens einmal in der Woche kommen kann.
Um 7.00 Uhr gebe ich also beim Hausarbeiter Werner diese Anträge ab. Dieser war schon wieder – ohne bei uns nachzufragen – an unserer Zelle vorbei gegangen. Jeden Morgen dasselbe Theater. Um 7.15 Uhr aufstehen, Memet und ich gehen zum Sanitäter. Dieser gibt mir eine neue Salbe und sagt mir, der Hautarzt werde erst in der kommenden Woche wieder da. Also zurück zur Zelle. Ich esse den allerletzten Milchreis ohne Zimt und trinke eine Kaffee. Zum Hofgang von 7.40 – 8.40 Uhr gehe ich nicht mit. Um ca. 8.30 Uhr lässt mich der Dienstleiter zu sich kommen. Auch ihm wird meine rechtliche Situation immer unangenehmer – er versucht, zu helfen. Aber den Antrag wegen des Telefonats weist er zurück, diesen müsse ich direkt in Berlin stellen. Wegen der Fotokopien will er sich bemühen, eigentlich geht so etwas auch nicht. Wieder zurück in die Zelle. Um 10.00 Uhr dann wegen der Sonnenbrille zur Kammer. Dort um 10.33 Uhr angekommen, man hatte mich über eine halbe Stunde warten lassen, bekomme ich die Brille … wieder nicht, da ich drei Minuten zu spät sei. Ich rege mich auf und drohe mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Also – morgen wieder … Zurück gekommen gibt es Mittagessen, Kartoffeln mit einem Karotten-Erbsenrahm mit geringer Fleischeinlage. Um 11.30 Uhr gibt mir der Dienstleiter die gewünschten Kopien, weil ich ihm in meiner Situation so leid tue. Außerdem ist ein Antrag meines Berliner Anwaltes in Kopie dabei wegen der Kammerentscheidung in Berlin dabei. Er ist vom 20. Dezember – es kann also doch noch also alles unentschieden sein, etwas Hoffnung kommt auf. Die ganze Hoffnung fixiert sich auf Silvester. Wäre ich frei, würde ich mit Silke alleine nach Brüssel fahren. Ach wäre das wunderbar. Aber die Situation ist so verworren, dass man sie kaum noch entwirren kann. Ich sortiere die ganzen Kopien noch in die dafür vorbereiteten Umschläge und sende diese noch vor 12.00 Uhr ab. Das wäre erledigt. Jetzt mache ich mir Gedanken über meine nächsten Schritte; ich bin seit sieben Wochen in Haft. Seit sieben Wochen – unschuldig – verbüße ich bereits eine Strafe, die ich nicht bekommen kann und werde. Nachmittags liege ich herum, hoffe auf Post und dass der Anwalt morgen kommt. Da fällt mir ein – schade – dass ich von Silke bisher nicht einfach mal eine Karte oder so bekommen habe. Ich muss ihr das mal sagen. Ich schreibe noch einen Nachforschungsantrag wegen der Buchpaketmarke und den Antrag wegen des Pfarrers. Leider darf man pro Tag nur zwei Anträge stellen. Also morgen. Zum Abendessen wieder Ekelwurst und steinharte Brötchen. Ich liege herum und lese, denke an meine Freilassung. Am Abend noch etwas spielen (Mensch ä.D.n.) und um 0.30 Uhr abends schrieb ich noch das Tagebuch. Silke – ich will Dich!

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Montag, 26. Dezember 19942. Weihnachtsfeiertag – 7.00 Uhr wecken, 7.40 – 8.40 Uhr Hofgang, danach duschen. Alles das interessiert mich herzlich wenig. Ich schlafe bis 10.00 Uhr, dann stehe ich auf, esse die letzte Banane, den letzten Milchreis mit Zimt und trinke einen Kaffee. Die konsumorientierte,total veramerikanisierte und im allgemeinen ziemlich beschissene Radiomoderation hat zum Glück den letzten Hauch von Weihnachtsgefühl zerstört. Ich betrachte, wie jeden Morgen, meine am Schrank klebenden Fotos und küsse, wie immer, Silkes Abbild,. ihr dabei einen „Guten Morgen“ wünschend. Im Radio läuft Werbung für das Tilt [Anm. damals Silkes Lieblingsclub – ich selber besuchte so etwas damals nur in Ausnahmesituationen]. Hoffentlich geht sie wieder nicht hin. Mein Wille, mit ihr zusammen zu bleiben, sie nicht mehr verlieren zu wollen, ist stärker geworden. Liebe ist sonderbar …
Um 11.00 Uhr gibt es Mittagessen: Schweinebraten mit Kartoffelkloß (ich nehme einen zweiten Kloß von Memet, da ich beim Gürtel zumachen inzwischen [Anm. wegen Gewichtsverlust] beim letzten Loch angelangt bin. Also vier Löcher weiter – der Bauch ist weg!). Nach dem essen ist – weil Weihnachten ist – erneut Umschluss. Wir spielen zu sechst „Mensch ärgere Dich nicht“. Da geht die Tür auf, ein Schließer holt mich heraus. Günther – ein Typ, den ich von der vielen Warterei beim Gang zum Anwalt her kenne (er hatte mir neulich sogar etwas Schokolade geschenkt, zur Erinnerung an den Leser), hat es geschafft, dass ich entgegen der regeln hoch in den 4. Stock zum Umschluss kommen darf. Oben sagt der dortige Schließer dann jedoch erst nein – nach einem kurzen Geplänkel erlaubt er aber doch, dass ich eine stunde bleiben kann. Nett – ich bin endlich mal mit ein paar Deutschen zusammen*1, die zudem alle aus mehr oder weniger Bagatelle-Gründen einsitzen. Günther sagt, er säße seit nunmehr sieben Monaten unschuldig*2 in U-Haft, nimmt es aber lachend. Die Zeit geht schnell vorbei. Günther gibt mir noch die Adresse von einem Anwalt, der auf das Herausholen von U-Häftlingen spezialisiert ist. Erstmal sehen, was Brengelmann aus Berlin berichten wird. Mittlerweile habe ich schon ein halbes Dutzend eigene gute und schlechte Ideen.Die Kraft der guten Ideen überwiegt heute. Weihnachten ist vorbei. Ab morgen kann ich wieder vier Tage um meine Freiheit kämpfen. Nachmittags höre ich ein paar nette Reportagen im Radio über Eisbären*3 in Alaska, über Mazedonien und Nicaragua. Ich träume ein wenig von Eisbären. Gestern war die erste Frau am Südpol*4. Abends werde ich gegen 19.00 Uhr nochmal wach. Um 15.30 Uhr, gleich nach dem Umschluss, hatte es Wurst und Brot zum Abendessen gegeben, das wir gleich verzehrten. Wach werde ich wegen des Lärms draußen: Schreie und an den Gittern entlang gezogene Metallteller, ein Zeichen, dass sich wieder jemand erfolgreich aufgehängt hat, von dem wir etwas mitbekommen haben. Der Dritte. Ich stehe auf, trinke eine Cola, esse Salzstangen und schreibe mein Tagebuch. Ich lese ein wenig in meinem einzigen Weihnachtsgeschenk: B’s [Anm. mein Ex‘] Abschlussarbeit zum Diplom-Kaufmann. Die Widmung ist wunderbar. Später spielen wir noch ein wenig Karten. Weihnachten ist vorbei – die Schmerzen, die Tragik und die Hoffnung werde ich nie vergessen. Wie lange wird das Ganze wohl noch andauern?

*1 Deutsche sind 1994 – 97 in den Gefängnissen, die ich kennenlerne, in der Unterzahl, ich würde auf etwa 45% Anteil schätzen – maximal.
*2 Jeder Gefangene ist bekanntlich „unschuldig“. Nun, es gibt tatsächlich viele, die zu ihren Taten stehen, teils bereuend, teils bekennend. Aber viele stilisieren sich zum Opfer, auch wenn klare Straftaten vorliegen. In der U-Haft zumindest gelten letztlich aber nur zwei Gründe für die Haft: Flucht- oder Verdunklungsgefahr. Bis zu einer – rechtskräftigen – Verurteilung gilt JEDER als unschuldig. Beschuldigt ja – aber es zählt die Unschuldsvermutung.
*3 Eisbären waren und sind eine meiner Lieblingstierarten.
*4 Die Entdeckung der Polare, die Geschichten von Fridjof Nansen und Roald Amundsen gehören zum Aufregendsten, mit dem ich mich in meiner frühen Jugend befasste.

Sonntag, 25. Dezember 19941. Weihnachtsfeiertag [vorbei ist es mit dem Adventskalender] Als wenn nichts wäre, geht um 7.00 Uhr die Klappe an der Tür der Zelle auf: Heißes Wasser und, wenn gewünscht, Anmeldung zum Gottesdienst. Um 7.30 Uhr kommt ein Schließer, öffnet die Tür und lässt einen Jugoslawen unter dem Vorwand, er brauche Hilfe bei der Formulierung eines Antrages, in die Zelle. Dieser hält ein Schwätzchen mit Micki. Ich bekomme einen „Hals“ – am einzigen Tag, an dem man länger schlafen kann, schreien die beiden Jugos schon wieder herum. Zum Glück ist der Spuk 15 Minuten später vorbei und es kehrt wieder Ruhe ein. Micki legt sich wieder hin, macht aber vorher noch das Radio an, in dem aber zum Glück ruhige Weihnachtsmusik läuft. Gestern Abend lief der gleiche Sender.Als ich am Abend unter Tränen die Post an meine Lieben schrieb, überraschten die anderen drei [Anm. Mohammedaner] mit dem Versuch, etwas Weihnachtlichkeit in die Zelle zu bringen*1, was ihnen aufgrund ihrer Religion sichtlich schwer fiel. Aber der Wille zählt. Memet hatte sogar aus der Margarine und Handtuchfetzen zwei Kerzen gebaut. Wir machten das Licht aus – nur die Kerzen brannten – aßen Kuchen und Orangen, tranken Kaffee. Ich erzählte, wie „wir“ Weihnachten feiern.… und ich weinte und wollte nur zu meiner Freundin.
Ich glaube, dass in Berlin eine ganz miese Sache gelaufen ist. Ich habe noch bis 4.30 Uhr morgens wach gelegen und Radio gehört. Es war das schrecklichste Weihnachten meines Lebens. Bevor Mehmet schlafen ging, haben wir noch gestritten. (Übrigens Memet ist der 26jährige, Mehmet der Ältere, der seine Frau „angestochen“ hat). Mehmet warf mir vor, zu viel zu leiden.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich ein Feigling oder Weichling bin, aber ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht so ist.
Entscheidend ist es, wann und wo auch immer zu seinen Positionen und Werten zu stehen und dann, wenn es nötig und möglich ist, dafür zu kämpfen.

Und wenn ich hier meine Gefühle nicht unterdrücke, ist das richtig und gut. Und – egal, ob ich im Recht oder Unrecht bin – Tatsache ist, dass ich mich jetzt und hier in einer für mich schrecklichen Situation befinde*2. Um 10.00 Uhr stehe ich auf, esse wieder einen Milchreis mit Zimtgeschmack, eine Banane und trinke zwei Tassen Kaffee. Dann, gegen 11.30 Uhr, gibt es Mittagessen: Gemüsesuppe, Nudeln mit Rindfleisch und Soße. Salat nehme ich nicht, ist eh‘ immer der gleiche. Nach dem essen ist Umschluss, wir spielen „Mensch ärgere Dich nicht“ und alle sind froh, das „Heilig-Abend“ vorbei ist. Um 14.30 Uhr gehe ich zum ersten Mal seit Tagen wieder zum Hofgang mit. Es ist verschneit und überfroren. Zum ersten Mal gehe ich [Anm. hier] durch den Schnee. Tom, ein Halbschwarzer, mit dem ich mich beim Hofgang öfter unterhalte, erzählt mir von Leuten, die über Monate unschuldig in Haft gehalten worden sind. Er nimmt mir mal wieder die letzten Hoffnungen und Illusionen. Was Silke wohl gemacht hat? Ich glaube nicht, dass sie nach Salzburg gefahren ist. […] Was die Berliner Haftrichterin alleine ihr antut! An den Hofgang schließt sich das übliche AbendessenIch schlafe erst einmal bis 18.00 Uhr, dann trinke ich den roten Tee, esse Abendbrot und schreibe mein Tagebuch. bereits an:heute eine Scheibe (1cm) Wurst, Semmeln und roter Tee. Gute Nacht – das war es dann wieder. Noch drei Tage, bis Brengelmann wieder kommt. Ich bin sehr nervös; was wohl wieder falsch gelaufen ist. Noch hoffe ich doch ein wenig, dass die Berliner Entscheidung vielleicht nur wieder vertagt worden ist und ich – verdammt nochmal – nächste Woche, nach sieben Wochen nun endlich freikomme. Leider werden auch „Briefe und Post“ erst wieder ab Dienstag funktionieren… „Frohe Weihnachten“…

*1 Meine drei Zellengenossen hatten nach dem Hofgang den im Treppenhaus aufgestellten Weihnachtsbaum um etliche Zweiglein und Ästchen erleichtert, und so eine Art Weihnachtsdekoration auf den Tisch gezaubert.
*2 Solange man eine gewollte oder ungewollte Schuld auf sich geladen hat, ist die Situation auch tragbar, wenngleich auch schwer. Aber – wenn Unrecht sich als Recht aufspielt, greifen Logismen nicht.

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Samstag, 24. Dezember 1994 – Das ist der Tag, vor dem ich die ganze Zeit soviel Angst hatte. Meine Mitgefangenen haben mich oft gefragt:
Was ist das eigentlich: „Deutsch“?! Das ist es: Weihnachten – das ist Deutsch! Wenn Seele und Herz den Menschen wieder führen!
Bis heute Mittag hatte ich tatsächlich noch gehofft, freizukommen. Jetzt ist „Heiligabend“. Silke wird wohl heute ebenso weinen, wie ich es jedes mal tue, wenn ich hier an sie denke. Morgens hatte der Tag begonnen wie immer. 7.00 Uhr – Klappe auf, warmes Wasser, weiterschlafen. Weiterschlafen bis zum Hofgang 9.50 Uhr. Ich will niemanden sehen – bleibe alleine auf der Zelle. Ich trinke Kaffee und esse einen Milchreis. Zum ersten Mal heute muss ich weinen, stelle mir vor, Silke steht draußen an der Mauer und wartet … Zum Mittagessen gibt es widerlich fettig gebackenes Huhn. Ich esse nur ein wenig Kartoffelsalat. Dann, beim Umschluss lenke ich mich durch Gespräche mit Rainer und einem Slowaken, der zum ersten Mal dabei ist, ziemlich gut ab. Ich glaube schon, der Stress ist abgebaut. Ich hole mir noch viel Papier und Umschläge um nachher noch post zu machen. Schreiben ist für mich die beste Ablenkung. Aber ich schreibe heute sehr langsam. Abends wieder Geschrei im Hof – der zweite Tote in diesem Jahr*1. Zum Abendessen bekommen wir jeder einen sogenannten Christstollen, den ich gleich weggebe (Graubrot mit Rosinen). Ich schreibe viele Briefe: ans Gericht, an die Anwälte, als es nach 18.00 Uhr ist, schreibe ich an Papa, Silke und meinen Ex‘, um auf diese Art diesen Nahe zu sein. Früh lege ich mich hin und hoffe, bald zu schlafen.
Je mehr ich die Dokumente studiere, je weniger begreife ich, warum ich noch in Haft bin*2. Man hat wohl die Entscheidung verschoben, denn Gründe für die Inhaftierung gibt es*3 nicht mehr. Eigentlich schäme ich mich dafür, wie fertig ich bin. Aber ich liebe Weihnachten, bin fest von meiner Unschuld überzeugt und seit sehr vielen Jahren ist es das erste Weihnachtsfest, an dem ich mit jemanden, den ich liebe, hätte zusammen sein wollen. So viele Andere waren zu Weihnachten schon in Haft. Später werde ich sicher darüber lachen, aber zum Lachen ist mir heute gar nicht. [Anm. (…) kleine Kürzung] Das war also Weihnachten 1994 – ich war im Gefängnis. Ob ich Silvester frei sein werde? Ich glaube an nichts mehr…

*1 Erstaunlicher weise sickern Nachrichten, Fakten, Interna und Informationen aller Art in unglaublicher Geschwindigkeit durch die Zellenwände. Wenn etwa jemand stirbt, ist ganz schnell die Info herum und das Gejohle und Randalieren vieler Gefangener der hilflose Versuch eines Protestes. Gerüchte im Knast haben einen erstaunlich hohen Wahrheitsgehalt.
*2 Das Konstrukt, auf das sich die Beschuldigungen, aber auch die Folgehandlungen und Verurteilung stützen, war von Anfang an brüchig und entbehrt meines Erachtens bis heute jeglicher rechtlicher Grundlage. Es war und bleibt ein Politikum. In meiner Biografie wird sich der Zusammenhang erklären.
*3 seit der Entscheidung des Kammergerichtes vom 28. November 2014

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Freitag, 23. Dezember 1994 – 7.00 Uhr Wecken. Morgen ist Weihnachten.
Heute also die letzte Chance, in diesem Jahr noch freizukommen… Nur diese, letzte Hoffnung ist noch im Kalender: ich will hier heraus.

Es sei noch folgender Nachtrag den Geschehnissen voranzustellen: Vorgestern Nacht gab es draußen ein riesiges Geschrei. Wir lauschten nur kurz, drehten dann das Radio einfach lauter. Am nächsten Tag erfuhren wir, was geschehen war: Es war der erste Selbstmord zu Weihnachten in diesem Jahr.
Laut Christian Worch*1 sprechen offizielle Statistiken von 30 per TSD, die sich in Deutschland [Anm. in der Haft; insbesondere zur Weihnachtszeit] versuchen, selbst zu ermorden. Jedem Zweiten gelingt es. So etwa ist dieser Tage die Stimmung hier drinnen.

Angemerkt sei auch – es hat geschneit – dass ich meine Sonnenbrille erst nach Weihnachten ausgehändigt bekomme. Also kann ich wegen der Helligkeit vorerst nicht mehr am Hofgang teilnehmen.

Als ich heute Morgen wach werde, stehe ich kurz auf, ziehe Jeans, T-Shirt und Socken an und verschwinde wieder im Bett. Die Aufregung, heute noch entlassen werden zu müssen, und dass es doch noch schiefgehen wird, ist derart schlimm, dass ich unter sehr extremen Magenschmerzen leide. Erst um 11.00 Uhr stehe ich auf, um ein wenig zu essen. Komisch – es gibt dasselbe, wie am ersten Tag, nachdem ich – hier in Stadelheim angekommen – meinen Hungerstreik beendet hatte. Danach lege ich mich erneut hin. Ich bin bereits total am Ende. Gegen 14.00 Uhr kommt der Wärter und bringt drei Briefe von Tante Ortrud, einen von Antje, einen aus Frankreich von Michel*2, zwei aus Holland, einen von Karl aus Frankfurt [Anm. bereits erklärt], einen von Frau Balbach [Anm. DER SPIEGEL], drei Postkarten, sowie einen Brief von Arno [Anm. meinem schwulen linksextremen Punker-Freund aus Groningen]. Antje hat ein „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht_Spiel“ mitgeschickt [Anm. was erstaunlicher Weise durch die Kontrolle kam], was wir zur Ablenkung gleich eine stunde lang spielen. Dann gibt es Abendessen und der Beamte erklärt mir, dass ich heute nicht mehr freikäme und mich wohl nun auf Weihnachten im Gefängnis einstellen müsse. Was ist nur in Berlin geschehen? Ich bin völlig kaputt. Ich setze mich am Nachmittag hin und beantworte die gesamte Post und schreibe mein Tagebuch. (Ach ja – das Essen war Kaiserschmarrn mit Apfelmus – und eine der Postkarten war von Michi*3. Ich werde morgen beantragen, mit dem Berliner Anwalt Krause telefonieren zu dürfen. Aber bis Dienstag wird hier gar nichts laufen. Ich habe Angst vor morgen. Ich weine um Silke, die bestimmt sehr leiden wird. Ich hoffe noch immer auf ein Wunder. Was ist wohl draußen in Berlin geschehen ?! Die machen mich hier echt psychisch kaputt…

*1 Christian Worch, unter anderem Verehrer von Charles Bukowski und Joseph Goebbels, ist einer der intellektuellen Vordenker des Neo-Nationalsozialismus. und war einer der treuesten Weggefährten von Michael Kühnen. In meiner politischen zeit stand ich in regem Austausch mit ihm. Er war führender Initiator der Hess-Gedenkmärsche, sehr engagiert bei der HNG und initiierte zuletzt die Partei „Die Rechte“. Mehr: http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Worch
*2 Michel Leloup aka Michel Faci – schillernde Figur aus der europäischen „Bewegung“: War eigentlich immer und überall dabei – ob in Kroatien, Bukarest oder Bagdad – er war anwesend.
*3 Michael Huber gehörte zu meinem engen Münchner Freundeskreis politischer Weggefährten.

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Donnerstag, 22. Dezember 1994 – Um 6.00 Uhr werde ich schon wieder wach. Ach ja – eine Postkarte von Antje war gestern noch angekommen. Heute ist wohl der große Tag. Zunächst habe ich erst einmal einen Antrag auf meine sofortige Entlassung gestellt. Ich will auch von hier aus alles tun, um freizukommen. Den Hofgang lasse ich ausfallen, da Selami mir gesagt hat, im Radio sei berichtet worden, dass das Münchner Urteil rechtskräftig sei. Also – lieber noch einmal selber eine Revision beim Gerichtsinspektor einreichen*1 und beglaubigen lassen. Diese schreibe ich während meines Frühstücks. Ich trinke Kaffee, esse Milchreis und ein Duplo. Nach dem Hofgang ist um 8.40 Uhr duschen . Ich dusche jedoch nicht, weil ich glaube, freizukommen. Stattdessen unterhalte ich mich mit Werner, der – hier für den Buchverleih zuständig – sich mit Rechtssachen recht gut auskennt. Auch er beseitigt meine letzten Zweifel, dass ich nicht freikäme. Der evangelische Pfarrer kommt und verteilt als Weihnachtsgeschenk den neuen Jahreskalender 1995. Ich spreche auch ihn an. Er ist sehr freundlich und verspricht mir, bei Krause anzurufen, ob dieser bereits Kenntnis vom Kammergerichts-Beschluss habe. Ich begegne ihm kurze Zeit später erneut, er teilt mir mit, dass heute über den Haftbefehl in Berlin entschieden werde. Die Hoffnungen werden erschüttert, da er mir auch mitteilt, dass es in Berlin dennoch wohl zu einem Verfahren kommen werde… Inzwischen war ich beim Gerichtsinspektor, um meine Revision einzureichen. Auch dieser ist sehr nett. Ich spreche noch kurz mit ihm, ob und was ich noch gegen den Haftbefehl unternehmen kann. Diesbezüglich nimmt er mir jedoch jegliche Hoffnung. Dann – endlich – nach unglaublicher Warterei – ich habe starke Magenschmerzen – esse auch um 11.00 Uhr nichts (es gibt eh nur Kartoffeln, Sauerkraut und Wammerl) gegen 13.00 Uhr geht es los zum Besuch.Silke und Papa kommen, berichten mir über den aktuellen Stand der Dinge und sind beide sehr guter Laune. Beide sind sich 100%ig sicher, dass ich nachher rauskomme. Ich werde immer nervöser. Auch beide Anwälte sollen sich absolut sicher sein. Die Zeit vergeht furchtbar schnell*2. Ich hoffe, Silke erhält beim Gehen dieses Mal noch meine Dreckwäsche,, dann geht es zurück auf die Zelle.
Gegen 15.00 Uhr muss ich zum Dienstleiter. Ob das meine Entlassung wird?
Nein – es wird die Ernüchterung, dass heute wohl nichts mehr läuft.Ich beginne, traurig zu werden. Es gibt Abendessen – heute eine Dose Fisch, die ich wohl später essen werde. Ich bin nervös – mache auch die anderen verrückt. Es wird 16.00 Uhr. Dann fünf, sechs, sieben, acht Uhr abends – nichts geschieht. Vorbei! Irgendwas ist wieder schief gegangen. Ich verstehe das nicht. Ich bin sehr unglücklich, halte mich aber noch total an der Selbstlüge fest, morgen noch auf den letzten Drücker entlassen zu werden. Was ist in Berlin geschehen? Das gibt es doch nicht – hätte man gut beschieden, wäre ich bestimmt noch um 17.00 oder 18.00 Uhr entlassen worden. Die Sache ist oberfaul. Zum Kotzen – auch dieser Tag wird vorbeigehen – aber die Hoffnungen sind eigentlich weg. Das Ganze ist hier wie ein psychologischer Krieg gegen mich. Ich traue mich nicht einmal, den Pfarrer morgen zu fragen, wie das alles ausgegangen ist, weil ich die Enttäuschung nicht spüren will. Tja – ich sah mich heute Abend noch einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt Trinken und Weihnachten in Freiheit feiern. Werde ich morgen noch freikommen? Die Sachlage spricht so total für mich – das ist schon nicht mehr normal. Es geht hinter den Kulissen eben doch um viel, viel mehr.

*1 Eine Revision kann in nur über einen Rechtsanwalt eingelegt werden.
*2 Die Besuchszeit betrug 30 Minuten – mein Vater reiste dafür von Hannover nach München an.

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Mittwoch, 21. Dezember 1994 – Die kommenden vier Tage ist nur noch ein- und derselbe Wunsch im Adventskalender.Wie immer: Wach werden wir mit der „Gong-Show“ im Radio – ansonsten läuft hier nur noch Sharivari (auf 95,5), jeden Tag erinnert mich das an zuhause. Noch kurz vor dem Aufwachen träume ich, zu packen. Ob ich von der Deportation nach Berlin oder der Entlassung träumen würde, erfahre ich nicht mehr, da das Wecken dazwischen kommt. Meine Laune entspricht wieder einem total überspannten Gummiband – eine kleinste Belastung, und es reißt. Auch die „Gute-Laune-Musik“ hilft nicht dagegen. Ein neuer Psycho-Folter-Tag fängt an. Jedes Schlüsselgeklapper wird mich erneut sehr nervös machen. Um 7.40 Uhr muss Memet zum Röntgen, um 8.00 Uhr stehe ich auf, trinke Kaffee, esse ein Duplo (habe ich mir für die nächsten drei Wochen mit dem Einkauf als Morgensnack kommen lassen) und einen Müller-Milchreis mit Zimt. Auch davon habe ich mir 10 Stück gekauft. Komisch, Zimt schmeckt nach Weihnachten. Wenn ich nur wüsste, was mit Silke los ist?! Wenn ich doch nur mit ihr zu Weihnachten zusammen sein könnte… Beim Hofgang bleibe ich in der Zelle und räume auf (Leider muss ich sagen, dass vor allem die anderen beiden Türken sehr dreckig leben) und habe ein Gespräch mit dem Dienstleiter wegen der Revisionsbeglaubigung. Er verweist mich zuständig-halber an den Gerichtsinspektor, zu dem ich dann morgen gehen müsse. Micki kommt vom Hofgang zurück, Mehmet ist zum Anwalt gegangen. Ich sage zu Micki, der wie ich noch immer hofft, umgehend hier raus zukommen, wenn ich raus käme, würde ich wohl zuerst einen riesigen Spaziergang machen, um zu spüren, dass man frei ist, dann baden, um den Knast abzuwaschen – vielleicht mit Silke – anschließend 24 Stunden ins Bett verziehen um zu kuscheln und sich in die Augen zu sehen. Am nächsten Tag würden wir uns in den Zug setzen um zu meinen Eltern nach Hannover zu fahren und dort Weihnachten zu feiern. Das wäre schön. Ich beschließe, diese Gedanken gleich in mein Tagebuch zu schreiben, um sie aus meinem Kopf heraus zu bekommen. So setze ich mich mit Micki an den Tisch zur zweiten Tasse Kaffee und schreibe diese Zeilen.
Wahrscheinlich ist in Berlin schon negativ entschieden worden und bis Februar wird sich außer meiner Deportation nichts mehr entwickeln. Ich glaube, dass diese tage vor Weihnachten die Schlimmsten von allen sind, gerade wegen der Hoffnungen und der Ungewissheit. Weihnachten selbst hier drin ist so unrealistisch wie der Gedanke an eine Freilassung. Es ist wirklich so: Die Struktur des Gefängnisalltags und die Stimmung hier drinnen töten jegliche weihnachtliche Stimmung im Keim. Jeder einzelne Tag hier drinnen ist wie nie vergehende Zeitfolter von Minute um Minute,die sich wiederum langsam zu einer nie endenden Kette zusammenfügen,die Tage wollen nicht vorbeigehen, nicht enden …. und dann stehe ich fassungslos vor dem Kalender und stelle fest, dass ich schon seit sechs Wochen hier bin, also anderthalb Monate. (Das wäre schon ein Sechstel der Münchner Verurteilung, würde sie rechtskräftig und auf Halbstrafe hinauslaufen – unglaublich.)

TEIL V

Um 11.00 Uhr, als gerade das Essen ausgegeben wird (saures Lüngerl mit Semmelknödel), werde ich zum Anwalt gerufen. Es ist Brengelmann. Nachdem ich gerade zuvor den vierten Teil meines Tagebuchs abgeschlossen hatte und unter stärksten Depressionen leide, habe ich Angst vor den neuen Hiobsbotschaften, die er mir wohl bringt. Aber es kommt ganz anders: Er sagt mir, dass er Revision eingelegt habe und bringt mir einen Beschluss aus Berlin mit. Es ist ungeheuerlich:
Das Kammergericht Berlin hatte bereits am 28. November 1994 alle mir vorgeworfenen Straftaten zurückgewiesen!
Mein Berliner Anwalt hat dieses erst durch Brengelmann erfahren.
Ich sitze also in einer „nicht mehr vorhandenen Sache“ wegen Fluchtgefahr!
Unglaublich.

Auch berichtet er, dass Silke erst morgen kommen werde, weil auch mein Vater mitkommen wird. Mir geht es auf einmal hervorragend. Ich bin wieder überzeugt, spätestens morgen freizukommen. Zurück in der Zelle sortiere ich meine Unterlagen, da ich endlich die nötigen Ordner und Klarsichthüllen durch den Anwalt erhalten habe. Ansonsten bin ich gut gelaunt, obwohl die anderen schon raunen, mit meiner Freilassung werde es eh wieder nichts werden. Die Zeit vergeht unglaublich langsam. Wir spielen Karten, trinken Cola, essen Salzstangen. Mehmet bekommt ein Paket, sodass wir auf das Abendessen verzichten und stattdessen türkische Knoblauch-Salami und Schafskäse essen. Bereits gegen 23.00 Uhr lege ich mich hin, aber es dauert noch bis 4.00 Uhr morgens, bis ich endlich schlafe…

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Dienstag, 20. Dezember 1994 – Ich bin so fertig, dass ich kaum schreiben kann, da meine Hand so zittert. Alles sieht so furchtbar aus. Ich bin sicher, vor Weihnachten nicht mehr herauszukommen. Ich bin überzeugt, dass ich meine Wohnung durch die U-Haft verlieren werde [Anm. woher soll – ohne Einnahmen – 1800,-DM monatliche Miete kommen?!] und dass meine Beziehung zu Silke, trotz großer Gefühle, zugrunde gehen wird. Ich bin vollkommen apathisch, sitze den ganzen Morgen von 8.00 – 11.00 Uhr in der ecke auf meinem Bett und friere. Mir ist zum heulen zumute, aber die tränen wollen nicht kommen. Ich streite mich beim Mittagessen (es gibt Eintopf) mit Mehmet. Nach dem Essen lege ich für den Fall, dass Silke kommt, meine Sachen bereit. Die Zeit des Wartens geht nicht vorbei.
Heute Morgen habe ich eine Buchpaketmarke beantragt, außerdem erneut um meine Sonnenbrille gebeten. Zudem hatte ich gehofft, über den Dienstleiter an meinen Rechtsanwalt Brengelmann heranzukommen. Aber das scheiterte. Die letzte Hoffnung ist Silke, die den Brief annehmen könnte*1. Aber helfen wird das auch nur, falls das Gericht erst morgen früh entscheidet. Ich bin total kaputt, man weiß in Berlin auch gar nicht, was alles für mich davon abhängt, wie kompliziert diese Situation ist. Das mein altes Leben seit zwei Jahren zu-ende war, ist klar, aber das mein neues Leben von Anfang an zerstört wird?*2 Ich denke oft ans Sterben. Nein – antun werde ich mir nichts. Dafür lebe ich viel zu gerne. Aber in mir stirbt jeden Tag ein Stück mehr. Immer öfter begegne ich Gefühlen wieder, von denen ich dachte, sie nur aus der Pubertät zu kennen. Und immer häufiger bemerke ich Abstumpfung, Verhärtung und Hass, mit dem ich nichts anfangen kann und will. Nicht einmal träumen kann ich mehr. Gestern habe ich wieder bis 3.00 Uhr Morgens wach gelegen. Ich beginne sogar, mir Vorwürfe zu machen, warum ich nie an Fliehen gedacht habe ?!
Ich gebe zu – so kritisch ich auch bin – typisch „deutsch“ hatte ich dennoch an ein rechtsstaatliches Verfahren geglaubt. Erst jetzt stirbt dieser Glaube, langsam aber sicher. Noch klammere ich mich an „Recht und Gesetz“ um einen Ausweg aus der „Vor-Haft“ – denn nichts anderes ist es schließlich – zu finden. Kurt Müller hatte gestern einen schönen Spruch auf seinen Brief gestempelt:

Ob eine Meinung falsch, ob richtig,
sie sagen dürfen nur ist wichtig.

