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ROSTOCK-LICHTENHAGEN 1992

19 Jan

Rostock Schock jpg

Althans in Rostock – Wochen nach den Ausschreitungen

WIE GERÜCHTE ENTSTEHEN –

LÜGT DAS „NEUE DEUTSCHLAND“ ???

Das Jahr 1992 war ein Jahr der Umbrüche und Grundsatzentscheidungen für mich. Viele Dinge – die scheinbar unvereinbar waren – fanden zeitgleich statt. Nur in ihrer Gesamtheit werden sie verständlich. Mein „Coming-Out“, dass mir mein Partner, von dem ich mich zuvor aber bereits getrennt hatte, als notwendigen Schritt empfohlen hatte, wurde durchkreuzt durch die Beziehung zu Silke. In friedlichem Einvernehmen beendete ich das Arbeits- und damit das Einkommensverhältnis mit Ernst Zündel. Noch war der Plan, mit Stephan Niemann, den ich aus der Bildungsarbeit im DJBW schätzen gelernt hatte, einen nachfolgenden Geschäftsführer im Laden Herzog-Heinrich-Straße zu finden. Doch bereits im Sommer zog sich dieser aus der Position zurück, Stefan Wiesel entschied sich, mit eigenen privaten Mitteln nunmehr in den Räumen eine Buchhandlung zu eröffnen. Fälschlich vermutet man bis heute, dass beide Personen Strohmänner für mich gewesen sein sollen. Tatsache jedoch ist, dass die Zerwürfnisse, die meiner immer stärkeren Distanzierung zur aktiven Szene folgten, sogar zu meinem Hausverbot im ehemaligen AVÖ führten.

Die massiven Proteste gegen die bundesdeutsche Asyl-Politik, insbesondere in das nach Quoten berechnete Verteilen der zu dieser Zeit in großer Zahl nach Deutschland einreisenden Immigranten, führte in den neuen Bundesländern unter anderem zu einem tragischen, neuen Höhepunkt der rassistischen Gewalt: Rostock-Lichtenhagen! Während dieser Zeit fanden auch die Dreharbeiten mit Winfried Bohnengel des später für mich so verhängnisvollen Films, der unter dem Namen „Beruf NeoNazi“ veröffentlicht wurde, statt. Es ist nunmehr notwendig geworden, dass ich zu den Ereignissen in Rostock Stellung beziehe, da ich zuvor bereits immer wieder indirekt mit diesen Ereignissen in Verbindung gebracht wurde, sich nun aber erstmals mit Veröffentlichung im ND eine Spur der Unwahrheit konkret beweisen lässt.

In seiner Ausgabe vom 23. August 2012 – also 20 Jahre nach dem Geschehenen, schreibt der Autor Velten Schäfer, geb. Konstanz am Bodensee* :
QUELLE: http://www.neues-deutschland.de/artikel/236341.chronik-eines-pogroms-sonntag-23-august-1992.html

(Zitat Anfang – Das Zitat steht in KURSIV, wird aber von meinen Anmerkungen unterbrochen)

Chronik eines Pogroms: Sonntag, 23. August 1992

Nachdem die Attacken am Samstag fast ungestört stattfinden konnten, fühlen sich die Rassisten auf der Siegerstraße. Ab Sonntag, dem 23. August, mobilisieren die Neonazis in ganz Nord- und Ostdeutschland, straff organisiert über CB-Funk – und teils bereits unter Verwendung moderner Kommunikationsmethoden wie Mailboxen.

Vor dem Sonnenblumenhaus trifft sich die gesamte Führerkaste der bundesdeutschen Menschenhasserszene: Bela Ewald Althans von der »Gesinnungsgemeinschaft der neuen Front«, Christian Worch, der »Erbe« von Ober-Nazi Michael Kühnen, Christian Malcoci von der »Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene«, Michael Büttner von der »Deutschen Alternative« aus Cottbus, der Nazi-Terrorist Arnulf Priem und sogar der österreichische »Wehrsport«-Führer Gerhard Endress und der schwedische Spitzenkader des »Weißen arischen Widerstands«, Erik Rundquist, werden vor dem Haus von Beobachtern identifiziert. In Lichtenhagen fallen zahlreiche Autos mit auswärtigen Kennzeichen auf, viele davon aus dem Westen.

Diese Darstellung entspricht nicht der Wahrheit. Wahr ist, dass sich der zuspitzende Konflikt zwischen den Anwohnern der Plattenbau-Siedlung Rostock-Lichtenhagen und den Bewohnern der dortigen Asylanten-Sammelstelle ohne jegliches Zutun der „rechten Szene“ entwickelten. Nach meinem Wissen, was aus Gesprächen nach den Ereignissen mit Menschen vor Ort stammt, soll sich das Drama insbesondere um eine „Trinkhalle/Grillbude“ vor dem Asylheim entwickelt haben. Dort trafen einerseits Menschen, die ihre Zeit und Arbeitslosigkeit mit dem Trinken von Alkohol an besagter Trinkhalle verbrachten und gleichfalls relativ konfliktfreudige Angehörige der Roma und Sinti aufeinander. Diese machten sich zudem im Supermarkt „um die Ecke“ durch vielfachen Diebstahl derart unbeliebt, dass sich wiederum im Umfeld auch vieler Anwohner berechtigt sahen, „etwas zu tun“. Nach dem relativ fruchtlosen Einschreiten der Polizei, die bei kleineren Delikten wie Diebstahl außer dem Feststellen der Personalien nicht allzu viel tun kann, kam es wiederholt zu kleineren Übergriffen, vornehmlich von Seiten der Anwohner und Stamm-Besucher der Besagten Trinkhalle. Um dem Einhalt zu gebieten, wurden fast alle Bewohner des Asylheimes in eine andere Aufnahmestelle in der Nähe verlegt… Zu dieser Zeit etwa formierte sich eine immer größere Menge Anwohner, die nunmehr sicher gehen wollten, dass das bisherige Asylbewerberheim nie mehr in Zukunft als solches genutzt würde. Alkohol tat sein Bestes, um das Niveau immer tiefer sinken, die Aggressionen aber immer höher steigen zu lassen. Die Situation eskalierte in den bekannten Bildern: Sich selbst einpissende Betrunkene reckten erfreut die Hand zum „deutschen Gruß“, Molotow-Cocktails wurden geworfen…

Welche unrühmliche Rolle die Medien beim Schüren der Stimmung und beim Schaffen eines Symbols hier hatten, sollen andere aufklären. Jedenfalls wurde die politische Szene (insbesondere im neonazistischen Lager) vollkommen von diesen Ereignissen überrascht. Das „straff organisierte Mobilisieren“ der Szene allerdings fand nicht statt – wenngleich auch die ein oder anderen Personen nunmehr glaubten, in dieser „Bürgerwehr“ einen Ansatz für das Finden von Anhängern der eigenen Sache ausmachen zu können. Die im ND beschriebenen spektakulären Mittel wie „Mailboxen“ bedürfen wohl kaum des Kommentars, außer:

Ich selbt habe zu diesem Zeit noch keinen Computer besessen! Und – ein CB-Funkgerät habe ich zu keinem Zeitpunkt meines Lebens bedient.

Vor dem Sonnenblumenhaus traf sich also niemand – meines Wissens fand die hier angedeutete Neonazi-Zusammenkunft überhaupt nicht statt. Zumindest ich war nicht dabei!

Zur Namensliste sei im Einzelnen angemerkt:

B. Ewald Althans – Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front – GdNF
Mit diesem „Gütesiegel“ soll mir wohl meine Gesinnung gebrandmarkt werden. Die GdNF war 1983 unmittelbar nach dem ANS-Verbot durch Michael Kühnen und Michel Caignet ins Leben gerufen worden. Mit ihr sollten mittels Leserkreise rund um das Blättchen NEUE FRONT die Basisstrukturen der lokalen Kameradschaften zusammengehalten werden. Mit der „Schwulen-Debatte“ im Jahr 1985 bereits verließ ich die GdNF. Das heißt, die von Kühnen – denn mit der Spaltung der Szene formte sich um Jürgen Mosler eine zweite GdNF. Doch auch aus dieser zog ich mich bereits zwei Jahre später zurück, da ich mich insbesondere von Anfang an mit dem mir in Bayern vorgesetzten Friedhelm Busse nicht „grün“ werden konnte. 1992 – in Rostock – war ich also seit nunmehr fünfeinhalb Jahren Ex-GdNF-Mann.

Ob die weiteren Personen damals überhaupt in Rostock waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Definitiv aber wären etwa Christian Worch und Christian Malcocci nicht gemeinsam zu diesem Zeitpunkt aufgetreten, da sie in den bereits beschriebenen verfeindeten Lagern standen. Wie das heute ist, weiß ich nicht zu beurteilen.

Büttner von der Deutschen Alternative kenne ich ebenso wenig wie Rundquist. Beide mögen mir unbewusst aber auf Veranstaltungen begegnet sein.