So habe ich immer gedacht. Ich bin damit der „NeoNazi“ geworden, und die Demokraten verfolgen mich. Was für eine Ironie. [(…) viel über Gedanken und Gefühle zu Silke, hier nicht bedeutend] Der Schließer unterbricht meine Gedanken, indem er mir einen Artikel über mich zu lesen gibt. Ein großes Foto, aber nur ein kleiner, sehr guter Artikel [Anm. was mich betraf] zu lesen gibt. Eine sehr nette Geste des Beamten. Dann wieder warten; Mäuschen komm …

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Wie ich befürchtete, werde ich Weihnachten nun im Gefängnis verbringen – und wie ich erwartete, sind meine Gefühlsschwankungen kaum zum Aushalten. Ich leide unter unglaublichen Depressionen. Anstatt das Silke nun endlich kommt, gibt es gegen 14.00 Uhr bereits den Einkauf, den wir am vergangenen Sonntag bestellt haben. Also wieder Kaffee, Milch, Saft, Schokolade usw. Endlich habe ich eine richtige Tasse. Meinen Plastikbecher degradiere ich zum Zahnputzbecher. Auch einen Tauchsieder habe ich gekauft, sodass wir wieder einen Eigenen in der Zelle haben. Bis 15.30 Uhr warte ich, obwohl um 15.00 Uhr die Besuchszeit vorbei ist. Genau wie gestern hatte ich für den Gang zum Besuchsraum eine Packung Fishermens Friends, einen Winnie-Puh-Stift, einige Notizen und ein blaues Feuerzeug, was ich Micki für Silke abgeschwatzt habe, bereitgelegt, sowie meinen inzwischen kaputten Ring, den ich so nicht mehr tragen kann, weil er mir sonst den Finger zerschneidet [Anm. Muss doch erlaubt gewsen sein, einfachen Schmuck zu behalten] Das andere, bereits abgebrochene Stück, hatte ich Silke schon gegeben. Ob sie weiß, wie schlimm es hier ist, wenn man auf einen Termin wartet? Warum ist sie wieder nicht gekommen? Weinend lege ich die Sachen zurück in den Schrank, morgen werde ich sie wieder bereit legen. Ab 11.30 Uhr wird das Warten erneut beginnen. ((…) noch mehr Emotionen] Nachdem ich stundenlang abwechselnd geweint oder herumgesessen habe, setze ich mich hin und beginne, liegengebliebene Post zu beantworten.Schreiben ist eine gute Therapie. Ich esse sogar etwas vom Presssack [Anm. bayrische Wurstspezialität, hier: Restverwertung] mit Borsten und schreibe einige Stunden so vor mich hin. Lange liege ich noch wach. Morgen wird wohl Brengelmann kommen. Ich hoffe, dass der arme Kerl nicht wieder der Überbringer von Hiobsbotschaften sein wird:
1. Entscheidung der Berliner Kammer über die Haftbeschwerde – negativ?!
2. Neues von Silke – was ist passiert?!
3. u.s.w.
Hoffentlich denkt er an Briefmarken und Zeitungen und hat die Revision vorbereitet. Ich hoffe, dass er überhaupt kommt… Und, natürlich hoffe ich, dass Silke endlich etwas von sich hören lässt. Ich will überhaupt endlich raus hier… Noch vier Nächte bis Weihnachten,noch 72 Stunden die Chance auf Freiheit vorher – ansonsten werde ich dann wohl bis Februar warten müssen, weil erst dann die nächste Haftprüfung stattfände, bei der regulär wieder die Chance auf Freilassung besteht. Vielleicht ist der Prozess ja nun aber schon im Januar? Wer weiß? Wer weiß! Auf jeden Fall wird es wohl auch dort weiterhin verdammt ungerecht zugehen.

*1 Über den Besuch dürfen keine Schriftstücke weitergegeben werden – ich erinnere mich nicht, warum ich hier so eine Hoffnung hegte. Während des Prozesses war die Zensur erfreulicher Weise sehr lax gehandhabt worden.
*2 Was immer ich versuchte, unabhängig von der „rechten Szene“ zu machen, wurde vom Staat torpediert. Das Anmieten der Wohnung i der Adlzreiter Straße genauso, wie – um eine neue Existenz zu gründen, das Anmieten eines Ladengeschäftes für eine Sport-Mode aus Los Angeles, mit der ich nun mein Geld verdienen wollte usw. Überall – wie schon 1983 – meinte der Verfassungsschutz – Gespräche mit Dritten führen zu müssen…

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Montag, 19. Dezember 1994 – nur noch fünf Tage bis Weihnachten – die „große Leere“ im Kalender. Silke sollte heute kommen. Bis 12.30 Uhr läuft der Tag mechanisch ab. 7.00 Uhr Anträge abgeben, 8.30 Uhr aufstehen, Haare schneiden [Anm. Frisör], richtig kurz, Rainer mit einer Schachtel Marlboro davon überzeugen, meinen Putztag zu übernehmen, duschen und Post einwerfen. Danach Hofgang und Mittagessen (Schinkennudeln). Nach dem Essen kommt meine Dreckwäsche zurück. Was ist los? Warum ist sie nicht abgeholt worden? Von 12.30 – 15.00 Uhr ist Besuchszeit. Ich laufe die ganze Zeit in der Zelle hin und her, lege mich hin und steh wieder auf. Ich bin total auf Silkes Besuch fixiert, aber es wird 15.00 Uhr – weder Post noch Silke. Das ist wirklich wie sterben. Was ist los? Wo ist sie? Ich drehe [Anm. innerlich] richtig durch, ob ihr was passiert ist? Ich habe noch lauter Gründe für die Kammergerichtsentscheidung in Berlin, die angeblich noch in dieser Woche stattfinden soll, zusammengeschrieben, die Silke nach Berlin hätte durchgeben sollen. Alles spricht so klar für meine sofortige Entlassung, aber ich komme nicht raus. Ich bin schon so fertig, dass ich nicht einmal mehr weinen kann. So sitze ich stumpfsinnig herum und zermürbe mich innerlich. Bitte Silke, bitte, komm morgen.
Gegen 16.00 Uhr kommt das so genannte Abendessen, ein ungenießbarer Paprikaquark. Dann esse ich ja lieber das Panzerfett*1 mit Salz. Der Typ mit der Post kommt, sagt aber, leider sei für mich nichts dabei. Doch dann kommt er noch fünf Mal zurück, ich bekomme zwei Briefe von meiner Patentante [Ortrud], eine Karte von Helland, einem Freund von Martijn*2, einen Brief von Ursel und Kurz aus Mainz*3 mit schönen Gedichten und einen Brief mit einem Bild von Frau Lindner. Aber so richtig freuen kann ich mich nicht. Memet will mich ablenken und legt mal wieder Karten. Ich wünsche mir natürlich nur eins: Weihnachten mit Silke feiern zu können. Jedes Mal geht es [Anm. das Kartenspiel] nicht auf… erst nur eine Frau (Frau Scharnick, die Untersuchungsrichterin), dann immer mehr Hindernisse. Nach den Karten bleibe ich drei Jahre im Gefängnis. Ob ich abergläubisch bin? Eigentlich nicht. Also: Scheiß drauf! Ich setze mich hin und schreibe einen neuen Brief an das Kammergericht Berlin. Er wird sechs Seiten lang. Ich muss nur hoffen, Glück zu haben, und den Brief morgen noch an Brengelmann weiterleiten zu können. Er wird ja nur etwas nützen, wenn er vor der Entscheidung (per Fax) bei Rechtsanwalt Krause in Berlin eintrifft. Mir sind noch so viele wichtige Dinge eingefallen. Also morgen früh gleich zusehen, dass ich den Dienstleiter sprechen kann.

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*1 Panzerfett ist der Knast-Jargon für die „Butter“, eine ziemlich minderwertige Margarine.
*2 Martijn Freeling und mich verband eine weit über die politischen Aktivitäten hinausgehende Freundschaft bis in die Haftzeit. Er war aber in der NO – Nationale Offensive tätig und war seit geraumer Zeit Stadtverordneter in Rotterdam.
*3 Das Ehepaar Müller stellte in den ANS/NA Zeiten ihre Gärtnerei als zentralen Treffpunkt (Thingplatz) zur Verfügung. Nachdem sich die Wege aller auseinander entwickelten, hatte ich seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Ursel Müller war gegenwärtig Vorsitzende der HNG – Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene e.V., in deren Gefangenen-Betreuung ich nun automatisch fiel. Mitglied war ich zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr.

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Sonntag, 18. Dezember 1994 – 4. Advent & 40. Hafttag – Um 7.00 Uhr morgens sammelt Werner*1 die Einkaufslisten ein. Es ist der letzte Einkauf bis zum nächsten Jahr. Erst am 9. Januar wird wieder ein Einkauf möglich sein. Dann werde ich wohl schon in Berlin im Gefängnis sitzen oder, wenn ich großes Glück haben würde (bzw. es einigermaßen gerecht zugehen würde) „frei“ sein.Ich drehe mich um und schlafe bis 11.00 Uhr weiter. Erst als die Essen-Verteil-Trottel „Suppe“-schreiend an der Tür stehen, werde ich wach. Diese, eine Art Mehlsuppe mit Blumenkohl-Aroma, schmeckt scheußlich. Auch der grüne Salat – vermutlich Gummibaum – und der Reis mit Soße sind das Letzte. Der so genannte – winzige – Fleischspieß (könnte Schwein gewesen sein) läßt den Verdacht aufkommen, dass der alte Schäferhund am Tor gestorben ist. Also mal wieder richtig klasse.
In der letzten Nacht habe ich nochmals alles von der Münchner Urteilsverkündung aufgearbeitet. Ich bin grundsätzlich sehr gut gelaunt (also – objektiv gesehen), subjektiv jedoch leide ich furchtbar an der Trennung (gerade jetzt) von Silke und unter der Haftfortdauer*2. Mittags, von 11.30 – 14.30 Uhr ist Umschluss, Rainer kommt rüber. Er hat eine Grippe und ist sehr depressiv, da im seit langer Zeit keiner mehr geschrieben hat. Wir langweilen uns heute ziemlich; ich trinke eine Tasse Kaffee nach der anderen. Beim Hofgang, der sich dem Umschluss anschließt, gehe ich meine Runden mit dem kleinen Serben Duško und rede mit ihm über HipHop und Rap-Musik. Wiederum gleich nach dem Abendessen gibt es Wurst bzw. Salat. Ich wähle Salat. Ich habe einfach keine Lust, einen Finger in der Wurst zu finden, auch nicht mit Ring – obwohl meine*3 ja beide weg sind. Mal sehen, Nach dem essen lege ich mich hin und denke über die Entscheidung über [Anm. gegen] meine Haftbeschwerde des Kammergerichts Berlin nach. Ich lese nochmals alles, was ich dazu geschrieben hatte. Mit all‘ diesen Argumenten, dazu das Kautionsangebot*4 meines Vaters müßte es eigentlich mit demTeufel zugehen, wenn ich nicht doch bis Weihnachten freikäme. Aber beio meinem Pech in der letzten Zeit?! Diese Ungewissheit ist noch schlimmer als eine zu erwartende enttäuschung. Das zermürbt einen total. Einerseits hoffe ich absolut, noch freizukommen; mache sogar schon Pläne. Andererseits will ich mich – um einer noch größeren Enttäuschung vorzubeugen – auf einen Weihnachtsaufenthalt in stadelheim vorbereiten. Aber irgendwie geht es nicht. Ich belüge mich irgendwie selbst. Morgen wird erst einmal wiede Silke kommen. Das alles ist so richtig grausam. Jedenfalls werde ich vor Weihnachten nur noch die richtig wichtige Post machen. Alles andere machje ich lieber an den Feiertagen, um etwas zu tun zu haben. Nur an das Stuttgarter Verwaltungsgericht und an die Postbank muß ich noch schreiben. Und an Mickis Richter und seinen Anwalt, damit diese erfahren, was eigentlich in seiner Sache los ist. Mein Gott, hoffe ich im moment darauf, doch noch vor Weihnachten freizukommen….
Lange stehe ich am Abend am Fenster und beobachte den Vollmond. Ich werde, sollte ich in Haft bleiben, ein kleines Buch über den Münchner Prozess schreiben, das gleichzeitig meine Revisionsbegründung sein wird. Auch meine Revision wird wohl am BGH beschieden werden. Wenn ich vor Weihnachten nicht frei komme, so habe ich heute erfahren, wird die nächste Haftprüfung nicht Ende Februar, sondern erst Ende März möglich sein. Das kann also alles noch ewig dauern, es kotzt mich alles so an. Das Berliner verfahren könnte unter Umständen schon vorher laufen, aber auch das Stuttgarter Endlos-Verfahren wird im Januar wieder beginnen. So ein Chaos. Ich hoffe, mein Vater vollbringt ein Wunder.

Da schreibe und denke – denke und schreibe ich –
die ganze Zeit,
ich hoffe und leide – leide und hoffe,
aber die Situation bleibt.

Wie kann ein Mensch gleichzeitig so viel Pech haben? Fünf Zittertage liegen also wieder vor mir. Die Stimmung in der zelle ist den ganzen Abend sehr angespannt und depressiv. Ich liege herum und denke an die Haftbeschwerde. Weil alles so klar für mich spricht, kann es nicht klappen – sonst wäre ich ja nicht unschuldig im Gefängnis.

*1 Werner ist einer der beiden Hausarbeiter, auch Kalfaktor genannt.
*2 Abgesehen davon, dass beide, Silke und ich, insbesondere auf der besonders ungerechtfertigten U-Haft, also der Art und Weise der dann auch unfassbar lange dauernden Haft-Situation basierend, schwere seelische Verletzungen erlitten, blieb – trotz des heute nachvollziehbaren Bruchs der Beziehung eine innige Beziehung zwischen uns bestehen. Zur fehlenden gemeinsamen Vorbereitung des Durchstehens einer solchen Zeit, die wir nicht für Möglich gehalten hatten, kam erschwerend hinzu, dass wir zwar ein Jahr zusammen waren, ich mich das Jahr zuvor und auch während der gemeinsamen zeit aufgrund einer ersten Beziehung zu einem Mann in einer bereits für sich unglaublich komplizierten emotionellen Situation befand. War doch die Erkenntnis, als Homosexueller zur „Opferseite“ des „eigenen“ politischen Lagers zu gehören, derart untragbar geworden, dass dieses zur Beendigung meiner beruflichen Einbindung in die szene (Bezahlung durch Zündel) geführt hatte. Letztlich kam hinzu, was jeder Inhaftierte bestätigen wird: Die Klammerung an geliebte oder gemochte Menschen draußen wird unproportionell gigantisch – eine Projektion, deren Wirklichkeitsverlust in der Wahrnehmung pathologisches Ausmaß annimmt.
*3 Bis dato trug ich zwei schlichte Silber-Ringe an Ring- und kleinem Finger der linken Hand. In der Justizvollzugsanstalt mussten diese jedoch abgegeben werden.
*4 Mein Vater, Regierungsrat (hoher Beamter), bot Kaution bis 250.000 DM für mich an, ja – sogar – ihn als Gegensicherheit belangen zu dürfen, sollte ich mich nach Freilassung den Verhandlungen entziehen.

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Samstag, 17. Dezember 1994 – Zwei Tage nach dem Terror-Urteil gegen mich (Milka-Schokolade gab es heute wirklich von Rainer von nebenan). Als um 7.00 Uhr die Klappe für Tee und Warmwasser aufgeht, drehe ich mich nur auf die andere Seite herum. Aus den anderen Betten höre ich 3x Schnarchen. Heute Nacht lag ich sehr, sehr lange wach. Micki hat noch sehr lange mit mir geredet.

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Wenn man auf die Tür der Zelle guckt, steht unser Bett direkt rechts daneben.
Mein Schlafplatz ist das obere Bett.

Heute Nacht hat es das erste Mal geschneit, aber am Morgen liegt kein Schnee mehr. Micki sollte laut seines Anwalts gestern entlassen [Anm. abgeschoben] werden, aber wieder nichts. Nur weil ich noch verzweifelter bin, ist er abgelenkt. Er meint, wenn der Krieg in Bosnien vorbei ist, soll ich meine Frau nehmen, (Anm. nach Sarajevo kommen] und er schenkt mir eines von seinen Häusern. Er ist so lieb, auch er weiß, dass ich unschuldig im Gefängnis bin*1. Also, erst einmal weiterschlafen bis 9.00 Uhr. Dann stehen Mehmet*2 und ich auf und trinken Kaffee. Um 9.50 Uhr ist Hofgang, danach bereits Mittagessen. Es gibt Paprikasalat [gelb] und einen Matsch aus Kartoffeln mit einer undefinierbaren Masse aus Fleisch. Danach, wie jedes Wochenende drei Stunden Umschluss. Ich rede sehr lange mit Rainer, und Unglaubliches über mein Urteil wird mir klar: Denn – es war eigentlich ein sehr gutes Urteil, so blöd das klingt. Ich werde dennoch in Revision gehen. Erst an anderer Stelle werde ich erklären und erarbeiten, warum das Urteil eigentlich gut war. Ich werde eine Broschüre darüber schreiben*3. Diese sollte bis zum Revisionsprozess vor dem BGH fertig sein. Jetzt erst einmal wieder die große Hoffnung, bis Weihnachten noch freizukommen; obwohl 99,9% dagegen sprechen. Ich will einfach hoffen.
Und – ich muss meine ganze Kraft bis Montag sammeln – damit ich, wenn Silke kommt, nicht mehr nur weine. Als der Umschluss vorbei ist, bekomme ich von Rainer die Anfangs erwähnte Schokolade und etwas Wurst. Außerdem gibt es heute leckeren Käse. Wir essen – Micki ist heute dran, kurz vor dem Weinen zu sein. Ich möchte etwas [Anm. Tröstendes] sagen, weiß jedoch nicht so recht, was. Alle legen sich hin – ich werte einige Zeitungen aus und schreibe bis hier meine heutigen Aufzeichnungen. Zum jetzigen Zeitpunkt, als ich unterbreche, ist es 19.00 Uhr. Samstage sind immer besonders lang und langweilig. Ich bin ziemlich ruhig, nur die unheimliche [Anm. Bindungsverlust-]Angst um Silke quält mich [(…)persönliche Emotionen an sie].
(Eigentlich ist schon Sonntag, aber hier noch der Nachtrag, wie der gestrige Tag zu Ende ging:) Abends stehen wir alle wieder auf und spielen Karten. Wir essen ein wenig nebenbei. Irgendwann ist es kurz nach Mitternacht. Ich gratuliere Mehmet zu seinem 35. Geburtstag*4. Ich schenke ihm eine Schachtel Malboro. Auch die anderen beiden gratulieren. Nachdem wir total laut „Happy Birthday“ gesungen haben, schreien andere aus den Nebenzellen*5 ihre Glückwünsche herüber. Da sehr gute Musik im Radio läuft, singen wir und klatschen rhythmisch mit, ja – tanzen sogar um den Tisch in der Mitte der Zelle und lachen. Erst gegen zwei Uhr Morgens gehen wir schlafen.
Morgen ist der 40. Tag meiner [Anm. Untersuchungs-]Haft.

*1 Die „vermeintliche Bösartigkeit“ meiner Zweifel und provokativen Kritik an der „offiziellen“ Darstellung der Geschichtsschreibung [und deren gesetzlicher Schutz] führten in Verbindung mit der Leere der Zeit im Gefängnis und der Nähe zu den Mitgefangenen geradezu zwangsweise zu Erklärungszwang. Anders als „draußen“, wo Gegner einfach ausgrenzen oder „Nazi“ schreien, bzw. Richter wegen „OFFENKUNDIGKEIT von Gesetzes her“ jegliche Diskussionen ablehnen, war ich hier unter 100% Andersdenkenden gezwungen, meine Positionen zu erläutern. Dieses tat ich breit und derart überzeugend, dass selbst politische Gegner [etwa PKK’ler] ihre bisherige Sicht korrigierten.
*2 Mit mir in der Vierer-Zelle lagen Achmedi (der Bosniake, den wir Micki nannten) und die beiden Türken Mehmet [Aussprache: Mechmett] und Memet [Aussprache: Mämett].
*3 Die geplante Broschüre verfasste ich nie.
*4 Selbst bin ich zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt.
*5 Hierzu muss man wissen, dass einerseits das geöffnete Fenster (auch im Winter, zumal der Knast [zumindest der Neubau, in dem ich lag] sehr gut beheizt war) quasi als Kühlschrank verwendet wird – vor dem Fenster stellt man Milch, Jogurt, Obst usw. ab, damit es frisch bleibt. Andererseits ist es gerade Nachts unfassbar laut, da die Einsamkeit und der Schutz der dunkelheit viele dazu verleitet, entweder mit „Kollegen“ zu kommunizieren oder auch nur ihr Unglück oder ihre Wut und Verzweiflung herauszubrüllen. Die Anstalten sind dagegen machtlos.
Unser Fenster war im Übrigen so hoch, dass nur Achmedi von seinem Bett aus hinaussehen konnte.

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Gitter im Kalender / Freitag, 16. Dezember 1994 – Um 8.00 Uhr aufstehen und zum Dienstleiter. Ich bekomme meine Sonnenbrille. Außerdem die sache „Postvollmacht für niedergelegte Schriftstücke“ für meine Außen-Post erledigen. Und ich beschließe, Silke meine Paketmarke*1 zu geben, da ich unbedingt will, dass sie mir eine Freude machen kann. Dann Hofgang. Da Abends zuvor meine Verurteilung auf allen TV- und Radiosendern bekannt gegeben worden war, bin ich zentrale Gesprächsthema. Alle sind völlig entsetzt. Erst jetzt beginnt sich bei mir ein „Schock“-Gefühl einzustellen. Mittags gib es Spinat und Kartoffeln, dazu gekochte Eier, vorweg eine Suppe. Dann kommt mein Anwalt. Er ist völlig am Ende, sagt, auch die Richter seien mit dem Urteil nicht glücklich, hätten aber durchgreifen müssen*2. Es war ein politisches Urteil, es steht in direktem Zusammenhang mit der „Deckert“-Entscheidung*3 vom selben Tag. Ich bitte ihn, nun noch alles zu veranlassen, um die Aufhebung des Haftbefehls von Berlin zu erreichen. Der Antrag auf Haftbefehl des Staatsanwalts München war gestern bei der Verurteilung sehr schroff abgewiesen worden und etwa mit „meiner Begründung gegen die Berliner U-Haft“ erklärt worden. Das müsste doch helfen?! Das Strafmaß könnte auf Halbstrafe hinauslaufen, was dann 9 Monate bedeuten würde. (1/6tel davon sitze ich bereits.)
Aber der Rechtsanwalt Krause in Berlin geht inzwischen auch dort von einer Verurteilung aus, was schon wieder nach einer endgültigen Gesamtstrafe von über zwei Jahren aussieht. Ich verlange, dass wir auf alle fälle in Revision gehen. Dann will ich noch über die Haftbeschwerde, für die beide Anwälte, Krause und Brengelmann nun keine Chance mehr sehen, reden… und über Silke. Aber bei den Gedanken an sie bekomme ich starke Weinkrämpfe. Ich bin völlig am Ende – Scheiße. Bis spät am Abend bin ich in der Zelle total am Weinen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß nicht, ob meine Liebe für Silke, aber auch ihre zu mir, über Jahre überleben wird. Ich glaube, dass ich hier die nächsten 2-3 Jahre nicht mehr herauskommen werde. Alles würde draußen vor die Hunde gehen. Alles! Ich werde viele Briefe schreiben müssen, um Klarheit über vieles zu bekommen. Ich weiß nur, dass ich hier durch muss und dass ich silke so stark liebe, aber vor allem auch brauche, dass mir bereits bei den geringsten gedanken an sie die Tränen kommen. Es ist nicht zum aushalten. Ich klebe meinen ganzen Schrank mit Fotos voll, die ich hier habe. Unter Tränen erzähle ich den anderen die ganze Geschichte von Silke und mir. Das wäre jetzt das schlimmste, sie zu verlieren. Die anderen versuchen alles, um mich abzulenken. Abends bin ich so ruhig und leer geredet, dass ich wenigstens noch Tagebuch von gestern und heute schreiben kann. Es fällt mir sehr schwer. Ich habe das Gefühl, dass irgendwie alles aus ist / alles kaputt. Was soll ich nur machen?Ich brauche auf alle Fälle was zu lesen und sehr regelmäßigen Kontakt mit Silke. [… private Gefühle…]

*1 Gefangene erhalten 2x im Jahr eine Paketmarke. Nur zu Weihnachten und als Jahrespaket dar er dann (ich glaube, es waren 5kg oder 7,5kg) ausgewählte Lebensmittel/Kleinzeug erhalten.
*2 Nach dem Urteil bat der vorsitzende Richter den Anwalt zum Vier-Augen-Gespräch in sein Dienstzimmer, und berichtete über den ungeheuren Druck, der von vornehmlich jüdischen Personen aus dem öffentlichen Leben, aber auch direkt aus der bayrischen Staatskanzlei auf ihn und die Kammer ausgeübt worden war. Mein vorangegangener Freispruch kurz zuvor war zuviel gewesen.
*3 Die Affäre Deckert: https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1994-12-15/1-StR-656_94 Deckerts Freispruch in ähnlicher Sache war am 15.12.1994 vom BGH aufgehoben worden.

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Donnerstag, 15. Dezember 1994 – ein „Kleeblatt“ soll mir wohl Glück bringen. Um 6.45 Uhr werde ich durch das Licht wach. Ich stehe auf und darf auch umgehend zum Duschen. Heute ist ja wieder Prozess: die Plädoyers sollen gehalten werden. Früh geht es dann los, im Gericht bekomme ich – wie üblich – eine Einzelzelle und bereite mich noch etwas vor. Zu Beginn der Verhandlung noch schnell Silke in den Arm genommen. Oh Gott – wie sehr ich sie liebe. Nachdem im Selbstleseverfahren einige Dokumente eingeführt worden sind und ich meine zwei letzten Anträge gestellt habe, hält der Staatsanwalt*1 sein Schlusswort: „Blablabla…“ Er fordert zwei Jahre und sechs Monate Haft ohne Bewährung. Ich glaube, ich spinne. Es wird unterbrochen. In der Zelle bekomme ich einen totalen Heulkrampf. Der Staatsanwalt fordert zudem einen sofortigen Haftbefehl*2. Meine Hoffnungen, durch eine Bewährungsstrafe zu Weihnachten auf freiem Fuß zu sein, schmelzen dahin. Ich bete. Ich „bete“???
Ich bin völlig am Ende und heule. Als ich mich beruhige, esse ich ein wenig. Dann wieder hoch: Brengelmann gibt sein Bestes, bleibt meiner Meinung nach aber etwas schwach. Er klingt etwas verzweifelt. Als es zur Forderung nach einem weitern Haftbefehl kommt, wird er sehr aufgeregt. Er fordert sechs Monate auf Bewährung*3, ich hoffe auf 1-2 Jahre auf Bewährung. Dann – mein Schlusswort, was nur etwa eine Stunde dauert. Am Schluss versagt mir die Stimme. Dann – für zwei Stunden – wieder in die Zelle, da das Gericht noch heute das Urteil fällen will und wird. Nach zwei Stunden, auf 2×2 Metern im Kreis laufen, geht es wieder hoch:

„Im Namen des Volkes:
Ein Jahr und sechs Monate OHNE Bewährung!“

ICH STERBE!!!

Silke geht mit dem Kopf runter, ich glaube, sie weint. Ich bin völlig am Ende, wie in einem schlechten Traum ziehen die Worte der Urteilsbegründung an mir vorbei. Mein Anwalt, aber auch alle Anwesenden – außer der Presse – sind entsetzt. So etwas hatte niemand erwartet.
Ich fühle mich den ganzen Abend wie „auf Droge“. Silke weint, ihre Tränen laufen an mir herunter. Ich drücke sie, dann runter in die Zelle, zurück nach Stadelheim, auf die Zelle, MauMau spielen und schlafen gehen.

*1 In den Jahren in München hatte ich fast immer mit demselben Staatsanwalt zu tun, bzw. der selben Abteilung. Man „kannte“ sich. Bisher war ich immer mit Einstellungen, Freispruch oder kleineren Geldstrafen davongekommen. Wegen meiner 1993 erlangten Bekanntheit aber war ein hartes Urteil natürlich auch bedeutender geworden.
*2 Ein zweiter Haftbefehl würde zu so genannter „Überhaft“ führen, sodass eine Aufhebung des Berliner Haftbefehls nicht mehr zur Freilassung geführt hätte.
*3 Bis dato war ich nie zu Haft- bzw. Bewährungsstrafen verurteilt worden. In der Regel wird eine erste Haftstrafe, die deutlich unter 2 Jahren liegt, bei so genannten Erstverbüßern immer zur Bewährung ausgesetzt.

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Mittwoch, 14. Dezember 1994 – 7.00 Uhr wecken und Tausch der Bettwäsche. Danach liegen wir noch etwas herum, um 8.00 Uhr stehe ich auf. (Im Kalender ist ein Mistelzweig.) Ich werde bezüglich meines Antrages zum Dienstleiter geholt und erkundige mich, was ich bezüglich niedergelegter Schriftstücke zu machen habe. Zum Hofgang um 8.45 Uhr gehe ich nicht. Neue Salbe für den Rücken bekomme ich ausgehändigt. Bereits um 9.30 Uhr werde ich zum Anwalt geholt. Brengelmann hat sehr viel vorbereitet. Da er gestern nicht kommen durfte (von der Anstalt aus!), müssen wir heute alles machen. Wir arbeiten in einem durch bis 16.00 Uhr. Nur Mittags versuche ich vergeblich, zum Augenarzt zu kommen. Auch als Brengelmann geht, gehe ich nochmals zum Augenarzt. Ich brauche drei Minuten: der Augenarzt sieht kurz meine Augen an und bestätigt die Notwendigkeit der Sonnenbrille. Danach muss ich jedoch eine Stunde warten, bis ich zurück auf die Zelle komme. Die Sonnenbrille wird wohl auch noch eine Woche dauern. In der Zelle zurück habe ich riesigen Hunger, es steht jedoch nur eine erkaltete Kohlsuppe da – wie ekelhaft. Ich esse also etwas Brot und Wurst. Rainer aus der Zelle nebenan hat etwas Schinken von seinem heute angekommenen Weihnachtspaket dazu dagelassen. Und – wenigstens gibt es roten Tee. Weil ich K.O. Bin, lege ich mich bis 21.00 Uhr hin; als ich wach bin, erzählt mir Memet nebenbei, dass wir heute Abend im Dunkeln sitzen werden*1, da die Beamten nach sechs Wochen der Meinung sind, wir dürfen nur entweder ein Radio oder eine Lampe als Sonderausstattung auf der Zelle haben. Die spinnen wohl! Ich rege mich total auf, da ich so nicht mehr in der Lage bin, sehr wichtige Schreibarbeiten, die bis morgen früh fertig sein müssen, zu erledigen. Also setze ich mich hin und schreibe noch bis 22.00 Uhr so viel ich schaffe.
Um 22.00 Uhr lachen sich die anderen kaputt und – installieren die Lampe. Was war geschehen? In der Nebenzelle war die Glühbirne kaputt gegangen, so hat Memet unsere Lampe außen über das Fenster*2 nach nebenan gegeben. Ich mache doch noch meine ganze Post fertig.

*1 Das Neonlicht wird um 22.00 Uhr von außen abgeschaltet.
*2 Zwischen den Zellen wird – obwohl es verboten ist – „gependelt“, d.h. Sachen werden an irgendeiner Art Schnur befestigt, so lange gependelt, bis der Nebenmann sie bekommt.

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Dienstag, 13. Dezember 1994 – noch 11 Tage bis Weihnachten. Der Kalender ist heute leer. (Keina Ahnung, warum…?!) Der Tag wird heute beherrscht werden von Magenschmerzen vor Aufregung und Hoffnung einer „doch noch Entlassung“ und der „wird sowieso nicht passieren“-Selbst-Beruhigungs-Lüge. Um 6.45 Uhr, als wie immer das riesige Neonlicht [Anm. von außen eingeschaltet] an der Zellendecke angeht, stehe ich sofort auf. Um 7.00 Uhr melde ich zwei meiner Mitgefangenen und mich zum Arzt an. Um 7.20 Uhr, nachdem ich gerade einen kaffee getrunken habe, geht es schon zum Sanitäter. Dieser sagt mir, dass ich morgen – nach 5 Wochen – endlich zum Augenarzt komme, um meine Sonnenbrille zu erhalten. Dann frage ich wegen meiunem Hautpilz auf dem Rücken, für dessen Behandlung ich eine Salbe, die ich nach dem Duschen nehmen soll, bekam, wofür ich aber alle zwei Tage auch duschen müsste. Der Sani sagt, darüber müsse ich nach dem Hofgang mit dem Arzt reden. Also geht es jetzt erst von 7.40 – 8.40 Uhr zum Hofgang und dann wieder zum Arzt. Dieser ist sehr nett und verschreibt mir ein anderes Mittel, was ich so wie eine Creme nehmen kann. Beim Gang nach oben noch ein Brief vom Berliner Gericht. Die scheinen gar nicht mehr richtig zu ticken, denn sie haben Verteidigerpost an meinen Anwalt Mende [Anm. Stuttgarter Verfahren] abgefangen und an mich zurück geschickt. Mende verteidigt mich seit sechs Jahen. Ich beantrage also ein Gespräch beim Dienstleiter*1. Zum Mittag gibt es eine Scheibe in Fett ausgebackene panierte Kräuterwurst mit Kartoffelsalat und (sehr viel) grünem Salat, der wie immer nur mit Essig angemacht zu sein scheint. Wir bekommen ein paar alte Zeitungen vom Wochenende, lesen etwas, dann lege ich mich hin und warte auf meinen Rechtsanwalt. Gegen 14.00 Uhr stehe ich auf, um diese Zeilen zu schreiben, immer noch hoffend, ein Wunder könnte geschehen. Die Sonne draußen scheint so herrlich …
Ich liege nervös herum. Da geht die Tür auf. Die brutale Ernüchterung: Um 14.00 Uhr bereits Abendessen. Pilzwurst – heute so früh, weil Weihnachtsfeier der Beamten ist. Also – das war es dann wohl. Ich werde bis zur nächsten Haftprüfung Anfang Februar oder bis zum Berliner Prozess hier festsitzen. Es kommen noch zwei Briefe vom Anwalt Krause aus Berlin, ich setze mich an die Post; HNG*2, diverse Leute, Anwalts- und Gerichtspost usw.
Ich mache beim schreiben immer wieder Pause, bin wegen der Ernüchterung sehr gereizt. So vergeht der Tag, um 23.00 Uhr lege ich mich hin. Wann Silke wohl wieder schreiben wird? Weihnachten und Silvester im Knast – na klasse.

*1 Nach dem Schließer ist der Dienstleiter der nächsthöhere Beamte, den man – vor der Anstaltsleitung – im Bedarfsfall ansprechen kann.
*2 HNG – Hilfsgemeinschaft für Nationale Gefangene e.V., inzwischen verboten. Ich war lange Jahre Mitglied, aber nicht mehr zum Zeitraum meiner eigenen Haft.

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Montag, 12. Dezember 1994 – (Glocke im Kalender) Bevor ich mich mit dem heutigen Tag beschäftige, noch die Aufklärung meines einzigen Geheimnisses hier im Knast, nämlich die Info, was es gestern zu Essen gab: Mittags Schweinebraten mit Semmelknödel und Salat, Abends einen Wurst/Ketchup-Salat. Ach ja – vor dem Mittagessen gab es noch eine so genannte Blumenkohlsuppe. Und MauMau haben wir gestern natürlich auch noch gespielt. Mehmet hat seine Wäsche mit ATTA (!) gewaschen. Ich werde meine [Anm. Dreckige] Wäsche morgen früh abgeben und hoffentlich am Mo/Di von B. [Anm. meinem Ex‘] bzw. Von Stefan oder Silke ausgetauscht bekommen. Es ist jetzt Montag, ca. 9.00 Uhr, ich sitze seit einer Stunde hier im Gericht in einer der Wartezellen. Heute morgen habe ich Probleme mit den Kontaktlinsen und Bauchschmerzen. Um 6.45 Uhr war Wecken,. Ich habe nochmal schnell geduscht*1, einen Kaffee, eine Banane*2 und ein Hanuta waren das Frühstück. Nach dem Rasieren dann um 7.05 Uhr runter in die Wartezelle, von dort 7.30 Uhr los zum Gericht. Hier im Gericht angekommen bekomme ich zum Glück wieder eine Wartezelle für mich alleine. Ich lese noch einmal in der Münchner Anklageschrift, meiner Meinung nach ist sie unglaublich lächerlich. Nächste Woche, am 22.12. wird Urteilsverkündigung sein. Teil C.*3 wird heute wohl abgetrennt werden. Am diesem Donnerstag werden dann wohl die Schlußworte gehalten werden. Ich werde immer nervöser. Auch deswegen, weil heute mein Vater als Zeuge kommt. Werde ich mit ihm sprechen können? Was wird er für Nachrichten aus Berlin mitbringen? Ich glaube schon wieder felsenfest daran, noch heute freigelassen zu werden. So ein Blödsinn. Warscheinlich wird mir
mein Vater noch heute alle Hoffnungen zerstören… Jetzt erst einmal unterbrechen und hoch zur Verhandlung. Dort muss ich der formlosen Einziehung meines Materials zustimmen, damit man bei guter Laune bleibt. Dann verkündet das Gericht eine Gesetzesänderung [sic‘!], die zu einer härteren Verurteilung führen soll: statt „Tateinheit“ jetzt „tatmehrheit“ – also mehrere Taten. Unglaublich! Das Gefühl, die Kammer werde sehr hart strafen, verstärkt sich. Ich bin wieder völlig fertig. Von 10.30 – 13.00 Uhr ist Unterbrechung. Danach wird mein Vater drankommen. In der Pause gibt es Nudeln mit Fleischsoße. Wieder auf dem Weg nach oben [Anm. Zum Saal] – der Anwalt war zuvor noch bei mir – sehe ich meinen Vater. Wir nehmen uns in die Arme, sagen kein Wort, drücken nur lange und fest unsere Hände. Ich glaube, wir haben uns noch nie so gut verstanden. Mein Vater macht eine sehr gute Aussage vor Gericht. Dann anschließend noch einige Anträge abgeben und Beschlüsse erhalten. Der Richter erlaubt sogar, dass ich 15 Minuten mit meinem Vater sprechen darf. Das ist eine große Hilfe. Obwohl – nach dem Herzen immer noch auf Entlassung hoffend, aber innerlich geschluckt habe, dass ich Weihnachten in Haft sein werde – bin ich am Abend relativ gut gelaunt. Nur eins fällt mir später noch wie ein Schock ein: Als ich Silke sagte, sie könne sich die Hoffnung, mich noch in diesem Jahr wieder zu haben, abschminken, war sie blass geworden, ja – richtig erschrocken. Heute oder morgen würde die Kammer in Berlin {Anm. Die nächste, höhere Instanz] noch entscheiden, ob ich drinnen bleibe oder rauskomme. Aber die Kammer entscheidet [fast] immer wie der Haftrichter. Wäre ja auch gelacht, wenn ich „Recht“ bekäme und gar noch vor Weihnachen rauskäme. Schade. Überhaupt habe ich Silke wegen meines Vaters heute vernachlässigt. Ich werde mich am Donnerstag dafür bei ihr entschuldigen. Abends geht es zurück in den Knast, meine gute Laune hält an,insgeheim bilde ich mir natürlich doch noch eine Chance auf Freiheit ein, und ich bin glücklich, zu wissen, draußen Menschen zu haben, die für mich da sind, die an mich denken. Abends gibt es Streichkäse – mein Vater hat mir ein großes Marzipanbrot geschenkt, dass wir [Anm. Mit den drei Zellengenossen] teilen. Im Treppenhaus der JVA liegen Tannenbäume – die wollen tatsächlich hier Weihnachtsbäume aufstellen. Völlig irre.
Außerdem bekomme ich dann doch noch den Beschluss von der Kammer über die Ablehnung meiner Haftbeschwerde mit völlig hirnrissigen Argumenten.

*1 Eigentlich kann man nur 1x pro Woche in den Duschraum. Wenn man einen Außentermin hat, bekommt man das Privileg, auch kurz alleine duschen zu dürfen.
*2 Bananen und Ähnliches muss man gegen eigenes Geld selbst über den Einkauf erwerben.
*3 Teil C der Anklage beinhaltete – den eingestellten Teil – angeblicher Urheberrechtsverletzung.

Ende TEIL IV

K e n n t  I h r  d e n  O r t,
w o  d i e  S o n n e  n i e  s c h e i n t,
w o  e i n  M a n n
w i e  e i n  k l e i n e s  M ä d c h e n  w e i n t –
w o  m a n  v e r l i e r t
F r o h s i n n  u n d  T u g e n d ?
D a s  i s t  d e r  K n a s t –
d a s  G r a b  D e i n e r  J u g e n d !

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Sonntag, 11. Dezember 1994 – 3. Advent – Gestern Nacht haben wir uns noch lange unterhalten und über jeden Blödsinn gelacht. Ja, Memet und ich hatten richtig Bauchweh vor Lachen, aber wir wissen auch, dass das nur Ablenkung von unseren Depressionen ist. Immer öfter spielen sie den diesjährigen Weihnachtshit „All I need for Christmas is you“ von Mariah Carey. Heute ist schon der dritte Advent, und ich bin noch immer in dieser tristen Umgebung. Die Hoffnung, hier noch vor Weihnachten herauszukommen, schmilzt jeden Tag mehr, zumal ich ja ohnehin unschuldig und unter fadenscheiniger Begründung sitze. Und wenn ich nun doch noch ein paar Monate sitze, wird Silke die Kraft haben, mir treu zu bleiben und wird unsere Liebe, wenn ich wieder bei ihr bin, noch bestehen? Ich kann das, was sie mir jetzt bedeutet, gar nicht zurück geben. Ich möchte sie immer mehr festhalten – auch in den verrücktesten Träumen taucht sie ständig auf. Bald ist der Prozess in München vorbei und ich werde sie nur noch alle 14 Tage sehen können. Und sie wird immer mehr in einem „Ewald-losen Alltag“ leben und sich darin mehr und mehr zurecht finden. Wie sehr ich davor Angst habe…
Sonntags ist es am Erträglichsten hier, weil wir erst bis 11.00 Uhr schlafen, dann, nach dem Mittagessen Hofgang und Umschluss (heute umgekehrt) haben – dann schon Abendessen und der Tag ist vorbei. Was es heute zu Essen geben wird und ob ich Abends wieder MauMau gespielt haben werde, wirst Du – liebe Silke – erst im 4. Teil des Tagebuches lesen oder ich erzähle es Dir bereits in Freiheit. (I.l.D.)

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Samstag,10. Dezember 1994 – Silke hat gesagt, an diesem Tag sind wir genau seit einem Jahr zusammen. Ich weiß das eigentlich gar nicht so genau, und wenn, ich hätte es sicherlich vergessen. Im Kalender ist wohl aus diesem Anlass ein Blumenstrauß. Ich hätte Silke heute Morgen lieber einen echten riesigen Blumenstrauß ans Bett gebracht. Wenn ich mich vor ihr Bild stelle und in ihre wasserblaue Augen schaue, kommen mir die Tränen. Ich liebe diese Augen… [… Anm. Bemerkung an Silke privat] In der letzten Nacht konnte ich wieder nicht einschlafen. Obwohl ich bereits gegen 10.00 Uhr ins Bett gegangen bin und um Mitternacht das Radio ausgemacht hatte, blieb ich lange wach liegen. Memet hat die Türluke*1 mit einem Zettel verklebt, auf dem steht „Bitte nicht stören“. Um 7.00 Uhr öffnet sich dann auch die Klappe, aber niemand fragt, ob wir Wasser oder Muckefuck wollen; sofort schließt sich die Klappe wieder. Erst um 9.45 Uhr – fünf Minuten vor Beginn des Hofgangs – werden wir wach, trinken ein Glas O-Saft, ziehen uns an und gehen nach draußen. Um 11.00 Uhr – wieder zurück – gibt es Mittagessen. Da ich mich beim Müll wegbringen mit dem Hausarbeiter*2 anlege, bekomme ich heute nicht das Mohrenessen [Anm. Ich meinte „Mohammedaner-Essen“]: Bohneneintopf mit Kartoffeln und Reis, stattdessen Linsen mit Wammerl. Es sieht sehr widerlich aus, aber es entpuppt sich als sehr lecker. Dann, nach dem Essen, ist Umschluss*3. Er dauert heute über drei Stunden – schön. Wieder spielen die Türken und Kurden Karten miteinander, Selami (der Kurde von der PKK) bringt Kinderschokolade (!!!) mit, ainer den jungen Russen Arthur, den er mir auf dem Hof vorgestellt hat. Dieser ist aus Sibirien, aus Jelabinsk, wo das wohl übelste Kernkraftwerk der Welt steht. Er ist Asylant und sitzt in U-Haft wegen des Verdachtes auf Autodiebstahl. Er ist ein netter Kerl, 23 Jahre alt, mit seiner Frau nach Deutschland gekommen. Vorher, in Russland, war er Sportlehrer und Berufsboxer (so sieht er auch aus). Wir sprechen viel über Russland, eine schöne Abwechslung. Er ist, wie jeder Russe, Antisemit und liebt Schirinowski (hahaha*4).
Gegen 15.30 Uhr ist der Umschluss zu Ende. Es gibt Abendessen, Memet meint: „Scheisse, Käse, der wie Gummi schmeckt“. Ich habe herausbekommen, weshalb die beiden Hausarbeiter, die das Essen verteilen, inhaftiert sind: der eine wegen Mord, der andere weghen mehrfacher Verghewaltigung. Gegenüber sitzt jetzt einer, der wegen 17,00 DM eine 84jährige frau mit einer Spitzhacke erschlagen hat. (Feine Leute!) Zürück geht es in die Zelle mit dem traurigen Stück Käse in der Hand. Samstag – 16.00 Uhr – und der „Tag ist vorbei“. Wie deprimierend. Da packt Mehmet plötzlich türkische Salami, Oliven, Schafskäse und Paprika aus – köstlich. So verbringen WIR unser Abendessen mit herrlichen türkischen Spezialitäten, nur ein Schnäpschen fehlt. Micki zaubert noch „Manner Nuss-Waffeln“ hervor. Nach dem Mahl lege ich mich hin und schlafe bis 20.00 Uhr. Dann ein zweites Mal Abendessen aus Langeweile, etwas Tagebuch schreiben und NATÜRLICH MAUMAU SPIELEN … Memet liegt mit Kopfschmerzen im Bett, Mehmet liest die neue FOCUS, Micki ist gerade aufgestanden, und mischt – nachdem er eine Cola getrunken hat – die Karten…und ich lege, nachdem ich diesen Satz geschrieben habe, den Stift aus der Hand. (Ob Silke meinen Brief vom 10. Dezember schon erhalten hat und damit die Zeichnung von der Zelle? Jedenfalls bin ich nervös wegen Montag: ob und was mir Papa über meine erhoffte, baldige Freilassung sagen wird. Der Gedanke an meine freiheit bleibt schmerzhaft und allgegenwärtig …)

*1 Zur kleinen Kommunikation wird nicht die Tür der Zelle aufgeschlossen sondern nur eine kleine Klappe im oberen Teil.
*2 Hausarbeiter sind pro Abteilung 2-4 Gefangene, deren Aufgabe die Hilfsarbeiten – etwa das Verteilen des Essens mit Rollwagen zu den Hafträumen – unter Begleitung/Bewachung eines Beamten, ist.
*3 Umschluss, also das Zusammenlegen für ein paar Stunden von Zellen-Belegschaften zur Geselligkeit – findet – meiner jetzigen Erinnerung nach – nur Samstags und Sonntags statt.
*4 Wladimir Wolfowitsch Schirinowski ist ein jüdisch-russischer Rechtsextremist

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Freitag, 9. Dezember 1994 – Ein großer goldener Stern ist im Kalender. So golden dieser Stern auch ist, so düster wird dieser Tag werden. Gestern kam mir der Gedanke, wenn ich heute nicht freikomme, dass ich dann bis Weihnachten nicht mehr freikomme. Es ist 20.30 Uhr – als ich mich „JETZT“ zwinge, noch die Ereignisse von heute zu schildern:
Tagesablauf langweilig, unendlich langweilig, wie immer. Morgens verschläft Mehmet. Ich wecke ihn um 8.00 Uhr, er muss sich sehr abhetzen. Ich frühstücke und gehe – trotz relativ schlechtem Wetter – zum Hofgang. Danach, um 10.45 Uhr einen Kaffee trinken und schon gibt es Mittagessen.Heute Salat, Kartoffelsalat und Fisch(mehl)frikadelle. Danach lege ich mich hin – keine Post – keine Entlassung – alles Scheiße. Radio dröhnt die ganze Zeit, ich träume von Silke und Brüssel, die Angst, Silke doch – schon wegen der langen Trennungszeit – zu verlieren, wird riesengroß. Ob sie morgen meine Karte bekommt? Ich möchte sie nehmen, schütteln, anschreien, fragen, ob sie eigentlich weiß, wie sehr ich sie liebe?! Ob sie weiß, wie weh das tut? Ich möchte sie fest in den Arm nehmen, sie an mich drücken, sodass sie fast keine Luft mehr bekommt… Ich mache mir Vorwürfe, dass sie wegen mir leiden muss. Ich hätte mein ganzes Tagebuch gleich an sie schreiben sollen. Ich bin ein Egoist. Ich will sie nie mehr verlieren. Ich liebe sie. Ich will zu ihr.
Mehmet kommt nach hause. Er hat nicht 7 Jahre 6 Monate, sondern 3 Jahre 10 Monate bekommen. Wir freuen uns mit ihm, er wird wohl in zwei Jahren wieder herauskommen. Zum Abendessen gibt es Schmelzkäse – köstlich – aber erst esse ich den Fisch von gestern. Ansonsten sitze ich den schrecklich langen Freitag Abend herum, trinke Kaffee, starre die Wand an, diskutiere, versuche, Karten zu spielen, kann mich aber nicht konzentrieren. Ob ich bis zum Berliner Verfahren sitzen muss? Was für eine Strafe werde ich am 22.12.[1994] in München bekommen? Die Nächte und Tage werden immer länger, ich schlafe schon gar nicht mehr ein. Ich war lange nicht so unglücklich. Ich fühle mich absolut im Recht und denke, dass ich absolut unschuldig bin. Das tut weh.

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Donnerstag, 8. Dezember 1994 – Nur noch 16 Tage bis Weihnachten. Ist da nicht ein Rascheln am [Anm. gemalten] Kalender?Ich mache auf: Wer sitzt da? Die Maus von Silke*1, die in Paris dabei war. Sie hat die Schokolade, die eigentlich drinnen gewesen wäre, aufgefressen. Dann, als ich sie sehe, grüßt sie mich von Silke, sagt, dass ich sehr von ihr vermisst werde. Ich gebe der Maus auf, schnell nach Hause zu flitzen, zu ihr – um Silke noch einen Kuss vor der Schule einen Guten-Morgen-Bussi zu geben. Jaja – eine kleine Maus müsste man sein, dann käme man hier heraus…
Heute ist schon der 30. Tag meiner Haft. Schon um 7.40 Uhr ist Hofgang. Erst danach Zelle putzen und duschen. Mehmet schmeißt erst einmal eine offene Fischdose von gestern auf den Fußboden. Vormittags, während wir frühstücken, kommt die Sonne heraus. Wie sehr ich auf die Freiheit warte. Gegen 10.00 Uhr kommt Brengelmann; wir besprechen den Restverlauf des Verfahrens. Er glaubt an einen milden Ausgang des Verfahrens. Mein Vater hat Geld für Dezember geschickt und mitgeteilt, er werde noch bis März meine Miete zahlen*2. Mami kann am Montag nicht kommen [Anm. vermutlich ein anstehender Zeugentermin im Münchner Verfahren, den der Anwalt ankündigt], da sie wegen entzündeter Stimmbänder nicht reden kann. Der Anwalt hat mir FOCUS und STERN mitgebracht. Zurück in der Zelle gibt es schon Mittagessen: eine weiße Kochwurst mit Rotkohl. Nachmittags, gegen 14.00 Uhr ist Fernsehstunde*3, die ist immer Donnerstags. Da ich bisher immer im Gericht war, ist es also für mich das erste Mal. Es gibt einen Videofilm – aus dem Programm PRO7 aufgenommen; einen völlig schwachsinnigen Actionfilm, bei dem die „Irren“ [Anm. = ich meine: viele der Mitgefangenen] immer, wenn jemand vergewaltigt oder ermordet wird, sich wie blöd freuen und johlen. Danach wieder in die Zelle, wir trinken Kaffee und schon gibt es Abendessen (Farmersalat, der sauer schmeckt). Und schon war es das wieder – es ist 16.00 Uhr. Mein Vater wird bereits in Berlin gewesen sein. Ich bin sehr unglücklich, irgendwie habe ich die Hoffnung aufgegeben, dieses Jahr hier noch herauszukommen. Wenn ich schon höre: der neue Bundespräsident Roman Herzog macht seine erste Auslandsreise – nach Israel. Und dort macht er seinen ersten Besuch im Holocaust-Museum (Yad Vashem). Keine Fragen mehr.
Abends gegen 8.00 Uhr werde ich wieder wach. Wir spielen Karten, trinken 16 Dosen Cola aus. Aber ich bleibe durchgehend sehr traurig. Ich will hier endlich raus. Ich glaube, dass mein Vater in Berlin nichts bewirken konnte, so sehr er sich auch eingesetzt hat. Wenn ich morgen nicht frei komme, dann wird das bis nächstes Jahr nichts mehr. Außerdem bekomme ich langsam Angst, die Sache mit dem Münchner Urteil könnte doch noch in die Hose gehen: die knallen mir doch ein Jahr ohne Bewährung rein. Ich bin mal wieder richtig fertig. Das Leben ist ungerecht.

*1 Frodo – so hieß die Maus, die ich Silke zum 18. Geburtstag schenkte, zusammen mit einer Reise nach Paris. Immer mehr transformiert das Tagebuch der Haft in eine Berichterstattung an Silke.
*2 Die Miete, welche ich seit Januar 1993 bereits aus journalistischen Eigentätigkeiten bestritt – um mich aus den finanziellen Abhängigkeiten der Vergangenheit zu lösen, betrug damals 1.800,00 DM zuzüglich Nebenkosten.
*3 Fernsehstunde findet auf dem Zellen-Gang der Abteilung statt. Ein alter Fernseher und ein Videorecorder werden aufgestellt, die Gefangenen bringen jeder den eigenen Stuhl als Sitz mit heraus und formen quasi Kino-Sitzreihen.

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Mittwoch, 7. Dezember 1994 (Lebkuchen im Kalender), Wecken ist um 7.00 Uhr. Nachdem sich gestern drei von uns vergeblich zum Arzt angemeldet hatten, melden sich heute nur zwei vergeblich zum Zahnarzt. Auf die Frage, wann der Zahnarzt denn käme, heißt es, das könne bis zu drei Wochen dauern. (Frage ich mich natürlich, warum man sich dann nur Mittwochs, und nur um 7.00 Uhr morgens dazu anmelden kann?!) Also weiterschlafen bis 8.45 Uhr, Beginn des Hofgangs. Das erste Aufwachen war sowieso scheiße, ich hatte so gut geträumt, und taste – beim Aufwachen dem Traum folgend – nach Silke, um sie nochmals in den Arm zu nehmen. Stattdessen halte ich die Eisenstäbe des Gefängnisbettes in der Hand. So eine Ernüchterung. Beim Hofgang schließe ich neuen Kontakt mit einem Älteren. Er erzählt mir, dass er professioneller Einbrecher ist. Eigentlich war er Chemiefacharbeiter. Dann arbeitslos, Scheidung, dann erste Einbrüche,, gescheitertes Leben – vorbestraft. Armer Kerl. Nach dem Hofgang machen wir ein wenig Frühstück, obwohl wir eigentlich nichts mehr haben, Kaffee, Milch, Zucker, Tee … alles alle. Das Mittagessen, Gemüsesuppe und Saure Nierchen mit Kartoffeln, ist so eklig wie noch nichts je zuvor. Nachdem das Klo gegessen hat, folgt die große Überraschung: Nicht morgen – sondern heute bereits kommt der Einkauf: Kuchen, Saft, Milch, aber auch Bananen, Orangen, Kartoffelchips und Cola. Die Zelle ist wieder voll. Aber als wir uns hinsetzen und alles mögliche davon essen, ist der Tauchsieder kaputt. Kein heißes Wasser – eine Katastrophe. Nun entpuppt sich jedoch die handwerkliche Begabung von Memet, der aus den sterblichen Überresten des alten Tauchsieders und zwei Gabeln einen Turbotauchsieder konstruiert, der allerdings bei unsachgemäßer Benutzung zu einer Art „elektrischer Stuhl ohne Sitzfläche“ mutieren kann. Nachdem wir Bananen, Apfelsinen, Schokolade, Kaffee, Tee, Chips, Kuchen und je drei Dosen Cola in uns hinein getrunken / gefressen haben, hat irgendwie abends keiner mehr Appetit auf Heringsfilet in Paprikasoße. Also, Abends statt Essen schreiben und reden. Ein Brief von Michael; Hammer-Überraschung, ich beantworte ihn sofort*1. Und ein sehr langer Brief (auch sehr lieb) von Antje, die allerdings noch immer nicht begriffen hat, dass ich unschuldig sitze und mir deshalb rät, wenn ich „meine Strafe abgesessen habe, mich von den falschen Leuten zu trennen“. Ich schreibe auch ihr noch und versuche, Klarheit zu schaffen.Sollte ich Weihnachten frei sein und mit Silke nach Hannover zu meinen Eltern fahren, werden wir sie besuchen. Es ist 23.00 Uhr, im Radio läuft „When will I see you again“ und ich denke an Silke. Vermutlich kommt morgen mein Anwalt Brengelmann, wahrscheinlich ist mein Vater morgen oder übermorgen erneut in Berlin. Ich bin nervös und hoffe sehr, ganz schnell wieder freizukommen. Ich mache noch die Liste meiner Dreckwäsche und schreibe noch an meine Stiefmutter*2. Ich muss ein paar liebe Worte finden, denn ich weiß, dass sie großen Anteil hat an der Hilfe, die mir mein Vater zukommen lässt. So – das wäre es für heute. Ob ich doch noch den Fisch esse?

*1 Michael: Keine Erinnerung – um wen es sich handelt.
*2 Meine Eltern trennten sich bereits, als ich 1 Jahr alt war – drei Jahre später heiratete mein Vater, bei dem ich verblieb, seine heutige Frau Ingrid, die mich als Sohn / und ich sie als Mutter voll annahm. Zugleich war sie es, die dafür Sorge trug, dass ich auf früh guten Kontakt mit meiner leiblichen Mutter Barbara pflegte.

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Dienstag, 6. Dezember 1994 – NIKOLAUS (wovon man hier eh‘ nichts merkt) Seit genau vier Wochen bin ich nun bereits unschuldig im Knast. Im Kalender (zur Erklärung) nicht etwa der Weihnachtsmann, sondern der … ja, genau, richtig. Woher weißt Du? Um 6.45 Uhr wecken, Mehmet muss wieder zum Gericht. Wahrscheinlich wird heute schon das Urteil gefällt. Um 7.00 Uhr stehen wir anderen auf, kochen Kaffee (wie immer: löslich und koffeinfrei – kotz), ich melde mich für den Arzt an, weil ich ein zweites Stück Schaumgummi, das sind hier die Kissen – von der Seite Dreiecke, mit Schräge an der Breitseite als Ablage – sogenannte „Kopfkeile“) haben will, weil mir der Nacken schon weh tut. Außerdem will ich endlich meine Sonnenbrille haben. Der Hofgang ist schon von 7.40 – 8.40 Uhr, danach legen wir uns bis zum Mittagessen hin. Gegen 10.00 Uhr stehen Micki und ich doch wieder auf, essen etwas Wurst und sprechen viel über Jugoslawien. Post gibt es schon sehr früh – ich erhalte zwei Beschlüsse aus Berlin, Silke und mein Vater erhalten jeweils eine Dauerbesuchserlaubnis*1. Memet T. erhält die schlechte Nachricht, dass seine noch offene Bewährung widerrufen worden ist. Es sind noch sechs Monate offen, sein Anwalt, der Nachmittags kommt, erzählt ihm, dass er wegen des Heroins, weshalb er jetzt in U-Haft sitzt, unter Umständen weitere drei Jahre bekommen wird. Er ist total fertig.
Zum Mittagessen dann Broccoli-Rahm mit Kartoffelbrei und ein super-ekelhaftes Fleischpflanzerl (= Boulette) – Fleischanteil ca. 2%. Nach dem Essen wieder herumliegen, jedes Mal, wenn der Schlüssel geht, hoffe ich, entlassen zu werden. Irgendwann mache ich Tabellen zur statistischen Erfassung meiner Zeugen und Anträge, um mich besser orientieren zu können.Außerdem muss ich noch mein Tagebuch schreiben und mich bei Frau Lindner bedanken. Dann erst einmal Kontaktlinsen-Extremreinigung. Ich hoffe, dass der Anwalt schon morgen kommt, ich habe eine Idee bezüglich des Münchner Verfahrens. Zum Abendessen gibt es Blutwurst, aber wir haben noch all‘ die leckeren Dinge von gestern von Micki. Nach dem Essen spiele ich mit Memet Karten bis Mehmet vom Gericht zurück kommt. Er ist ziemlich aufgeregt, da der Prozess soweit vorbei ist. Hatte Mehmet auf vier
Jahre gehofft, forderte der Staatsanwalt heute 7 Jahre sechs Monate! Schock!
Urteilsverkündung wird am Freitag sein. Da er sehr erregt ist, schreit und donnert er die ganze Zeit herum. Er geht mir völlig auf die Nerven, zumal ich mich bereits um 20.00 Uhr hinlege. Ich bin zwar wach und höre Radio – aber dieses Geschrei ?! Am liebsten möchte ich ihn anschnauzen. Aber ich bleibe still, weil ich nicht weiß, wie ich in so einer Situation selber drauf sein würde. Dadurch, dass ich gestern mit Silke gesprochen habe, hoffe ich wieder extrem, diese Woche freizukommen. Auch Micki hat heute Nachricht bekommen, dass er bis zum 16. Dezember in ein Land seiner eigenen Wahl abgeschoben werden wird. Sein Antrag auf Duldung wurde endgültig verworfen. Gegen 23.00 Uhr schlafen beide Türken, ich bin noch fast zwei Stunden wach – stelle mich aber schlafend, da Micki die (nie vorhandene) „Privatsphäre“ nutzt und lange weint. Was in ihm wohl vor sich geht? Er war Fahrlehrer in Sarajevo, er ist ein guter Mensch und kommt aus einer heilen Welt. Der Krieg hat sein Leben völlig zerrissen, auch er sitzt völlig unschuldig, eine ewige Flucht. Er ist immer ruhig, lieb und hilfsbereit, aber jetzt zeigt sich, wie unglücklich er sein muss, wie sehr er leidet.

*1 Es gibt – um selbst den Besuch zensieren zu können, Einzelbesuchserlaubnis – wobei auch immer erst mit dem Gefangenen, dem nur 2×30 oder 1×60 Minuten Besuchszeit im Monat zur Verfügung stehen, Rücksprache genommen werden muss. Dem-entgegen kann das Verfahren bei Personen, die in besonders intimer Beziehung zum Häftling stehen, dauerhaft „grünes Licht“ gegeben werden, was die Terminierung der Besuche erheblich vereinfacht.

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Montag, 5. Dezember 1994 – ich werde den Kalender erst heute Abend aufmachen (hahaha). 6.45 Uhr bereits wecken, da Mehmet heute seinen Prozess hat. Sogar Memet steht auf, um ihm alles Gute zu wünschen. Er wird wegen „versuchtem Totschlag/Mord“ an seiner jetzigen Ehefrau angeklagt werden. Ich koche für ihn Kaffee*1, dann geht es für ihn los. Für uns bleibt noch einmal eine stunde schlafen. Ich melde mich für den Knast-Frisör an, weil das nur Montags geht. Um 8.30 Uhr endlich werden die Türen geöffnet, los zum Haare schneiden. Danach duschen und noch neues Klopapier holen. Putztag hat heute Achmedi Pepić, den ich – weil wir es hier alle tun – auch in meinem Tagebuch ab jetzt nur noch Micki nennen werde. Um 9.50 Uhr schließt sich bereits der Hofgang an, der wie immer abläuft. Noch schnell die Post einwerfen*2. Als wir vom Hofgang zurück kommen, gibt es schon wieder Mittagessen: Reis mit Soße, einer Art Hunde- bzw. Katzenfutterfleischbröckchen darin und die üblichen 1-2 Salatblätter. Gleich nach dem Essen spielen Micki und ich Karten. Dann gibt es Post. Ich bekomme einen lieben Brief von Frau Lindner [Anm. einer Serbischen Förderin, bereits erklärt.] Ich freue mich sehr, hat sie doch ein paar Scherenschnitte und kleinere Basteleien zur Verschönerung der Zelle mit beigelegt hat, die wir gleich aufhängen. Im Adventskalender ist heute eine Silke.