Spannend ist noch festzustellen, dass es angeblich „Beobachter vor Ort“ gegeben hat. Diese scheinen über erhebliches Wissen und Personenkenntnisse, so also auch über ein berechtigtes politisches Interesse zu verfügen, Dinge gewollt und wissentlich falsch darzustellen. Sonst wäre die beschriebene „organisierte Aktion“, die den spontanen Eskalationen in Rostock den Anschein einer Veranstaltung erst durch das Benennen angeblicher Organisatoren wie mir gab,auf der ich jedoch nicht gewesen bin, nicht erfunden worden.

Am Sonntag beginnen die Ausschreitungen bereits am Nachmittag. An einem Imbissstand kann man sich sogar mit Bier versorgen. Laut Polizei greifen etwa 500 Personen das Sonnenblumenhaus an – diesmal nicht nur die ZASt, sondern auch bereits das im Nachbaraufgang gelegene Wohnheim für die vietnamesischen Vertragsarbeiter. 3000 bis 5000 Anwohner sehen zu, applaudieren oder rufen Parolen. Immer wieder ermöglichen sie den Angreifern einen Rückzug in ihre Reihen.

Die Polizei setzt nicht nach und versucht auch nicht, die Menge wegzutreiben. Dazu ist sie auch gar nicht in der Lage: Obwohl allein zur Polizeidirektion Rostock damals über 1000 Beamte zählen, sind am Samstag gerade mal drei Dutzend Polizisten mit Mütze und Kurzarmhemd eingesetzt, die von den Randalierern teils übel verprügelt werden. Erst tief in der Nacht zum Sonntag treffen zwei Wasserwerfer ein.

Auch am Sonntag ist die Polizei so gut wie hilflos gegen die rassistischen Randalierer. Doch gegen 22 Uhr, als rund 200 Linke in einem friedlichen Demo-Zug vor die ZASt ziehen wollen, werden sie kurzzeitig aktiv und verhaften rund 60 linke Demonstranten – die vor laufenden Kameras gefesselt als »Randalierer« abgeführt werden.

Unmittelbar danach verstärken die Rechten ihre Angriffe auf die Polizei, die mit Steinen und Leuchtspurmunition eingedeckt wird. Erst jetzt wird ein landesweiter Alarm ausgelöst und werden erfahrene Hamburger Kräfte teils mit Grenzschutz-Hubschraubern eingeflogen. Dann erst endet die Gewalt – für diesen Abend.
(Zitat Ende)

Soweit der Artikel aus dem ND. Die Schilderungen des zweiten Zitat-Teils dürften in etwa der Wahrheit, wenn auch nicht der Vollständigkeit entsprechen. Betont werden muss aber noch einmal, dass während dieser hier geschilderten Ausschreitungen keine einzige der zuvor namentlich genannten Personen anwesend war. Der Mob setzte sich ausschließlich aus der vor Ort lebenden Anwohnerschaft zusammen. Dass es bei der Demonstration der Linken (Autonomen) zu Verhaftungen kam, ist der Tatsache geschuldet, dass diese Demonstration eben NICHT friedlich ablief, sondern – wie bei dieser Art Demonstrationen durchaus üblich – gewalttätig; dabei die Polizei/Rechtsstaat einerseits und Mob/NeoNazis andererseits in einen Topf zu werfen und als Feinbild zu pflegen.

Die wahre Geschichte meines Rostock-Besuches spielte sich folgendermaßen ab:

Nach Beendigung der Dreharbeiten mit Winfried Bohnengel und Ingo Hasselbach in München fuhren der Nachfolge-Geschäftsführer meines Münchner Ladens, Stephan Niemann und ich gemeinsam mit Bohnengel, der Crew und Ingo nach Berlin, um dort Jens Pf., den Halbbruder Ingos zu treffen. Hasselbach selbst lernte ich erst durch Bohnengel kennen – zuvor war er mir nur aus den Medien bekannt. Ich behaupte, dass wir uns damals als „Suchende“ trafen – einig, das sich etwas in Deutschland ändern muss – aber auch einig, dass es so – wie derzeitig in der „eigenen“ Szene, nicht geht. Dass Hasselbach und ich uns bisher nicht begegnet waren, lag daran, dass wir zwar im weitesten Sinn im gleichen politischen Fahrwasser trieben, aber dennoch unterschiedliche Wege gingen: Hasselbach war wesentlicher Nach-Wende-Gefolgsmann Michael Kühnens, von dem ich mich ja vor nunmehr acht Jahren getrennt hatte.