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Schon beim Aufwachen habe ich an nichts anderes gedacht, als dass ich hier heraus will, und dass es noch sieben weitere, lange Tage sein werden, bis ich Silke wiedersehen werde. Als der Schließer kommt und sagt, ich habe Besuch, weiß ich zuerst einmal gar nicht, von wem. Erst eine Stunde später erfahre ich in der Wartezelle, durch die wir als Gefangene gehen, dass Silke kommt. Ich freue mich riesig. Dann – endlich – eine ganze halbe Stunde ist sie da. Sie macht mir Hoffnung – als sie geht, bin ich gut gelaunt.
Den Typ, der mit mir auf der Besuchszelle ist, kenne ich schon von der Gerichtswartezelle von letzter Woche, wo wir stundenlang herumsaßen. Er ist aus Murnau und sitzt wegen Börsenspekulation. Er hat 2.000.000 U$ veruntreut. Komischer Typ – nette Kinder [Anm. sehe ich beim Besuch]. Als wir gehen, schenkt er mir eine Tafel Schokolade. Mit ihr will ich die anderen auf meiner Zelle überraschen. Als ich ankomme, gibt es gerade Abendessen. Heute gibt es nur Quark (angeblich süß mit Rosinen) mit Brot, aber leckeren roten Tee. Micki muss ein Paket von seiner Familie holen gehen. Ich denke noch – bei dem Scheiß-Essen – hoffentlich hat er eine Wurst dabei. Als er zurück kommt, kann ich es kaum glauben: er hat fünf selbstgemachte Salamis, einen super-mageren, hausgemachten Rinder-Schinken, ein KG Leerdamer, Schafskäse und Peperoni dabei. Das Paradies bricht aus. Noch am Morgen hatte er die Nachricht erhalten, dass er unter Umständen noch drei weitere Monate in Abschiebehaft bleiben müsse – genau vor zwei Monaten war er verhaftet worden. Ich glaube, er ist hier außer mir der Einzige, der sich nicht kriminell betätigt hat. (In Stadelheim sitzen über 2.000 Gefangene in Untersuchungshaft). Er legt alles auf den Tisch – ich stelle 6 Dosen Cola dazu. Wir fressen, bis uns schlecht ist. Von 16 – 20.00 Uhr sitzen, essen und reden wir und träumen von einem Bier. Inzwischen kommt auch Mehmet vom Gericht, er ist gut gelaunt, soweit scheint alles ganz gut gelaufen zu sein. Er freut sich über all‘ das gute Essen – die Hälfte hat Micki noch an andere jugoslawische Leute verteilt. Es wird spät; die Hoffnung in mir, doch noch frei zu kommen, ist wieder sehr stark. Abends erfinde ich dann noch ein neues Kartenspiel – so eine Art „offenes MauMau“. Es ist sehr kompliziert, aber da jede Runde jetzt fast 40 Minuten dauert, geht die Zeit gut vorbei. Erst um 2.00 Uhr nachts gehen wir schlafen. Ich habe so gute Laune, dass ich fast im „Cola-Rausch“ bin und zum Entsetzen der anderen zwei Zigaretten rauche. Aber, geschmeckt haben sie nicht – ich hätte lieber ein Bierchen getrunken.

*1 Der Kaffee genießt in der Haft zeremoniellen Status und ist – neben Zigaretten – Zahlungsmittel. Man trinkt „Instant-Kaffee“ – also den Löslichen. Dazu darf man pro Haftraum einen Tauchsieder haben, um Wasser zu erhitzen. Gekauft werden 500-750g Gläser, die im Knast-Jargon „Bombe“ heißen. In einer leeren Bombe wird das Wasser erhitzt. Später in der Strafhaft wäre das Bestellen von Filterkaffee möglich gewesen, ich bleibe aber konsequent beim Löslichen. So wie ich nicht mit Rauchen anfing, bleibt auch der schlechte Kaffee Ansatz meiner Selbstkontrolle durch spartanische Lebensführung während der Haft. Ob Aufstehen – Ordnung – Höflichkeit – Ernährung – in allem behalte ich, egal in welcher seelischen Verfassung ich mich befinde, immer Haltung.
*2 In jeder Abteilung hängt auf dem Flur ein „Briefkasten“. In diesen werden alle Briefe frankiert, aber offen (wegen der Zensur) eingeworfen. Nur sogenannte Verteidigerpost, die an jeweils registrierte Anwälte adressiert sein müssen, werden nicht zensiert. Die Post geht dann erst an den mit der Überwachung bemächtigten Untersuchungsrichter – in meinem Fall also über Berlin (!), und dann an den Empfänger.

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Sonntag, 4. Dezember 1994 – 2. Advent (Knastzeit) Morgens um 7.00 Uhr Einkaufszettel abgeben. Ich werde fast nur Getränke kaufen. Gestern Nacht haben wir noch über eine Scheiß-Sendung im Radio gelacht: Radio Bong – Dr. Ben. Der hat lauter Leute angerufen und verarscht. Aber bei der Langeweile hier war das richtig lustig, obwohl es noch weniger Niveau hatte als Helge Schneider*1. Sonntag ist Okay – man kann bis 11.00 Uhr schlafen. Dann ist der halbe Tag vorbei.Was ich gerade denke (So. 18.00 Uhr): „Also – ich glaube, wenn ich nächste Woche nicht rauskomme, bin ich Weihnachten und Silvester drin und nicht draußen.“
Beim Aufstehen um 11.00 Uhr gibt es sofort Nudelsuppe zum Kaffee. Danach ein winziges Kotelett, welches lecker schmeckt, mit Kartoffelsalat und EINEM grünen Salatblatt. Nachdem Essen ist Umschluss, heute bleibt unsere Zelle leer. Ich beginne, mich mit dem Nachtrag meiner Tagebuchaufzeichnungen zu befassen. Um 14.00 Uhr fängt einer der Türken an, seine Gebetsrituale in der Zelle an zu vollziehen: also: Waschen der Hände, Füße und des Gesichts – dann Decke aka Gebetsteppich auf den Boden, beten und mehrfach nach Osten (Mekka) verbeugen. 14.30 Uhr Hofgang. Es regnet. Egal, Hauptsache Bewegung. Nachdem Hofgang Abendessen. Es gibt Wurst (Knorpel, aber rot). Dann legen sich Achmedi [Anm. wir nannten ihn MICKI] und Mehmet hin. Memet und ich schreiben und lernen (er!) englische Vokabeln.
Es wird wohl auch heute nichts weiter geschehen. Liegen, Dösen, Radio hören, Karten spielen, eventuell noch Briefe an Silke, B. [Anm. den Ex‘] und meinen Vater schreiben.

*1 Heute verstehe und liebe ich vieles vom Humor Helge Schneider.

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Samstag, 3. Dezember 1994 – (’ne Trompete*1) Noch immer im Knast. Es gibt um 7.00 Uhr Kontoauszüge mit der Berechtigungsmitteilung zum Einkauf. Jemand hat 200,00 DM an mich überwiesen, sodass ich wieder 141,10 DM ausgeben darf. Egal – erst mal wieder herumdrehen und weiterschlafen, denn Hofgang ist erst um 9.50 Uhr. Also erst zum Hofgang aufstehen – das Wetter ist herrlich, der Knast zum Kotzen.Die gleichen Leute: Mit Rainer und Andi, einem BTM’ler*2 quatschen, im Kreis laufen usw. Nach dem Hofgang gleich Mittagessen; Kartoffelpüree mit einer Brühpolnischen [Anm. Bockwurst]. Danach Umschluss. Die Zelle*3 – wie immer – voll. Wieder spielen Türken, Kurden, Bulgaren miteinander Karten – die deutschen labern. Selami, der junge Kurde, der bei der Besetzung des türkischen Konsulats als PKK_Aktivist dabei gewesen war, erzählt, dass er eventuell im Rahmen einer Weihnachtsamnestie freikommt.
Es entbrennt eine Diskussion,die Leute wollen den Unterschied zwischen einem PKK’ler und einem NeoNazi hören.Herrlich – politische Kultur … Nachdem der Umschluss beendet ist, gibt es Champignon-Salat zum Abendessen. Als Alternative gibt es Streichmettwurst. Rainer schenkt mir die seinige, dadurch habe ich heute Abend Beides. Nach dem essen schreibe ich einen Brief an Frau Kroeger und einen an die „taz“. Außerdem schreibe ich an [Anm. Rechtsanwalt] Brengelmann und meinen Stuttgarter Anwalt Mende, der wohl ab nun auch wieder mit im Spiel ist. Ich beantworte auch das Schreiben von Clemens [Anm. Hoeges, DER SPIEGEL]. Ich hoffe, dass ich von der „taz“ ein Gefangenen-Frei-Abo bekomme. Im Anschluss an die Post male ich noch ein Bild von der Zelle (Anm. bereits hier zuvor veröffentlicht], damit Silke weiß, wie es hier drinnen aussieht. Das Bild wird gut und jeder will es haben. Ich werde Silke bitten müssen, es mindestens 4x zu kopieren. (Ach ja, am Freitag gab es noch zwei Briefe, einen vom Anwalt und einen vom Gericht.) Noch ein Schreiben (mit Nachgebühr) trifft ein. Nachdem ich mich etwas hingelegt habe, verbringe ich den Abend mit Zeitung-lesen und Kartenspielen.

*1 Ich habe als ehemaliger Trompeter eine besondere Beziehung zu diesem Instrument.
*2 BTM: Betäubungsmittel-Gesetzesverstoß = Drogendelikte
*3 Die einzige 4er-Zelle auf der Etage.

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Freitag, 2. Dezember 1994 – (ein Ball im Kalender) 6.45 Uhr klingelt meine Uhr. Ich stehe auf – der Schließer, der um 7.00 Uhr zum wecken kommt, weiß gar nicht, dass ich wieder zum Gericht muss. Erst um 7.30 Uhr werde ich geholt.Das nervt so – das ist alles so lächerlich. Wenn ich bloß frei wäre. Heute im Gericht (Silke ist wieder da:ich will sie noch viel mehr festhalten als sonst, weil ich – nachdem ich ihren Brief gelesen habe – ein schlechtes Gewissen habe, da ich ihr nicht vertraute) kommt als Erstes die Dolmetscherin. Sie spricht über den zweiten Teil des „Burg-Films“ [Anm. Interview Ginsburg – war bereits zuvor erklärt worden], die Transferagreements von E. Black. Sie hat sehr gute Arbeit geleistet. Als sie fertig ist, kommt Christl*1. Sie ist die Erste meiner Zeugen, auch sie wirkt sehr gut. Dann ist Pause, ich nehme Christl kurz in den Arm. Es geht runter [Anm. in die Wartezelle des Gerichtes], wo es zum Essen (Achtung, wie es klingt:) „Semmelknödel mit Pilzrahmsoße“ gibt. Das Ganze entpuppt sich leider als Tennisball in Dosenpilzschleimsoße. Silke hat mir eine sehr verwirrende Nachricht gebracht. Mein Vater sei in Berlin. Ungeahnte Hoffnungen steigen in mir auf, aber sie erfüllen sich zunächst nicht. Außerdem steckt Silke mir noch drei Fotos zu. Ich freue mich riesig. Kurz vor der Pause habe ich mit der Schilderung meines privaten Lebenslaufes begonnen. Diese setze ich nach der Pause bis zum Ende des Verhandlungstages fort. Um 14.00 Uhr ist heute allerdings bereits Schluss, und eine halbe Stunde später geht es bereits nach Gitterland. Dort komme ich gerade rechtzeitig zum Abendbrot – 16.00 Uhr – an. Es gibt Käse – eine Art Camembert. Nach dem Essen nehme ich die drei Fotos, lege mich auf mein Bett und sehe die Bilder lange an… bis ich einschlafe. Später, gegen 21.00 Uhr, werde ich noch einmal wach und wir spielen eine Runde Karten, wie so meistens am Abend. Ich hatte natürlich gehofft, mein Vater könne den Haftbefehl außer Kraft setzen. Wieder nichts! Ob sein Besuch in Berlin überhaupt etwas bewirken wird? Ich weiß es nicht …

*1 Christl Möser war als Sekretärin auf Teilzeit bei Otto Ernst Remer im DDF Verlag, Kaufbeuren angestellt. Sie nahm mich bei sich in Huglfing/Obb. auf, sodass ich meine Wohnung in Osterwald/Deister aufgeben konnte, aber – bei meinen Besuchen zur Mitarbeit bei Remer nicht mehr dort übernachten brauchte. Sie verwöhnte mich – bis zu meinem Um-/Auszug nach München sehr.

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Donnerstag, 1. Dezember 1994 – (ein Bär im Kalender*1) 6.45 Uhr klingelt mein Wecker. (Die Nachträge werden etwas schwierig, denn es ist jetzt in Wirklichkeit bereits Sonntag, 12.00 Uhr) Schnell aufstehen, noch in die dusche und rasieren, einen Kaffee trinken und ein Mars, dann geht es los. Durch die Kontrolle in die Wartezelle, von dort im Gefängnisbus zum Gericht. Dann, zum ersten Mal, mit allen anderen gemeinsam in eine Wartezelle. Bisher hatte ich immer eine Zelle für mich alleine. Als ich hochkomme, ist Silke schon da. Ein Glück.Ich küsse sie, fühle sie, dann geht es in den Verhandlungssaal. Heute sehen wir zuerst den Film von der Spanien-Fahrt*2. Der ist recht harmlos, auch die Richter*3 lachen ab und zu. Zu Mittag stelle ich weitere Beweisanträge. Die taz wird darüber am Freitag berichten.Post vom SPIEGEL ist gekommen, in der Mittagspause erhalte ich von Silke einen 10-Seiten-langen Brief. Ich bin sehr glücklich.Zu Essen gibt es Cordon-Bleu (schmeckt zwar nicht so, sieht aber danach aus). Man muss es mit einem Plastiklöffel essen. Nach der Pause folgt der härteste Brocken: „Hitler kommt“*4. Zwei Stunden „Hitler, Hitler, Hitler“. Ich bekenne mich zu diesem Film, brandmarke ihn jedoch selber als Pfusch*5 und distanziere mich von der sehr einseitigen Darstellung. Ob dieser Film den Richtern sehr schwer im Magen liegen wird? Als der Prozesstag vorbei ist, heißt es wieder, drei Stunden warten. Erst dann geht es zurück in die JVA Stadelheim. Die Fahrt wird eine Folter der Gefühle. Wir fahren im Feierabendverkehr (wir stehen mehr als wir fahren), die Paul-Heise-Straße, Kaiser-Ludwig-Platz; bei B. [Anm. dem Ex‘}] vorbei; Herzog-Heinrich-Straße, am ehemaligen AVÖ-Laden vorbei; dann – vorbei an der Adlzreiter Straße [Anm. in der meine Wohnung im Haus Nr.5 ist], stehen wir vor der Kapuziner-Klause (Anm. unserer Stammkneipe]. Ich sehe Damjanka [Anm. die serbische Wirtin] gerade von draußen hineingehen – und dann stehen wir vor Silkes Haus.Ich sehe, dass oben bei Ihr in der Wohnung in beiden Zimmern Licht brennt.. Ich werde sehr, sehr traurig. Ich habe im Gericht beim Warten nach der Verhandlung Silkes Brief gelesen, die ganze Zeit sind mir Tränen über die Wangen gelaufen, weil ich glücklich und unglücklich zugleich war.Zurück im Knast gibt es Leberkäse zum Abendessen, dann lege ich mich gleich schlafen.

*1 Vom 1. bis zum 24. Dezember zeichnete ich jeden Tag ein Türchen [Adventskalender] an den Beginn des Tagebuchs.
*2 Es handelt sich um die Privat-Aufnahmen unserer Gruppe von politischen Kameraden des Novemberbesuches 1988 in Madrid bei der CEDADE [Circulo Espagnoles des Amigos del Europa) – Reisebericht und Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen für Franco und Primo-de-Rivera.
*3 Über mich richtete eine Kammer, die aus drei Richtern und zwei Schöffen bestand.
*4 Eine von mir in Toronto 1988 produzierte Dokumentation über das Leben von Hitler; Laufzeit 118 Minuten. Sie ist ebenfalls heutzutage im Internet zu finden.
*5 Ich musste, wegen meiner zeitlich begrenzten Aufenthalte, die Texte zum Film nach Vorarbeit FREI binnen LIVEZEIT einsprechen … natürlich war der Film noch in Nähe zur vor zwei Jahren verlassenen Bewegung und mit Blick auf den 100. Geburtstag Hitlers im Folgejahr entstanden.

AVÖ 1

B. E. Althans im Jahr 1994 kurz vor der Verhaftung

ENDE TEIL II

Donnerstag, 1. Dezember 1994 (noch 24 Tage …) Ich werde diesen Teil des Tagebuchs beenden und morgen weg geben*1. Der Dezember wird wohl der härteste Monat werden*2. Ich klammere mich an vage Hoffnungen.

*1 Die Tagebücher gingen alle an der Zensur vorbei – im Gericht und über die Anwälte raus.
*2 Wer hätte zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass noch zwei weitere Dezember samt Weihnachten und Jahreswechsel folgen würden …

Mittwoch, 30. November 1994 – der 60te Geburtstag meines Vaters.
Um 7.00 Uhr klappert die Tür und es gibt gleich Ärger, weil der Typ draußen nicht mitbekommen hat, dass Mehmet und Memet sich zum Zahnarzt angemeldet haben. Als er die Anmeldung dann hat, wird aber eh nichts aus der Sache, weil der Zahnarzt heute ausfällt. Wir sollen unsere Bücher abgeben, wir versuchen zu verlängern, müssen nun Freitag doch abgeben. Um 7.15 Uhr müssen wir bereits die [Anm. obligatorische blau-weiß karierte] Bettwäsche abgeben. Sinnlos – wichtig, wichtig. Dann in den bloßen Pferdedecken bis 8.30 Uhr weiterschlafen, da um 8.45 Uhr Hofgang ist. Ich schütte einen Kaffee herunter – es ist saukalt.
Wieder auf der Zelle, lese ich Bataille zu ende. Es ist ein wirres Buch. Ich habe es gelesen, um Alain, einem meiner besten Freunde, besser zu verstehen. Ich glaube, ich hätte es in Französisch lesen müssen, die Perversion und Depression, die der Text in Deutsch nicht vermitteln kann, wirkt lächerlich und unzusammenhängend. Zum Mittagessen gibt es wieder eine Handvoll ungeschälte und ungewaschene, aber gekochte Kartoffeln und eine Art Erbsensuppe, dick und ohne Wurst, die Erbsen sehen gelb aus. Nach dem essen gibt mir der dicke Schmidt von gegenüber die Seite 3 aus der Süddeutschen Zeitung, die einen riesigen Artikel über mich zeigt. Ich schreibe sofort einen Leserbrief und eine Gegendarstellung*1. Ich werde diese morgen gleich wegschicken. Dann gibt es Post. Ich bekomme ein Fax vom 10. November von den Republikanern*2 aus München, die mir alles Gute wünschen, einen Brief von Karl B., einem linksextremen Freund von mir aus Frankfurt, einem Freund von Eugen Kogon. Er schreibt über Kopernikus und Galilei, der, als die Welt wusste, dass die Erde eine Scheibe ist, behauptete, sie sei eine Kugel und dafür ins Gefängnis kam. Er zitiert Voltaire, den großen französischen Philosophen, der in Preußen bei Friedrich dem Großen oft am Hof war und den Satz prägte:
„Ich stimme nicht mit Ihnen überein, aber ich werde dafür kämpfen, dass Sie Ihre Meinung sagen können.“

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Seite DREI der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 30. Nov. 1994

Außerdem kommt eine Verfügung aus Berlin vom 14.11., die für den 17.11. war, an. 16 Tage Postweg – die spinnen wohl. Ich schreibe sofort an meinen Anwalt und die Berliner Kammer. Außerdem beantworte ich die Post von den REPs und schreibe an Karl B., der mir auch noch 10 Briefmarken beigelegt hat. Den Brief an Frau Scharnick möchte ich an alle drei Richter der Berliner Kammer getrennt schicken, außerdem werden Kopien an Anwalt Krause, Brengelmann, die Staatsanwaltschaft Berlin, die Kammer, die über die Haftbeschwerde entscheidet, meinen Vater und nächste Woche an die Süddeutsche Zeitung, z.Hd. Frau Haas, gehen. Die Antwort an die Süddeutsche Zeitung wegen des Artikels soll Wiesel verbreiten. Um 16.00 Uhr gibt es Abendbrot: Heute für jeden neben Brot einen Apfel und eine Dose Sardinen. Nachdem Essen noch die Neu-Formulierung vom Antrag Nr. 8 und der neue Antrag für die Zeugenvernehmung René Z. wegen dem Film „Der ewige Jude“. Außerdem formuliere ich noch eine Grundsatzerklärung bezüglich der morgen zu stellenden Beweisanträge und bezogen auf die Dokumente [siehe Abbildung]. Zu guter Letzt noch das Tagebuch schreiben und Achmedi beim Schreiben eines Antrages für einen „Jugo“ helfen…

1994_12_01_Erklaerung

Die Erklärung vor Abgabe der neuen Anträge im Münchner Prozess

Ach ja – vorher hatte ich mich nach dem Abendessen hingelegt und bis 20.00 Uhr geschlafen. Wir sprechen viel über Mehmets Prozess, der am Montag begegnet. Gegen 22.00 Uhr legt sich Mehmet hin, er glaubt, Grippe zu bekommen. Ich lege mir Kleidung für morgen bereit, dann spielen wir noch eine Runde MauMau. Ich spendiere in die runde Apfelsaft und Salzstangen. Ich denke an Silke, bei der ich jetzt gerne wäre. Hoffentlich sehe ich sie morgen.

*1 Der Artikel „Billige Scharaden eines Yuppie-Nazis“ von Michaela Haas und meine Erwiderung finden Sie hier: https://althansinfo.wordpress.com/
*2 Obwohl ich selbst kein Sympathisant von Franz Schönhuber war – eher das Gegenteil – so gab es natürlich insbesondere seit der Wende viele Begegnungen und Berührungen mit dem Phänomen REPs. Und einige meiner Freunde fanden Lohn und Brot im Münchner Hauptquartier der Partei, die damals ein ähnliches Klientel wie heute der AfD mobilisierte.

Dienstag, 29. November 1994 – Heute sind es genau drei Wochen, die ich in Haft bin. Wohl gemerkt – unschuldig*1. Bisher keine Post, kein Besuch, alles sehr dubios. Um 7.00 Uhr wecken, um 7.15 Uhr gehen Mehmet, Memet und Achmedi zum Arzt, um 7.40 Uhr ist Hofgang. Ich hasse das, wenn der Hofgang schon so früh am Morgen stattfindet. Es ist noch dunkel und sehr kalt.
Ich scherze mit Rainer herum, dem ich die Zigaretten, die mir mein Anwalt gegeben hatte, schenke. Danach lege ich mich, nach einer Tasse Kaffee, einer Banane, einem Mars wieder hin bis zum Mittagessen um 11.00 Uhr. Heute gibt es Nudelsuppe, dann Rinderbrust mit Nudeln, Soße und Salat. Es geht so. Nach dem essen erst einmal einen Kaffee trinken und das Tagebuch bis hier weiter schreiben. Und dann werde ich erst einmal den Brief an die Berliner Richterin Frau Scharnick weiter schreiben. Ich schreibe noch kurz an die Berliner Kammer, an meinen Anwalt und an die Senatskammer,, um klar zu stellen, dass Unterlagen unterwegs sind, und dass Krause jetzt mein Anwalt ist. Dann ist es schon 15.00 Uhr – Zeit zum Abendessen. Es gibt köstlichen Käse mit Knoblauch, eine Art Camembert. Wir essen, Achmedi und ich spielen zu Zweit MauMau. Abends – gegen 23.00 Uhr – legen wir uns hin.Ich stehe nach einer Stunde wieder auf und schreibe den Bittbrief an Frau Scharnick zu ende. Es werden 14 Seiten – inhaltlich gefällt er mir sehr gut. Aber, wird er Wirkung haben? Wird man ihn überhaupt lesen? Es ist irgendwie der letzte Versuch – ich will vor Weihnachten hier raus. Es ist zwei Uhr morgens. Ich lege mich hin, schlafe – wegen des Schnarchens der anderen – erst gegen 4.00 Uhr ein.

*1 Grundsätzlich gilt nach deutschem Recht die Unschuldsvermutung bis rechtskräftiger Verurteilung. Zudem beharre ich aber bis heute auf m,einer Unschuld – es war ein Politikum, und niemand hatte das Format, bestehendes Recht korrekt anzuwenden. Ich sage das wohlweislich. Erst 2010 gab es – wenngleich wiederum mich, den bösen Darsteller für zu Recht verurteilt beschreibend – einen Kongress, bei dem zum Thema VERBOTENER FILM ? Noch einmal der gesellschafts- und kulturpolitische Ausnahmezustand, in den die BRD versetzt war, chronologisch geschildert wird – recht interessant:Rudolf Worschech http://vimeo.com/15692615

Montag, 28. November 1994 – 7.00 Uhr wecken. Ich springe aus dem bettum noch warmes Wasser zu ergattern*5, da ich dringend meinen 4-Tage-Bart loswerden muss. Ich habe überhaupt nur noch eine Klinge, dass reicht gerade noch für den nächsten Termin. Anscheinend waren beim Wäschetausch keine neuen Klingen dabei.Auch Achmedi, den wir eigentlich immer Michi nennen, steht auf und beginnt mit der Morgentoilette. Ich esse eine Banane, dann lege ich mich wieder hin. Heute morgen ist duschen, also bloß lieber nicht mehr einschlafen. Also stehe ich wieder auf und koche mit dem Tauchsieder eines der Mithäftlinge einen Kaffee. Immer noch geht es nicht zum Duschen – mittlerweile ist es 8.00 Uhr. Eine halbe stunde später geht es los. Erst duschen, dann rasieren und frische Wäsche anziehen. Heute habe ich, nach dem neuen Plan, den wir gemacht haben, Putzdienst. Also – Raum leer räumen, Fegen, Wischen, Müll ausleeren, neues Toilettenpapier und Handtücher holen. Und – schon ist es 9.30 Uhr, also Hofgang. Ich unterhalte mich mit Rainer, der schon wieder nichts zu rauchen hat. Mal sehen, was ich organisieren kann. Um 11.00 Uhr gibt es Mittagessen, Nudeln mit Tomatensoße und undefinierbarer Kleinfleischeinlage sowie Salat. Ich gönne mir ein Mars.Nach dem essen ärgere ich mich über einen Brief der Berliner Richterin Frau Scharnick, die die Haftprüfung verworfen hat. Sie schreibt (am 23.11.), ich müsse, da Brengelmann das Mandat [in der Berliner Sache] niedergelegt hat, einen neuen Rechtsanwalt benennen. Der Brief kam erst fünf Tage später an. Außerdem hat sie am 17. Nov. bereits mit Brengelmann telefoniert. Ich bin sauer – will erst klagen wegen Verletzung des Ermittlungsgrundsatzes und auf Wiedereinsetzung des Haftprüfungstermins [Anm. in den vorherigen stand] hinarbeiten. Doch dann, als ich mich nach dem Essen hinlege, glaube ich, eine viel bessere Idee zu haben. Ich setze alles auf eine Karte. Nachdem heute die Sache mit meiner Haftbeschwerde angelaufen ist, schreibe ich einen offenen, direkten Brief an Frau Scharnick. Ich versuche, nachdem ich mich nochmal für Berlin entschuldigt habe,alles nochmal genau zu schildern. Ich schreibe fast sieben Seiten (Ich glaube, morgen werden es noch einmal fast so viele werden) und bereite die nötigen Umschläge vor. Mir geht schon wieder das Porto aus. Immer wieder unterbreche ich und lese ein Kapitel von Bataille. Es ist schwierig, mies aber gut ?!. Das Buch ist so negativ,dass ich mich hingegen richtig gut fühle. Ich bastle außerdem schon an einer Karte, die ich Silke zu unserem Einjährigen schenken will. Da kommt der Schließer: „Althans, zum Anwalt!“
Herr Brengelmann bekommt von mir die ganzen neuen Anträge mit der Bitte verbunden, diese zu kopieren und an Staatsanwaltschaft und Gericht weiter zu leiten. Auch er hat gute Nachrichten. Zum ersten Mal zeigt er mir ein Schreiben des Berliner Anwaltes Krause. Er scheint sich schon sehr eingesetzt zu haben. Er teilt mir mit, dass die Kammer in Berlin gar nicht von meiner Flucht ausgeht: das macht mir Hoffnung, bereitet aber auch Sorgen.Außerdem versucht man in Berlin, nach München abzugeben. Das wiederum gefällt mir. Auch meine [Anm. leibliche] Mutter in Berlin ist mit dem Anwalt im Kontakt. Mein Vater hat mir Briefmarken geschickt und steht voll zu mir. Er hat sich auch in Berlin durch das Anbieten von Kaution und Bürgschaft für mich eingesetzt. Brengelmann und ich besprechen erst einmal den Verlauf des Münchner Prozesses bis zum Plädoyer. Danach geht es wieder in die zelle, wo schon Abendessen, eine Gemüsesuppe, steht, die mir heute richtig gut schmeckt. Ich schaue auf Silkes Bild und verspreche ihr, vor Weihnachten raus zu sein. (Hoffentlich) Ich spendiere Cola, Salzstangen und Schokolade. Jetzt muss ’ne Party gefeiert werden. Mehmets Prozess beginnt kommende Woche. Auch er war beim Anwalt, der ihm sagte, der Richter habe gemeint,dass es nicht zu schlimm werde. Nur Achmedi ist traurig. Er wird abgeschoben werden – mitten ins Kriegsgebiet. Obwohl er Bosnier, also Moslem istz, soll er nach Serbien abgeschoben werden. Ich habe für ihn eine Beschwerde geschrieben. Abends habe ich so gute Laune, dass ich nur noch ein wenig Tagebuch schreibe. Dann spielen wir bis 2.00 Uhr nachts Karten. Wir reden und lachen viel, nur Achmedi geht schon um 19.00 Uhr schlafen.

Sonntag, 27. November 1994 – ERSTER ADVENT – Ich sollte mir sparen, zu beschreiben, was für ein wunderbarer Tag es heute draußen geworden wäre. Sicher ist, dass ich gestern mit Hanne und Silke, vielleicht auch Anja und Michi gebacken und Glühwein besorgt hätte [Anm. „Tradition“]. Hier drin ändert sich nichts. In der Nacht bin ich wieder mehrfach aufgewacht. Als um 7.30 Uhr Wecken ansteht, reagiert keiner. Wir schlafen weiter bis 11.00 Uhr – zum Mittagessen. Das Essen stellt Nudelsuppe und Wiener Schnitzel (unzerschneidbar und etwa 1/8 vom Werner-Schnitzel*3 mit Kartoffelsalat und grünem Salat dar. Nach dem essen lese ich ein wenig. Dann ist Umschluss. Da der heutige Schließer total schnell wieder abschließt, schaffen es nur Rainer und zwei Türken, zu uns zu kommen. Ich unterhalte mich die ganze Zeit mit Rainer, spendiere aus meinen Heiligtümern ’ne Dose Cola und für alle eine Tafel Schokolade. Um 14.50 – 15.50 Uhr ist Hofgang. Man merkt, dass es langsam kalt wird. Ich muss Silke fragen, ob sie mir eine Mütze besorgt. An den Hofgang schließt sich direkt die Ausgabe des Abendessens an. Das war der Tag. Heute gibt es wieder den Käse, den ich schon gar nicht mehr esse. Überhaupt esse ich ziemlich wenig. Mein Bauch ist fast weg – Silke wird sich freuen. Es ist nur noch etwas weich – ich sollte mich zu „Sit-Ups“ zwingen. Nach dem essen lege ich mich hin und schlafe ein. Um 19.30 Uhr werde ich wach, schreibe mein Tagebuch und an Silke sowie zum ersten Mal an Ernst [Anm. Zündel]. Wann ich bloß hier rauskomme? Ich muss total viel an Paris denken*4 und wie wunderschön es dort war.Wer es nicht glaubt: Wir haben wieder mal bis 1.00 Uhr MauMau gespielt.

*1 George Bataille: http://de.wikipedia.org/wiki/Georges_Bataille
*2 Ernst und ruhig: Entgegen der Meinung meiner Gegner, ich sei selbstverliebt, narzisstisch oder sonst etwas, lag mir das Laute und Aggressive nie. In der Szene – so berichtete man mir später – nannten viele mich hinter meinem Rücken „der alte Mann“, weil ich gegen aggressives Verhalten, Rauchen und Alkohol wetterte, bei Konflikten den Kontakt zu Gegnern suchte und immer versuchte, Vorbild zu sein im täglichen Leben.
*3 WERNERs im Osten bei München, eines der besten Schnitzel-Häuser Deutschlands.
*4 Ich besuche bereits seit meinem 17. Lebensjahr immer wieder mal Paris, um die geliebte Stadt zu genießen. Zum 18. Geburtstag hatte ich Silke eine reise dorthin geschenkt. Dieses Einbeziehen war der entscheidende Schritt für mich gewesen, endlich ganz zu dieser unerwarteten Beziehung zu stehen.
*5 Da ich keinen Tauchsieder zu diesem Zeitpunkt habe, und es im Haftraum nur kaltes Wasser gibt, ist man auf die einmal pro Woche stattfindende Warmwasserverteilung angewiesen, um solche Dinge wie Rasieren zu erledigen.

Waeschetausch

Zettel – von Silke geschrieben – Erster Wäschetausch

Samstag, 26. November 1994 – 7.00 Uhr wecken: „Althans, Kleidung ist da!“ Ich springe aus dem Bett; meine Schmerzen von gestern sind – zum Glück – fast weg. Ich gehe herunter und bekomme meine frische Kleidung.Alle Toiletten- bzw. Büroartikel werden nicht ausgehändigt. Ich werfe noch die Post, die ich gestern geschrieben hatte, ein, dann lege ich mich wieder hin. Erst von 9.50 – 10.50 Uhr ist Hofgang. Einer erzählt mir von jemandem, der schon seit zwei Jahren in U-Haft sitzt. Ich bin ziemlich deprimiert, weil auch hier alle zum einen von meiner Unschuld ausgehen und zum anderen daran glauben, dass man mich einfach schmoren lassen will. Meine ganzen Hoffnungen liegen derzeit bei meinem Vater, von dem ich hoffe, dass er es schafft, mich bis Weihnachten hier heraus zu holen. Ich bin den ganzen Samstag sehr deprimiert. Mittags gibt es eine Art Kohlrabi-Suppe mit zwei winzigen Wienern. Im Radio reden sie vom langen Samstag, von Weihnachten und Besinnlichkeit. Hier ist es nur schrecklich. Beim Umschluss bleibe ich dann auch einfach liegen und lese George Bataille, der sich als Meister der Depression*1 herausstellt. Ich rede ein wenig mit Rainer aus der Zelle nebenan. Die Türken spielen Karten und essen Pudding. Am Ende des Umschlusses folgt gleich das Abendessen. Wir können Dank des Einkaufes auf den ekelhaften Tee verzichten, nehmen nur Semmeln und Develey-Champignon-Salat, der wie Diabetiker-Salat – also nach nichts – schmeckt.Wir essen gegen 16.00 Uhr Abendbrot. Ich bin so fertig, Weihnachten und Sylvester vielleicht im Knast zu sein. Da kommt auch noch der Schließer und verteilt Weihnachtspaket-Marken. Soll das alles etwa schon „beschlossene Sache“ sein?! Nach dem essen schreibe ich den letzten „englischen“ und 23 weitere, deutsche Beweisanträge bezüglich der Einführung von Dokumenten in das Münchner Verfahren. Das wäre also auch erledigt. Jetzt erst einmal Tagebuch bis hierher schreiben.
Es ist 20.30 Uhr. Was Silke wohl gerade macht? Ich küsse ihr Bild. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals ein Foto küssen würde – komisch.

  • Der Knast macht mich kaputt. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Zum ersten mal werden in mir Gefühle wach, die ich bisher nie kannte: Hass, Depression und Starrsinn. Ich merke, wie ich noch ernster*2 und ruhiger werde und langsam verbittere. Ich weiß nicht, was ich machen soll.

Die Unterstellung, es läge Fluchtgefahr vor,das völlig unschuldig inhaftiert sein … es tut weh. Und Ruhe findet man trotz der Öde und Langeweile überhaupt nicht. Denken, Denken, Denken. Ein Trost bleibt – ich liebe silke. Aber, ist das nicht zugleich der größte Schmerz?

Freitag, 25. November 1994 – Um 7.00 Uhr schmeißt mich die Wache aus dem Bett, damit ich meinen Einkauf abholen kann. Ich bekomme zwar nur 10 anstatt 20 Briefmarken, ansonsten stimmt alles:
30 Dosen Cola, 5x Apfelsaft, 10x Fishermens Friend, Gurken, Schweineschmalz, 10x Bounty, 10x Mars, Tee, Kaffee, 2x Milch, 5x Salzstangen, Duschgel, Odol,und Seife sind nun mein kleiner Schatz, der die kommenden zwei bis drei Wochen die Tage verschönern helfen muss. Es gab heute keine neue Wäsche. Hat B* [Anm. der Ex‘] oder Silke es nicht geschafft, oder lässt die Anstalt sich nur Zeit? Von 8.45 – 9.45 Hofgang. Ich werde natürlich von einigen gefragt, wie der Prozess gestern lief. Einer bringt mir den Artikel aus der Süddeutschen vom Dienstag.
Zum Mittagessen gibt es Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Es schmeckt eigentlich richtig gut. Nach dem Essen lese ich das Buch von Fernau*1 zu Ende. Dann – alle anderen schlafen – setze ich mich hin und schreibe zwei Briefe an meinen Berliner Anwalt. Da kommt der Schließer und sagt mir, wegen meines Berliner Anwaltes hätte man festgestellt, dass dieser hier in der JVA nicht als Verteidiger gemeldet ist. So habe man Brengelmann angerufen. Dieser Wolle versuchen, noch am Nachmittag zu kommen. Er erscheint jedoch nicht. So schreibe ich noch an den Haftrichter in Berlin, die Berliner Kammer, die über die Haftbeschwerde entscheiden muss und an die Staatsanwaltschaft Berlin, die ich alle auffordere, aufgrund des aufgetauchten Schreibens [zuvor abgebildet]:
1. bei Ostfilm Haussuchung anzuordnen
2. das Verfahren einzustellen
3. den Haftbefehl sofort aufzuheben.
Ich schreibe dann noch an meinen Vater, dass er mal bei meinem Anwalt in Berlin Druck machen soll. Heute ist schon der 17. Hafttag. Dann verfasse ich noch einen Brief an Arno, einen an Antje und einen an den Bayrischen Herold*2, um zu erklären, warum ich nicht mehr komme. Da ich gerade am Schreiben bin, setze ich mich noch an weitere Beweisanträge. Ich schreibe elf von zwölf Anträgen bezüglich der englischen Dokumente – s werden noch an diesem Wochenende weitere 24 Anträge bezüglich deutscher Unterlagen folgen. Einige wenige muss ich in der kommenden Woche noch nacharbeiten. Zum Abendessen gibt es bereits um 15.00 Uhr viel Kochkäse und Hering in Aspik. Wir haben ja auch noch eine Menge eigene Leckereien. Abends, vor dem Abendessen, spielen wir Karten.
Als ich mich nach dem Abendessen daran mache, diese Tagebuchnotizen zu verfassen, plagen mich plötzliche höllische Zahn- und Kopfschmerzen. Ich esse sogar aus Not eine von Achmedis mysteriösen Pillen. Ich sollte mir nächste Woche unbedingt noch Aspirin und Nelkenöl besorgen. Ich werde versuchen, früh schlafen zu gehen. Es ist jetzt 21.45 Uhr.
Ich schlafe jedoch erst gegen Mitternacht ein. Die Schmerzen sind kaum auszuhalten.

*1 Joachim Fernau (* 11. September 1909 in Bromberg, Deutsches Reich; † 24. November 1988 in Florenz) war ein deutscher Journalist, Kriegsberichterstatter der bei der Waffen-SS aufgestellten SS-Standarte Kurt Eggers, Bestseller-Autor, Maler und Kunstsammler. Ein Teil seiner Werke erschien unter dem Pseudonym John Forster. Mehr hier:http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Fernau
*2 Nicht nur im BAYRISCHEN HEROLD, einem meiner Stammlokale, genoss ich eine erhöhte nachbarschaftliche Popularität.

Donnerstag, 24. November 1994 – Kurz vor sieben werde ich geweckt. Ich gehe schnell duschen, dann anziehen, Sachen schnappen und schon geht es los. Dieses Mal sind wir schon um 8.00 Uhr im Gericht. Ich mache also in meiner Zelle noch ein Nickerchen. Und nun geht es hoch. Silke ist wieder da. Sie bekommt tatsächlich frei von der Schule. Erst Mittags muss sie wegen einer Deutschaufgabe wieder in die Schule. Auch B. Ist da. Leider ist er in Eile, sodass ich fast nicht mit ihm sprechen kann. Aber draußen muss schon einiges schiefgelaufen sein. Er gibt meinem Anwalt noch die Post. Ich nehme zwei Fotos an mich. Auch aus Moskau und den Niederlanden kommt Post. Arno*1 hat geschrieben. Stefan geht sofort los, um für mich die notwendigen Kopien für die Beweisanträge zu machen. Der Staatsanwalt verheddert sich weiter in Details zur Anklage – Teil C*2. Gut so!
Mittagspause. Das Essen ist so ekelhaft, dass ich nur ein paar Löffel Kartoffelbrei esse. Dann kommt Brengelmann runter [Anm. mein Anwalt darf mich in der Zelle aufsuchen] und ich bespreche mit ihm die neue Situation in Berlin. Auch sage ich ihm, dass ich morgens [Anm. in der JVA] meine Dreckwäsche*3 abgegeben habe. Ich muss also noch dringend neue Wäsche bekommen. Die Verhandlung geht weiter und dauert bis 16.30 Uhr. Auch Julia, die ihre Abi-Arbeit über mich schreibt, ist da. Frau Kroeger*4 gibt mir eine Postkarte mit Grüßen. Sie sagt, es gehe Leo*5, ihrem Bruder, sehr schlecht. Frau Lindner*6 hat mir Saft und etwas zu essen mitgebracht. Bevor der Prozesstag vorbei ist, kommt Silke nochmal nach der Schule. Ich beginne, sie für ihre gezeigte Stärke zu bewundern. Zum ersten Mal haben wir heute über den Tag meiner Verhaftung gesprochen. Es muss furchtbar für sie gewesen sein. Es ist schön – aber es tut auch weh – zu fühlen, dass man wirklich geliebt wird. Ich sage zu ihr, dass – sollte ich raus kommen – ich daran denke, mit ihr zu Weihnachten nach Hannover zu meinen Eltern zu fahren. Obwohl die Situation nach Auffinden meines Briefes an Ostfilm gut erscheint, schlägt mich die Nachricht von Martijn nieder, Stuttgart*7 begänne erneut im Januar. Was soll das nur? Die Vorwürfe liegen 11 Jahre zurück. Außerdem sind sie unbegründet und lächerlich. Und – wie soll das mit der U-Haft weiter gehen, wenn Berlin wegen Stuttgart nicht verhandeln kann? Ich will vor Weihnachten draußen sein.
Mein Anwalt in Berlin*8 wirkt auch nicht gerade wie ein Held. Als ich endlich gegen 21.00 Uhr auf der Zelle bin, gibt es Kuchen*9. Die anderen haben schon ihren Einkauf bekommen. Ich sortiere noch meine Akten, schreibe einen Antrag, dass ich meinen Anwalt aus Berlin sprechen müsse wegen der Beschlagnahme [Anm. von was, weiß ich an dieser Stelle nicht mehr] und esse noch Abendbrot. Heute gibt es Salami, die richtig gut schmeckt. Wir spielen noch bis 1.00 Uhr Karten. Dann geht es ins Bett, was übrigens 6cm kürzer ist als ich.

Margarethe Kroeger-Kupka Freifrau von der recke

Marga Kroeger-Kuppka, Freifrau von der Recke

*1 Arno, ein Punk aus Groningen, gehörte zu der Gruppe meiner neuen, schwulen Amsterdamer Bekannten, bei denen ich vor dem Kennenlernen Silkes bereits einige Wochenenden zu Gast gewesen war.
*2 Im Teil C der Münchner Anklage warf mir eine Verletzung von Urheberrechten durch Verbreiten von UFA-Filmen und anderen alten Aufnahmen vor. Nachdem sich dieser Anklagepunkt als haltlos erwiesen hatte, wurde er noch während der Verhandlung fallen gelassen, also eingestellt – sonst hätte man mich im Urteil in diesem Punkt ja wieder frei sprechen müssen.
*3 Eigene Kleidung in der Untersuchungshaft ist nur gestattet, wenn man draußen Menschen hat, die Wäschetausch und Reinigung übernehmen.
*4 Frau Kroeger [siehe Bild] war eine Ausnahmeerscheinung – die von Geburt an schwerstbehinderte Freifrau aus dem Memelland war vor Ausbruch des Krieges unermüdlich mit der Versorgung der schwer Not leidenden Volksdeutschen beschäftigt. Die glühende Früh-Nationalsozialistin blieb bis zu ihrem Tod rührig – versorgte nach dem Fall der Mauer vornehmlich Russlanddeutsche, die in den 90er Jahren erneut aus den nun entstehenden Republiken Kasachstan, Kirgisien usw., wohin sie unter Stalin bereits deportiert worden waren, verjagt wurden. Viele siedelten damals im Gebiet Königsberg, nah der alten Heimat von Frau Kroeger.
*5 Leo, der Bruder von Frau Kroeger, war als Angehöriger der Waffen-SS und schwarzen SS 1946 in Landsberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt worden, dann aber in den 50igern begnadigt worden.
*6 Frau Lindner, mit einem Münchner Bankdirektor verheiratet, war eine serbische Intellektuelle, die mich mit den Feinheiten der Kulturen und Geschichte des Balkans vertraut machte.
*7 Das Stuttgarter Verfahren:
Am 9. Januar 1990 erhob das Landgericht Stuttgart Anklage wegen „Verstoß gegen das Vereinigungsverbot“. Angeklagt wurden 21 wild zusammengewürfelte Personen aus der rechtsextremen Szene, die sich nur in einem einig waren: sie alle waren politische Gegner von Michael Kühnen [viele von ihnen, wie ich – seit der sogenannten „Schwulendebatte“]. Aber die Angeklagten wurden beschuldigt, die verbotene ANS des Kühnen weitergeführt zu haben. Absurder Weise begann etwa neun Monate später ein zweiter Prozess gleicher Art, dieses Mal in Frankfurt und gegen die Gefolgsleute Kühnens. Das allein hätte unseren Prozess platzen lassen müssen. Stattdessen platze der Prozess nach ca. 180 Verhandlungstagen wegen Prozessunfähigkeit einer der Schöffen. Zuvor hatte die dortige Staatsanwaltschaft ein gutes Jahr vor meiner Festnahme ebenfalls 3 ½ Jahre für mich gefordert – natürlich war auch das nie ein Anlass für mich, an Flucht zu denken! Näheres wird man noch in meiner Biografie lesen können.
Aber – vollkommen unabhängig von meiner tatsächlichen Entwicklung – muss man sich einmal klar machen, dass ich nunmehr sowieso am Ende meines politischen Lebensweges angekommen war. Denn hätte ich mich weiterhin grob wehrhaft und widerspenstig gebärdet, hätte im Zuge der drei laufenden Verfahren eine Mindestgesamthaft von 8-10 Jahren gedroht. Und das in einem Land, dass die Meinungsfreiheit als Grundrecht proklamiert für Taten, deren einziger Vorwurf in politischer Gesinnung und der dazu bedingten Organisationsform bestand.
In der Tat war ich die drei Jahre vor meiner Festnahme nur noch von „Beruf NeoNazi“, denn es waren die Jahre meiner Ablösung aus der Szene, in denen ich mich begann, mit meinem Coming-Out auseinander zu setzen, Mit Abscheu die eskalierende Gewalt gegen Ausländer, vor allem Asylantenheime nicht nur wahrnahm, sondern mich offen dagegen stellte. Auch die Gräuel des Krieges in Ex-Jugoslawien erschütterten mein Weltbild. Aber – es waren auch die Jahre der Wiedervereinigung, die Zeit von Glasnost und des gewaltsamen Todes von Rudolf Hess. „Beruf Angeklagter“ hätte die Situation besser beschrieben – die Spannungen derer, die man einer gemeinsamen Verschwörung beschuldigte, gingen derart weit, dass ich mich etwa mehrfach auf der dreimaligen Reise pro Woche von München nach Stuttgart mit Friedhelm Busse am Münchner HBF prügelte, bevor wir dann hintereinander auf der Anklagebank Platz nahmen. Vorweg: Das Stuttgarter Verfahren endete mit „Deals“, keiner kam in Haft, mein Verfahren wurde eingestellt.
*8 Rechtsanwalt Axel Krause hatte sich bereit erklärt, als (Wahl-)Pflichtverteidiger für mich in Berlin das Mandat anzunehmen. Zuvor hatten sich nur Anwälte aus meinem ehemaligen politischen Umfeld, etwa Jürgen Rieger, bereit erklärt, das aufsehende verfahren anzunehmen. Später im Verfahren stellte sich heraus, dass der unscheinbare Berliner Anwalt, den meine Mutter für mich aufgetan hatte, ein kluger, umsichtiger Verteidiger war, der sich sehr für mich einsetzte.
*9 Der so genannte Herrenkuchen, sowie seine Fertigbackkuchen-Geschwister waren damals das Highlight im jeweiligen Einkauf und beliebt, als sozialisierendes Element mit anderen Gefangenen, diese beim Umschluss zu teilen. Heute reagiere ich, wie auf löslichen Kaffee, eher traumatisiert auf dieses Produkt.

Mittwoch, 23. November 1994 – Wie immer um 7.00 Uhr wecken. Ich bin, obwohl lange und zum ersten Mal auch durchgeschlafen, noch müde. Dennoch stehe ich auf. Das Weinen und auch das lange Schlafen haben mir gut getan. Ich merke, dass es mir innerlich wesentlich besser geht. Ich unterhalte mich auf dem Hofgang, der bereits um 8.45 – 9.45 Uhr ist, mit einem Österreicher. Es ist eine nette Unterhaltung über seinen, mehr jedoch über meinen Fall. Er sitzt wegen Betruges. Wieder auf der Zelle kommt der Psychologe. Merkwürdigerweise bekomme ich eine „Vertretung“ – es ist offensichtlich, er ist kein Psychologe sondern vom Verfassungsschutz. Ich teste ihn kurz an, er meint, er könne sowieso nicht helfen, also gehe ich zurück zur Zelle. Dort erzählt mir Memet, daß der Typ von [Anm. Der Zelle] gegenüber , dem ich gestern den DER SPIEGEL abgekauft*1 habe, der aus der FOCUS*2 ist. Es ist der ehemalige Bundestagsabgeordnete von der SPD, Rechtsanwalt Manfred Schmid, der für das Verschwinden-lassen von SED-Geld zur KPÖ nach Wien selbst 2,5 Millionen Mark unterschlagen haben soll. Was für Mitgefangene! Das ist der Hammer!
Dann – 11.00 Uhr – Mittagessen, von dem zuerst die Suppe, da wir die erste, bzw. Letzte Zelle in der Verteilung sind, in Form leerer Teller bei uns ankommt. Dann gibt es Reis mit einer Soße (die Brocken sind wohl Leber, Nieren usw.) und Feldsalat. Natürlich schmeckt es nicht. Ach ja – ich bekomme noch drei der erwünschten Bücher: Gottfried Benn, George Bataille und Joachim Fernau, den ich sofort zu lesen beginne. Ein herrliches Buch über die Geschichte Deutschlands, das müsste unbedingt Silke mal lesen. Den „Faust“ von Goethe und das Buch von Hess bekomme ich nicht.Zum Abendessen bekommt jeder ein frisches Rosinenbrot – noch warm. Beim Frühstück wäre das herrlich – aber zum Abendessen?… Ich setze mich anschließend noch hin und arbeite die Dokumente aus den Unterlagen heraus, die ich als Beweismittel nächste Woche einreichen will. Da passiert etwas großartiges: Ich finde einen Brief vom 1.9.1993 wieder, in dem ich Hoffmann/Bohnengel*3 nochmals auf die rechtliche Lage hinweise und den Film bereits ablehne. Dieses Schreiben wird mich freisprechen. Ich bin sehr glücklich, jetzt aber alles tun, um aus der U-Haft zu kommen. So eine Farce. Als ich mit dem Dokumente-wälzen fertig bin, mache ich meine Dreckwäsche für morgen fertig, rasiere mich und mache mich daran, mein Tagebuch (Ich habe seit Sonntag noch nicht geschrieben.) nachzutragen. Dann schreibe ich noch an meinen Berliner Anwalt, Zensurbriefe an Markus und Danny*4 und an meine Patentante Ortrud. Außerdem bereite ich schon Post [Anm. Umschläge] an Clemens*5 vom SPIEGEL, an Silke, meinen Vater, B. [Anm. Ex‘] und an Wiesel vor. Abends helfe ich noch Mehmet, einen Brief an seinen Richter zu schreiben. Die Schachtel Zigaretten, die ich dafür bekomme, schenke ich Rainer – der hat bis heute kein Geld und nichts zu rauchen*6. Ich bin gut gelaunt und überlege, wie ich die U-Haft beenden kann.

1993_09_01_Filmfreigabe

Mein Brief zur Freigabe des Filmes [nachdem er bereits zuvor uraufgeführt worden war]

*1 In der Haft sind zumeist Zigaretten das Geld für „Geschafte“, wobei der Wert einer Schachtel Zigaretten unmittelbar nach dem Einklauf bei damals 5,00 DM lag, bis kurz VOR dem nächsten Einkauf aber etwa das 4-fache Wert war = 20,00 DM.
*2 Zeitschrift FOCUS
*3 Andrea Hoffmann – Produktionsleiterin von Ostfilm, Winfried Bohnengel, verantwortlicher Regisseur des Filmes „Beruf NeoNazi“ https://www.youtube.com/playlist?list=PL99EE50ED0900422C
*4 Markus und Daniela Privenau [heute geschieden] waren damals enge Freunde, mit Markus war ich zu Kühnen gestoßen.
*5 Clemens Höges war mir als Journalist begegnet – wir hatten einen sehr offenen, vertraulichen Umgang und ich empfand seine Berichte über mich immer als sehr ehrlich. Leider wurde aus der begonnenen Zusammenarbeit an meiner Biografie das Buch nicht fertig.
*6 Ich hatte bis dato nicht geraucht und vermied tunlichst, dieses in der Haft zu beginnen.

Dienstag, 22. November 1994 – Erst um 7.15 Uhr werden wir geweckt. Ich teile sofort mit, dass ich um 9.00 Uhr Verhandlung habe. Anscheinend war dieses übersehen worden. Ich mache mich schnell fertig und kurz nach halb Acht geht es schon los. Selbe Geschichte wie gestern. Zum Glück bring mir mein Anwalt [Anm. Brengelmann] gleich einen O-Saft. Auf nüchternen Magen in die Verhandlung nervt ganz schön. Heute sehen wir den Film „Holocaust aus jüdischer Sicht“ mit Burg*1. Ich habe ganz vergessen, zu notieren, dass wir gestern noch den zweiten Film „Vergasungsöfen“ [Anm. der heute auch im Internet, z.B. auf YOUTUBE zu finden ist] mit Dr. Lindsey*2 ansahen.

Transfer_Agreements

Das Buch über die Transferabkommen

Das Gericht entscheidet, den zweiten Teil des „Burg-Filmes“ über das Transfer-Abkommen*3 (E. Black)*4 von einem Dolmetscher [Anm. aus dem Englischen] ins Deutsche übersetzen zu lassen. Der Staatsanwalt reicht seine Kommentierung zu den gestern von mir übergebenen Beweisanträgen ein. Kurz vor Schluss der Verhandlung kommt noch Silke. In einer Pause besorgt Stefan mir Briefmarken. Die neuen Termine [Anm. der weiteren Verhandlung] werden festgelegt: Es geht erst am 1. Dezember weiter. Dann vermutlich am 2. und am 12. Dezember. Na Klasse! Das kann für mich bedeuten, dass das Berliner Verfahren erst im März, April beginnt. Soll ich etwa so lange unschuldig in Haft bleiben? Silke gibt mir ein Foto von sich. Ich freue mich, denn es ist das selbe, welches in meiner Wohnung hängt. Bereits Mittags ist das Verfahren zu Ende. Es gibt noch im Gericht Esse. Bereits am Nachmittag geht es zurück in die JVA.. Dort folgt bald das Abendessen – es gibt einen Ekelhaften Kalbsleberkäse. Ich hänge das Bild an meinen Schrank – jetzt kann ich Silke immer sehen – schön. Aber ich bin innerlich völlig fertig. Ich lege mich hin, sehe das Bild von Silke an. Alles geht mir auf die Nerven. Ich möchte schreien. Um 18.00 Uhr gehe ich schlafen. Das Hören der ausländischen Programme geht mir heute völlig auf die Nerven; auch das ständige „auf den Tisch wummern“ beim Kartenspielen macht mich verrückt. Ich habe Mühe, mich zu beherrschen. Ich krieche unter die Decke und weine. Früh schlafe ich ein.

*1 J.G.Burg (eigentlich Josef Ginsburg; auch Joseph bzw. Ginzburg geschrieben; * 1908 in Czernowitz; † 1990 in München) war das Pseudonym eines jüdischen Journalisten, der als Entlastungszeuge von Kriegsverbrechern und Holocaustleugnern bekannt geworden ist.
*2 Dr. William Lindsey, bis 1985 Chemiker und Chefentwickler des DuPont-Chemie-Konzerns, USA – war Zeuge im Zündelprozess als Sachverständiger zur frage „Was ist Zyklon B, wie wirkt es“.
*3 Ha’avara (hebräisch ‏העברה‎ ‚Transfer‘) bzw. Palästina-Transfer, auch Hoofien-Abkommen nach Sigmund Hoofien, dem damaligen Direktor der Anglo-Palestine Bank, war der Name einer Vereinbarung, geschlossen am 25. August 1933 nach dreimonatigen Verhandlungen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem deutschen Reichsministerium für Wirtschaft, um…
…weiter WIKIPEDIA: http://de.wikipedia.org/wiki/Ha%E2%80%99avara-Abkommen
*4 Edwin Black, jüdischer Historiker, aus New York, schrieb ein bahnbrechendes Buch über die Zusammenarbeit zwischen den Israel-begründenden Zionisten und der NS-Reichsregierung. Der Film war eine US_TV_Reportage zu dem Aufschrei der (jüdischen) Öffentlichkeit.

Montag, 21. November 1994 – Heute weckt mich der Schließer bereits um 6.45 Uhr damit ich, bevor es zum Gericht geht, noch duschen kann. Also, duschen, rasieren, frische Wäsche anziehen, los geht es. Beim Herunterkommen werde ich genau durchsucht, damit ich nichts aus dem Knast herausschmuggle. Dann in den großen Gefängnistransporter. Es ist schon komisch, eigentlich bin ich ja so nah an allem, mitten in München. Und doch ist alles so unerreichbar weit weg. Im Gericht angekommen noch kurz in die Zelle, dann, kurz nach Neun werde ich hoch gebracht, an der Vorführkralle. Da stehen sie schon – eine Menge Leute, auch Silke dabei. Ich bin so glücklich. Sie hat sich (in Begleitung ihrer Mutter) von der Schule befreien lassen. Ich bitte sie, ansonsten wieder zur Schule zu gehen. Sie verspricht es mir. Sie sagt, sie sei seit meiner Verhaftung nicht mehr aus gewesen. Habe ich ihr mit meinen Sorgen und meiner Eifersucht Unrecht getan? Egal – jetzt zittert jede Berührung – ich spüre ihre Liebe förmlich. Alle anderen sind mir richtig egal in diesem Moment. Ich erfahre, dass Silke sogar Kontakt mit meinem Vater hat. Der Prozess beginnt mit einer Entschuldigung von mir wegen letztem Donnerstag. Ich reiche anschließend die gestern Abend geschriebenen 37 Beweisanträge für 1436 Zeugen [Anm. habe mich vermutlich verschrieben, denke, es muss eine dreistellige Zahl gewesen sein] ein. Nachdem ich bis 12.00 Uhr ca. 20 Zeugen [Anm. meinte vermutlich „Beweisanträge“] erklärt habe, ist Mittagspause. Es geht wieder runter in die Zelle. Dort gibt es Nudeln mit Hackfleisch-Soße. Mein Anwalt kommt noch kurz zur Besprechung. Dann, bereits um 13.00 Uhr, geht es weiter. Ich verlese den letzten Teil der Zeugen [Anm. Anträge ?!]. Dann sehen wir den ersten Videofilm der neuen Filme, wegen der ich angeklagt bin bzw. zu denen ich mich „des Vertriebes für schuldig“ erklärt habe. Es ist „40 Jahre nur belogen“*1 von Uwe Börner.*2. Uwe hat sich, weil er den Kampf nicht mehr durchhielt, das Leben genommen.
Silke ist bis zum Schluss des Prozesstages anwesend, wir haben uns viel angeblickt. Dann geht es wieder herunter [Anm. in die Wartezelle des Gerichtes]. Ich mache ein Nickerchen, gegen 17.00 Uhr geht es zurück ins Gefängnis. Durch ein Schreiben des Münchner Richters in Absprache mit Berlin darf ich 11 Aktenordner mit in die Zelle nehmen. Außerdem tausche ich meine Jacke gegen eine dicke Winterjacke ein. Abends geht es mir relativ gut, dennoch gehe ich relativ früh – gegen 20.30 Uhr – ins Bett. Zum Abendessen gab es nur eine Art Krautsalat (Möhren, Sellerie, Zwiebeln) , der dünn wie eine Suppe war. Ich schlafe lang und tief. Ein guter Verhandlungstag.

*1 „40 Jahre nur belogen“ ist eine von Börner und Zündel 1985, bei ersten Zündelprozess in Toronto gedrehte Dokumentation über den dortigen Prozess. Neben Zündel wird Udo Walendy, umtriebiger, deutscher Revisionist und Verleger, ausführlich befragt. Rechtlich hätte es hier gar nicht zur Anklage kommen können / dürfen, da der Film bereits seit neun Jahren im Handel war, also Verjährung eintreten hätte sein müssen. Vom Film, der heute frei auf YOUITUBE läuft, gab es hunderte von verbreiteten Kopien – erst durch meine Auflistung schien er aber den Ermittlern aufgefallen zu sein. Letztlich dokumentierte der Film Geschehnisse, die in Toronto so gesagt und geschehen waren und mein „Verbrechen“ war die Verbreitung eines Filmes Dritter.
*2 Uwe Börner war während der zeit meines Neonazismus mein bester Freund und Kamerad. Er hatte, auch Chemnitz kommend, vier Jahre verschärfte Haft in Bautzen hinter sich, war zeitgleich mit mir zu Kühnen gestoßen und initiierte gemeinsam mit mir, als Antwort auf fehlende weltanschauliche Bildung in der Gesinnungsgemeinschaft das gruppenübergreifende DJBW – Deutsches Jugendbildungswerk. Der „geheime Referatsleiter OST“ war im Sommer 1987 ins dänische Exil gegangen, wo er sich im Januar 1988 das Leben nahm.

Stupid

ENDE ERSTER TEIL

Sonntag, 20. November 1994 – 7.30 Uhr wecken. Alle bleiben liegen. Ich habe gut geträumt, als ich wach werde, glaube ich, bei meinen Eltern in meinem Zimmer zu sein. Nur Mehmet steht auf, und das ist gut so; weil Sonntag ist, gibt es Aprikosenmarmelade und Streichkäse (nur leider Beides ohne Geschmack) und Kakao, den ich später lieber gleich weg gieße. Dann werden die Einkaufszettel abgegeben. Mehmet gibt aus Versehen schon einen meiner Anträge vom Montag mit ab. Wir schlafen bis 10.00 Uhr – dann stehen wir auf. Unser Klopapier ist alle – das wird wegen des starken türkischen Tees zu einem Problem. Während des Frühstücks gibt es schon Mittagessen. Heute gibt es erst eine Blumenkohlsuppe, dann Rinderbraten (Schuhsole) mit Unmassen von Kartoffelbrei und Soße. Der Salat [Anm. auf dem Wagen, der das Essen an die Zelle bringt] ist bei uns schon alle. Anschließend Umschluss. Bei uns sind wieder ca. 10 Leute zu Gast. Ich erzähle, wie auch in der Vor- und Frühgeschichte [Anm. gemeint ist Geschichtsschreibung] gefälscht [Anm. und verfälscht] wurde*1. Die Leute sind völlig fertig. Die Leute sind völlig fertig. Einer meint, Einsperren nützt bei Althans nichts, den müsse man knebeln oder gleich die Stimmbänder durchschneiden. Die Zeit geht schnell vorbei – zweimal fliegt die Sicherung raus, weil zwei Tauchsieder gleichzeitig benutzt werden. Anschließend von 14.30 – 15.30 Uhr Hofgang. Ich lerne zwei weitere Häftlinge kennen, einen Mulatten, der wegen Hehlerei von Software sitzt, und einen Deutschen, der wegen Diebstahl (nach einem Jahr Flucht) sitzt. Direkt an den Hofgang schließt sich das Abendessen an. Heute rioter Hagebuttentee – endlich Tee, der schmeckt. Für jeden gibt es zudem eine Orange. Herrlich. Um 16.00 -20.00 Uhr schreibe ich den Brief an Wiesel und Martijn Freeling*2 sowie 37 Anträge auf Zeugenladungen*3. Der Münchner Richter wird sich freuen. Ich denke darüber nach, wie ich doch noch bis Mittwoch rauskommen kann… Erst einmal aber nehme ich mir vor, morgen stark vor dem Münchner Gericht zu sein und mich für mein Verhalten beim letzten Prozesstag zu entschuldigen. Ich hoffe, B. [Anm. mein Ex‘] hat meine Nachricht erhalten und wird alles mitbringen. Außerdem hoffe ich sehr, dass Silke kurz kommen wird. Na ja – jetzt erst mal meinem Vater schreiben. Viel liegt nun bei ihm. Mir tut bereits die Hand weh vom vielen Schreiben. Na‘, das wird noch ’ne Nacht werden.