Rostock Hasselbach 2

Ingo Hasselbach, Stefan Niemann, Norbert Weidner und Althans

An dieser Stelle möchte ich das Wort direkt an Ingo Hasselbach abgeben, der in seinem Buch „Die Abrechnung“ (Aufbau-Verlag) – auch ein weiteres Foto aus der hier veröffentlichten Strecke abgedruckt hat. Er schreibt auf Seite 146: [Zitat] „Von den Dreharbeiten zu BERUF NEONAZI weg fuhren Althans und ich (zusammen mit Stephan Niemann, Anm. Althans) gemeinsam nach Rostock, dort waren die Krawalle seit Tagen im Gange. Wir wollten sehen, was dort wirklich los war.Wir gaben ein paar Interviews, und ich fuhr zurück nach Berlin. (Wir fuhren m.E. nach zusammen zurück… Anm. Althans) Pressemeldungen von damals, Rostock sei überregional geplant gewesen, kann ich nicht bestätigen. Und auch der Drahtzieher von Rostock, wie eine Berliner Zeitung schrieb, war ich nicht.“
[Zitat Ende]

Vor Ort trafen wir auf Norbert Weidner, der zu dieser Zeit treuester Gefolgsmann von Friedhelm Busse, und führender Mann der nunmehr von Busse geführten FAP war. Auch Weidner war aus Bonn angereist, weil er vor Ort sehen wollte, was hier überhaupt ablief. Hintergedanke war natürlich in seinem Fall, eine Zelle für die FAP vor Ort zu gründen und dafür passende Leute zu finden. Es gelang ihm jedoch meiner Erinnerung nach nicht. Von der FAP hatte ich mich fünf Jahre zuvor getrennt, die Auseinandersetzungen mit Friedhelm Busse und mir waren zwischenzeitlich sogar häufig körperlicher Art. Von „Zusammenarbeit“ also keine Spur.

Rostock DER STERN

Interview mit „DER STERN“

Irgendwo – vermutlich in meinen Archiven in Amsterdam – befindet sich der Mitschnitt dieses Gespräches. Eine Reporterin des STERN, eine Reihe junger Anwohner und die zuvor beschriebenen vier Personen redeten friedlich über Ursachen und Hintergründe der Ausschreitungen. Ich vertrat dabei die folgende Ansicht:

„Sieg Heil“ – Schreien ist die lauteste Art, in Deutschland, „Scheiße“ zu rufen!

Das Thema „Überfremdung“ spielte seit langer Zeit keine Rolle in meinem eigenen politischen Handeln. Im Mittelpunkt stand bei mir einerseits der Revisionismus, andererseits die nunmehr erstmals möglich gewordene Volkstumsarbeit für Deutsche in Osteuropa. Darüber an anderer Stelle später mehr. Ausländer, aus aller Herren Länder, gingen bei mir in München ein und aus. Absurderweise wurden griechische Gäste von mir Opfer fremdenfeindlicher Übergriffe – und wenn die politische Linke wieder einmal den Münchner Laden belagerte, waren es Serben, Pakistaner und ein islamischer Geistlicher der Freisinger Moschee mit seine Familie, die uns mit dem Notwendigsten (Essen usw.) versorgten. Der Laden – der sich zu dieser Zeit zwar ständigen Angriffen des politischen Gegners ausgesetzt sah, war eigentlich geschlossen und leer (zu sehen im Film von Bohnengel). Zum Thema GEWALT hing folgender Aushang auf DinA 3 vergrößert, lange Zeit im Schaufenster Herzog Heinrich Straße 30:

Foto-1

ALTHANS ERKLÄRUNG

Der Besuch in Rostock dauerte keine vier Stunden. Weder vorher noch hinterher war ich bis heute je wieder in der Ostsee-Metropole – ich kannte und kenne niemanden vor Ort. Für die Eskalation und die Angriffe aus den Reihen der Anwohner der Plattenbau-Siedlung Lichtenhagen (die ich als extrem trostlos in Erinnerung habe) habe ich niemals Sympathien gehegt. Auch das Verständnis der „Rechten“ für die Ausschreitungen und Erklärungsversuche habe ich nicht billigen können. Fakt ist, dass die damals politisch und polizeilich Verantwortlichen zeitweise vollkommen überfordert waren, richtig zu handeln. Fakt ist, dass sich die gewalttätig Protestierenden der Parolen und Symbole der Ihnen so aus den Medien dargestellten „Rechten“ bedienten. Fakt ist, dass das „rechte“ politische Lager sich nicht von diesen Dingen distanzierte.

My beautiful picture

TÄTER oder OPFER ?! – R-Lichtenhagen 1992

Abschließend ein interessanter Artikel aus der Washington Post, der „bemängelt“, dass die Zahlen der „rassistischen Übergriffe“ (Verglichen am Beispiel mit Großbritannien) und deren mediale Darstellung weit voneinander abweichen. Begründet wird es mit der besonderen „historischen Verantwortung“, tatsächlich war 1992 die tatsächliche Zahl entsprechender Übergriffe und erfasster Straftaten etwa in England drei Mal so hoch wie in deutschland.

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