Haftraum_Stadelheim

4-Personen Haftraum in der JVA Stadelheim; München

*1 Abgesehen von umfangreicher Literatur, die dazu im Handel zu finden ist, habe ich selbst darüber ein eigenes Büchlein geschrieben: „Die Geschichte der Externsteine – und die Externsteine in der Geschichte“. In absehbarer Zeit erscheint eine Neu-Auflage.
*2 Martijn Freeling war erster national-sozialistischer Stadtratsabgeordneter von Rotterdam nach dem 2. WK. Mit dem 2-Meter Mann verband mich auch so eine langjährige persönliche Freundschaft weit über die Politik hinaus.
*3 Eine komplette Veröffentlichung meiner Prozess-Aufzeichnungen an anderer Stelle ist in Arbeit.

Samstag, 19. November 1994 – 7.30 Uhr wecken. Der Samstag geht ruhig an. Wir schlafen bis 9.30 Uhr. Dann ist 9.50 – 10.50 Uhr Hofgang. Ich unterhalte mich mit Rainer aus der Nebenzelle und Duško, dem Rapper. Der Hofgang geht schnell vorbei. Um 11.00 Uhr gibt es Mittagessen: Eine graue Scheibe Wammerl [Anm. Schweinebauch], dass ich fast kotze, mit Sauerkraut und Kartoffeln. Danach gibt es Einkaufszettel mit Kontoauszug, der besagt, wie viel Geld wir ausgeben dürfen. Ich habe 323,90 DM auf dem Konto, darf aber nur 141,30 DM ausgeben (Höchstsatz) Ich bestelle Schokolade, Nutella, Tee, Bananen, Pfefferminzbonbons, Duschgel, Salzstangen, Cola, Kaffee (löslich), Milch usw. für ca. 135,- DM. Außerdem schreibe ich noch vorsorglich zwei weitere Anträge. Einen an den Arzt, da ich ja Dienstag, wenn Arzttermin ist, Gerichtstermin habe. Ich beantrage zum 3. Mal die Aushändigung meiner Sonnenbrille. Der Antrag Nr. 2 ist für Mittwoch oder Freitag für ein Gespräch mit dem Psychologen. Da man im Monat nur 60 Minuten Besuch haben darf, also nur zwei Besuche [Anm. À 30 Min.], will ich schauen, ob er mir helfen kann, Silke jede Woche einmal zu sehen. Über sie hatte ich vorletzte Nacht einen schrecklichen Traum: Ich bin freigelassen worden und rufe sofort bei ihr an. Sie geht ans Telefon und sagt: „Ja – Hallo?“ Ich antworte: “ Ja, hallo Silke, ich bin es – Ewald …“ Am anderen Ende Schweigen. (als hätte ich sie überrascht) Ich wurde sofort wach und war völlig fertig. Das war Donnerstag, in ihrer „Tilt-Nacht“*1. War das ein Zeichen? Der Gedanke, sie schläft woanders als zuhause … und etwas „läuft“ … Jetzt gerade, wo ich das schreibe, ist Samstag Abend und ich denke genau dasselbe. Diese Sorgen / Eifersucht bringen mich um. Die Sache mit „Müsli“, die mit Manfred G. Und ihre Schulschwänzerei haben mein Vertrauen sehr belastet. Ich weiß, dass Silke mich liebt, aber sie ist fahrlässig*2. Oh Gott – hoffentlich nicht! Ich will sie nur für mich. Ich liebe sie, will, dass sie glücklich mit mir ist. Was schreibe ich eigentlich hier?
13.00 Uhr Umschluss – die Zelle bei uns wird total voll. Acht andere Gefangene kommen zu Besuch. Sie bringen Salzstangen und Erdnussflips mit und sogar eine Obsttorte (von der PKK). Wir quatschen lange. Ich glaube, hier glaubt schon keiner mehr an die offizielle Geschichte*3. So einige, die bisher nur von mir gehört hatten, haben einen sehr guten Eindruck von mir [Anm. Und ich verstellte mich nicht]. Als der Umschluss gegen 15.30 Uhr vorbei ist, gibt es bereits Abendbrot. Heute für jeden eine Dose Heringsfilet in Meerrettichsoße. Ich setze mich anschließend hin und schreibe einen langen Brief an B. [Anm. Meinen Ex‘], wie es mit den Finanzen, der Post usw. Draußen weiter geht nebst einigen Anlagen. Ich habe richtig viel zu arbeiten. So viel habe ich seit Langem nicht geschrieben. Ich bin inzwischen soweit, dass ich hoffe, dass Silke am Montag Morgen die Schule schwänzt um mich zu sehen. Ich muss sie sehen. Die Ungewissheit, wie lange es bis zur Haftbeschwerde dauern wird, ob 14 Tage oder drei Monate, macht mich wahnsinnig. Ich muss erneut meinem Vater schreiben. Aber zuerst schreibe ich noch an Horst Kroeger, das Ehepaar Warda, an Gustav, an Künstler, Heyl und an Wiesel. Irgendwann reicht es mit der Schreiberei. Sogar die Farbe aus dem ersten Kugelschreiber ist alle. Wir spielen Karten bis 1.00 Uhr nachts.

*1 Donnerstags ging Silke damals regelmäßig in den Club TILT. Ich hatte schon wegen meiner Bekanntheit die Lust verloren, noch Abends auszugehen – zu oft zu große Konflikte und Gefahren.
*2 Damals war meine Freundin junge 18 Jahre alt – jedoch war sie es, von der die Initiative ausging. Kennen gelernt hatte ich sie als Teilnehmerin einer riesigen Antifa-Kundgebung am 1. Mai des Vorjahres, als sie mir auffiel, wie sie „Althans – Arschloch“ schrie. Wir waren 80 Leute, die Gegner etwa 6.000 Personen – da gerade die DGB Kundgebung vorbei war – und ich fand sie süß, mit ihren orange gefärbten kurzen Haaren…
*3 Die mir vorgeworfene STRAFBRE Meinungsäußerung

Freitag, 18. November 1994 – 7.00 Uhr wecken. Eine halbe Stunde später muss ich zum Sanitäter. Dieser teilt mir mit, die Staatsanwältin Berlin habe hier angerufen, da ich erklärt habe, mich umbringen zu wollen. Langsam regt mich das auf: Doch nicht ich will mich umbringen, die machen mich fertig. – Erledigt. Ich spreche den Sani nochmals wegen des Gels wegen meiner Hautflechte an. Er lässt es mir später auf die Zelle bringen. Gut – die nächsten zehn Tage werde ich wenigstens alle zwei Tage duschen können – und wegen der Medizin – alleine! Wenigstens etwas. Ich gebe morgens wieder zwei Anträge ab und einen Buchzettel an die Bibliothek*1. Ich bestelle Goethes „Faust“, Rudolf Hess „Sein Schicksal in Briefen“, Joachim Fernau „Deutschland über alles“, George Bataille „das Blau des Himmels“ und Gottfried Benn „Sämtliche Erzählungen“.
Ich darf ja zwei Anträge pro Werktag stellen. Heute beantrage ich eine [Anm. manuelle] Schreibmaschine für meine Verteidigungsarbeit und ein Gespräch mit dem Dienstleiter bzw. dem Sozialbeamten wegen einer dringenden Kontaktaufnahme zu meinem Rechtsanwalt, den ich über die neue Lage in Kenntnis setzen muss. Um 8.40 Uhr ist Hofgang. Alle sind sehr nett zu mir, mir geht es den Umständen nach ziemlich gut. Nur wenn ich über Silke sprechen will, schnürt sich mein Hals zu und ich spüre Tränen hochsteigen. Kurz nach Neun werde ich vom Hofgang zum Dienstleiter gerufen, welcher gerade meine beiden Anträge vor sich liegen hat.Der eine Antrag betrifft die Schreibmaschine. Man teilt mir mit, dass es nur mechanische Geräte aus Anstaltsbesitz gibt, die jedoch nur auf einer Einzelzelle benutzt werden dürfen (damit andere sie nicht benutzen können]. Auf eine Einzelzelle käme ich jedoch nicht, da ich als Selbstmord-gefährdet gelte. Na ja – ich will ja auch nicht die ganze Zeit alleine sein. Ich erkundige mich, ob ich nicht täglich in einer „Schreibstube“ arbeiten könnte. Dieses wird verneint mit der Bemerkung, dass Gefängnis sei überfüllt. Beim anderen Antrag für meinen Anwalt wird es noch lustiger: Da er nicht mein Anwalt in der Berliner [Anm. sondern im gerade laufenden Münchner] Verfahren ist, kann er mich offiziell hier gar nicht besuchen, außer als Privatperson. (Ich glaube – ich spinne) Man versucht, mir auch hier zu helfen. Der Beamte ruft mehrmals im Gericht an und versucht sogar, meinen Anwalt zu erreichen. Ich gehe zurück auf die Zelle. Anscheinend haben sich die Ereignisse überschnitten, denn wenige Minuten später heißt es: „Althans, Rechtsanwalt!“ Ich freue mich sehr, Brengelmann zu sehen. Wir sprechen über Wiesel (der sogar in Berlin war), über Besuchsmöglichkeiten für Silke, über Akten und Kleidung, die B. Mir zum Gericht mitbringen soll. Natürlich besprechen wir auch den Verlauf der Haftprüfung.
Brengelmann will mir Hoffnungen machen und sagt, dass die Beschwerde schon in zwei bis vier Wochen durch ein anderes Gericht [Anm. Kammergericht Berlin] entschieden würde. Er glaubt daran, dass es dort dann für mich besser laufen könne. Wir werden sehen. Inzwischen ist zwischen der Münchner und der Berliner Kammer [Anm. hier die Kammer des Gerichtes des jeweiligen Verfahrens] eine Art Krieg ausgebrochen. Die Berliner hatten ja behauptet, mich bereits vergangenen Freitag überführen zu wollen. Der Münchner Richter droht mit einer Presseerklärung (!!!), sollte der ordnungsgemäße Verlauf des hiesigen Verfahrens weiter gestört werden. Das spricht sehr für ihn. Ich frage, ob die Verfahren nicht zusammen gelegt werden können. Der Anwalt gibt dem kaum eine Chance, will den Oberstaatsanwalt aber diesbezüglich ansprechen*2. Ich meine, ich stehe ja letztlich zweimal wegen des gleichen Deliktes*3 vor Gericht. Der Anwalt schenkt mir noch zwei Kugelschreiber. Zurück zur Zelle. Dort gibt es eine Gemüsesuppe, Fisch mit Kartoffelsalat und Chinakohl-Salat mit Öl und Essig (bei dem das Öl wohl vergessen wurde). Es ist so viel, dass ich den Kartoffelsalat für das Abendessen aufhebe. In der Zelle, wo man nach dem Anwalt auf das Zurückbringen wartet, treffe ich erneut den Bekannten von Reinhard (vom Finanzamt). Er lädt mich für morgen zum Umschluss ein und sagt, er wolle mir etwas Schokolade und was ich sonnst noch brauche (zB. Kaffee und Milch) geben. Mal sehen, ob das funktioniert. Nach dem Essen lege ich mich schlafen. Als ich um 15.00 Uhr wach werde, gibt es bereits Abendessen. Käse, der mir bereits letzte Woche nicht geschmeckt hatte. Wir unterhalten uns etwas. Dabei fällt mir ein Vorfall von gestern Abend wieder ein: Memet geht es seit Tagen nicht besonders. Wir dachten, er habe Grippe. Aber die Symptome sind anders. Nachts rufen wir den Wärter. Er zeigt uns einen Schrieb‘, dass man seit dem 14. November Nachts nichts mehr bekommt [Anm. Medikamente]. Memet fragt: „Und was passiert, wenn ich heute Nacht sterbe?“ Da antwortet der Schließer: „Dann sind Sie morgen früh tot.“ Jaja – so ist das also im Gefängnis. Bis zehn Uhr abends verbringen wir die Zeit mit Essen, Reden, Schreiben und Tee trinken.
Nachtrag: Ich habe heute zweimal Post bekommen. Morgens stand auf dem Umschlag „Wichtige Zeugenpost“. Inhalt: Ein sich meldender Augenzeuge und sein Bericht über eine echte Vergasung (Begasung eines Kriegsschiffes mit Zyklon B gegen Ungeziefer während des II. WK) und ein kleines Poster mit folgendem Text:

Althans_JVA_Post

Das kleine Plakat begleitete mich währed der Haft durch alle Hafträume

So etwas tut gut. Der Brief war anonym (daher die Aussage nicht verwertbar vor Gericht), aber ich habe mich riesig gefreut. Das Plakat habe ich gleich an meinen Schrank geklebt. Ein zweiter Brief kam vom Münchner Verwaltungsgericht. Es geht um einen alten Verwaltungsstreit. Ich schreibe einen Antrag um Aufschieben. Des weiteren schreibe ich meinem Pflichtverteidiger in Berlin, dass ich ihn nicht mehr will und schicke einen Antrag auf Dauerbesuchserlaubnis für Silke nach Berlin. Abends schreibe ich auch ihr noch einen Brief. Dann spielen wir MauMau.

*1 Auf den einzelnen Etagen / Abteilungen gibt es eine kleine Auswahl an Büchern (meist Belletristik) – über ein Gesamtverzeichnis kann man aber Bücher aus der großen Hausbibliothek anfragen.
*2 Zudem hatte die Staatsanwaltschaft das gleiche Ermittlungsverfahren gegen mich in Sachen „Beruf Neonazi“ ja eingestellt, da kein Anfangsverdacht auf Straftaten vorlag!
*3 Wesentlicher Vorwurf war, dass ich den „Holocaust leugne“ und damit das „Andenken an Verstorbene verunglimpft“ habe. Interessant, in München war ich als Filmemacher angeklagt,. In dessen Filmen andere die vorgeworfenen aussagen machten – in Berlin war ich der, der sie im Film machte, und wiederum der Beschuldigte.

Donnerstag, 17. November 1994 – 7.00 Uhr wecken. Ich habe noch gute Laune, weil – ich hoffe ja, heute noch frei zu kommen. Das Gefühl wird noch verstärkt, da die Sonne sich zeigt. Ich weiß immer noch nicht, wie ich dem Richter gegenübertreten werde. Der Wärter ruft mich zum Sanitäter. Es geht anscheinend um meine Sonnenbrille, die ich erneut nicht bekomme sondern nun wieder beim Arzt beantragen muss. Lächerlich. Ich frage, ob ich das Duschgel [Anm. Medikament] wegen meiner Rückenflechte bekommen kann, welches mir der Aufnahme-Arzt empfohlen hatte. Die Ärztin mein, ich könne ja – wenn ich entlassen werde – zum Hautarzt gehen. Ich sage, das Geld wolle ich mir sparen. Daraufhin meint eine junge Arzthelferin: „Wer sich BMW Cabrios leisten kann, kann sich auch den Arzt leisten.“ Ich lache, und es kommt heraus, dass sie bei der Aids-Hilfe gearbeitet hat und mich kennt. Komisch, mir ist sie nie aufgefallen*1.
Dann, von 7.40 – 8.40 Uhr Hofgang. Ich gehe nicht, sondern darf stattdessen schon duschen. Danach rasieren, so ordentlich wie möglich anziehen und mein Zeug zusammen packen. Da ich noch etwas Zeit habe, schreibe ich mein Tagebuch weiter bis zu genau dieser Stelle. Dann geht es los.
Der Schließer von unserem Stockwerk sagt zu mir, ich müsse alle meine Sachen mitnehmen. Ich packe also alle meine Habe in zwei Tengelmann-Tüten. Dann geht es ins Erdgeschoss wo ich dem „Läufer“, der mich zur Kammer bringen soll, übergeben werde. Anstatt in er Kammer den Rest meiner Sachen zu bekommen, werden mir die beiden Tüten (außer den Akten) wieder abgenommen und zurück in meine Zelle geschickt. Alles sieht sehr danach aus, als seien sich alle sicher, dass ich wieder zurück komme. Der abschied auf der Zelle war sehr herzlich.. Mehmet und Achmedi haben mich in den Arm genommen. Memet liegt mit einer Grippe im Bett. Alle wünschen mir das Beste. Auch Rainer kommt sich noch nach dem Hofgang verabschieden. Nach der Kammer geht es zur genauen Durchsuchung, damit ich nicht etwa Post von den anderen an der Zensur vorbei schmuggel. Gegen 9.00 Uhr komme ich in die Schub-Zelle. Gegen 10.00 Uhr kommen zwei „alte Bekannte“, Schmidt und ein Kollege von der politischen Polizei, um mich nach Berlin zu bringen. Ein Fahrer vom Knast bringt uns zum Flughafen. Der zivile Wagen braucht eine Stunde, weil wir voll in einen Stau kommen. Die Sonne blendet so stark, dass ich meine Augen die ganze Fahrt über geschlossen halten muss. Alle meine Hoffnungen klammern sich an den Termin in Berlin um 15.00 Uhr: Haftprüfung! Endlich: Als wir um kurz nach Elf am Flughafen ankommen, wird es peinlich. Der eine Beamte muss mir die Vorführkralle anlegen, dann laufen wir durch das Terminal zur BGS-Zentrale. Dort erklärt mir einer der Beamten die drei Möglichkeiten:
1. Ich werde freigelassen. Dann kann ich machen, was ich will, aber auch mit den Beamten zurück nach München fliegen.
2. Der Richter will sich zeit lassen. Dann gibt es eine schriftliche Begründung, ich bliebe also weiter bis mindestens Dienstag in Haft.
3. Der Richter lässt mich sowieso nicht frei, dann geht es einfach zurück nach Stadelheim.
Ich gehe noch kurz zur Toilette, weil ich im Flieger nicht darf (Vorschrift). Man sagt mir zu, dass ich bei Abflug noch das „gute Buffet“ besuchen darf. Ich hoffe auf Jogurt, Bananen und Schokolade. Dann komme ich in eine Wartezelle des BGS, wo ich mindestens 50 Min. warten muss. Ich studiere noch ein letztes Mal den Haftbefehl und schreibe mein Tagebuch bis hierher weiter.

VohrführkralleVorführkralle

Um 11.30 Uhr werde ich abgeholt und erneut in Handfessel zum Flugzeug gebracht. Leider gibt es gar kein Gästebuffet. Das Flugzeug startet pünktlich 12.30 Uhr um eine Stunde und zehn Minuten später in Berlin-Tegel zu landen. Während des Fluges trinke ich einen Gingerale und einen Tomatensaft. In Berlin angekommen werden wir von zwei Uniformierten in einem Polizei-VW-Bus zum Gericht gebracht. Vorerst zum letzten Mal die Vorführkralle. Eine Einladung zum Essen in der Kantine lehne ich ab. Bereits im Flugzeug erzählt mir der eine Beamte (die beide, wie sich herausstellt, von der USK*2 sind), dass man mir gegenüber versuchen werde, so wenig wie möglich „Strenge“ walten zu lassen. Deshalb nimmt man mir im Gericht auch die Handfessel ganz ab. Wir gehen zum Sitzungssaal 606, noch niemand da. Da die beiden USK’ler Hunger haben,übergeben sich mich an einen der Beamten vom Gericht, der mich nicht – wie in München – in eine Zelle bringt, sondern mich mit in den Beamten-Aufenthaltsraum nimmt. Hätte ich irgendwann abhauen wollen, jetzt wäre die Gelegenheit dazu da. Der Beamte erzählt mir, ich hätte einen Anwalt. Dann gibt er mir einen Kaffee. Ich lese die BILD und schreibe etwas am Tagebuch weiter. In einer Stunde werde ich frei und glücklich oder gefangen und total fertig sein. Ein Anwalt? Wer hat den besorgt? Ist Wiesel da? Hat er Silke dabei? Wird meine Mutter oder meine Schwester da sein?*3 Und mein Vater ?*4 … Vieles geht in meinem Kopf herum, in zwanzig Minuten werde ich schlauer sein. Ich bekomme langsam Bauchschmerzen. Es ist 14.40 Uhr.
Um 14.55 Uhr geht es in den Saal 606. Dort sitzt ein Herr Sch. [Anm. wegen meiner Folgemeinung, Name gekürzt]. Er ist mein, vom Gericht zugewiesener, Pflichtverteidiger. Er nimmt mich beiseite und tuschelt mir zu, er wäre ja auch eine ganz andere Generation, war bei den Panzergrenadieren, ich hätte wohl auch Recht mit dem, was ich sage, aber so könne man das nicht machen.
Die Richterin kommt herein mit zwei sehr „links“ aussehenden Referendaren und sagt, ein Anwalt Krause sei am Telefon und habe drei „Eidesstattliche Erklärungen“. In meiner Aufregung bestehe ich nicht auf den Anwalt. Das Verfahren beginnt. Ca. ½ Stunde erkläre ich meine Standpunkte (siehe Gedächtnisprotokoll bei den Verfahrensakten [Anm. derzeit nicht auffindbar]). Die Richterin stellt sich sehr borniert an und fragt Sachen, etwa wie: „Kennen Sie Schirinowski*5 persönlich?“ Das Plädoyer meines Anwaltes ist eine reine Katastrophe, etwa vom Niveau einer Rede des Reichsbekenntniskreuzträger-Vereines*6. Er labert von Willi Brand, verlorenen Ostgebieten usw. …Ein Trottel – ich glaube, ich spinne. Dadurch, dass ich offen und ehrlich argumentiert habe, habe ich mich „voll rein geritten“. Erneut sagt die Staatsanwältin: „Fluchtgefahr.“. Die Richterin geht raus, kommt nach sieben Minuten bereits zurück und verkündet: „Die Haft dauert fort!“. Ich breche heulend zusammen und verstecke meinen Kopf unter meiner Jacke. Begründung für die Haftfortdauer: Da ich viel ins Ausland reise, Zündel für mich ein Vorbild ist und ich sehr gut andere Sprachen spreche, bestünde ein großer Fluchtanreiz. Das darf alles nicht wahr sein. Hier wird klar, der Staat will mich fertig machen. Mich? Ich bin längst fertig. Aber das sieht ja keiner oder will keiner sehen.*7

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Die USK’ler bringen mich erneut ohne Handfesselung zurück zum Flugzeug. Der Flug geht um 18.20 Uhr ab und ist schon kurz nach Sieben in München. Im Flugzeug weine ich und versuche, zu schlafen. Ich hatte doch so sehr gehofft, heute frei zu kommen und Silke anzurufen. [Zensur: Schilderung privater Gefühle zu Silke] In München angekommen, tue ich den USK’lern so leid, dass sie mir Fishermens Friends und Schokolade spendieren. Dann, nachdem wir endlich den Fahrer vom Knast gefunden haben, geht es zurück nach Stadelheim, wo ich um 21.00 Uhr eintreffe.Ich werde durchsucht und dann zurück zur Zelle gebracht. Als sich die Tür schließt, breche ich erneut weinend zusammen. Ich erfahre, dass – obwohl in Berlin erst um 16.45 Uhr entschieden worden war – die anderen bereits um 16.00 Uhr bei der Abend-Essensausgabe erfahren hatten, dass ich nicht frei komme. Es ist furchtbar. Ich lege mich hin, starre an die Decke und höre bis drei Uhr morgens klassische Musik.Zuvor essen wir gemeinsam die Schokolade. Ich werde also bis zur Haftbeschwerde, die, wenn ich die Formulare richtig verstehe, erst in drei Monaten stattfindet,, drin bleiben müssen. Dann wäre Februar. Unvorstellbar.. Bis Februar verliere ich Geld, irgendwie alles, und ich glaube – vor allem Silke. Das hält sie nicht durch.[…Eifersucht/Emotion/Angst…] Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich mich noch einmal derart in eine Frau verlieben hätte können. Nachts werde ich immer wieder – vom Geschnarche der anderen – wach.

*1 Das Büro der Münchner Aids-Hilfe befand sich damals in dem Gebäude, in dem ich mir meine erste, eigene Wohnung, frei und weg von den politischen Abhängigkeiten, genommen hatte – soweit ich mich entsinne.
*2 Das USK ist eine bayrische Besonderheit: Kasernierte Polizei USK = „UNTERSTÜTZUNGSKOMMANDO“ , die insbesondere bei politischen Demonstrationen eingesetzt wird und durch besonders agressiv-brutales Vorgehen einen entsprechenden Ruf genießt.
*3 Meine Mutter und meine Schwester leben seit vielen Jahren in Berlin.
*4 Mein Vater, bei dem ich aufwuchs, lebt in Hannover.
*5 Wladimir Wolfowitsch Schirinowski; * 25. April 1946 in Alma-Ata, Kasachische Sozialistische Sowjetrepublik, als Wladimir Wolfowitsch Eidelstein – ist ein russischer Politiker und Jurist. Schirinowski ist Gründer und Chef der Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR), einer im rechtsextremen Spektrum angesiedelten russisch-nationalistischen Partei. Seine Politik ist extrem populistisch. Aufgrund seiner provokativen Haltung und seiner Aufsehen erregenden Sprüche genießt er geringe, jedoch konstante Popularität. Dezeit – 2014 – in der Koalition mit der Putin-Partei, Mitglied der Duma.
Während meiner mehreren Rußland-Reisen begegnete ich auch ihm, ohne dass er, seine Ansichten mich beeindruckten – vielmehr fand ich sein populistiscchj- machtgieriges Handeln ehjer unangenehm und unglaubwürdig.
*6 Heute sogenannte bzw. Selbsternannte „Reichsbürger“ – solche Strömungen waren mir immer schon als reaktionär zuwider.
*7 Ich befand mich privat und gesellschaftlich zeitgleich auf dem Höhe- und Tiefpunkt meines Lebens. Dazu in meiner Biografie später mehr.

Mittwoch, 16. November 1994 – Heute bin ich seit genau einer Woche inhaftiert. Ohne Urteil – unschuldig – weil ich Zweifel an der offiziellen Auschwitz-Geschichtsschreibung habe. Nicht einmal deswegen, sondern wegen Fluchtgefahr, weil ich mich angeblich nicht zum Prozess einfinden will.
Um 7.00 Uhr wecken. Ich habe sehr lange geschlafen. Ich bin schon um 7.30 Uhr schlafen gegangen. Gegen 2.00 Uhr wurde ich wach und ein paar Tränen rollten über mein Gesicht. Wieder habe ich geträumt, ich sei frei gelassen worden, aber Silke habe einen anderen Typ am letzten Dienstag kennen gelernt. [Zensiert: ich schildere im TB noch ein wenig mehr vom Traum – irrationale Emotionen, Eifersucht sind quälende Wegbegleiter aller Inhaftierten – da war ich nicht alleine] Nach dem Wecken bleiben wir bis 8.30 Uhr liegen. Dann, 8.45 – 9.45 Uhr Hofgang.Ich unterhalte mich erneut mit Duško (dem „Kleinen“) über dieses und jenes. Vor dem Hofgang werde ich noch zum Dienstleiter gerufen. Dieser händigt mir nach Prüfung den großen Teil meiner Unterlagen aus. Ich freue mich. Außerdem sagt er mir zu, ich käme, wenn ich nicht frei gelassen würde, zurück in die selbe Zelle. Falls ich frei komme, soll ich sicherheitshalber meine Sachen mitnehmen. Zum Mittagessen gibt es eine undefinierbare Suppe. Dann Schweinebraten mit Gurkensalat und Knödel. Um 11.30 Uhr ist Umschluss. Ich lerne einen kurdischen Taschendieb kennen. Ein heller Kopf. Er, Rainer und ich diskutieren lange über Zigaretten, Alkohol und Drogen*1. Der Umschluss dauert ziemlich lange. Erst um 16.00 Uhr, als es Abendessen gibt, müssen alle in ihre Zellen zurück. Heute gibt es Putenwurst, Brot, Pfefferminz-Tee und eine saure Gurke. Nach dem essen spielen wir bis 7.00 Uhr Karten. Danach lege ich mich etwas hin. Ich bin sehr nervös wegen morgen. Ich hoffe schon sehr darauf, morgen freigelassen zu werden. Wenn ich mir vorstelle, in 24 Stunden vielleicht Silke im Arm halten zu können, ein Bier zu trinken…
Es ist gegen 9.00 Uhr Abends. Mehmet ist verzweifelt, weil seine Anwältin ihn nicht mehr verteidigen will. Ich schreibe für ihn einen Brief an sie. Dann spielen wir Karten, gegen 23.00 Uhr legen wir uns hin zum schlafen. Aber die Musik im Radio ist super und wir unterhalten uns über Dinge aus unserer Jugend (die sage und schreibe schon 15 Jahre her sind). [Anm. zum Zeitpunkt der Tagebuchaufzeichnungen bin ich 28 Jahre alt] Um Mitternacht sind wir so aufgekratzt, dass wir erneut aufstehen, trockenes Brot Essen und Karten spielen. Alle [Anm. anderen Drei] mogeln derart, dass ich die ganze Zeit haushoch verliere.Wir lachen sehr viel, versuchen erneut, zu schlafen, was aber erst gegen 3.00 Uhr morgens gelingt.

*1 Ja – das ein oder andere Bierchen habe ich in jenen Jahren auch gerne getrunken. Rauchen und Drogen aber waren klare Feindbilder. Zudem habe ich nie Leute zu jener Zeit gekannt, die überhaupt etwas mit Drogen zu tun hatten.

Dienstag, 15. November 1994 – 7.00 Uhr wecken. Da wir alle sehr lange gequatscht haben, kommt keiner richtig hoch. Wir verpassen den Kaffee und für Mehmet und mich die Anmeldung zum Arzt. Dann gibt es frische Bettwäsche für Mehmet und für Ahmedi. Und zu guter Letzt ist auch noch um 7.40 Uhr morgens Hofgang. Auf dem Flur quatscht mich der „kleine“ an, ein Serbe, der in U-Haft ist, weil er als Zeuge gegen einen seiner Kumpel aus seiner Schwabinger Rappergang nicht aussagen wollte.. Er macht Rap-Musik. Er hat sich an den Film [Anm. über mich] erinnert und will mit mir darüber reden.. Er ist ein sehr quirliger Bursche, der seine Energie in Negativismus umsetzt (Alles ist kaputt, wir haben keine Chance, töten, töten, blablabla …). Er hat den Film im Fernsehen gesehen und meint, die Szene mit den „Flugläusen“ *1 habe ihm gut gefallen. Komisch – ich hasse diese „Szene“.Ich hätte auch nie gedacht, dass Bohnengel so eine Scheiße nimmt. Der „Kleine“ ist das erneute typische Beispiel eines völlig orientierungslosen Jugendlichen. Er nimmt Drogen, weil er andere kennt, die Drogen nehmen. Er wäre Neonazi geworden, hätte er einen anderen Neonazi kennen gelernt. Er meint, Sympathie bei mir zu erhaschen, indem er sagt, er könne anstatt „Pro Black Hipp-“ auch „Anti Black Hopp“ machen.Ich sage nur kurz, dass ich weder pro noch contra bin. Verrückte Welt.
Als wir hoch kommen, ist Zellenkontrolle. Bei uns werden ca. 10 leere Cola-Dosen beschlagnahmt,die andere aufgehoben haben, weil Fußballabzeichen zum Sammeln auf ihnen waren. Während der Kontrolle bringe ich die „Fachbuchliste“ zurück zur Bücherzelle. Ich hole mir noch Briefumschläge und Antragsformulare. Kaum zurück in der Zelle, muss ich zur Kammer*2. Ich möchte meine Papiere, damit ich weiter an meinen Anträgen arbeiten kann. Außerdem brauche ich meine Sonnenbrille. Beides bekomme ich nicht. Wegen der Brille muß ich beim Sanitäter einen Antrag stellen, die Papiere [Anm. Gerichtsakten !] sollen geprüft werden.
Völliger Käse.. Dann heißt es erneut Wartezelle. Dort treffe ich auf jemanden, der
Als Finanzbeamter wohl gemogelt hat. Er kennt Reinhard Rade*3. Er ist sein neun Wochen in U-Haft. Zurück auf der Zelle gibt es Mittagessen. Heute gibt es Kartoffeln mit einer Soße aus Karotten und Kohlrabi, etwas Fleisch (sehr wenig) … und was noch in der Soße ist, wollte ich lieber nicht analysieren. Nach dem Essen schreibe ich an Eugen*4, damit er auch Ernst*5 etwas sagen kann. Einen weiteren Brief schreibe ich an Antje*6 und einen an Frau Sonja Balbach von Spiegel-TV. Dann schlafe ich. Vorher muss ich noch Mehmet beruhigen. Er hat einen Brief von seiner Anwältin bekommen,dass diese, weil er einen zweiten Verteidiger für sich und seine Sache hinzugezogen hat, ihn nicht mehr verteidigen will.Als ich aufwache, fülle ich aus Langeweile den Einkaufszettel für nächsten Montag aus. Ich darf als U-Häftling [Anm. Untersuchungshäftling] alle zwei Wochen für 140,-DM einkaufen [Anm. aus einem sehr eingeschränkten Warenangebot der Anstalt]. Habe ich mich schon auf „länger“ eingestellt? Ich weiß es nicht.
Meine Gefühle schwanken sehr. Abends gibt es Sprotten für die Mohammedaner und Leberkäse für mich. Zum Glück gibt es Pfefferminz-Tee.. Nach dem Abendessen spielen wir wieder etwas Karten. Der Wärter kommt und sagt, ich werde am Donnerstag um 10.00 Uhr nach Berlin geflogen. Dort fände um 15.00 Uhr der Haftprüfungstermin statt. Ich weiß, dass ich in 48 Stunden entweder total am Ende sein oder Silke im Arm halten werde. Das Nachdenken macht mich kaputt. Wie jeden Abend hört Achmedi jugoslawische Nachrichten, M & Mh die türkischen. Ansonsten liege ich, u.a. diese Zeilen schreibend, auf meinem Bett herum und höre Musik. Es gibt viel aus den 80ger Jahren [Anm. im Radio], als ich noch in Hannover lebte. Ich bin sehr traurig.

*1 Bohnengel verwendete viel Material, was ihm gefiel, weil es ein schlechtes Licht auf mich war. Etwa eine flapsige Bemerkung, die ich während des Weißlicht-Abgleiches [hierbei wird die Kamera auf die Tageslicht-Verhältnisse abgestimmt, ein technischer Vorgang, der vor dem eigentlichen Drehen geschieht] am Freibad [sic‘!] im Stammlager Auschwitz I machte. Dort standen wir in einem sehr belästigten Gewirr von Mücken und Fliegen, und ich meinte zu Winfried – der selbst nie müde wurde, freche Sprüche zu klopfen : „Hier fliegen mir zu viele Flugläuse herum, die müsste man alle vergasen.“ [Im Lager Auschwitz II – Birkenau gibt es im hinteren Bereich, abseits der Touristen-Routen das sogenannte Lager „Kanada“, auf dessen Gelände sich das große Entlausungsgebäude für Textilien befindet. Dort kann man die beeindruckenden Kleidergaskammern mit ihren 20cm dicken Vakuumtüren, den Absaugvorrichtungen für Zyklon B und sogar erhebliche Oxydationsreste des gefährlichen Gases mit umliegenden Gemäuer entdecken.
*2 Die „Kammer“ nennt man die Aufbewahrungsstelle, für alle Sachen, die Gefangenen gehören, aber nicht an ihn ausgehändigt wurden oder werden. Auch Kleidertausch, Pakete usw. laufen hierüber.
*3 Reinhard Rade war einer der engsten und wichtigsten Begleiter von Franz Schönhuber beim Aufbau der Republikaner. Eigentlich „einer von uns“, brachte der Bad Tölzer durch sein Netzwerk viele Vorteile und war, aus gutem Hause stammend und beruflich sehr erfolgreich, Käufer und Vermieter meines Münchner Laden-Büros gewesen. Er war einer der Ersten, mit dem wir noch vor dem 9. November 1989 zu den Montagsdemos nach Leipzig fuhren.
*4 Eugen Ernst war der aus Toronto stammende Hausfotograf von Samisdat Publishers. Der in Kanada geborene deutsche war zum Zeitpunkt meiner Festnahme gerade in Deutschland – und so ein guter und schneller Draht zu …
*5 …Ernst Zündel, von dem an dieser Stelle die Rede ist. Die zeitgeschichtliche Person Ernst Zündel, zu dem ich bis zu meiner Haft ein tiefes freundschaftliches Verhältnis pflegte, ist bekannt. Verwundern mag den Leser, dass Zündel wesentlichen Einfluss auf meine Persönlichkeitsentwicklung hatte. Von ihm lernte ich vor allem Kritikfähigkeit, Toleranz und immer das Gute in Dingen zu suchen.
*6 Antje war meine erste Jugendliebe, mit der mich bis heute eine tiefe Freundschaft zu ihr und ihrer Familie verbindet.

Montag, 14. November 1994 – 7.00 Uhr – Wecken, Kaffee. Ich bin sofort auf. Aber ich warte vergeblich. Niemand holt mich für die Abreise nach Berlin. Ich hoffe noch, dass es später los geht. Dann, um 9.00 Uhr, duschen. Duschen gibt es hier nur Montags und Donnerstags.Obwohl die verschiedensten Leute sich unter der Dusche „die Flöten einseifen“, ist alle Scheu weg. Nur den Dreck der letzten Tage abwaschen. Ich fühle mich so sauber, dass ich beschließe, auch meine Wäsche zum ersten Mal zu wechseln*1 (Ich habe ja nur einmal zum Wechseln). Danach Zelle putzen, Müll wegbringen, aufräumen. Hofgang ist von 9.50 – 10.50 Uhr. Ich bin sehr niedergeschlagen. Ich gehe deshalb die ganze Zeit alleine.. Außerdem habe ich, da zum ersten Mal die Sonne scheint, Probleme mit meinen Augen*2. Nach dem Hofgang beantrage*3 ich deswegen die Aushändigung meiner Sonnenbrille. Da ich zwei Anträge am Tag stellen darf, beantrage ich als Zweites die Herausgabe meiner mitgebrachten Papiere. Dann schreibe ich erneut an Silke – ich schreibe an meinen Vater und an Wiesel. Zum Mittagessen gehe ich kurz zur „Etagenbibliothek“, die von einem Mann geleitet wird, der angeblich 30 Millionen unterschlagen hat. Er ist von Anfang an sehr nett zu mir, gibt mir eine Fachbuchliste und neueste Zeitungen. Aus der Liste suche ich schon einmal vorsorglich einige gute Bücher heraus. (Goethe, Hess, Fernau, u.a.*4) Zu Essen gibt es heute Reis mit Soße, mit einem Hauch von Fleisch und Paprika sowie Gurkensalat. Und – zum ersten Mal gibt es Nachschlag. Ich habe großen Hunger.
Nachmittags lese ich die Süddeutsche vom Wochenende*5, wir schlafen, und wieder Karten spielen. Ich lerne ein weiteres Spiel von Mehmet. Später bringt mir Memet, der andere Türke, noch ein paar Tricks bei. Er will mich testen, stellt mir einige Aufgaben, die ich aber löse.
Ach ja, nachmittags bekomme ich noch Wäsche. Ich bin wieder bei besserer Laune, weiß ich doch, dass jemand „draußen“ an mich denkt. Ich denke an draußen, was Silke wohl macht? Ich möchte, egal wie es bei mir weitergeht, dass sie bei mir einzieht. Ich werde das mit Thomas und Silke besprechen müssen.
Abends klopft jemand und sagt: „Althans, Anwalt.“ Aber – mir hat nur jemand einen Streich gespielt. Ein Beamter kommt zum Abendessen, heute gibt es Brot, Tee und, anstatt Wurst, eine dicke Scheibe Käse, und teilt mir mit, dass ich erst am Donnerstag nach Berlin gebracht werden soll und – wenn ich nicht frei gelassen werde – auch am selben Abend zurück [Anm. gebracht würde].*6 Abends schreibe ich mein Tagebuch zu Ende, bis zu diesem Zeitpunkt. Auch eine Zeugenliste für den Münchner Prozess bereite ich vor. Mehmet erzählt mir noch, dass er den ersten Geschlechtsverkehr seines Lebens mit einem Esel hatte. Wir spielen noch [Anm. Karten] bis 1.00 Uhr nachts.Ich hoffe, heute – im Gegensatz zu gestern, besser einschlafen zu können und dass Mehmet nicht wieder so schnarcht (der kann das noch lauter als Wiesel). Sein Anwalt sagte ihm heute, dass der Richter auf sieben Jahre Haft hinaus will. Das macht ihn fertig. Ahmedi geht es besser. Wir alle tauschen unsere Adressen aus. Ob wir uns wieder-begegnen werden? Wieder ein Tag verloren – Mist!

*1 Bei der Verhaftung hatte ich in aller Eile nur das Notwendigste eingepackt. Unvorstellbar – dass diese Ereignisse länger dauern würden. Wenn man seinen Wäschetausch mit den Besuchen koordinieren kann, ist es in Deutschland den Untersuchungsgefangenen gestattet, eigene Kleidung zu tragen. Erst in der Strafhaft muss man Anstaltskleidung nutzen.
*2 Ein kleines Problem, etwa Augentropfen oder eine Sonnenbrille, wurden in der Haft zu riesigen und komplizierten Verwaltungsvorgängen. Ohnehin sollten mich diverse kleine Leiden die ganze Zeit in der Haft begleiten.
*3 Für Anträge in der JVA musste ein DinA 5 Formular ausgefüllt werden. Die Schließer gaben es an die Anstaltsleitung weiter, die entweder nach Regel handelte, oder den Einzelfall prüfte. Jede noch so winzige Änderung bedurfte dieses Verwaltungsvorganges.
*4 Bis Ende des letzten Jahrhunderts waren die Bibliotheken noch mit Büchern aller Art ausgestattet, ja sogar Vorkriegsliteratur, etwa Kurt Eggers war zu finden. Erst danach fand eine umfangreiche ZENSUR statt, Bücher, etwa von David Irving, Joachim Fernau u.v.m. Wurden systematisch aus den Haftbibliotheken entfernt.
*5 Auf eigene Kosten darf man sich eine kleine Auswahl an Tages- und Monatszeitungen und Zeitschriften per Post abonnieren. Diese sind dann unter den Gefangenen heiß begehrte Tausch- und Handelsware. Außerhalb Bayerns ist auch weitestgehend Hardcore-Pornografie gestattet.
*6 Laut Gesetz kann in Untersuchungshaft genommen werden, bei dem Flucht- oder Verdunklungsgefahr besteht. Auch dringender Tatverdacht bei Kapitalverbrechen, etwa im klar liegenden Fall eines geständigen Mörders, kann Haft vor Prozess und Urteil bereits einsetzen.
In der Theorie sind die Maßstäbe sehr hoch angesetzt, so muss eine richterliche Prüfung binnen 24 Stunden stattfinden, und ein substantieller Haftgrund belegbar sein. Da die U-Haft zudem als allgemein härter und belastender gilt, darf diese nicht länger als sechs Monate dauern. So die Theorie.
In der [meiner !] Praxis sollte ich wiederholt die Dehnbarkeit des Rechtes, das ich logischer weise als Unrecht empfinden musste, erleben. Schon der Vorwurf der Fluchtgefahr war geradezu grotesk – denn seit Anbeginn des Münchner Verfahrens, was ich selbst als wesentlich bedrohlicher empfand (und in dem ich meine Verantwortung für die Herstellung der Filme offensiv übernahm) war ich ja erschienen. Noch eine Woche zuvor war ich zweieinhalb Wochen in Kanada und den USA gewesen, um mich einerseits in Toronto auf die Verteidigung im Verfahren vorzubereiten, andererseits noch etwas Abstand und Kraft zu gewinnen. Warum war ich aus Übersee zurück gekommen, und zum Münchner Prozess erschienen?
Eine Fluchtgefahr war vorgeschoben und bestand nachweislich niemals. Noch schlimmer aber das Handeln des Untersuchungsrichters in München, der sehr wohl Recht und Pflicht gehabt hätte, bei Prüfung der Tatsachen den Haftbefehl (wenngleich auch gegen Auflagen) sofort außer Kraft setzen zu müssen. Ein „Anfangsverdacht“ zur Flucht war ja nicht gegeben. Und so entzog der Richter sich der Verantwortung ob des medialen Drucks, da ich zum dargestellten Zeitpunkt zu „bekannt“ war und man sich schlicht nicht die „Finger an mir verbrennen wollte“. Alleine die erste Woche bis zur erneuten Vorführung vor den Berliner Haftrichter hätte so nie laufen dürfen.
Man behalte in Erinnerung:
Angeklagt und Verhaftet wurde ich wegen eines MEINUNGSÄUSSERUNGSDELIKTES !!!

Sonntag, 13. November 1994 – ausschlafen – herrlich. Wir werden erst wach, als es schon Mittagessen gibt. Es gibt sogar eine Blumenkohlsuppe vorweg. Danach Schuhsohle vom Rind mit Soße und Semmelknödel. Nach dem Essen Umschluss, also wieder Karten spielen. Anschließend 14.30 – 15.30 Uhr Hofgang. Ich unterhalte mich lange mit dem jungen Kurden [Anm. von der PKK]. Heute ist der Hof ziemlich voll, da zwei Etagen gleichzeitig herausgelassen werden. Ich fühle mich relativ wohl*1 und komme gut mit meinen Zellengefährten klar. Inzwischen weiß jeder, wer ich bin, einige geben mir die Zeitungsartikel, die sie über mich gefunden haben. Wiederum bald nach dem Hofgang gibt es Abendessen.Es ist wieder eine Scheibe Wurst, viel Brot und Tee. Die drei anderen – weil Mohammedaner – erhielten gestern statt Wurst Mozzarella, heute Salat. Irgendwoher organisieren sie noch einen vierten Salat. Abends schreibe ich an Silke, Thomas und an meinen Anwalt. Ich hoffe, noch morgen auf den Schub*2 auf Reise nach Berlin zu gehen. Irgendwie komisch, es kommt mir schon alles wie eine Ewigkeit vor und irgendwie bin ich traurig, morgen zu gehen.

*1 Diese Aufzeichnungen habe ich zum größten Teil zeitgleich, am selben Tag, höchstens aber einen oder zwei Tage später notiert. Daher entsprechen Stil und Emotion der unmittelbaren gefühlten Lage des geschilderten Moments.
Bei den Abschriften behalte ich – um nicht zu verfälschen – auch holprige Stilistik, und fehlerhaften Satzbau bei. Lediglich unwesentliche Ausformulierungen werden ergänzt. Kleine Anmerkungen zur Erläuterung setze ich als „Anm.“ [= Anmerkung] direkt im Text, umfangreicher Erklärungen als Fußnoten, wobei diese Tag für Tag wieder ab „*1“ gezählt direkt unter den dazugehörigen Tageseintragungen vermerkt werden.
*2 Als „Schub“ wird die Verbringung von Inhaftierten bezeichnet. Über ganz Deutschland (ja sogar Europa) gibt es einen haftinternen Busverkehr, mit dem Gefangene von A nach B transportiert werden. Dabei fahren die Busse allerdings je nach Streckenauslastungen – später werde ich noch von solch einem Schub berichten. Eine Reise von München nach Köln kann schon einmal 5 Tage oder länger dauern. Zum Transport werden Gefängnisbusse mit internen Zellen genutzt – teilweise für 2-4 Personen, aber auch winzigste Einzelzellen – eine ziemlich gruselige Angelegenheit.

Samstag,12. November 1994 – 7.00 Uhr: Wecken! Wir stehen auf und frühstücken. Dann, von 9.50 – 10.50 Uhr Hofgang. Ich habe zum ersten Mal „gute Laune“. Beim Hofgang lerne ich weitere Gefangene kennen, u.a. Selami, einen Kurden, der bei der Besetzung des türkischen Konsulats*1 in München dabei war. Er, der PKK-Aktivist*2 und ich, der „Neonazi“*3 verstehen uns auf Anhieb. Noch eine Überraschung: von der Warterei am Donnerstag ist Rainer*4,, wegen Ectasy in Haft, in der Nebenzelle. Sein Mitgefangener, auch ein Deutscher, sitzt wegen Raubüberfall. In der Zelle gegenüber sitzt einer, der anscheinend als Tegernseemörder*5 Geschichte gemacht hat.
Schon gegen 11.30 Uhr gibt es Mittagessen. Eine Riesenportion schlecht gekochter, so genannter Erbsensuppe aus gelben Erbsen und eine dicke Wurst. Zum ersten Mal [Anm. In der Haft] esse ich mich satt. Den ewig langen Nachmittag verbringen wir [Anm. In der eingeschlossenen Zelle] mit reden und Kartenspielen. Der Beamte teilt mir mit „bis Montag läuft eh‘ nix meh“ und ich denke „Scheiße, das Wochenende uin Stadelheim“. Unterbrochen wird der Nachmittag nur durch das Abendessen*6 (gegen 16.30 Uhr), Massen an Brot, Tee und Warmes Wasser sowie eine fette Scheibe Wurst (sehr eklig].
Nachmittags gab es für drei Stunden „Umschluss“, d.h. Man kann sich bei anderen mit einschließen lassen [Anm. In deren Haftraum]. Bei uns sind ein paar Türken, Rainer und ein Serbe. Ahmedi geht zu bosnischen Freunden. Als er Abends zurück kommt, geht es ihm nicht gut. Wir rufen einen Wärter, der bringt Malloxan. Um 1.30 Uhr gehen wir schlafen.

*1 Rund um die Verhaftung vodes PKK Chefs Öcalan kam es in Europa zu schwersten Krawallen von seinen kurdischen Anhängern. In München wurde kurzfristig das Konsulat besetzt.
*2 Die gewollte oder ungewollte Koalision zwischen – etwa Anhängern der als gewalttätig bekannten, linksextremen Kurden von der PKK und mir – barg fortwährend erhebliche Gefahr für mein Leib und Leben. Denn diese trafen auf die täglich dämonisierte Mediengestalt Althans.
*3 Im öffentlichen Bewußtsein war ich ja – gerade durch Doppel-Prozess München und Berlin zuzüglich Haft nunmehr der „große Fang“: Der Führer der NeoNazis. [Was ich nie war oder sei hätte sein wollen!]
*4 Beim Abschreiben meiner Tagebücher nach 20 Jahren kommen mir mit dem Nennen der Namen der mitgefangenen vernebelte Gesichter und Erinnerungen wieder hoch. Grundsätzlich gab es zwei Wege, von denen ich den scheinbar leichteren in der Haft wählte: Entweder war man stumm und zurück gezogen, dann aber war man im Falle von Häftlingsdrangsalien verloren. Oder man war kommunikativ und fand so seinen Platz in einer immer gegebenen Hirarchie. Der erste persönliche Kontakt zu teils schwerstkriminellen Menschen, aber auch zu den überproportionell aus Sozial-Konflikten der Gesellschaft stammenden Personen [die ich werder damals noch heute als Bestandteil der zu Strafverfolgenden zähle, etwa illegale Asylanten, Drogenabhängige u.a.] war für mich vollkommend erschütternd.
*5 Der Tergernsee-Mörder, von der Presse so genannt, hatte im Oberbayrischen eine Zeit lang für schlimme Schlagzeilenm gesorgt.
*6 In der Untersuchungshaft Stadelheim war man 22 Stunden auf dem Haftraum eingeschlossen. Kontakte, etwa Post, gab es nur durch das Öffnen der kleinen Klappe in der Tür. Fünf mal am Tag wurde die Tür geöffnet: Zum Wecken, zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen und zum „Einschluss“. Beim essen kam ein Wagen mit dem Essen mit beinem Beamten, von zwei Mitgefangenen organisiert und man holte sich mit seinem leeren Teller und einer Plastikkanne von dem, was angeboten wurde. Dabei war alles fest portioniert, nur Brot gab es beliebig.

Was so in der Presse folgte…
[Erläuterungen zur kleinen Presse-Schau im Anhang]

[Blatt 1] – Durch die Senatsverwaltung Berlin / Justiz-Pressestelle wurde eine erste, überraschende Meldung über die Anklage lanciert. Unter der Überschrift: „Im Film – Beruf NeoNazi – Massenmord in Auschwitz geleugnet; Hauptdarsteller der Volksverhetzung angeklagt – Berliner Staatsanwaltschaft wirft B. Althans außerdem neonazistische Propaganda vor.“ heißt es in der DPA-Meldung dann weiter: „Die Berliner Staatsanwaltschaft hat gegen den 28jährigen Neonazi-Anführer B. Althans Anklage wegen seiner Äußerungen in dem Film „Beruf Neonazi“ erhoben. […] Grundlage der Anklage ist unter anderem eine Erklärung Althans‘ vor laufender Kamera […] Außerdem hat er laut Anklage in einer Diskussion mit Besuchern in der Gaskammer die Möglichkeit bestritten, dass dort Massenvergasungen stattgefunden haben. […]“ Anschließend folgen – zur Steigerung einer stilistischen Dramatik etwa 80% Text, der überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Etwa über ein Verfahren gegen die PDS wegen des Verwendens von NS-Symbolen, und eines Verfahrens, das blumig geschildert wird, in welchem sechs Türken und ein Deutscher für die Ermordung eines Mitgliedes der rechtsextremen Deutschen Liga vor Gericht stehen.
Anzumerken wäre, dass ich KEIN Anführer von irgendwas war – seit 1988 nicht einmal Mitglied in irgendeiner Organisation / Verein / Partei usw.. Zum Vorwuft, ich habe „…in einer Diskussion mit Besuchern in der Gaskammer die Möglichkeit bestritten, dass dort Massenvergasungen stattgefunden haben…“ schreibt WIKIPEDIA: „Das erste Krematorium im Stammlager mit Öfen und Gaskammer wurde rekonstruiert. Dem Besucher wird nicht eindeutig genug vermittelt, dass die eigentliche Stätte des Völkermords drei Kilometer entfernt in Auschwitz-Birkenau liegt.“
[Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Auschwitz_I_%28Stammlager%29 ]
Meine Aussage führte später dennoch zur Verurteilung – denn ungeachtet dessen, was ich tatsächlich in diesem – nie für den Film gedachten, heimlich mitgeschnittenen – eskalierenden Streit sagte, war der verurteilende Richter der Annahme, dass ich mit dieser Aussage impliziert hätte, dass konsequenter Weise kein Jude in Auschwitz vergast worden sei.

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Blatt 1 – Berliner Zeitung

[Blatt 2] – Am 21. Oktober 1994 folgt ein entlarvender Artikel in der FRANKFURTER RUNDSCHAU, geschrieben von Helmut Schmitz, der den bis dahin gelaufenen Irrsinn noch einmal gut zusammenfasst. Besonders hervorheben möchte ich folgende Auszüge: „So hatte zwei Tage vor Weihnachten [Anm. 1993] die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin entschieden, die Ermittlungen gegen Macher und Vertreiber des Films einzustellen. Doch nun, ein dreiviertel Jahr später, verfügte just das Landgericht Berlin – wir berichteten gestern – die Beschlagnahme der Kopien samt zugehörigen Negativen und Tonbändern“. Der sehr aufschlussreiche Artikel, dessen Inhalt ich ein wenig an dieser Stelle ergänzend kommentieren werde, endet dann mit der Formulierung: „Am Ende dieser Posse stehen möglicher- und grotesker Weise ein (neuerlicher) Freispruch des Neonazi B. E. Althans und das Verbot des diesen belastenden Films: Beruf Neonazi.“ Was war geschehen?
In einer nie dagewesenen Welle der Aufregung, übelster Medienschelte, aggressivster Konflikte rund um die Aufführungen des Filmes bzw. seiner unzähligen Verbote und Verhinderungen hatten unter Federführung von Inge Deutschkron und des damaligen Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinden Deutschlands, Ignaz Bubis etwa einhundert prominente Juden sich der von Frau Deutschkron mitinitiierten Strafanzeige gegen mich angeschlossen und i einer regelrechten Korrespondenz-Kampagne mit der Staatsanwaltschaft Berlin das Verfahren erneut in Gang gebracht. Ich war unbesorgt. Zum Einen hatte ich selbst – nachdem der Film bereits ohne meine Freigabe aufgeführt worden war, gegen diesen Strafantrag gestellt. Zum anderen waren alle Ermittlungen, die laut Strafprozess-Ordnung zulässig waren, erfolglos geblieben – an Tat- und Wohnort war es zu Einstellungen der Verfahren gekommen, in Oswicie [Auschwitz], Polen gab es gar einen Freispruch. Zumal stand ich ja in genauer Gegenkonstellation in München vor Gericht, wo die Protagonisten meiner Dokumentationen unbehelligt blieben, da die Kammer der Rechtsauffassung war, wenn, dann sei der Macher und Vertreiber des Filmes verantwortlich. Der „Trick“ bestand nun darin, die STAATSSCHUTZKAMMER einzuschalten, und da diese nach Freilassung Erich Honeckers scheinbar vakant war, nahm sie sich unter dem ungeheuren öffentlichen Druck der Sache an.
Interessant vielleicht auch, dass ganz Deutschland ÜBER mich redete, aber niemand MIT mir. Es war mir gerichtlich verboten worden, an einer öffentlichen Kinovorführung teilzunehmen, da dieses bereits eine Propagandastraftat wäre! Selbst mein Bruder wurde – trotz seiner Ablehnung meiner politischen Vergangenheit – in Sippenhaft genommen und geriet in Bremen, beim Versuch, den Film zu sehen, zwischen die Fronten.
Auch zur „Einbettung“ des Filmes muss hier etwas gesagt werden. Bevor der Film „seine Wirkung“ entfalten konnte, wurde etwa 20 Minuten lang Bildmaterial aus der Zeit der Befreiung der Konzentrationslager gezeigt. Zu sehen unfassbar schreckliche Bilder von an Hunger, Typhus und anderen Gründen zu Tode gekommenen Menschen etwa in Dachau, Bergen Belsen usw..

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Blatt 2 – Frankfurter Rundschau

[Blatt 3] – Am 24. Oktober 1994 griff DER SPIEGEL in der Rubrik „Der Spiegel berichtete“ auf einen Artikel aus Heft 46/1993 zurück, der die mit 400.000 DM Steuergeldern geförderte Finanzierung des Filmes zum Thema hatte und schreibt: „Nach einem längeren Prozess entschied das Landgericht Berlin nun, dass der Film nicht mehr öffentlich aufgeführt werden darf. Bereits verliehene Kopien müssten sofort aus den Kinos zurück gerufen werden. Der Film, der nach Ansicht des Gerichtes zu einem Propagandamittel geraten sei, dürfe unkommentiert nur noch an Schulen und Universitäten als Material zum staatsbürgerlichen Unterricht gezeigt werden. […]“ Der Artikel zitiert auch den Filmverleih, der feststellt, dass der Film zu diesem Zeitpunkt sogar bereits im Fernsehen gezeigt worden war.
Wenn das Berliner Gericht auf seiner Position beharrt hätte, müsste konsequenter Weise [im Blick auf mein Münchner Verfahren] Bohnengel und Ostfilm auf der Anklagebank gesessen haben.
Das Verbot fiel natürlich – der Film ist überall zu sehen und zu haben – und wenn, dann bin es ich, der wie vor einigen Jahren, erst mit teurem Anwalt und Unterlassungsklage-Androhung z.B. ARTE dazu brachte, von einer erneuten TV-Ausstrahlung Abstand zu nehmen. Und – es bleibt natürlich bei den mir gestohlenen Jahren …

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Blatt 3 – DER SPIEGEL

[Blatt 4] – Einen Tag vor meiner Festnahme erschien am 8. November 1994 in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ein Artikel von Erwin Tochterman. Der recht umfangreiche Artikel zitiert mich schwach, aber endet deutlich: „Seine Aktivitäten begründet er so „Ich habe einen Zwang [habe ich so sicher nicht formuliert, Bedürfnis war wohl das Wort] zur Information gehabt, und ich behalte ihn. Ich lasse mich nicht reglementieren,mir die Meinungsfreiheit nicht nehmen. Ich fühle mich verpflichtet,, über Dinge zu informieren, über die ich Bescheid weiß.“ Im weiteren Verlauf seiner Einvernahme gibt er dann freilich andere Töne von sich: „Jetzt bin ich vom Stur und Drang zur Realität gekommen“, betont er etwa, und weiter: „Früher hätte ich für Hitler geschrien, heute würde ich nicht im [Anm. geistigen] Gleichschritt marschieren.“ Seine heutige Einstellung umschreibt Althans so: „Ich bin ein nationaler Sozialist.“ Und zur Erläuterung setzt er hinzu: „Als erstes kommt für mich mein Land, als zweites soziale Gerechtigkeit.““

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Blatt 4 – SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

[Blatt 5] – Erst am 12. November 1994, beim Folgetermin am Münchner Landgericht wird die Öffentlichkeit auf meine Verhaftung aufmerksam. Ich erscheine allerdings nicht, wie in der Presse vielfach schaden-freudig kolportiert, in Handschellen sondern werde – weil es so vorgeschrieben ist – mit einer Vorführ-Klammer aus dem Haftbereich IM Justizgebäude bis zum Verhandlungssaal geführt, in dem ich mich frei bewegen darf. An diesem Tag berichtet das NEUE DEUTSCHLAND unter der Überschrift „Althans im Hungerstreik“ über die verworrene Lage: „Der mit Fluchtgefahr begründete [Anm. Berliner] Haftbefehl überraschte auch die Münchner Staatsanwaltschaft, die ihrerseits befunden hatte, dass (…) keine Fluchtgefahr bestehen würde. Tatsächlich hat Althans auch nicht versucht, sich dem Verfahren zu entziehen. „Natürlich sind wir nicht zufrieden mit dieser Entscheidung“, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt (…)“ In, für das NEUE DEUTSCHLAND üblichem scharfen Ton ärgert der Autor Jörn Schrader darüber, dass ich im Jahr zuvor noch in einem gleichartigen Verfahren freigesprochen wurde. Der Richter begründete sein Urteil mit dem Satz, es sei zulässig, Zweifel am Holocaust zu äußern. Der Artikel weist dann auf den schlimmsten Vorwurf, die Straftat des Verletzens von Urheberrechten hin. Der Vorwurf aber, ich hätte alte Nazi-Filme vertrieben, erwies sich als vollkommen haltlos und die Anklage wurde bereits während des Verfahrens fallen gelassen. So etwas geht schnell in der Erinnerung unter ….

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Blatt 5 – DEUES DEUTSCHLAND

[Blatt 6] – In der TAZ vom 2. Dezember 1994 spätestens müsste der differenziert denkende Leser / Beobachter stutzig werden. Nicht – weil alle ich meine revisionistischen Argumente, statt aus der braunen Mottenkiste, aus Wissenschaft und der Mitte der Gesellschaft, also aus glaubhaften Quellen beziehe. Vielmehr über den Schluss des Artikels sollte man stolpern: „Dem Bundesgerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht zufolge müssen Gerichte in Neonazi-Prozessen Beweiserhebungen zum Holocaust in den NS-Konzentrationslagern grundsätzlich nicht nachgehen.“
So einfach ist das also: Man wird für (s)eine Meinungsäußerung angeklagt, dann erklärt irgendwer das Verfahren zu einem (politischen!) Neonazi-Prozess, und Beweisen braucht grundsätzlich nicht mehr nachgegangen zu werden.

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Blatt 6 – taz

Abgesehen vom Recht auf Verteidigung, und der Pflicht, ALLE FÜR und gegen den Beschuldigten sprechenden Argumente zu ermitteln, war da nicht noch was mit „Meinungsfreiheit“?

Freitag, 11. November 1994 – 7.00 Uhr: Ich werde durch ein unsanftes, aber freundliches „Aufstehen – Kaffee – Bettzeug zusammenlegen, Decken bleiben hier“ geweckt. Ich habe sehr tief geschlafen und merke erst beim Wachwerden wieder, wo ich bin. Ich bin sehr ruhig und sehr ernst. Nachdem ich den „Muckefuck“ gekostet, für zu eklig befunden und weg gegossen habe, ziehe ich mich an, nehme mein Bettzeug und los geht es mit einigen anderen (wir waren alle letzte Nacht in Einzelzellen) – wieder in einen Warteraum. Von dort geht es zum Aufnahmebeamten, der eine Matrize ausfüllt über die Aufnahme in Stadelheim. Er bestätigt, dass ich nach Berlin gehe, aber nicht heute, sondern vermutlich am Montag. Von der Matrize werden Abzüge für verschiedene Formulare gemacht, ich verweigere die Unterschrift. Dann geht es zur Kammer. Dort wieder ausziehen – Leibesvisitation. Ich erhalte zum ersten Mal meine Schnürsenkel und meinen Gürtel mit den Worten zurück: „Hier kann sich jeder umbringen wie er will.“ Dann bekomme ich von meinen Sachen meinen Kulturbeutel,, meine Wechselwäsche, einige Papiere, eine kleine Cola, Stifte, kann für 10,-DM Briefmarken kaufen, etwas Duschgel und mein Adressbuch. Der Beamte schüttet vorher alle Visitenkarten heraus, gibt mir dann das Durcheinander mit den Worten „Ich bin nämlich bei der CSU.“ Dann endlich – nach drei Tagen – duschen. HERRLICH. Es stört mich auch nicht mehr, nackt vor irgendwelchen anderen herumzulaufen. Nach dem Duschen geht es wieder in einen Warteraum.
Es ist ca. 9.00 Uhr. Ich bin weiter sehr ruhig, schlage den Kopf von der Cola ab (mit Glas – weil ich zu blöd bin, sie mit einem Feuerzeug zu öffnen) und freue mich über ein solches Getränk. Wieder heißt es ca. vier Stunden warten. Die Zelle füllt sich mit ca. 15 Gefangenen, alle neu, manche kenne ich schon. Ein Italiener ist dabei (wg. versuchtem Mord), Albaner, Bosnier, Serben, Türken und Deutsche. Ca. 1/3 wegen Drogen, ein weiteres Drittel wegen Asylbetrug o.ä.. Ein völlig Irrer, anscheinend Albaner, ist auch dabei. Er labert die ganze Zeit. Ich sitze wieder mit dem Junkie vom Gericht von Gestern zusammen. Wir unterhalten uns auch mit dem Italiener. Mittags gibt es etwas, was wohl Kaiserschmarrn mit Apfelmus darstellt. Es schmeckt aber wie alte Tapete mit Kleister. Ich esse einige Stückchen. Mein Entschluss steht also fest, kein Hungerstreik, um die Zwangsmaßnahmen von Ärzten abzuwenden.
Endlich – gegen 1.00 Uhr, nach dem Mittagessen, geht es weiter. Wir alle gehen … zum nächsten Warteraum. Das Schlimmste an den Warteräumen ist, dass die Anderen alle wie besessen rauchen. Zum Glück habe ich meine [Anm. Augen-]Tropfen wieder.
An dieser Stelle möchte ich noch einfügen, dass mir in der Kammer mein Koffer, der Großteil meiner Akten und mein Funktelefon einbehalten wurden. Anstatt dass wir zum Arzt kommen werden noch ca. 10 weitere Häftlinge in den kleinen Raum gepfercht. Erst gegen 15.00 Uhr öffnet sich die Tür. Ich bekomme eine TBC-Impfung, werde nach Krankheiten befragt und soll Blut abgeben. Ich verweigere die Blutabnahme und muss dann noch angeben, wie viele Sprachen ich spreche. Zurück in dem Raum wartet der Irre von vorher und nervt zum Wahnsinnig werden. Ich unterhalte mich recht gut mit einem Albaner, der einen Typ mit Kopfschüssen ermordet hat. Er gibt mir seine Adresse. Ich beginne aus der Erinnerung mit diesen Tagebuchaufzeichnungen. Dann wieder zum Arzt. Oben frei machen. Untersuchung nach Einstichen, Abhören von Herz und Lunge. Der Arzt empfiehlt mir, ein Shampoo gegen meine Hautflechte*1 zu nehmen. Dann ginge es sofort vorbei. Ich werde es mir Montag besorgen.
Dann endlich, gegen 17.00 Uhr geht es endlich wieder los. Wir werden auf Zellen verteilt. Ich komme mit drei Türken und einem Schwarzen*2 nach „C3 – Westbau“ in den III. Stock. Dort muss ich erneut alleine warten. Ich hoffe, eine Einzelzelle zu bekommen. Als ich geholt werde, sagt man mir, vor Montag laufe hier gar nichts mehr. Außerdem dürfe ich auf höhere Anweisung nicht alleine bleiben. Ich komme auf eine Vier-Personen-Zelle. Dort treffe ich auf Achmedi [28], einen bosnischen Moslem, Mehmet [34], einen Türken und Memet [40], einen in Deutschland geborenen Türken.Der Essenmensch drückt mir noch einen Stapel Brot und einen Rollmops in die Hand, den ich gleich aus dem Fenster werfe. Ich mache mein Bett und lege mich erst einmal hin. Nur einige wenige Tränen laufen leise über meine Wangen. Ich schlafe ein.

Gegen 21.00 Uhr werde ich wach. Ahmedi schenkt mir eine Dose Cola. Mehmet gibt mir einige Kekse, wir sprechen darüber, warum wir hier sind. Zum ersten Mal sehe ich mir die Zelle an. Im Vergleich zu den letzten Tagen ein Paradies. Jeder hat einen Schrank, zwei Waschbecken. Es gibt einen Tauchsieder für warmes Wasser, ein abgetrenntes Klo, Geschirr und ein Regal. Die anderen haben Käse, Pepperoni, Schokolade und Tee. Im Moment wie im Paradies. Es gibt sogar ein paar alte Zeitungen zum Lesen. Gegenüber vom Hof, so erzählt man mir, sitzt Duško Tadić*3. Memet erzählt mir [Anm. Seine Geschichte:], er sitzt, weil er erwischt wurde, wie er ein Pfund Haschisch für Bekannte lagerte. Er ist in Haft wegen Verdunklungsgefahr, hofft, in ca. sechs Monaten seinen Prozess zu haben und dann auf Bewährung heraus zu kommen. Er ist ein lustiger Typ. Ahmedi, der Bosnier, erzählt sehr wenig. Er ist aus Sarajevo, war für drei Monate in Deutschland. Als seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist, bleibt er. Einige Tage später gerät er zufällig beim Warten auf einen Freund in eine Polizeikontrolle, wird zwecks Abschiebung festgenommen. Er hört abends die neuen Nachrichten*4 aus Ex-Jugoslawien, wo in diesen Tagen anscheinend der Krieg wieder richtig losbricht*5. Manchmal sieht er aus, als möchte er weinen. Er spricht schlecht deutsch und lächelt lieb, wenn man auf ihn eingeht. Die drei bemühen sich sehr um mich. (Übrigens haben wir eine Lampe, also Licht*6, wann wir wollen und ein Radio)
Das Radio haben sie erst heute bekommen. Während ich schlafe, hören sie im Radio über mich und das angeblich der Prozess in Berlin am 18, / 19. November laufen soll. Ich muss ihnen natürlich erzählen, warum ich im Knast bin. Sie kochen mir Tee und bringen mir drei türkische Kartenspiele bei.. Wir lachen und scherzen bis halb Eins nachts. Es ist eine herrliche Ablenkung. Als wir schlafen gehen wollen, erzählt mir Mehmet, warum er hier ist: Mit 18 Jahren lernt der im Ruhrgebiet arbeitende Türke ein ebenfalls türkisches Mädchen kennen. Sie hat die deutsche Staatsbürgerschaft, kommt aber aus einer traditionell strengen Familie. Sie – wie auch ihre beiden Schwestern – werden schon früh von ihren Eltern nach traditioneller Art Männern in der Heimat versprochen. Mehmet und Süreyya verlieben sich, aber die Eltern sind dagegen. Als Süreyya [Anm. ihn] heiratet, spitzt sich die Lage zu. Mehmet entscheidet sich, mit ihr in die Türkei zu fliehen. Dort verstecken sie sich. Der Vater von Süreyya taucht bei Mehmets Eltern auf und droht, wenn seine Tochter nicht wieder auftauche, werde eine von Mehmets Schwestern entführt. Daraufhin verrät Mehmets Vater das „Versteck“, mit vier Männern wird Mehmet besucht, die Flucht ist zu Ende. Mehmet versucht, seine große Liebe zu vergessen,. Nachdem er erst einige Jahre später nach Deutschland zurückkehrt,, scheint die Sache vergessen. Mehmet hat inzwischen mehrere Beziehungen gehabt. Dann, sechs Jahre später, klingelt plötzlich das Telefon. Es ist die Schwester von Süreyya, die Mehmet bittet, sich mit Süreyya zu treffen. Diese lebt, inzwischen Mutter von zwei Kindern, mit ihrem Mann, der zum Alkoholiker wurde, weil er mit dem Leben in Deutschland nicht klar kommt.

Süreyya hat Mehmet, der inzwischen auch einen Sohn hat, nie vergessen. Die beiden kommen nicht voneinander los. Fast ein Jahr dauert es noch – tägliche Telefonate – dann entschließen die beiden sich erneut, zusammen zu gehen. Sie gehen erst nach Den Haag, dann in die Nähe von München. Um nicht den Ärger von damals zu wiederholen, brechen beide den Kontakt zu ihren Familien ab. Erst Wochen später telefonieren sie.. Aber es soll fast drei Jahre dauern, bis ein „normaler“ Kontakt wieder entsteht. Im darauf folgenden Jahr stirbt der Mann von Süreyya an Alkoholismus. Mehmet und Süreyya leben in einer mehr oder weniger normalen Beziehung aus dem Wechselspiel von schönen Zeiten und auch Streit zusammen. Überschattet wird die sich aufzehrende Liebe nur von der ungeheuren Eifersucht Süreyyas*7, die meint, Mehmet betrüge sie. Und auch Mehmets – typisch türkisch – aufbrausende Emotionalität führt nicht nur einmal dazu, dass er seine Frau schlägt. Irgendwann ergibt sich aus einer solchen Situation die Katastrophe. Süreyya ist inzwischen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, weil sie Abstand zu bestehenden Problemen gewinnen will. Bei einem Treffen eskaliert die Situation, Mehmet greift zu einem Messer. Süreyya kommt sehr schwer verletzt ins Krankenhaus.. Mehmet haut ab und setzt sich erneut in die Türkei ab. Dort bleibt er drei Jahre. Bereits zehn Tage nach der Tat haben die beiden bereits wieder Kontakt. Sie kommen einfach nicht voneinander los.. Zwei Jahre später [Anm. nach dem Vorfall] heiraten die beiden in der Türkei. Im folgenden Jahr kehrt Mehmet nach Deutschland zurück und stellt sich den Behörden. Der Haftbefehl wird aufgehoben, die beiden leben in Gelsenkirchen. Süreyya wird schwanger – da kommt der Haftbefehl aus München.
Es ist 1.30 Uhr. Wir gehen schlafen. Zum ersten Mal [Anm. seit der Festnahme] bin ich richtig müde.

*1 Bei meinem Aufenthalt auf Key West hatte ich mir 14 Tage vor der Festnahme einen Hautpilz zugezogen, der erst als Flechte vermutet, dann aber mit Medikamenten kurze Zeit später behandelt und geheilt wurde.
*2 Im fortlaufenden Text werde ich das in meinen Tagebüchern verwendete Wort „Neger“ gegen „Schwarzer“ ersetzen. Grundsätzlich habe ich das Wort ausschließlich für [nicht deutsche] Schwarze afrikanischer (!) Herkunft gebraucht.
*3 Duško Tadić (* 1. Oktober 1955 in Kozarac, Jugoslawien) ist ein serbischer Politiker und verurteilter Kriegsverbrecher. [Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Du%C5%A1ko_Tadi%C4%87 ]
*4 Es gab ein Kofferradio auf der Zelle.
*5 Im Jahr 1992 war ich mit/für DER SPIEGEL in Kroatien und in Mostar an der kroatisch-bosnischen „Grenze“ – auf der Recherche nach Europäischen Freiwilligen und politischen Hintergründen der dortigen Auseinandersetzungen.
*6 Um 22.00 Uhr wird von außen der Strom in den Zellen (in der Haft), bzw. die Beleuchtung (in der U-Haft) abgestellt.
*7 Die Schilderung ist natürlich der subjektiven Darstellung von Mehmet nacherzählt.

MehmetMehmet [im Strafvollzug] Archiv Althans
Bild im Internet aufgrund des Schutzes der Persönlichkeitsrechte verfremdet

Donnerstag, 10. November 1994 – 5.30 Uhr: Die Tür kracht, jemand schreit: „Aufstehen, Decken abgeben, anziehen.“ Ich bin vielleicht vor einer Stunde eingeschlafen. Mein Kopfkissen ist noch nass von den Tränen. Es geht in eine große Sammelzelle.Von dort gehen alle außer mir ab nach Stadelheim. [Anm. Untersuchungshaftanstalt] Ich komme in die nächste Sammelzelle. Dort stinkt es wie die Pest. Endlich kommt jemand, bringt mich runter. Ich darf mich frisch machen und rasieren und bis zur Fahrt ins Gericht darf ich endlich in eine Einzelzelle. Endlich Ruhe und kein Zigarettenrauch. Um 8.45 Uhr wird mir eine „Vorführkralle“ angelegt. Ich werde zum Gericht gefahren. Als ich um fünf nach Neun zum Verhandlungssaal komme,ist alles voller Presse, steht – wie erwartet – Silke*1 da. Mir ist alles egal. Nur Silke in den Arm nehmen können, ich küsse sie, bitte sie, sofort wieder in die Schule zu gehen. Ich muss total weinen. Silke ist sehr stark und sagt nur: „Bitte nicht weinen. Bitte nicht weinen.“ Es ist nicht zum Aushalten. B. Ist auch da. Auch Stefan Wiesel*2. Der Prozess beginnt mit meinem Antrag auf Unterbrechung.Ich muss erst mal mit Brengelmann, meinem Anwalt, sprechen.Ich spreche kurz mit ihm und versuche, mich zu sammeln. Das Wiedersehen mit Silke war zu schwer. Ich liebe sie. Als der Prozess wieder beginnt, stellt mein Anwalt den Antrag auf Unterbrechung der Hauptverhandlung bis zu meiner Vorführung in Berlin, da wir davon ausgehen, dass ich frei kommen werde. Die U-Haft macht zudem meine Verteidigungsarbeit [Anm. hier in München] unmöglich und ich befinde mich in einem psychischen Durcheinander. Der Richter unterbricht erneut, um darüber zu beraten. Nach der Beratung teilt er mit, er werde erst nach der Mittagspause entscheiden.Anschließend folgt die weitere Vernehmung von Jahnel*3, der – im Gegensatz zu Montag – nichts mehr sagt, sondern sich nur noch von seinem Anwalt vertreten lässt. Dieser behauptet, ich glaube, Auschwitz habe nicht existiert.. Das bringt mich so in Rage, dass ich erneut eine Erklärung bezüglich Auschwitz abgebe. Diese formuliere ich aus Wut sehr scharf. So scharf, dass der Anwalt die Abtrennung des Verfahrens von Jahnel fordert. Es ist Mittagspause – ich gebe ein Interview für FOCUS. Dann zurück in die Zelle im Gericht.

Schon bald ist die Pause vorbei. Stefan [Anm. Wiesel] holt mir was zu trinken, ich kann kurz mit ihm sprechen. Ich habe das Gefühl, dass es niemandem Recht ist, nicht einmal der Staatsanwaltschaft oder der Presse, dass ich in U-Haft bin. Ich werde sehr anständig und locker behandelt. Die Alte von der DPA grinst.. Ich sage: „Na – das freut Sie, oder?“ Sie antwortet: „So-was freut mich nie.“Ich kenne sie seit Jahren, zum ersten Mal wird sie mir sympathisch. Überhaupt schütteln mir viele Leute die Hände und wünschen mir Kraft und Mut. Damit mein Antrag auf Unterbrechung der Hauptverhandlung durchkommt, habe ich einen Hungerstreik angekündigt, sodass ich ab nächsten Mittwoch eh nicht mehr verhandlungsfähig bin. Der Richter betritt den Saal, sagt, der Antrag von mir wird abgelehnt. Dennoch habe er mit Berlin telefoniert. Diese (Anm. die Berliner] wollen in der kommenden Woche über meine Haft entscheiden. Ich muss erst am 21. November [Anm. in München] wieder erscheinen. Am Freitag, also morgen, soll ich bereits auf den Weg nach Berlin gehen. Jahnels Verfahren wird abgetrennt.Es ist 14.00 Uhr, ich kann gehen, werde in die Gerichtszelle gebracht, wo ich auf 2×2 Metern mit fünf weiteren Personen bis 18.30 Uhr bleibe. Es sind zwei Deutsche, die wegen Drogenbesitz hier sind. Beide haben Entzugserscheinungen.Dann ein Tamile, vermutlich auf Abschiebung. Dann noch ein Neger [Anm. heute – eines Besseren „belehrt“ würde ich „Schwarzer“ schreiben], der, wie der Tamile, nichts sagt und ein Deutscher, der wegen versuchten Mordes vor Gericht steht. Er sitzt seit fünf Jahren in U-Haft [Anm. sagte er].Aus den Gesprächen entnehme ich, er sitzt in einem anderen Gefängnis in Niederbayern; ich kann Informationen über Stadelheim erhören. Der „Mörder“ ist ein sympathischer, hagerer Typ.Er war früher Briefträger, hat Frau und zwei Kinder. Im Suff ist er ausgerastet und hat jemanden totgeschlagen. Er rechnet damit, noch zehn Jahre (!!!) zu sitzen. Die Zeit vergeht überhaupt nicht. Zwischendurch wird noch ein Türke (Yilmaz) zu uns gebracht,der total fertig ist. Auch er ist auf Entzug, da er ständig umkippt und erbricht, nehmen sie ihn wieder aus der Zelle. Endlich – kurz vor halb Sieben – fährt der Gefangenentransporter vor. Wir und ca. 10 weitere Personen, davon eine Frau, die im Bus in eine getrennte Einzelzelle gesperrt wird,, steigen zu. Eine wirre Mischung aus Deutschen und Ausländern – die einen, wie ich, neu – die anderen Häftlinge, die sich kennen. Nachdem wir die Frau im Frauengefängnis abgegeben haben, kommen wir eine Stunde später in Stadelheim an.

JVA Stadelheim: Ich komme mit Yilmaz und einem der deutschen Junkies, sowie einem Obdachlosen auf Alkoholentzug, der wegen Diebstahl sitzt, wieder in eine Wartezelle.Die anderen Häftlinge gehen zurück in ihre Zellen.Nach einer halben stunde wird uns dann alles abgenommen, auch das Geld, Augentropfen etc. Ich habe 333,90 DM bei mir.Dann wieder eine halbe Stunde warten. Vorher noch nackt ausziehen und Leibesvisitation… Dann geht es weiter zum Aufnahmearzt. Dort wieder über eine halbe Stunde warten.Ich komme als Letzter dran. Die Schließer und der Arzt scheinen wegen der Junkies ziemlich gestresst. Zu mir sind sie sehr nett. Sie meinen, sie wären alle Reps [Anm. Republikaner] und wollten von mir nichts weiter. Als ich von meinem Hungerstreik berichte,warnt mich der Arzt. Ich müsse in meinem Fall davon ausgehen,dass ich im Fall des Hungerstreikes an das Bett gefesselt und zwangsernährt werde. Er gibt mir Bedenkzeit bis zum nächsten Morgen. Man sagt mir zu, dass ich am nächsten Morgen meinen Anwalt sprechen könne. Ich bekomme eine Natriumlösung und zwei kleine Becher für meine Kontaktlinsen. Dann geht es auf die so genannte Schubzelle. Das gibt mir die Hoffnung, am nächsten Tag nach Berlin zu gehen. Ich verweigere das Abendessen, nehme aber eine große Kanne Pfefferminz-Tee und trinke sehr viel. Als die Zellentür zu geht,breche ich innerlich erneut zusammen.Ich weine fürchterlich. Noch niemals in meinem Leben habe ich mir so sehr gewünscht, dass mich jemand in den Arm nimmt. Silke, was machst du jetzt? Es ist Donnerstag – bist Du im Tilt? Leidest Du? Sicherlich! Aber – was wirst Du tun? Der gedanke, dass ein Anderer Dich „tröstet“, bringt mich um.Silke – ich liebe Dich – ich brauche dich. Warum muss es einem so schlecht gehen, damit man merkt, was das Wichtigste im Leben ist? Ich kann den Zeitpunkt nicht erwarten,meine Freundin wieder im Arm zu halten. Werde ich bei der Haftprüfung in Berlin freigelassen werden?

*1 Seit Beginn meiner langen Auslandsaufenthalte ab 1988 [in Toronto, den USA, Süd-Amerika usw.] begann ich erstmals seit dem Auszug aus dem Elternhaus, ein eigenes Leben, fernab von der Umklammerung der Sekten-artigen „rechten“ Szene zu entwickeln. Dazu gehörte auch ein von Ängsten und Komplexen beherrschtes Coming-Out. Zum Jahreswechsel 1992/-93 flog ich mit meinem damaligen Partner Thomas B. Und meiner neuen Clique nach Toronto, um mich meinem Freund und Arbeitgeber Ernst Zündel zu offenbaren und die Arbeit für Samisdat zu beenden. Doch 1993 sollte sich mein Schicksal erneut wenden, denn Thomas und ich trennten uns – und überraschender Weise war es ein Mädchen – Silke – die mein Herz zu erobern begann. Nachdem ich mich lange gewehrt hatte, diese Beziehung zuzulassen, kam es wenige Tage vor meiner Verhaftung zur Aussprache mit Mutter und Tochter mit dem Ergebnis, dass ich nunmehr nicht nur einverstanden war, ganz mit Silke zusammen zu sein, sondern diese auch zu mir ziehen sollte. Vereinbart war der 9. November als Umzugstag. Vorangegangen waren viele Konflikte und schulische Probleme bei Silke – da diese durch mein Verhalten verunsichert war.
*2 Stephan Wiesel war ablösender Nachmieter des AVÖ-Büros. Er nannte das Ladengeschäft in Herzog-Heinrich-Buchhandlung um. Ich hatte mit Zündel einen einvernehmlichen Rückzug von mir aus der Politik und ihm aus dem Laden vereinbart. Mit dem Versuch, die Buchhandlung zu eröffnen, erhielten Wiesel und ich jedoch zeitgleich ein Berufsverbot von der Stadt München.
*3 Stefan Jahnel war – als willkürlich aus meinem AVÖ ausgewählter Mitarbeiter – im Münchner Verfahren mit angeklagt worden. Selbstverständlich war zwischen ihm und mir vereinbart worden, dass ich alle Verantwortung auf mich übernehmen würde. Das tat ich auch. Jahnel – der zu diesem Zeitpunkt an der TU München studierte – war, zu 100% finanziell von seinen Eltern abhängig – im Laden der Einzige, der sich damals mit Computern auskannte. Das alleine genügte, ihn zu verdächtigen. Da – mit der Übernahme durch Wiesel auch für Jahnel das Ladenprojekt sein Ende gefunden hatte (und er sich ohnehin mehr in der NO des Michael Swierczeck und dem Schlesien-Projekt mit Gunter Boschütz engagierte) beugte sich Jahnel der Strategie des von seinem Vater bezahlten Anwaltes und handelte in seinem – abgetrennten – Verfahren einen sogenannten „Deal“ aus, der aus einer Geld- und einer Bewährungsstrafe bestand. Jahnel veröffentlichte seine Erinnerungen, in denen er mich wundersamer Weise als Verfassungsschutz-Spitzel bezichtigt, unter dem Titel „Mythos Neonazi“ [ISBN 3-937034-63-3 / Pro-Literatur.de]

Mittwoch, 9. November 1994 – Morgens um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Da Silke um 8.00 Uhr in der Schule sein muss, stehe ich zusammen mit ihr auf. Wir frühstücken zusammen,sie geht und ich setze mich hin, um noch ein wenig die Zeitungen der vergangenen Wochen auszuwerten. Da ich mich noch etwas schlecht fühle, lege ich mich nochmals hin. Um 9.30 Uhr habe ich einen Termin bei PHK Wolf zur Vernehmung, da irgend jemand in Hannover Flugblätter der Republikaner mit Text überschrieben hat und meinen Namen als Verantwortlichen darunter gesetzt hat. Zehn Minuten nach Neun klingelt es. Es ist Wolf, ich lasse ihn herein, weil ich denke, es ist meine 70. Hausdurchsuchung. Aber – blinder Alarm. Er hält mir einen Haftbefehl unter die Nase. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat ihn beantragt, da man glaubt, dass wegen der Sachen bezüglich „BERUF NEO-NAZI“ bei mir Fluchtgefahr bestünde. Man hat ja so seine Vorahnungen, also nehme ich die Sache erst einmal sehr ruhig hin – ich empöre mich natürlich, gehe jedoch davon aus, am Abend wieder frei zu sein. Auch Wolf*1 glaubt das.Ich packe flüchtig einige Dinge zusammen, in erster Linie die Dinge, die ich am nächsten Tag im Gericht*2 brauchen werde. Auf dem Polizeirevier angekommen mache ich zuerst meine aussage bezüglich der Flugblätter.Dann lässt Wolf mich telefonieren. Ich rufe meinen Anwalt*3 an, der die Sache für einen schlechten Scherz hält. Er informiert sofort die Kammer in München an, vor der ich wegen der Videosachen stehe*4. Auch zu diesem Zeitpunkt bin ich relativ ruhig. Erst als ich nach der Vernehmung runter gebracht werde, um in Gewahrsam genommen zu werden, wird mir klar: Wenn ich da erst drin bin, kann alles dauern.

Aktennotiz_1

ORIGINAL POLIZEI-BERICHT DER FESTNAHME

Das Polizeipersonal ist sehr höflich. Sie scheinen alle sehr „rechts“ zu sein, und glauben, dass ich wegen §86a ff*5 auch so bin. Ich muss Gürtel, Schnürsenkel und alles, was ich bei mir habe – außer der Uhr – abgeben. Ich vermisse ein paar „Fishermens Friends“ und hoffe, bald welche zu bekommen. Nach einigen Stunden Warterei, die überhaupt nicht vergehen, werde ich dem Haftrichter vorgeführt. Ich wähne mich schon in Freiheit. Der Haftrichter, ein Herr Pinter, teilt mir mit, er könne mir den Haftgrund nur mitteilen.Aufgehoben werden könne dieser nur unmittelbar durch den Richter, der in Berlin den Haftbefehl ausgestellt hat. Da ich aber in München jeden Montag, Dienstag und Donnerstag Gerichtstermine habe,komme ich natürlich nicht nach Berlin. Der Prozess in München kann noch dauern! Und einen Termin mit Herrn Wolfsburg wegen der Dokumente heute Abend platzt schon mal. Von dem Geld hätte ich eigentlich meinen Anwalt bezahlen wollen.Na Klasse: Ich sitze in einer Zwickmühle – ich sitze fest. Mein einziger Gedanke: Silke! Ich werde zurück gebracht, um mit meinem Anwalt telefonieren zu dürfen. Dazu bin ich nicht mehr in der Lage.Man lässt mich in einen Nebenraum und lässt mich erst einmal alleine. Ich weine mich erst einmal aus. Eigentlich sollte Silke ausgerechnet heute bei mir einziehen.

Als ich glaube, mich beruhigt zu haben, gehe ich meinen Anwalt anrufen. Dieser weist mich darauf hin, dass er mich in der Berliner Sache nicht vertritt. Ich bitte ihn, B.*6 Und Silke zu informieren. Dann geht es zurück zum Haftrichter, dem ich mitteile, um meine Verlegung nach Berlin zu beschleunigen, ab sofort in den Hungerstreik zu gehen. Dann zurück in die Zelle. Man behauptet, ich wolle mir etwas antun, ich darf also nicht alleine sein. So wandere ich noch durch mehrere Zellen, wo ich mir die Zeit mit stumpfsinnige Löcher in die Wand zu starren, vertreibe. Dann – endlich – Laken, Decke und ab in die letzte Zelle für heute. Wir sind vier Personen. Der Eine ist ein Obdachloser, entweder ist er auf Entzug oder einfach irre. Er lädt uns ein, mit ihm nach Tibet zu gehen, lacht immer wieder kurz, laut und hysterisch auf und kratzt sich die ganze Zeit, als wenn er Krätze oder Läuse hat. Der Zweite ist ein „Jugo“, ein richtiger kleiner Ganove, der am Laufenden raucht und seine Unschuld beteuert. Er erzählt, er habe zwei Plastiktüten voller gestohlener Schecks, die auf insgesamt 10 Millionen DM ausgestellt waren, versucht, bei der Hypobank einzulösen. Dort ist er dann wegen Hehlerei festgenommen worden. Der Dritte ist ein netter Kerl, Typ Asozialer. Er scheint intelligent zu sein, hat gute Ansichten und einen scharfen Humor. Er ist ein wenig Ablenkung. Um 20.30 Uhr Abends wird das Licht gelöscht. Wenn ich versuche, zu schlafen, fange ich sofort wieder an, zu weinen. Ich bin völlig fertig.

In den letzten Jahren ist das politische Lager*7, aus dem ich komme, entartet. Ich habe bis 1992 aktiv „neonazistisch“ gearbeitet.. Bereits vor dem Film mit Bohnengel war das für mich erledigt.Über Jahre bin ich der politischen Verfolgung ausgesetzt gewesen.Über Jahre war ich mehr oder weniger eingebunden in die so genannte „rechte“ Szene, in der ich mich nie richtig wohl gefühlt habe.Auch die Szene mochte mich nie so richtig. Ich war immer umstritten.Drei große Verfahren sollten sich anbahnen:Das erste war der große Stuttgarter Prozess*8. Er griff zurück auf das Jahr 1983. Damals war ich 17. Nach weit über einhundert Verhandlungstagen ist das Verfahren geplatzt. Ob es wieder aufgenommen werden wird? Keine Ahnung. Die Staatsanwaltschaft dort hat 3 ½ Jahre für mich gefordert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es zu einer Verurteilung kommt. Darum bin ich nie weg aus Deutschland gegangen. Das zweite Verfahren ist das jetzt angelaufene Videoverfahren. Die halbe Anklage steht bereits vor dem Zusammenbruch. Ich habe niemals historische Filme kopiert oder vertrieben. Von den 13 weiteren Filmen habe ich neun beworben oder vertrieben. Ich habe insgesamt 56 Filme, die auf der Video-Liste A stehen, verkauft, dazu vielleicht noch einmal zehn Weitere. Seit Ende 1992 / zu 93 verkaufe ich gar nichts mehr. Da ich nie im Knast war und nicht mehr politisch aktiv bin, vermute ich, dass ich ein Jahr auf Bewährung bekomme.

Warum ich nichts mehr tun will? Ganz einfach – ich habe keine Lust mehr. Und ich will mit 90 – 95% der Leute [Anm.: aus der „rechten Szene“] nichts zu tun haben.

Die dritte Anklage aus Berlin ist der reinste Schwachsinn. Darum habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Der Staat hat den Film finanziert*9. Die Linken haben ihn gedreht. Das Fernsehen hat ihn gezeigt.Und ich bin der Böse? Lächerlich. Der Film hätte auch ganz anders geschnitten werden können. Nur – ich hatte darauf keinen Einfluss. Und ausgerechnet dafür bekomme ich nun einen Haftbefehl wegen Fluchtgefahr. Letzte Woche war ich noch in der Karibik. Ich bin zurück gekommen. Davor war ich in Paris, in Belgien, in Kalifornien und in Toronto …. Jedes Mal bin ich zurück gekehrt. Herr Wolf hat es mir verraten: Jemand hat mitbekommen, dass ich nach Moskau gehen will. Und da dachte man: „Der will abhauen“.*10 Zack – Klappe zu. Die Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag ist die Hölle. Ich weine und kann nicht schlafen. Ich bin unschuldig.

*1 Herr Wolf war damals zuständiger leitender Kommissar der politischen Abteilung der Polizei. Wir pflegten einen offenen, ehrlichen und korrekten Umgang.
*2 Am LG München hatte kurz vorher ein Prozess begonnen,… (weiter *4)
*3 Rechtsanwalt Brengelmann
*4 …in dem ich wegen der presserechtlichen Verantwortung und des Vertriebes von Dokumentationen zum Holocaust und zur Zeitgeschichte als „Macher“ angeklagt war. Interessanter Weise griff diese Sicht in Berlin nicht. In München blieben die Protagonisten straffrei. In Berlin dann war ich als Protagonist schuldig, der Macher aber blieb straffrei. Und immer ging es um tatsächliche oder behauptete Meinungen – sonst nichts.
*5 Verwenden verfassungswidriger Abzeichen (z.B. Hakenkreuz)
*6 Thomas B.; mein damals – vor Silke [mit der ich zum hier dargestellten Zeitpunkt liiert war] erster schwuler Freund – und damals engster Freund und Vertrauter
*7 Das „rechte“ Lager besteht aus den diversesten und diffusesten unterschiedlichen Gruppen, Personen und Ansichten. Ich selbst wanderte von einer Art bundesrepublikanisch – staatstreuen Rechten zum bekennenden Nationalsozialisten [Kühnen]; dann meine „Weltanschauung“ als zeitgeschichtlich vergangen begreifend, in die lebensgestaltende Metaphysik (Kolbenheyer / Biologismus) – und begann, mit meiner Arbeit für Samisdat Publishers, Ernst Zündel – vornehmlich Revisionismus zu meinem Feld der politischen Agitation zu machen. Eigentlich aber erst einmal alles in Frage stellend zu handeln…
*8 Im Stuttgarter Mammut-Verfahren wurde ein wild zusammen gewürfelter Haufen Personen, die nur darin einig gewesen zu sein – mit Michael Kühnen nichts mehr zu tun haben zu wollen – beschuldigt, Kühnens Nachfolgeorganisation gebildet und geleitet zu haben. Irrwitziger weise wurde fast zeitgleich gegen die tatsächliche Kühnen-treue Nachfolgegruppe in Frankfurt vor Gericht verhandelt. Nachdem in der ersten Runde – bei der ich an 131 Tagen (über zwei Jahre) immer anwesend gewesen war, noch 3 ½ Jahre für mich gefordert wurden, das Verfahren gegen mich letztlich als unbedeutend eingestellt.
*9 Mehr als 400.000 DM kassierte der Film an Fördergeldern.
*10 Tatsächlich hatte ich in den Jahren 1992 – 1994 vielfach u.a. in Moskau gearbeitet, und verfügte dort über ausgezeichnete Kontakte in höchste politische Kreise aller politischen Richtungen. Die letzte Reise war im Frühjahr 1994 – an ein Umziehen dorthin aber dachte ich nie – weder zum Leben noch als Flucht.

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